Otto A. Böhmer: Joseph von Eichendorff

Der überschaubar kleine, schnell zu lesende Band ist die beste mir bekannte Biographie, weil sie übersichtlich ausgewählte Eckdaten, geschickt ausgewählte Ausschnitte aus Werken und Briefen und relevante historische Bezüge miteinander vereint. Sie handelt vom Spätromantiker Freiherr Joseph von Eichendorff und zeichnet entlang seiner Lebensstationen ein farbenprächtiges Bild seiner Epoche.

Vorangestellt sind die zweite und dritte Strophe von „Die Heimat – An meinen Bruder“:

Kennst du den Garten? – Wenn sich Lenz erneut,
Geht dort ein Mädchen auf den kühlen Gängen
Still durch die Einsamkeit,
Und weckt den leisen Strom von Zauberklängen,
Als ob die Blumen und die Bäume sängen
Rings von der alten schönen Zeit.

Ihr Wipfel und ihr Bronnen rauscht nur zu!
Wohin du auch in wilder Lust magst dringen,
Du findest nirgends Ruh,
Erreichen wird dich das geheime Singen, –
Ach, dieses Bannes zauberischen Ringen
Entfliehn wir nimmer, ich und du!

http://gutenberg.spiegel.de/buch/joseph-von-eichendorff-gedichte-4294/153

Dabei fehlt das erste Drittel:

Denkst du des Schlosses noch auf stiller Höh?
Das Horn lockt nächtlich dort, als obs dich riefe,
Am Abgrund grast das Reh,
Es rauscht der Wald verwirrend aus der Tiefe –
O stille, wecke nicht, es war als schliefe
Da drunten ein unnennbar Weh.

Womit wir schon mitten in der Biographie sind. Das Schloss, auf dem Eichendorff am 10. März 1798 geboren wurde und seine Jugend verbrachte, war Schloss Lubowitz in Oberschlesien, einer jener landwirtschaftlichen Zweckbauten des preußischen Landadels: funktional, repräsentativ und hoch verschuldet. „In der Höh“ stand es nicht.

Das erste Kapitel, „Eine selige Insel“, umreißt zunächst Eichendorffs Stellung zum Wunderbaren: Der Katholik sah das Leben als von Höherem geleitet. Das Wunderbare wahrzunehmen wiederum lag in der Verantwortung des Menschen, der das berühmte „Zauberwort“ treffen musste, um die Natur zum Singen zu bringen. Wanderromantik ist das nicht.

Dann beschreibt Böhmer das Leben der fünfköpfigen Familie. Vater Adolf verstand Zeit seines Lebens nicht, dass ihr „standesgemäßer“ Lebensstil für die würgenden Schulden verantwortlich war. Er, Mutter Caroline, Joseph, sein jüngerer Bruder Wilhelm und die 16 Jahre jüngere Lousise lebten in ihrer kleinen, glücklichen Welt, in der „guter Ökonom“ und „Kernwirtin“ die besten vorstellbaren Komplimente waren.

In „Dichtung und Wahrheit“ thematisierte  Eichendorff anhand einer fiktionalen Panne bei der Geburt, dass er im Leben stets zu spät kam, um einfach mal Glück zu haben. Dies macht die Biographie so anziehend: Seine Mühen und Bemühungen sind unheimlich lebensnah.

Interessant ist beispielsweise die Darstellung vom Kaplan Ciupke in Wirklichkeit und in der Autobiographie, den sah er als „zwiefacher Mensch“, der zwischen lustigen, derben Späßen und tiefer Niedergeschlagenheit pendelte. Er brachte dem Dreizehnjährigen das Rauchen bei und beflügelte Eichendorffs eigene Neigung zu derben Späßen: Im Internat spielte er seinen eigenen Tod, stopfte eine Figur aus und legte sie in sein Bett. Dann ließ er von den Schlafsaalgenossen den Direktor rufen, der zur allgemeinen Unterhaltung zehn Minuten lang laut trauerte, bis er den vermeintlichen Toten berührte und die Sache aufflog.

Das zweite Kapitel, „Zündend fürs Leben“ (ab S.40), stellt farbenprächtig das Studentenleben in Halle dar, die Rolle der bunten Studententrachten, Besäufnisse und sangesträchtigen Schwärmereien für Mädchen, die man kaum kannte. Wie all das Umherziehen als Mummenschanz gegen das Leben als Spießer und Philister helfen sollte und Theatervorstellungen, vor allem solche im Beisein von Goethe und Schiller, zu wahren Volksbewegungen gerieten. Dabei studierten die meisten auf Brot, die gähnende Langeweile der Vorlesungen saß man ab und lernte auswendig.

Wie es ihrem Stand entsprach, verließen die Brüder ohne Abschluss die Universität. Dann kam die Zeit in Heidelberg, das ihnen über alle Maßen verzaubert erschien, auch wenn die Heidelberger Romantik fast vorbei war und die Romantiker lebensuntauglich, so dass diese Zeit sein Denken und Fühlen prägte.

