Ein Pfennig zu Silvester

„Du wirst sehen“, lachte er und schnappte sich den Pfennig.
„He“, protestierte ich. „Der ist uralt. Eine präastronautische terranische Währung, von der die meisten nicht einmal wissen.“
„Die Galaxis ist groß und das Münzlein alt“, gab er grinsend zurück. „Ich werde dich damit auf den Weg zur Erkenntnis führen.“

Missmutig folgte ich ihm zu seinem hippen Wohnturm, einem der höchsten in diesem Viertel der Hauptstadt der Erde. Der röhrenförmige Antigravlift hatte zur Außenseite des Gebäudes hin eine transparente Verkleidung, und funkelnde Balken aus Regenbogenlicht lösten einander ab, so dass wir nicht an unseren Füßen vorbei nach unten schauen konnten, während das Antischwerkraftfeld uns höher und höher trug. Trotzdem wurde mir flau im Magen. Ohne meinen Pfennig wäre ich ausgestiegen und über die Nottreppe nach unten gelaufen.Die Straßenschluchten mit den diversen Flugkorridoren der Gleiter blieben zurück. Wir waren auf einer Höhe mit den höchsten Gebäuden und stiegen weiter.

„Komm!“
Wir traten in eine transparente Kuppel, und von dort aufs Dach. „Keine Angst, da gibt es Energiebarrieren, fünf Meter hoch. Die schützen bei nasskaltem Wetter vor Regen. Keine Windstöße, keine Gefahr, aber beste Luft und Aussicht.“
Er trat ein paar Schritte auf die Terrasse und breitete die Arme aus, meinen Pfennig in der Hand.
„Jetzt zeige ich dir Geschichte.“

Die Wetterkontrolle hatte in dieser Silvesternacht für ungehinderte Sicht gesorgt. Das funkelnde Band der Michstraße entfaltete sich in nie gesehener Pracht. Vom nahen Raumhafen starteten Schiffe, das Gleißen ihrer Triebwerke war vom Sichtschutz gedimmt.
„Was ein Lichtjahr ist, weißt du!“
„Bin ich blöd?“
Er grinste. Meine Fresse!
„Ich frage das, weil du dein Herz so an Dinge hängst. Dein ganzes Herzblut hängt an diesem Stückchen Metall, das, unter uns gesagt, an nichts als vergangene Zeiten erinnert, denen du nachtrauerst, die aber nun mal eben vorbei sind. Du bist hoffnungslos in der Vergangenheit verloren.“
Er hob die Münze gen Himmel.
„Siehe den Pfennig! Siehe den Raum, siehe Raum und Zeit in all ihrer Weite und Pracht!“

Ehe ich ihn daran hindern konnte, holte er aus und schleuderte den Pfennig in weitem Bogen über die Brüstung.
Der Schock lähmte mich nur eine Sekunde, dann schlug ich zu. Mein Kinnhaken ließ seine Lippe aufplatzen, Blut rann über sein Kinn.
Immer noch lachte er. Mein Kniestoß brachte ihn zum Schweigen. Während er röchelnd zu Boden ging, rannte ich los. In den Lift hinein. Irgendwo muss der Pfennig ja liegen.

Klar habe ich dich deshalb geholt. Schließlich bist du mein Freund. Wir suchen jeder auf einer Seite der Anlage.
Du willst checken, ob der Typ in Ordnung ist, und dabei das Band der Milchstraße von der Terrasse aus betrachten? Die Raumschiffe starten sehen? Muss das sein? He, bleib da! Bleib doch stehen. Hast du noch alle Tassen im Schrank? So was!

2019_01_26482_extraetueden

Die Inspiration für diesen Text waren Silvesterlaune und wieder mal die abc-etüden, die Wörter der Woche 51/2018 sind REGENBOGEN, TRANSPARENT und BLUTEN. In einer Extraaufgabe kamen NASSKALT und NACHTRAUERN dazu, und der Rahmen von 500 Wörtern. Sehr gut, ich hatte drauflosgeschrieben.

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/12/30/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-01-19-extraetueden/

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7 Comments

  1. Der Weg der Erkenntnis, fürwahr.
    Schön, dass du die Etüden auch mal wieder mit einer deiner fantastischen Geschichten beehrst! Gern mehr davon … du weißt.
    Und sowieso: Frohes Neues!
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Danke für deine Geduld, liebe Christiane. Seit ich den Newsletter der PRFZ (Perry Rhodan Fanzentrale) mache, ist mein Freizeitplan noch mal „anders“, wobei wir (der Layouter und ich) bei dieser unserer vierten Ausgabe nun schon viel routinierter vorgehen. Es geht jetzt alles viel schneller.
      Und dann bemühe ich mich um längere Geschichten, die ich dann aber nicht ins offene Internet tu.
      Aber die abc-etüden sind eindeutig ausgezeichnete Gesellschaft, und ich kehre sehr gern immer wieder zurück.
      Ein Schönes Neues Jahr auch dir!

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      1. Kann ich verstehen, wenn du dann sagst, das Etüdenkonzept passt dir eigentlich nicht in den Kram … schade. Aber vielleicht haben wir ja bald wieder Wörter dabei, die du magst, und du hast Lust auf einen kleinen Schreibquickie … 😉

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        1. Ei, das Konzept passt mir sehr in den Kram. Ich hab‘ nur auch für den Quickie zu wenig Zeit.
          Aber wie gesagt … den Newsletter machen wir immer routinierter, und beim Corona Magazine wird auch wieder alles ruhiger. Der neue zweimonatige Rhythmus ist etabliert.
          Bleiben nur die Klassenarbeiten. Und ich habe die Workbooks und Hefte eingesammelt, das war bescheuert.

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