Murcons Burg – La Citadelle de Murnoc (PR 903, 904, 915, 916)

Das im Februar 2014 französische Taschenbuch Nr. 308, „La Citadelle de Murnoc“ (ISBN 978-2-266-24691-0), übersetzt von Michel Vannereux, enthält als zusammenhängenden Text mit Unterüberschriften alle vier Romane von Kurt Mahr, in denen die Odyssee des Quellmeisters Pankha-Skrin durch die kosmische Burg geschildert wird. Das sind „Der Quellmeister“ (PR 903, 12.12.1978) als LE MAÎTRE DE LA SOURCE (Kap. 1-3), „Murcons Burg“ (PR 904, 19.12.1978) als LA CITADELLE DE MURNOC (Kap. 4-6), „Murcons Vermächtnis“ (PR 915, 6.3.1979) als L’HÉRITAGE DE MURNOC (Kap. 7-10) und „Der Quellmeister und die Bestie“ (PR 916, 13.3.1979) als LE MAÎTRE ET LE MONSTRE (Kap. 11-15). Diese Zusammenstellung enspricht, wie die gesamte französische Reihe, der Überarbeitung durch Hubert Haensel in den Silberbänden, hier in der ersten Hälfte des Silberbands 107 (September 2009, ISBN 9783811840935). Die französische Namensvariante Murnoc statt Murcon macht Sinn, denn sie fügt sich besser zu den Namen der anderen Mächtigen wie Bardioc, Ariolc oder Ganerc.

Aus Zeitgründen kam ich nur zu ein paar Worten über Beginn und Ende des Viererromans. Wie der Quellmeister auf der Suche nach dem „Jenseits“ hinter den Materiequellen als Abenteurer unterwegs ist, sich freiwillig in die Kosmische Burg entführen lässt, dort auf schräge Gestalten trifft und dann durch einen Transmitter das Reich der Fantasy verlässt, macht Spaß. Wobei die Fantasy von SF eingefasst bleibt, denn die unterhaltsamen bizarren Körperformen werden immerhin durch die hohe kosmische Strahlung begründet.

Die Geschichte beginnt und endet mit Aufsätzen auf den Körpern der Hauptpersonen. Pankha-Skrin hat ein „skri-marton“, „un tymphan entéléchique“ (p.25), ein „Quellhäuschen“, „à l’arrière du renflement arrondi“, auf der Rückseite seines gerundeten Wulstes. Es ist „hemisphérique d’à peine cinq centimètres“, also halbkugelförmig und bildet den obersten Punkt des Körpers. Die ausführliche Schilderung zu Beginn legt nahe, dass Mahr die Kopflosigkeit fasziniert hat, denn später schlüpft die Leichtfüßige Pritt, „Pritt la Veloce“ (p.61) aus ihrem Kokon, nachdem der zweite, künstliche Kopf in einem Unfall abging.

Der hohe Rang des Quellmeisters, des „Maître de la Source“ ist mit einer entsprechenden Lebenserwartung gekoppelt. Trotzdem begibt er sich ins Abenteuer. Murcon stirbt nach endlos langer Zeit im Lebenserhaltungssystem, das seine Rache perpetuiert hat.

Nach endlosen Zeiten findet der Quellmeister die drei Zeichen, „preuves“, „indices“, aus der Überlieferung, eine betrifft die „hyperrayonnements“, das „ultraspectre du domaine gravitationnel“ (p.26), eins „le délai entre deux persiodes d’activité“ der „faibles hypersignaux“, und schließlich „des endroits où l’éspace possédait des proprietés inhabituelles […] qui étaient rares dans l’Univers“. Die Suche hat unvorstellbar lang gedauert, was uns bei einer derartig präzisen wissenschaftlichen Beschreibung nicht wundern muss.

Sein selbst identifiziertes viertes Zeichen, die „Citadelles Cosmiques“, die Kosmischen Burgen der ehemaligen Mächtigen, an denen sich ein entscheidender Zusatz zum Auge befinden muss, bringt diesen Aspekt in die Zyklushandlung ein, der im Anschluss an die hier besprochene Handlungssequenz die Terraner auf eine langfristige Suche führt. Er findet es nicht, was ihn dazu bringt, sich entführen zu lassen. Vorher ernennt er Burnetto-Cup, der die Regeln der Entelechie beiseite lässt und ihn ohne Erlaubnis aufsucht, weil er die drohende Gefahr erkennt, vorsichtshalber zu seinem Nachfolger. Eben eben dieser Fähigkeit, Pflicht und Logik selbstständig zu handhaben. Nur ganz herausragend begabte Loower können mit einem Roboter umgehen, dessen Logikrestriktor ausgeschaltet ist, so dass er unentelechisch denken kann. Doch Burnetto-Vup befiehlt: „Donne aux cerveaux la possibilité de contourner les circuits du restricteur de logique entéléchique“ (p.38). Der Logikrestriktor soll ausschaltbar sein. Hier geht es also um den Wert der Eigeninitiative, und das ist ein guter Übergang zu Pankha-Skrins Abenteuern jenseits seines hohen Ranges in seiner Gesellschaft, die er als Einzelkämpfer meistert. Bei Mahr kommt das entelechische Denken eindeutig als Traditionstreue, Pflichtbewusstsein und Selbstkontrolle raus, was Vlceks Ansatz rigoros vereinfacht.

