Die Gefilde des Himmels von Isaac B. Singer

Die Erzählung „Reaches of Heaven. A Story of the Baal Shem Tov“ über den Wunderrabbi, der den Chassisismus begründete, ist von 1980. In einem reichen Erzählfluss aus historischen Ereignissen, Lebensgeschichte, tiefen Zweifeln und noch tieferem Gotteserlebnis bildet sich innere Biographie des Rabbi Israel Baalshem Tor aus.

Vieles wäre zu phantastisch, um glaubhaft zu sein, wäre der Autor nicht als Sohn eines chassidischen Rabbiners geboren, als Icek Hersz Zynger irgendwann 1902 oder 1904, und im traditionellen Schtetl in Lublin aufgewachsen, nachdem die Familie 1917 aus dem Warschauer Armenviertel auszog. Seine eigene Rabbinerausbildung brach er ab und zog 1935 nach New York.

Die deutsche Übersetzung der Erzählung erschien 1982 im Carl Hanser Verlag in einem ästhetisch ansprechenden und kenntnisreich gestalteten kleinen Bändchen mit ausgezeichnetem Glossar. Ich fand es gestern im Antiquariat. Die großen Buchstaben strecken die Geschichte auf Buchlänge und präsentieren den Text so übersichtlich, dass jede Seite zum Verweilen einlädt. Neuere Taschenbuchausgaben gibt es bei Carl Hanser und bei dtv.

Den Text zusammenzufassen geht gegen seine Natur, denn er entwindet sich der Abstraktion mit Absicht. Er fließt und lädt zum Eintauchen ein. Schlaglichter aus der Entwicklung des Chassidismus sind das Skelett: Wenn der arme Waise Israel von der Gemeinde mitversorgt wird, studiert und Ansehen erwirbt. Wenn er als Baalschem Tow den einfachen Leuten Mut zuspricht und sich für ihre Geschichten interessiert statt für spitzfindige religiöse Debatten. Wenn er überall Wunder wirkt, ohne sie anzustreben: überrascht jedes Mal, wenn seine Wünsche Wirklichkeit werden. Wenn die gemeinsamen Tänze in seinem Haus Anlass zu übler Nachrede liefern, wenn seine Tochter Hodel mehr studiert als die Männer und eines Tages mit Tüchern in der Hand auftaucht, um am Kreistanz der Männer teilzunehmen. Wenn er in Visionen erfährt, dass sie im vorherigen Leben ein Mann war und ihr selbst erwählter Verlobter eine Frau. Wenn die Chassiden selber zu Spießern werden, die einander anfeinden und Machtstrukturen bauen, so dass der Wunderrabbi arm und allein weggehen würde, wäre er nicht zu alt.

Eine Liebesgeschichte ist drin, wenn Baalschem Tow wider Erwarten seine Ittele zur Frau bekommt und sich ein Leben lang auf sie verlassen kann, auch wenn ihr viel Mühe ensteht durch seine Wanderungen und das Versorgen der vielen armen Besucher. Seine Ehe ist ihm eins mit seiner Liebe zu Gott: „Wenn ein Grashalm einen Engel hat, der ihm bei der Erfüllung seiner Sendung hilft, was ist dann mit dem Menschen, der Krone der Schöpfung?“ (S.39). Baalschem Tow hört den Frauen zu, wenn sie ihre Probleme erzählen: „Manche beschwerten sich, dass das Gesetz so geschrieben war, dass die Schuld immer bei den Frauen zu liegen schien“ (S.71). Was ihm Feinde verschafft: „Es war gegen die Thora, sagten die Rabbis, dem Schwatzen und Plappern der Weiber zu lauschen“ (S.71).

Zum Leben des Rabbi gibt es kaum präzise Informationen, doch sie sind überzeugend ersetzt duch viel historisches Material zum Leben der Juden in einem christlichen Land, das sie benachteiligt und verfolgt, in knapp erwähnten grausamen Einzelheiten. Ebensowenig fehlt eine schonungslose Darstellung ihrer eigenen Fehler – so direkt, wie es nur ein Jude selbst formulieren kann. Der Leser sieht Parallelen zum eigenen Alltag in Büro, in der Nachbarschaft und der Politik. Die Erzählung beruhigt und versöhnt, ohne zu beschönigen. Lustige Episoden fehlen auch nicht: ein Achtzigjähriger kommt, gestützt von seiner weinenden Familie, um vor dem Tod gesegnet zu werden. Baalschem Tow fragt ihn, woher er als Mensch den Zeitpunkt seines Todes wissen kann und trinkt ein Glas Branntwein mit ihm.

Präzise und schön formulierte Gedanken aus der Kabbala und anderen jüdischen Schriften gibt es, die religionsübergreifend berühren, und tiefgründige Diskurse zum Glauben an sich, denn der Gute Geist und der Böse Geist streiten in Baalschen Tow in rückhaltlos entschlossenen Zwiegesprächen. Auf eine billige Harmonisierung verzichtet der Autor.

Besondere Erwähnung verdient das Glossar der Hanser-Ausgabe. Rachel Salamander hat auf zwölf eng bedruckten Seiten eine komplizierte Begrifflichkeit aufgearbeitet, die man beim Lesen der Geschichte gar nicht so bemerkt. Stichworte wie „Verlobung“ oder „Bestattungsgesellschaft“ beschreiben das dahinterstehende jüdische Brauchtum. „Sabbati Zwi“ oder „Nachman ben Simcha“ geben Kurzbiographien, die das Verständnis der angesprochenen Bezüge erleichtern. Religionsübergreifende Begriffe wie „Satan“, „Cherumbim“ oder „Lilith“ sind in ihrer spezifisch jüdischen Bedeutung erklärt. Ein „Seraph“ ist eigentlich eine Schlange und die Seraphim sechsflügelige Wesen, die Gott umschweben und später erst unter die Engel eingereiht wurden. Sie sind auch die Träger höchster Liebesglut. Das war mir alles neu. Eine vierte große Gruppe an Stichwörtern besteht aus Terminologie, die mit wörtlicher Übersetzung einerseits und knappen, sehr klaren Erörterungen andererseits dargelegt wird: Begriffe wie „Amalek“, „Ariel“, „Sambation“, der Totengeist „Dibbuk“ und die zehn Urzahlen „Sefiroth“.

Allen wegen des hervorragenden Glossars der Carl Hanser-Ausgabe lohnt sich das Buch. Ob es bei dtv drin ist, muss man schauen. Durch den Großdruck kommt der assoziativ aufgebaute Text gut zur Geltung. Man liest ihn langsam, man kann ihn lesen wie eine Reihe von Kalendersprüchen zu jeder Gelegenheit. Dabei ist jeder einzelne Abschnitt historisch und theologisch fundiert. Bei diesem gewaltigen Hintergrund bleibt Issac B. Singer unprätentiös einfach, was seiner Absicht entspricht: das exemplarische Leben des ersten Chassiden nachvollziehbar zu machen.

Auf dem Weg vom Antiquariat zum Auto kam ich an den Resten der Kaiserslauterer Synagoge vorbei:

Kaiserslauterer Synagoge

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