Nora oder Ein Puppenheim

Kennt ihr Nora? Henrik Ibsen gab seinem Stück den Titel „Ein Puppenheim“ und zwei Enden. Auf Deutsch heißt es „Nora oder Ein Puppenheim“, was die acht Jahre ihrer Ehe wertet.

Ich erzähl‘ euch von Nora. Es geht um das Wunderbare!

Ein Puppenheim – tatsächlich lebt Nora als Püppchen, spielt mit den Kindern, spielt Frauchen. Ihr Mann nennt sie „Singlerche“ und „Eichkätzchen“, schimpft sie wegen Leichtsinn und Verschwendungssucht. Denn die Haushaltskasse entspricht nicht dem Wünschen des frischgebackenen Herrn Bankdirektors Torvald Helmer. Ständig fehlt Geld. Nora kann so schlecht rechnen. Aber sie ist so hübsch! Und ungeschickt. Wie sie sich wochenlang einschloss, um Geschenke zu basteln, und dann hat die Katze alles zerstört. Ständig passiert so was. Ihr Mann muss viel Geld in das süße Wesen stecken, und er liebt es.

An diesem Nachmittag vor Weihnachten steht eine ernste Frau in der Tür, die Nora erst auf den zweiten Blick erkennt: Zehn Jahre hat sie ihre Freundin Christine Lindner nicht gesehen. Sie hat viel durchgemacht. Nun ist ihr Mann tot, ebenso wie die pflegebedürftige Mutter, und ihre Brüder, für die sie sorgte, haben Anstellungen. Sie ist allein und arm.

Nora erschmeichelt von Helmer einen Posten in der Bank. Das passt ihm gut, denn in der Bank arbeitet dieser Krogstadt, ein alter Bekannten, der unbeliebt ist und peinlich. Irgendwann hat er Unterschriften gefälscht. Der soll raus, wenn Helmer Bankdirektor wird. Weg. Die Kündigung hat er schon. Christine soll seinen Posten haben. Und genau Krogstadt steht in der Tür, kaum dass Helmer mit Christine zur Bank gegangen ist.  Kein Wunder: Er hat gewartet.

Nora will Krogstadt nicht sprechen, erstens, weil sein Ruf so schlecht ist, zweitens, weil er ihr Geheimnis kennt: Dass sie zu Beginn ihrer Ehe viel Geld brauchte, um ihrem Mann eine teure Kur zu bezahlen. Torvald wusste nichts von Ernst der Krankheit, durfte sich nicht aufregen, musste in den Süden, und sie fälschte die Unterschrift ihres sterbenden Vaters, um das Geld für die Reise zu bekommen.So rettete sie sein Leben und ihre Ehe – und seine Ehre. Denn es müsste hart für ihn sein, erzählt sie Christine, so viel seiner Frau zu verdanken.

Der alten Freundin erzählt sie ihr Geheimnis, ihren Stolz, weil auch Christine sie nur als leichtsinnig kennt. Und wie Christine von den harten Jahren seit ihrer letzten Begegnung erzählt, will Nora mithalten, will reden: Wie sie seit acht Jahren heimlich arbeitet und spart, sich nur das Billigste gönnt, wie sie alles zurückzahlt. Nun droht Krogsted, alles auffliegen zu lassen, wenn sie ihren Mann nicht überredet, ihm seinen Posten zu lassen. Nora bittet um ihrer Kinder willen, und Krogsted fragt, wann sie an seine gedacht hat.

Nora hat 27 Stunden Zeit, dann soll ihr Mann die Wahrheit erfahren. Sie flattert wie ein Singvogel, ist entzückend, tanzt auf dem Maskenball. Sie beginnt, die Kinder beim Kindermädchen zu lassen, denn ihr Mann sprach von verderblichen Einfluss leichtsinniger Mütter. Sie will sie nicht verderben, da geht sie mit ihm konform, und als er sie ruft, fliegt sie in seine Arme.

Kurz vor Ablauf des Ultimatums trifft sich Christine mit Krogsted. Sie hat ihm geschrieben, denn sie waren als junge Leute verlobt, sie hat ihn verlassen, brauchte einen Mann, der ihre Mutter und ihre Brüder ernähren konnte. Der ist jetzt tot. Sie sagt, dass sie wieder jemanden braucht, um den sie sich kümmern kann, und dass er, der Witwer,  jemanden für seine Kinder braucht. Krogsted sagt, dass ihr Abschiedsbrief deutlich war, und Christine sagt, dass sie so schreiben musste, damit er sie vergisst. Er fragt, ob sie ihre Freundin retten will, und sie sagt, wer sich einmal verkauft hat, tut es nie wieder.

