Der Smiler und der Hund von Gerry Haynaly (Arkon 5)

Es hätte ein wunderbarer Roman werden können und ich hatte mich definitiv darauf gefreut. Keine Wiederbelebung des USO-Agenten Ronald Tekener, aber eine Rückkehr in seine Lebenszeit. Tekener war stets eine zwiespältige Figur, einer, der nicht zwangsläufig „gut“ wird wie Rhodan. Der seinem Leser den Konflikt ermöglicht, die Handlungen selber bewerten und sich daran reiben zu müssen. Eine Ausnahmefigur.

Ebenso zwiespältig der kompromisslos gewaltbereite Kralesene Shallowain mit seiner unbedingte Loyalität, seinen künstlichen Augen, sein gesichtsverdeckendes Reflektorfeld und diese faszinierenden, durch Plastikhauben verdeckten Messerklingen in den Fingerkuppen, wie Hubert Haensel ihn in seinem letzten EA-Auftritt in der Lebensgeschichte des Tormanac da Hozarius (PR 2653 und 2654) schildert. Auf deren Zusammentreffen war ich wirklich gespannt. Leider … aber ich möchte nicht vorgreifen. Zuerst die Story.

Zu Beginn des Romans schreckt Shallowain der Hund, der Eliteleibwächter des Imperators, aus dem Schlaf, weil ein Eindringling ihn töten will. Er besiegt seinen Roboter und ihn, identifiziert den Toten als Kralasenen und macht sich auf die Suche nach seinen zwölf Kollegen, den Bluthunden, der engsten Leibgarde des Imperators. Alle sind tot, wenige fehlen. Die eine, die schöne Jaga mit der Ganzkörpertätowierung, kommt zu sich, als er sie nackt und verletzt neben ihrem Bett findet. Die beiden begeben sich auf die Suche nach ihrem Herrn. Die Krankenstation, in der er lag, ist verlassen und viele Tote liegen herum, auch die vermissten Leibwächter. Eine Aufzeichnung enthüllt: Bostich selbst hat den Arzt getötet und gab den Mordbefehl. Jaga wechselt die Lager: da Bostich dies befahl, will sie Shallowain töten. Schwer verwundet kann dieser entkommen. Er kommt zu dem Schluss, dass Bostich nicht mehr Herr seiner selbst ist und viele andere Arkoniden mit aktiviertem Extrasinn auch. Shallowain geht nach Tynoon, um einem von ihnen habhaft zu werden. Nun hatte die USO mit Ronald Tekener dieselbe Idee. Der Smiler wird nach allen Regeln der Kunst ausgestattet und fliegt los. Die beiden dunklen Helden treffen aufeinander, wodurch es zu einem Gefecht zwischen ihnen kommt. Sie kämpfen. Doch urplötzlich tauchen Jaga und andere Kralasenen auf, die hinter Shallowain her sind. Die Feinde tauschen paar Sprüche aus und verbünden sich, um zu überleben. Sie äußern Zweifel, sind skeptisch. Beim gemeinsamen Sieg können sie den Adeligen Morak da Minterol befreien, der ihnen den Namen der Verschwörung verraten kann – ARK SUMMIA, die Erweckung des Extrasinns. Doch genau dieser tötet den Arkoniden durch eine Gehirnblutung, ehe er mehr verrät.

Nun – es hätte so schön sein können. Richtig spannend. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute lautet: wenigstens war es lustig. Vor allem in der ersten Hälfte ist es unterm Strich eine wunderbar unterhaltsame Parodie auf die ganz harten Kerls. Danach ahmt es Filmszenen nach, die überdeutlich danebenstehen. Ich lache gern. Und ich habe mich richtig aufs Weiterlesen gefreut.

Eigentlich hätte das Titelbild mich schon vorwarnen sollen. Der halbgare Westernverschnitt. Schicke Muskulatur übrigens. Lassiter ohne Busenblondine, der Mann als Sexobjekt, in puncto Gleichberechtigung eine gute Sache. Aber – warum ist der Held fast nackt? Nach den ersten Seiten wusste ich: Der Attentäter hatte ihn aufgeweckt, und danach hatte er dermaßen viel mit kaputten Dingen zu tun, dass zum Ankleiden keine Zeit blieb.

