Milarepa (Teil II) – Schwarze Magie

Dies ist der zweite Teil der Lebensgeschichte von Milarepa. Sie erzählt, wie er aufbrach und schwarze Magie lernte, um seiner Mutter zu gehorchen und Rache zu üben an seinen Verwandten, die ihnen alles genommen hatten.

Die Reisegruppe benutzte die Straße nach Ü in Zentraltibet, wo die Hauptstadt Lhasa liegt, und nach dem westlich davon gelegenen Tsang. In Yakde in Tsangrong verkaufte Thöpaga Färbemittel und Pferd gegen Gold. Sie überquerten den Tsangpo und trafen in Thönlakrakha viele Mönche. Bei ihnen erkundigten sie sich nach einem fähigen Magier, der Hagelstürme, Verwünschungen und Zauberkraft lehren konnte. Ein Mönch empfahl ihnen seinen eigenen Lehrer, den Lama Yangtön Throgyöl aus Nyag, und sie reisten dorthin.

Nach der Ankunft im Dorf Kyorpo gaben alle ihm angemessene Geschenke. Thögapa aber brachte ihm sein gesamtes Gold und seinen Türkis dar. Darüber hinaus versprach er, ihm mit Körper, Rede und Geist zu dienen. Er bat um Zauberkraft, damit er Bewohner seines Dorfes, die andere betrügen, in ihre Schranken weisen könne, und der Lehrer versprach ihm, darüber nachzudenken.

Im Lauf des folgenden Jahres lernten sie das Beschwören von ein bisschen Blitz, Donner und Hagel. Mehr, sagte der Lehrer, könne er nicht. Die Begleiter ware zufrieden und wollten heimkehren. Zum Abschied bekam jeder ein Gewand aus feinstem Stoff geschenkt, das der Lehrer selber genäht hatte. Thöpaga brach mit ihnen auf. Allerdings war ihm klar, dass er sich mit dem Gelernten nicht zuhause blicken lassen konnte. Deswegen kehrte er um, sammelte auf dem Rückweg Kuhfladen und Dung, die er im neuen Gewand transportierte und vergrub sie im Feld des Lehrers. Yangtön Throgyöl beobachtete ihn. Weil seine Ergebenheit ihn beeindruckte, rief er ihn zu sich, denn er wollte ihm helfen, falls er seine Hilfe verdiente. Unter Tränen erzählte Thöpaga in allen Einzelheiten, wie seine Familie ruiniert worden war, und ein besonders schneller und kräftiger Mitschüler wurde ausgeschickt, um die Geschichte zu überprüfen. Bei der Rückkehr bestätigte er alles und bat ebenfalls, dass Thöpaga in der Magie unterwiesen werde.

Lama Yangtön Throgyöl glaubte ihm jetzt. Er stattete beide mit Geschenken und Empfehlungsschreiben aus und schickte sie zum Arzt Yöntän Gyantso in Khuling. Der konnte lehren, wie man auf weite Entfernungen tötet. Yangtön Throgyöl ließ sie Meditationshütten bauen und sieben Tage lang die Unterweisungen üben, die er ihnen gab. Thöpaga bat um weitere sieben Tage, um stark genug zu sein. Dann ging es los: der Lehrer kam zu ihnen und kündigte an: „Heute Nacht ist es so weit. Ihr solltet Zeichen sehen.“ Und tatsächlich erschienen Beschützer und Gelöbnis-Gottheiten, um die blutigen Köpfe und Eingeweide von 35 Personen aufzuhäufen. Als es hell wurde, kam der Lehrer wieder: „Von denen, die ausgelöscht werden sollten, sind noch zwei übrig. Was soll mit ihnen geschehen?“ Thöpaga entschied: „Verschont sie. Sie sollen Zeugen meiner Rache sein und erkennen, dass die Gerechtigkeit wiederhergestellt wurde.“ Und so geschah es. Die beiden Verschonten waren aber sein Onkel und seine Tante, die das ganze Unheil verursacht hatten. Thöpaga und seine Gefährte brachten Opferungen dar, um sich bei den Gelöbnis-Gottheiten zu bedanken.

Natürlich fragte er sich, was in seiner Heimat geschehen war. Und er erfuhr es. An diesem Tag hatten sich alle Verwandten versammelt und andere Feinde von Thöpagas Familie, denn der älteste Sohn des Onkels feierte Hochzeit. Die übrigen Gäste waren noch auf dem Weg. Onkel und Tante waren vor die Tür getreten, um Ansprachen und Speisefolge zu besprechen, als eine frühere Dienerin von Thöpagas Familie in den Stall ging, um Wasser zu holen. Aber sie sah keine Pferde, sondern Kaulquappen, Skorpione und Kröten. Ein yakgroßer Skorpion packte die Stützsäulen mit den Zangen und riss sie heraus. Entsetzt rannte sie weg. In den Ställen wurden die Stuten brünstig und die Hengste versuchten, sie zu besteigen. Woraufhin sie ausschlugen und die Stützpfeiler aus der Verankerung traten. Das Haus stürzte ein und begrub 35 Personen unter sich.

Über den Trümmern, zwischen denen die Leichen lagen, erhob sich eine Staubwolke. Davor standen die Leute und weinten. Unter den Augenzeugen war Thopagas Schwester Peta. Sie lief zu ihrer Mutter, und erzählte alles. Als Nyangtsa Kargyen die wirbelnde Staubwolke über den Resten des Hauses sah, begann sie zu jubeln. Sie band ein Tuch an einen langen Stock, schwenkte ihn hin und her und jubelte: „Verehrung den Lamas, den Gottheiten und den Drei Juwelen! Freudig bringe ich ihnen Opfer. Leute, was sagt ihn nun: hat hat Mila Sherab Gyältsen einen Sohn? Und konnte ich für ihn sorgen? Im Lumpen musste ich gehen und Dreck essen. Und nun seht, wie das Haus in Trümmern liegt und die Leichen dazwischen, und welche Schätze ans Licht kamen. Was sagte der Onkel? Schickt eine Streitmacht oder versucht es mit Zauberei, wenn ihr zu schwach seid. Hier seht ihr die Zauberei. Und ich lebe, um es zu sehen. Glücklich bin ich und glücklich werde ich sein vom heutigen Tage an.“ Einige meinten: „Sie hat schon recht.“ Andere schüttelten die Köpfe: „Unrecht hin oder her, das geht zu weit.“ Bald wandte sich die Stimmung gegen sie und ihr Bruder bat sie, im Haus zu bleiben und sich einige Zeit lang nicht blicken zu lassen.

So endet der zweite Teil.

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