Krogsted glaubt ihr, und er will den Brief an Helmer aus dem Briefkasten holen. Doch Christine hindert ihn daran, denn sie hat mit wachsendem Entsetzen Noras Doppelexistenz beobachtet, sagt, dass Nora und Helmer reden müssen, unbedingt. Krogsted soll den Brief im Kasten lassen.

Dort findet ihn Helmer, als er und seine süße Singlerche nach dem Maskenball in die Wohnung zurückkehren. Er ist völlig entsetzt, erklärt Nora zum Auswurf der Menschheit, erdenkt Strategien, alles zu vertuschen – aber natürlich nicht mehr als echtes Zusammenleben, Nora, sagt er, kann nicht Ehefrau oder Mutter sein, weil ihr Charakter so schlecht ist.

Ein Geräusch an der Tür! Ein zweiter Brief, und darin ist der Schuldschein mit der gefälschten Unterschrift. Krogsted hat ihn geschickt, er gibt alle Ansprüche auf. Und oh! Alles ist gut. Sofort erkennt Helmer, dass Nora die Seine ist, denn sie hat es ja nur aus Liebe zu ihm getan. Er verzeiht ihr, will sie führen und erziehen, will sie umarmen. Doch da macht Nora nicht mit. Helmer ist entsetzt, wie sie über ihn und ihren eigenen Vater redet – sie sind doch die beiden Männer, die sie am meisten geliebt haben.

Nora widerspricht: „Ihr habt mich nie geliebt. Euch machte es nur Spaß, in mich verliebt zu sein.“

Helmer mahnt: „In erster Linie bist Du Gattin und Mutter.“
Nora entgegnet: „Das glaube ich nicht mehr. Ich glaube, daß ich vor allen Dingen Mensch bin, so gut wie Du, – oder vielmehr, ich will versuchen, es zu werden.“

Und dann erklärt Nora ihre Träume, das Wunderbare, das sie alles durchhalten ließ: „Acht Jahre lang habe ich geduldig gewartet; denn, du lieber Gott, ich sah ja ein, daß das Wunderbare nicht wie ein Alltägliches kommen könne. Dann brach das Verderben über mich herein; und nun war ich unerschütterlich fest davon überzeugt: jetzt kommt das Wunderbare. Als Krogstads Brief draußen lag, – da dachte ich auch nicht einen Augenblick, Du könntest Dich den Bedingungen dieses Menschen fügen. Ich war fest überzeugt, daß Du ihm entgegnen würdest: tu es nur der ganzen Welt kund! Wenn das geschehen wäre, so glaubte ich felsenfest – dann würdest Du hervortreten und alles auf Dich nehmen und sagen: ich bin der Schuldige.“

Der Schluss ist der Grund, warum das Stück in England bis 1880 verboten war, und auch in Deutschland die Premiere nur mit einem veränderten Ausgang zustande kam – teils wegen der Zensur, teils, weil nicht jede Schauspielerin so etwas spielen wollte.

Torvald ist nun in der Rolle des Fragenden: „Nora, – werde ich Dir niemals wieder mehr als ein Fremder sein können?“ Nora nimmt ihre Reisetasche: „Ach, Torvald, dann müßte das Wunderbarste geschehen –.“ „Nenn es mir, dieses Wunderbarste!“Dann müßte mit uns beiden, mit Dir und mir, eine solche Wandlung vorgehen, daß –. Ach, Torvald, ich glaube an keine Wunder mehr.“ „Aber ich will daran glauben. Sprich zu Ende. Eine solche Wandlung, daß –?“ „– daß unser Zusammenleben eine Ehe werden könnte. Leb‘ wohl.“

Nun, das versöhnliche Ende: Torvald erwähnt die Kinder, Nora sinkt an der Tür zusammen und die beiden versuchen es miteinander. Damals hatte eine Frau, die ihre Familie verließ, keinerlei Rechte auf Kontakt, was man wisssen muss, um das Ausmaß der Veränderung durch diesen zweiten Schluss zu verstehen und die Bedeutung von Noras Entschluss, Mensch zu werden.

In der Science-Fiction spielt der „Sense of Wonder“ eine große Rolle, das Staunen angesichts des Wunderbaren. Science-Fiction dient auch dem Entwurf von Gesellschaftsformen, die unserer einen Spiegel vorhalten. Doch Ibsen konnte das auch. Das Stück spiegelte damals einen großen Misstand der europäischen Zivilisation, heute die Höhe ihrer Entwicklung.

Und das Wunderbare in einer Beziehung – das ist ein Dauerbrenner.

Zitiert habe ich nach der online verfügbaren Veröffentlichung im Spiegel Projekt Gutenberg http://gutenberg.spiegel.de/buch/ein-puppenheim-1704/1.

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