Auf der Burg gibt es ebenfalls eine Gesellschaftsordung, allerdings ist die ein bisschen wilder. Vajlan ist der „Frère Superieur“ der „Fraternité des Technistes“ (p.34), Ochridon ist „le Frère Seconde“. Sie fliegen mit ihrem „petit vehicule en forme de disque“ zu den „Messangers Gris“ (p.35). Überglücklich erwarten sie einen „Hôte“, einen Gastgeber, denn sie halten nur ihn, Murcon-Murnocs Nachfolger, für fähig, die unsichtbare Grenze um die Kosmische Burg, die „frontière entre l’espace réel et le non-espace“, dem Sein- und Nirgendraum, zu überwinden. An ein übergeordnetes Transportmedium, „un milieu de transport d’ordre supérieur“, glauben sie nicht.

Der Übersetzung des Romans von 1979 im Jahre 2014 ist ist wohl geschuldet, dass der „Fraternité des Vrais Zaphoores“ im „Grand Hôtel“ (p.52) nicht die „Brüderschaft der Unabhängigen Frauen“ gegenübersteht, sondern die „Sororité des Indépendantes“ (p.61), die „Schwesternschaft der Unabhängigen“. Unverändert bleibt, dass ihre Anführerin nicht nur fähig ist, sondern auch hässlich wie die Nacht, „d’und grande laideur“, wie man das seinerzeit von Anführerfrauen erwartete, die nicht, wie Mory Abro oder Mirona Thetin, das Alphamännchen freien sollten.

Die Schiefäugige Salsapani, „La Strabique“(p.62) spricht von Boronzot als einer „fetten Kröte“, „ce crapard gras“. Hexenhaft. Ebenso stereotyp wie „Pritt la Veloce“ natürlich über eine Beziehung zu einem einsam darbenden Junggesellen an ihren Spionageposten kam. Aber bei den anschaulich beschriebenen, skurrilen Gestalten schmälert dies den Lesegenuss nicht. Man ist irgendwie dran gewöhnt. Zeitgeist eben. Die Frauen bewohnen die acht Türme – warum acht und bei den Loowern neun? Das Funkgerät ist der „hexarécepteur“ (p.80), wie schon an anderer Stelle, kommt auch hier im Französischen eine Assoziation klar raus, die im Deutschen verdeckt bleibt: Acht und Hexe.

Die unterhaltsame Fantasiehandlung mit „le Boiteux“, dem Humpelnden, mündet im Finale, den Kampf gegen den Götzen Kukelstuuhr und seine Überwindung. Die Götzen falscher Priester werden immer überwunden, und die Priesterclique war korrupt genug, um dieses Ende verdient zu haben. Ungewöhnlich ist hingegen der farblose, elastische Schlauch auf dem Rücken des Untiers, gefüllt von einer golden leuchtenden Flüssigkeit voll von Muskel- oder Nervensträngen, einen Meter lang und 16 Zentimeter im Durchmesser. Eine ablaufene Uhr färbt das Innere blutig und macht Murcons verfließendes Leben deutlich.

Der Attentäter Arqualow im Körper des Priesters Awustoc drückt mit seinem letzten Wort aus, dass das Bewusstsein der Freibeuterin Irritt das Ungeheuer belebte, wodurch Murcon sich an ihr rächte: „pour animer la creature, une conscience vivante avait été necessaire“ (p.268). Was wieder einen der Mächtigen, dessen „impulsions mentales“ Pankha-skrin spürt, als moralische Vorbilder diskreditiert und den Vorstoß der Terraner legitimiert. Die französischen Begriffe: „un tube élastique, ans couleur, de plus d’un mètre de longueur et d’un diamètre de seize centimètres“, gefüllt mit „une masse fluide, couleur de miel. Ses extrémités étaient arrondis. À l’interieur de l’une d’elles se trouvait un appareil qui ressemblait à un cadran. Un trait rouge se déplaçait sur un fond jaune qui, à mesure de son progression, virait l’éclarte […] cette horloge donnait des indications sur le temps qui restait à vivre au contenu du tube.“ (p. 267). Diesen Schlauch habe ich beim Wiederlesen nach Jahrzehnten wiedererkannt, das ist einer jener PR-Momente, die sich mir tief eingeprägt haben.

Irritt war „Freibeuterin, auf Französisch „Flibustier“ – die Flibustier kommen im Deutschen erst viel später. Vielleicht sind diese stetig in der Übersetzung zutage tretenden Vorankündigungen ein anderer Aspekt des Zeitgeistes, der uns daran erinnert, dass zuverlässige Kenntnisse zweier oder dreier Fremdsprachen im damaligen, restriktiv erscheinenden Schulsystem verbreiteter waren als heutzutage.

Das Überspringen des Mittelteils ist der Zeitnot geschuldet, nicht der Geschichte.

 

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