Das Gericht der Kryn – La Justice des Kryns (PR 906)

Der Roman „Das Gericht der Kryn“ von H.G. Francis bildet das neunte bis elfte Kapitel von Band 306 der französischen Ausgabe mit dem Titel „Laire“ (ISBN 978-2-266-24027-7). Er erschien erstmals am 2. Januar 1979. In Frankreich kam das entsprechende Taschenbuch im Dezember 2013 heraus. Der Übersetzer war Claude Lamy.

Dieser Text enthält Vokabeln, die, im Kontext betrachtet, interessante Eigenschaften aufweisen. Darüber hinaus reflektiere ich die Verschiebungen in Bedeutung oder Platzierung der Bedeutung und die Technik, die im Übersetzungsvorgang zur Anwendung kamen. Dabei folge ich keiner dezidierten Zielsetzung als der, mich einzuarbeiten. Wenn diese Darstellung jemandem dazu verhilft, sich ebenfalls leichter einlesen zu können, so sie ihren Sinn erfüllt.

Den Schauplatzwechsel zu Beginn dieses zweiten Teils eines Doppelromans hat H.G. Francis über die Schilderung der jeweiligen Landemanöver verknüpft. Der Vorroman „Sendboten des Alles-Rads“ hätte mich vom Thema her eigentlich interessieren sollten – eine dem Selbstzweck dienende Priesterkaste tut alles, um die Wahrheit zu unterdrücken, und glaubt sich selbst im Recht dabei – war mir aber zu statisch geschrieben, zu tableauartig, und dann habe ich vielleicht zu viele Stargate-Szenen im Kopf, in denen jemand sich hinstellt und falsche Götter mit ein paar Worten enttarnt, als dass mich die Beredsamkeit unserer Helden vom Hocker reißen würde. Wobei ich das Innenleben des Priesters für durchaus adäquat geschildert halte. Es verlockte mich jedoch nicht, mich näher darauf einzulassen.

Der Einstieg in den Folgeroman fiel mir demzufolge schwer, weil ich die vorherigen Romane um Bruilldana (PR 896 und 897) von Ewers zurückgestellt hatte, ich finde ihn auf Französisch sehr schwer zu lesen und hatte mir nachträglich auch die ungekürzte Heftversion zu meinem Silberband dazugeholt.

Immerhin: endlich fand ich die Übersetzung des ominösen „triscaphe“ (p.169) – es ist ein Shift. Der Flugpanzer wird auch mit „blindé aerién“ (p.170) übersetzt.

Aus „Insekten-Sue, dem spinnenbeinigen Posbi“ wurde „Arach-Suzy, un Bioposbi“ (p.169). Was eine interessante Nachmotivierung dastellt, denn eigentluch ist ein Posbi schon ein positronisch-biologischer Roboter, also ein Roboter mit Bioplasmakomponente, und das zusätzlich davorgestellte Bio bringt keinen Bedeutungszuwachs, legt also nahe, dass beim anvisierten Leser die eigentliche Wortbedeutung nicht vorausgesetzt wird. Es kling auch moderner: Biogemüse, Biomilch, Bioposbi.

Der Kombistrahler mit Paralysewirkung ist der „combiradient […] réglé sur l’effet paralysant“ (p.170). Der Brustscheinwerfer heißt „le projecteur de poitrine“ (p.171), der Antigrav ist „l’unité antigrav“ (p.172).

Es geht insektoid zu in diesem Roman, zumindest jetzt am Anfang. Schließlich sind wir im Reich der Ansken. Ihr „monticule […] constitué de matériau organique qui avait été moulu, puis agglutiné (avec) diverses overtures d’un diamètre de trois mètres et plus (qui) ressemble à une fourmilière inachevée“ (p.170) – der Aufbau, in dem sie wohnen, gleicht einem unvollendeten Ameisenhaufen aus gekautem und verklebtem organischen Material mit drei Meter durchmessenden Öffnungen. Zahlreiche Kleintiere leben auch darin, und ihre „squelettes […] rongés“, ihre abgenagten Skelette, verstärken die niederdrückende Atmosphäre.

Die alberne Posbifrau, die ihren menschlichen Liebling umsorgt, bringt die tote Umgebung indirekt ein bisschen näher an den Leser, als sie Quolfahrt das Essen der weißen Masse verbietet, die zu einer Öffnung führt und von der kleine Vögel auffliegen. So kommt die Idee des In-den-Mund-Nehmens überhaupt ins Spiel, und die jetzt toten Ansken, die das honigähnliche Zeug produzierten und ins „nid“ (p.171), Nest, bringen. Die Menschen kommentieren in formaler Sprache: „Ils n’ont pas inhumé les dépouilles“ (p.172) – „Sie haben nicht einmal ihre Toten bestattet“.