Das dritte Kapitel, „Schule fürs Leben“ (S.80), beschreibt die Zeit der Brüder Eichendorff in Wien, den Einfluss Napoleons und die beginnende Industrialisierung. Die Brüder lassen regelmäßig Mahlzeiten ausfallen, um über die Runden zu kommen. Sie treffen den berühmten Schlegel, zu dessen Vorlesungen Adelige in Kutschen kamen. Schlegel nimmt Eichendorffs erstes Romanmanuskript nicht ernst, aber seine Frau Dorothea – geboren als Brendl Mendelsson, die Tochter des Philosophen – liest es und versieht es mit Bemerkungen und Korrekturen. Ein Erfolg wird der Roman trotzdem nicht.

Die Befreiungskriege kommen dazwischen. Eichendorff meldet sich freiwilig und wird nicht eingesetzt. Er heiratet seine schwangere Verlobte, zieht dann aber lieber erneut in den Krieg gegen Napoleon. Danach trifft er den Heidelberger Hochschullehrer Görres, der ihn maßgeblich beeinflusst. Entgegen aller öffentlichen Kritik lässt er zeitlebens nie etwas auf ihn kommen. Görres gibt zu dieser Zeit den „Rheinischen Merkur“ heraus. Nach dem Krieg muss er sich eine Stellung suchen und Geld für die Familie verdienen. Aussichten hat er so gut wie keine.

Das vierte Kapitel, „Wie in Fesseln“ (ab S. 111) schildert Eichendorffs Bemühungen um eine Stelle. Dieser Abschnitt bietet interessante Einblicke ins damalige Beamtenwesen. Mit den Formulierungen seiner Bewerbungsschreiben wäre er jedoch auch heute nichts geworden: Nie lässt er Zweifel an seiner geringen Qualifikation offen. Seine Probearbeit, eine theoretische Schrift über Nachteile und Vorteile der Aufhebung des Landeshoheit der Bischöfe und Äbte für den katholischen Religionsteil in Deutschland, schreibt er als Abhandlung über das Wesen des Christentums und erregt damit Aufsehen. 1819 wird er Assessor, allerdings unbezahlt, was damals nicht unüblich war. Eichendorffs Gedankengänge referiert Böhmer im Kontext des Zeitgeschehens . Über Königsberg, die Kant-Stadt, wo er als Regierungsrat arbeitet, kommt Eichendorff nach Berlin.

Im Sommer 1831 wird er in die Hauptstadt versetzt, dort aber nicht gebraucht. Er wird mit einem Gutachten zur Pressefreiheit betraut, in dem er oft Worte wie „frei oder „Freiheit“ verwendet. Nach der ersten Überarbeitung im Ministerium sind die weg. Die Mitarbeit an einer „Historisch-Politischen Zeitschrift“, mit der er von Amts wegen betraut wird, scheitert ebenfalls an seinen Ansichten: kein einziger seiner Beiträge wird gedruckt.

Inzwischen ist er als Autor und Lyriker bekannt, Schumann und Mendelsson Bartoldy vertonen einige seiner Gedichte, selbst Heinrich Heine lobt, ohne zu spotten, 1837 erscheint sein erster Gedichtband. Dies und auch sein ruhiges, glückliches Familienleben schildert das fünfte Kapitel, „Leidlich untergekommen“ (ab S.143).

Das sechste Kapitel, „Weit hinten alle Not“ (ab S.172), streift die schlesischen Weberaufstände 1844, ein Aufruhr, für den man die romantische Schriftstellerin Bettine von Arnim verantwortlich macht. Die konnte als Adelige sehr direkt über die desolate Lage der Armen schreiben, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen. Eichendorff hielt sich zurück. Im Alter geht er der Liebe zur Historie nach. Zeitgenossen lernen ihn als freundlichen, lebhaften Grauhaarigen mit angenehmen Umgangsformen kennen. Manchmal wird er sogar als Dichter gefeiert. Die labile Schwester Louise lernt Adalbert Stifter kennen, der sich wegen ihrer gemeinsamen Gemütslagen lebenslang um sie kümmert.

1847 kehren die Eichendorffs nach Berlin zurück, 1848 toben dort die Straßenkämpfe, man zieht nach Dresden, kehrt erneut nach Belin zurück. Eichendorff lebt immer zurückgezogener. 1851 schreibt der spätere Reichskanzler Bismark an seine Braut: „Weißt du, dass der Mann noch lebt? Wohnt hier im Kadettencorps.“ (S.183). 1855 stirbt seine Frau, 1857 auch er im Kreis seiner Famile.

Das ebenso kurzweilige wie gehaltvolle Taschenbuch erschien bei Diogenes und hat die ISBN 978-3-257-23641-5.

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