Ich mag Technik. Gerne einfacher, aber präzise gestaltet. Doch wenn mir einfache Technik lieber ist als eine Zukunftstechnologie aus reinen Worthülsen, so meine ich funktionierende Technik, die man eben nachvollziehen kann. Keinen Schrott. Keine Nachtsichtbrillen, die von der Nase rutschen beim Mitglied einer führenden High-Tech-Kultur im Jahre 1402 NGZ. Kein Roboter, der von einem brennenden Laken desorientiert wird und so lange zum Umschalten braucht, dass der Angegriffene gemütlich zur zehn Meter entfernten Waffe springen kann. Haufenweise Amerikaner schlafen mit der Waffe unterm Kopfkissen oder im Nachttisch, doch der Bluthund des Imperators nicht. Was haben denn die für Sachen, was für Vorgehensweisen? Die Superwaffe Strega hat nur sechs Schuss und dann ist Sense? Warum hat der dann keine zweite, konventionelle Waffe zur Hand, warum muss er gleich mit dem Overkill-Ding losballern? Fragen über Fragen. Die externe Energieversorgung des Palastes, mit der alles losgeht. Warum hat ein derart wichtiges Gebäude solch einen Schwachpunkt?

Was ich jetzt erst mal gar nicht verstanden habe in der Attentatsszene: Wann undurchdringliches Dunkel herrscht, wann Dämmer, wann man doch noch was sieht und dann doch wieder nicht. Das scheint mehrfach hoch- und wieder runterzudimmen. Kann ich nicht nachvollziehen. Auch nicht, warum er den bewusstlosen Gegner tötet, wenn er doch immmer wieder was sehen kann, um sich danach zu wundern, wo der herkommt. Fragen hilft, solange der Gegner lebt. Am Ende des Romans wiederholt sich in der Auseinandersetzung mit Jaga der gleiche Fehler. Das befremdet mich. Ich brauche Infos und töte erst mal den Gefangenen? Es wirkt so grauenhaft unprofessionell.

Und das mit den Augeneinstellungen durch Klickcodes ist jetzt auch nicht so spannend, dass man es jedes Mal minutiös breittreten muss. Da gäbe es Spannenderes. Den funktionierenden Roboter zum Beispiel. Oder die Strategiepläne. Tekener spielt Strategien zur Raumschlacht durch und trifft ganz coole Vorgesetzte, die sogar in einer Abteilung zum Töten hochrangiger Gegner gearbeitet haben, und Shallowain hat zu Ascaris Zeiten ziemlich viel Erfahrungen gesammelt in – allem Möglichen. Jetzt denkt er eine Dagor-Technik nach der anderen durch. Das Denken ist realistisch: Es gibt haufenweise Strategiebücher, Regeln und Konventionen, mit denen echte Berufstätige dieses Kalibers sich auseinandersetzen müssen, ehe sie irgendwas tun. Das fände ich schon interessant. Dann aber bitte die beschriebene Konstellation, die Wahrnehmungen, die spezifische Bedeutung der genannten Dagortechnik-Phrase. Nicht nur ihre Nennung. Dazu sind die Begriffe nicht magisch genug. Natürlich kann man durch Worte Welten schaffen, so wie ein spielendes Kind zum Stock „Laserschwert“ sagt und er damit in der Spielwirklichkeit eins wird. Doch weder das „Ringen um das alles bestimmende Übersinnliche Feuer“ noch der Name MAJESTÄT für die Positronik sind dafür stark genug, weil es nicht umfangreich genug um sie geht und um ihre Eigenschaften. Man nennt sie und das war’s. Ein Sonderfall ist die „Kernschussweite“. Die ist eine Art Mythos – ohne definiert zu sein. Zieht also nur, wenn man nicht darüber nachdenkt. Denken knackt sie wie eine Nuss. Und die Kommunikation – warum geht Shallowain die Wohnungen ab, um nach den anderen der zwölf besonders gut ausgebildeten Kralasenen zu schauen, die immer um Bostich sind? Sind die dermaßen häuslich? Schon heutzutage schaut man aufs Handy, wenn man wissen will, wo die Freunde sind, und außerdem müsste er rausbekommen können, wer Schicht hatte. Saftladen!

