Wildenten

Heftige Windböen drückten die Fensterscheiben nach innen, die morschen Rahmen knallten an die Wände und das Glas zerbarst. Regen prasselte auf den Fußboden. Taghell erleuchtete der Blitz das Zimmer, Donner krachte, ein mörderisch lauter Knall ließ den Boden der Hütte erbeben. Die Rose im Wasserglas auf dem Tisch stand in farbenbunter Pracht, um einen Lidschlag später wie ausgeknipst im Schwarz zu versinken.

Der nächste Windstoß schob sich in den Raum und machte sich darin breit, indem er seine Wucht in sanftes, beharrliches Säuseln wandelte, das um den erstarrt dasitzenden jungen Mann kreiste und tanzte, anschwoll und abebbte.

Völliger Stille herrschte, dann setzte ein kaum hörbares Pfeifen ein, das um den Mann sprang und pfiff, Luftfinger auf seinen bloßen Armen wandern ließ, in seinen Haaren wühlte, an seinen Ohren zupfte, seinen Bauch entlang strich, seinen Hintern tätschelte, um die Knöchel fasste.

Der halberstickte Laut, den er gerade so herauswürgen konnte, klang in seinen Ohren wie das Quaken der Wildenten, die er am Nachmittag geschossen hatte … ja, das war’s, war er nicht ein Pfiffikus? – wo war sein Gewehr? Gehetzt sprang er vom Stuhl auf, tastete sich zum Schrank und bekam den Lauf der Waffe zu fassen, legte sie an und krümmte den Finger um den Abzug.

Ein weitere Blitz hob die Rose aus dem Dunkel, während sich das Pfeifen der Luft zum schrillen Kreischen steigerte, zum Crescendo, in dem Gegenstände flogen, und mitten darin erklang eine verschlafene Stimme. Reflexhaft bewegte er den Lauf, da knallte etwas gegen seine Hand und löste den Schuss aus, dessen Knall den Donner übertönte.

Noch im sachten Sonnenlicht des Morgengrauens hockte er, das Jagdgewehr neben sich, traumverloren neben der Leiche, deren hellbraune Haare zusammen mit den Daumen des aufgerissenen Schlafsacks in der Blutlache schwammen, die sich auf dem billigen Linoleumfußboden ausgebreitet hatte, ihr Gesicht so entspannt, als hätten die Schlafmittel ihr wirklich eine ruhige Nacht beschert.

  • abc.etüden – drei Wörter, zehn Sätze. Vielen Dank an Redskiesoverparadise für die Wortspende, PFIFFIKUS, TÄTSCHELN und TRAUMVERLOREN brachten mich sehr angenehm ins Grübeln.
  • Der Sammelblog für die abc.etüden heißt Irgendwas ist immer.
Advertisements

4 Comments

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s