Milarepa (Teil I)

Milarepa ist der beliebteste Yogi Tibets. Seine Mutter liebte er über alles. Der Mörder, Magier, Einsiedler, Sänger und Halter der mündlichen Übertragungslinie der Kagyü-Schule, lebte Mitte der elften bis Mitte des zwölften Jahrhunderts. Seine Lehrer war der Übersetzer Marpa und sein Nachfolger der Mönch Gampopa. Auf Bitten seines Lieblingsschülers Rechungpa erzählte er ausführlich seine Lebensgeschichte.

Die beste deutsche Übersetzung ist die großzügig bebilderte Ausgabe Verrückte Weisheit – Leben und Lehre Milarepas. Hrsg. Joss Bachhofer. Haldenwang: Edition Shangrila, 1986. Leider ist sie zur Zeit vergriffen.

Milarepas Geburtsname war Thöpaga, das heißt „herrlich zu hören“, und tatsächlich hatte der Junge von klein an eine wundervolle Stimme. Seine vier Jahre jüngere Schwester Gönmokyi wurde Peta gerufen. Sein Vater, Mila Sherab Gyaltsen, war ein erfolgreicher Kaufmann, die Mutter schön und aus angesehener Familie. Sie hieß Karmo Gyen, ihr Mann nannte sie Nyangtsa Kargyen. Die Kinder trugen Gold und Türkise in den Haaren. Thöpaga wurde früh mit Dzese verlobt, der Tochter eines wohlhabenden Freundes.

Alles veränderte sich, als der Vater erkrankte und starb. Auf dem Sterbebett bat er Thöpagas Onkel und Tante, sich um die Familie zu kümmern. Mit verhängnisvollen Folgen: gleich nach der Bestattung setzen die beiden sich durch. Sie rissen den Besitz an sich. Das frohe, reiche Leben hatte ein Ende. Die Familie musste alles hergeben und arbeiten gehen: auf die Felder, zum Wollespinnen und was dergleichen so anfiel. Der Protest von Verwandten und Nachbarn blieb verhalten, denn die beiden waren reich und hatten viele Söhne, die kämpfen konnten.

So wuchs Thöpaga in Armut heran, schlecht ernährt und schlecht gekleidet. Unablässig klagte die Mutter über die Gemeinheit der Leute, die ihnen früher die Wünsche von den Augen abgelesen hatten und jetzt den Betrügern gehorchten, die über ihren Reichtum an sich gerissen hatten, die übles Zeug über sie sprachen und sich über sie lustig machten. Thöpaga durfte keinen Moment lang vergessen, was man ihnen antat. Mitleidige Menschen und alte Freunde, darunter Dzeses Eltern, steckten ihnen Essen zu. So lebten sie jahrelang.

Die Mutter besaß ein ein kleines Feld, das ihr Bruder bewirtschafte. Als Thöpaga 15 wurde, verwendete sie die Ernte, um das Gerstenbier Chang zu brauen und Fleisch zu kaufen. Sie richtete ein Fest und lud alle ein. Beim Essen stand sie auf und bedankte sich bei Onkel und Tante für die Verwaltung des Besitzes. Sie fügte hinzu: „Nun ist mein Sohn 15 geworden, so dass er und Dzese heiraten können und deshalb bitte ich euch, ihm das euch anvertraute Erbe zurückzugeben, so wie es der Verstorbene wollte“. Der Onkel und die Tante standen ebenfalls auf. Mit empörten Gesichtern taten sie, als schüttelten sie Dreck aus der Kleidung. „Was“, riefen sie. „Es hat nie Besitz gegeben, sondern nichts als Schulden. Als Mila Sherab Gyaltsen noch am Leben war, haben wir ihm alles geliehen, nichts hat ihm selbst gehört. Und nach seinem Tod haben wir es uns wieder genommen. Was gehört euch? Nichts, nicht das kleinste Stückchen Butter oder Gerste. Nur aus Mitleid haben wir euch vor dem Hungertod bewahrt und euch hier wohnen lassen. Aber das war zu viel an Unverschämtheit, jetzt müsst ihr gehen.“ Sie schlugen ihnen mit den Ärmeln ins Gesicht, und keiner wagte einzugreifen, denn die beiden waren reich und rücksichtslos. Ein letztes Wort galt Thöpaga: „Dass du hier alle bewirten kannst, zeigt doch, dass es dir recht gut geht. Wenn du etwas gegen uns unternehmen willst, so versuche es doch. Schicke uns eine Streitmacht oder versuche es mit Zauberei“. Als sie gegangen waren, blieben nur wenige Freunde da, aßen und tranken und machten einen Plan, wie sie Geld zusammenlegen konnten, um Thöpaga ein ordentliches Studium zu ermöglichen. Mutter und Schwester sollten bei ihnen wohnen.

Und so geschah es: Thöpaga wurde zu einem Lehrer geschickt. Der lebte an einem Ort namens Mithonggakha, Unsichtbare Bergspitze. Eines Tages begleitete der Junge ihn auf ein Fest, wo der Lehrer als Ehrengast viel Chang bekam und lange blieb. Thöpaga wurde mit den Geschenken vorausgeschickt, und weil er selber ein wenig beschwipst war, sang er mit lauter, schöner Stimme. Doch der Weg nach Unsichtbare Bergspitze führte am Haus seiner Mutter vorbei. Die röstete gerade Gerste und traute ihren Ohren nicht, als sie die Stimme erkannte. Sie warf Feuerzange und Röstschaufel hin, ließ die Gerste anbrennen und rannte los, eine Rute und Asche in den Händen. Sie warf ihm die Asche ins Gesicht, schlug auf ihn ein und jammerte laut: „Oh Mila Sherab Gyaltsen, sieh, welch einen Sohn du hast. Sieh, was aus uns geworden ist!“ und brach ohnmächtig zusammen.

Gleich darauf kam Peta gelaufen und fragte den Bruder, was er getan hatte. Gemeinsam brachten sie die Mutter wieder zur Besinnung. Alle weinten und Thöpaga versprach seiner Mutter, alles zu tun, was sie wollte. Und sie verlangte, dass er loszog, um schwarze Magie zu lernen und sie zu rächen. Nun verkaufte sie die Hälfte ihres Feldes und erwarb ein Pferd und einen Türkis, dazu Färbemittel und Zucker, den Thöpaga gegen Proviant tauschte.

Im Gasthaus trafen sie fünf Söhne aus guten Familien, die ebenfalls nach Ü und Tsang wollten, um über Religion und schwarze Magie zu erlernen. Mit denen konnte er reisen. Seine Mutter ging eine weite Strecke mit, gab ihnen bei jeder Rast Chang und beschwor die Reisegruppe, gut auf ihren Sohn aufzupassen. Sie bat die Männer, ihren Sohn zum Lernen anzuhalten, weil er zu wenig Willenskraft habe. Thöpaga aber nahm sie beiseite und beschwor ihn: „Mein Sohn, vergiss nie, was uns wiederfahren ist. Deine Begleiter wollen Magie lernen, um zu spielen. Du aber musst unser Leid rächen. Wenn du heimkommst, ohne deine Zauberkraft zeigen zu können, werde ich mich vor deinen Augen töten.“

Nun trennten sie sich. Die Männer reisten weiter nach Zentraltibet, während die Mutter weinend zurücklief. Schon nach wenigen Tagen wusste weit und breit jeder, dass ihr Sohn unterwegs war, um schwarze Magie zu erlernen und die Famile zu rächen.

Hier endet der erste Teil.

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