Mein außergewöhnlich unterhaltsames Vergnügen ergab sich, indem ich dem Textfluss folgte, der hin- und her mäandert, springt und mir haufenweise Gelegenheiten lässt, der Lenkung durch den Text zu entkommen und stattdessen eigene, böse Gedanken zu hegen. Als Shallowain das Laken wegschiebt, bis „er am Ende nackt bis auf die Unterhose auf der anderen Seite des Futons “ (S.5) liegt zum Beispiel. Um die Hose geht’s nicht, obwohl ich im Satzverlauf schon überlegte, ob das Laken irgendwie mit der Kleidung verbunden ist und obwohl mein zartes Gemüt sich doch sehr beruhigt, wenn ich weiß, dass er bisschen was anhat. Sondern es geht um die Auswahl der Eindrücke, die in dieser brenzligen Situation durch Shallowains Bewusstsein laufen. Wir haben erlebte Rede, wir sind direkt in seinen Sinneseindrücken. Unterhose, wie grau sein Gesicht ist, die Namen der Konzentrationsübungen … lauter Nebensachen. In so einer Situation ist das Denken in Oberbegriffen natürlich nötig – um von ihnen Maximen für das konkrete Verhalten abzuleiten. Dazu gehört die Analyse der Situation. Die würde ich in der erlebten Rede durch seine Wahrnehmungen hindurch dann auch wirklich gern erleben.

Später beim Duschen bekomme ich mehr von seinen direkten Außenwahrnehmungen mit als hier – auch wenn ich die ansteigende Tröpfchenzahl quantitativ übertrieben finde. Dieses leichte Ungleichgewicht des Körpers, wenn er mit dem Oberkörper zur Seite schnellt (vgl. S.5). Bleibt der Rest liegen? Die unmotivierte Nennung körperlicher Eigenheiten durchzieht den Roman. Sie soll wohl arkonidische Exotik erzeugen. Doch warum reflektiert Shallowain die Effizienz seines „Zusatzorgans“ (S.9)? Er kennt es doch gar nicht anders als mit ihm. Und da wir bei Relationen sind – warum schnurrt die eckige Prätoria auf Orangengröße? Eckig – rund, meine ich. An der Stelle „Der olivgrüne Ball nahm Konturen an. Nase, Mund und anthrazitfarbene Implantate anstelle von Augen schälten sich heraus“ (S.11) kreischte ich dann eben so laut los, das mein Mann ums Hügelbeet kam und sich erkundigte, was ich da tue. Ich erklärte ihm, dass ich meine erste richtige Perry-Rhodan-Parodie lese. Ich finde das unheimlich lustig.

Die Gestaltung der Geräusche auf den ersten Seiten verwirrte mich ebenso. Es ist leise: Shallowains Schirmfeldgenerator summt, Glassplitter knirchen, das Licht der Explosion blendet ihn immerhin. Auf die Explosion der Feuerstelle hin fällt dann gleich der Individualgenerator aus – ein Fall für die Beschwerdestelle? – und pulverisierte Reste erreichen seinen immerhin mit Unterhose und Strega bekleideten Körper. Puh! Wennn diese Lautlosigkeit das Produkt von High-Tech ist, so hätte ich gern paar Worte dazu, wenigstens Phantasiebegriffe. Zufälligerweise erlebte ich gleich nach dem Gartenaufenthalt ein Musterbeispiel an Geräuschkulisse. Und zwar in der Kirche, wo ich den Roman weiterlas: meine Tochter übte Orgel, eine mittelgroße Orgel mit ca. 50 Registern in einer mittelgroßen Kirche oben auf der Empore auf Höhe der Fenster. Da mischte sich in den Klang der Pfeifen ein anderes Dröhnen, schwoll an, ließ den sonnenerhellten Raum erbeben, irrsinnig laut und von allen Seiten. Ein Rettungshubschrauber landete nebenan. Und bei Shallowains Kaminexplosion kein Laut, obwohl sie das Schirmfeld eines ganz arg hochqualifizierten Leibwächters zerstört?

