Myrine kämpft mit dem Mond

Sie wachte auf. Das Zimmer schien flach zu sein, zweidimensional, unwirklich dunkel, der Schattenriss eines Spielzeuggehäuses gegen den Mond, der voll und fett und rund vor ihrem Fenster stand, so strahlend hell, dass jeder Krater, jeder Hügel deutlich hervortrat, weswegen die Präsenz des über ihr, vor ihr schwebenden Himmelskörpers sie bannte, ihre Schranken aufhob und ihre Wirklichkeit erlöschen ließ.

Myrine rieb sich träge, mit fühllosen Fingern die Augen. Sie spürte sich nicht. Noch war sie nicht wach … und mit schlafwandlerischer Sicherheit wusste sie, dass sie auch nicht aufwachen würde, solange der Einfluss des Gestirns die sichtbare Welt bestimmte … sie brauchte eine Zäsur, einen Schnitt, der ihr erlaubte, das Überweltliche zu kontrollieren, das Rund zu zerstoßen, um in seinen besiegten Resten voll und ganz zu sich zu kommen.

Entgrenzt in Mondstrahlen aufgelöst war sie, dünn wie die Luft, schattenlos, ganz ohne Körper und Halt, doch ihr Geist begann zu wirbeln, drehte sich aus der Leere zu einer Spitze, einer Waffe, die ihr den Körper ersetzte. Aus dem leuchtenden Rund zog sie sich einen Wirbel, bog ihn zur Parabel, spann einen Keil, schmiedete Stahl in Gedanken, dehnte ihn lang – lang! – und fädelte dann seine hauchdünne Spitze in einen Mondkrater ein, machte ihn breit und zackig und scharf und sägte den Krater entlang, dass Staub und Geröll ins Kalte stoben, sah ihn zerbersten, ballte sich klein und nahm sich den nächsten vor.

Mit Entschlossenheit focht sie weiter, suchte ihr eigenes Ich gegen den Widerstand, bis sich Krater um Krater ein Spalt auftat, der sich Hügel um Hügel und durch Täler hindurch vertiefte, der immer weiter aufriss, bis Beben, Zittern und schließlich doch grellrotes Magma den Himmelskörper zerriss, den Fensterrahmen erfüllte, den Bann zerriss und ihr Zimmer und später das Licht der Sterne hinter der auseinandergeborstenen Scheibe wieder in die Wirklichkeit treten ließen. Der Bann des Mondes erlosch; sie fühlte das Laken, die Luft und die Schwere ihres wiedererrungenen Körpers, räkelte sich, wie sie wollte, rollte sich auf die Seite und schlief zufrieden ein.

Als Myrine erwachte, stand silbern die zarte Sichel des Mondes am Morgenhimmel und draußen lag Schnee, es waren zwei Wochen vergangen.

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Auch diese Zehnwortgeschichte entstand aus der Blogaktion abc.etüden, verlinkt hier:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/07/09/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-28-17-wortspende-von-autopict/

 

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4 Comments

  1. Oh wie klasse, zuerst gebannt vom Mond und dann wird er zerlegt… Großartig, da muss man erst mal drauf kommen und dann mit 10 Sätzen eine solche Geschichte schreiben, ich hab mir ja fast überlegt nachzuzählen. 😉
    Ich bin mal so frei und spendiere dir den Mond, wie ich ihn mir zu Beginn deiner Geschichte vorstelle:

    LG aus Mondhausen!

    Gefällt 1 Person

  2. Um aufzuwachen zersägt sie den Mond mit einer Waffe, die sie in Gedanken schmiedet. Ich bin platt. Hört sich an wie eine etwas andere Erklärung, warum der Mond ab- und zunimmt. Macht sie das bei jedem Vollmond? (Wusstest du, dass Myrine in der griechischen Mythologie eine Amazonenkönigin war?)
    Bin schwer angetan von deiner Etüde.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    1. Der Name blieb mir aus einem Jugendroman, in dem sie die Schwester der Amazonenkönigin war. Die glaubte sie tot und führte erbittert Krieg, um ihre Schwester zu rächen. Myrine aber lebte, sie hatte sich beim jährlichen Treffen um der Vermehrung willen verliebt und ihren Tod vorgetäuscht. Das war ein Arena-Taschenbuch.
      Der Name beschäftigt mich schon sehr lange.

      Und danke für das Lob!
      LG Alexandra

      Gefällt 1 Person

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