Dann kommen, 50 Meter unter der Oberfläche, die „cocons transparents à structure alvéolée“, wabenförmige, durchsichtige Kokons, mit 50 Zentimeter langen toten Larven darin. Es sind „quarante-quatre“ (p.172), also 44 an der Zahl. Nichts riecht, aber das gespenstisch Weiße begegnet uns ein drittes Mal, als die weiße Haut der Kadaver bei Berührung zerbröckelt: „la peau blanche s’émittait, et la creature se délitait“ (p.172). Mit den verblüffenden wissenschaftlichen Methoden, den „méthodes ahurissantes“, an die der „cosmobiologiste“ und „Solanien“ Yaal und der „Olliwynien“ Quolfahrt denken, wird die Szenerie in die Science fiction eingebunden.

Auch in Plondfairs Gefängnis geht es insektoid weiter, wenngleich die „Südberg-Libelle, die mit ruckenden Bewegungen zwischen den Gitterstäben des schmalen Fensters kroch“ (SB 106, S.118) zur „libellule qui volait entre les barreaux de la mince fenêtre“ (p.173) runtergekürzt wurde. Sie ist giftig, und ein Stich kann das ganze große Unternehmen vereiteln und den Priestern die Deutungshoheit zufallen lassen.

Überhaupt, Deutungshoheit: ein Leitmotiv. In dieser Hinsicht zeigt der Doppelroman eine weite Bandbreite von Sicherungsmaßnahmen auf: Kommentare, Mikrophonausfall, durch Intrigen ausgelöstes Verhalten, nach dem Plondfair und Demeter hinter einer schallsicheren Energieglocke von der vorbereiteten Meute beschimpft werden können, und zum Schluss noch ein zugefügter Sprengsatz, damit die Gottheit auch ganz sicher tut, was man von ihr erwartet.

Ihren Höhepunkt findet diese Meinungsmache mit Alitzker, dem „limiteur“, den Plondfair oft bei Gerichtsverfahren bewundert hat. Schnell erkennt er, dass der ehrwürdige Weißkopf ihn für schuldig hält und nur da ist, um sein Verderben umso unausweichlicher erscheinen zu lassen. Reuevoll denkt er an die vielen Verfahren, in denen ihm die Angeklagten ausnahmslos schuldig und verabscheuenswert erschienen. Jetzt sieht er, wie er sich hat hereinlegen lassen. Der Gipfel ist dann noch, dass Alizker ihm vorhält, der Erfolg seines Lebens sei zerstört, wenn Plondfair sich wehrt. Deshalb solle er jetzt bitteschön mitmachen.

Im Weiteren fallen die parallelen Verläufe auf: Während die beiden Wynger mit ihrer fliegenden Bombe unterwegs in die wahrscheinlich noch nicht deaktivierte Todeszone sind, bewegt sich Galto Quohlfahrt mit der hübschen Anja in die Todeszone der Ansken. Passend zum Weiß der Anfangsszenerie treffen sie auf eine weiße Säule, die er (natürlich er!) zerschießt, woraufhin etwa Schwarzes, für unser Unterbewusstsein Satanisches, erscheint und sich auflöst. Die eine Million alte Anlage, die die manipulierten Ansken fernhält, ist nicht mehr.

Umso gespannter wartet man nun, was aus der ebenso alten Anlage um die PAN-THAU-RA wird. Der Dialog zwischen der langlebigen Demeter und dem Jungspund Plondfair spiegelt die Spannung zwischen den jungen Terranern und dem alten Laire, die in den Bänden vorher immer wieder zum Tragen kam. Beeindruckend auch Demeters Aussage, sie habe sehr lange gelebt und sich entschlossen, dem Tod mit Fassung zu begegnen. Während Plondfair die Mechanismen der Medien benutzt, um durch Logik den Standort der Bombe zu finden. Allerdings kann nur die schlanke Demeter an den Sprengsatz heran, der zum Glück trotz Raumfahrttechnik über einfache, herausziehbare Kabel gezündet werden soll.

Kurz blendet Francis um zur PAN-THAU-RA, Atlan erlebt Laires Bewältigung der Krise mit. Natürlich weiß der Roboter alles und schafft es, den entsprechenden Abschnitt der Todeszone Sekunden vor dem Eintreffen der beiden abzuschalten.

Die Heimkehr erleben wir aus der Sicht der versammelten Priester. Der vorgetäuschte Herzanfall, mit dem der eine sich vor der Stellungnahme drückt, wird durch den echten Herzanfall des anderen abgelöst, so wie durch die Rückkehr der Berufenen mit dem Augensymbol in der Hand die Wahrheit die Lüge ablöst.

Der Roman war mir gut zugänglich, wahrscheinlich wegen der Szenerien, der klar umrissenen Personencharakteristika mit nachvollziehbarem Bezug zur Wirklichkeit und der konkreten Handlung. Wodurch die Konfliktdarstellungen nicht so tableauartig erschienen, sondern lebendig. Die Schilderung der Machterhalter mit ihren Intrigen und ihrem Medieneinsatz ist hervorragend.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s