Was retten könnte, wären die Charaktere. Doch Tekener kommt ziemlich dämlich rüber. Er kann sauteuren Wein wie nix runterschlucken, cool ey, und im Krankenhausbereich recherchierende USO-Agenten sind ihm fremd. Der Mann ist dumm. Zu lange tot gewesen oder ein Kollateralschaden des Impulses? Und Shallowain ist nicht sonderlich fitter. Könnte ich den „Schuh des Manitu“ ertragen, so wüsste ich, ob meine Assoziationen zu bestimmten Szenenausschnitten richtig sind. Die Parallelen zu sattsam bekannten Ausrüstungsszenen im Geheimdienstfimen sind jedenfalls so stark, dass sie die eigentliche Handlung des Romans aushebeln. Irgendeine Kampfszene ist, wie in Zeitlupe, im Präsens. Das ist eine übliche Vorgehensweise im Aufsatz ab der vierten Klasse oder so, zuletzt habe ich es mit einer Neunten geübt. In diesem Text hat man leider den Abschnitt durch Sternchen vom Kontext getrennt, so dass der Effekt verpufft. Ich empfinde nicht mit, weder in den Abläufen noch mit den Charakteren, also sind auch die potenziell spannenden Stellen für mich reine Beschreibung ohne innere Beteiligung.

Wo bleibt das Positive? Was mir sehr gut gefällt, sind die gleichzeitig quasselnden Bostichköpfe (vgl. S.23), und der Beginn des fünften Kapitels. Jedenfalls der erste Absatz. Die Ausrüstung, mit der Desdemona Tekener ausstopft, würde ich lieber in Aktion sehen. Vielleicht kommt das im Folgeheft. Mit dem Drei-D-Styler hat man zumindest aktuell moderne Technik einbezogen. Nicht sehr präzise, aber immerhin, und die Sache mit den biometrischen Daten ist auch aktuell, also zugänglich. Schön das Fliegen mit Handsteuerung (vgl. S.35) und dass Shallowain sich bei der Mimikry-Funktion des Wundklebestreifens an die Werbung erinnert (S.36), das passt hier, weil es ein ruhiger Moment ist. Bei den Fensterputzrobotern (vgl. S.37) ist mein Ernst allerdings schon wieder vorbei. Welchen Unterschied macht es, ob synchron geputzt wird oder nicht, solange alle Scheiben drankommen? Ich mache was falsch und weiß es nicht. Vielleicht kann mir jemand erklären, was dadurch besser wird?

Was soll man zusammenfassend sagen? Grundsätzlich mag ich diese Art Handlung sehr und würde mir mehr davon wünschen. Aber es sind so bescheuerte Formulierungen im Text, die mich zum Lachen reizen, und die Helden sind geistig so lahm, dass sie mich nicht binden. Ganz harte Kerls reizen immer zum Lachen, da müsste der Esprit schon ausgeprägter sein. Und die Ausrüstung müsste funktionieren beziehungsweise zum Einsatz kommen.

Eine seltsame Welt. In manchem tatsächlich so unausgeformt wie in den frühen PRs, womit leider deren schwächste Seite zum Tragen kommt. Schade um die schöne Geschichte. Doch wer es mit sprachlichen Signalen, Logik und geistreicher Charakterisierung nicht so genau nimmt, regt sich wohl nicht jedesmal darüber auf und kann die Geschichte als spannend lesen. Ich für meinen Teil behalte den Roman sicherlich länger in Greifweite, und zwar schlicht und ergreifend, weil ich auf jeder beliebig aufgeschlagenen Seite sofort ein schräges Bild finde, das mich zum Losprusten bringt. Und das ist auch wieder klasse.

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