Michael Marcus Thurner – Das gestohlene Raumschiff (PR 2906)

Der Alltag Terranias in seinen licht- und schattenreichen Ausprägungen wird von der Ankunft eines aus einem Samenkorn wachsenden Raumschiffs unterbrochen, das gestohlenen, dann wiedergefundenen wird und zu Riesengröße inklusive Besatzung heranwächst. Die Gemeni versprechen Unsterblichkeit als Gastgeschenk.

Menschliche Hauptperson ist der todkranke siebenjährigen Yeto. In den schmerzvollen Abgründen seiner Anfälle begegnet er der Schwarzen Clara, die ihn holen will. Ihm helfen seine Eltern, seine Ärztin, sein Medoroboter Nestor und der Onryone Locctar Vetshener, der dem Kind rät, sich an die TDL zu wenden.

Dazu kommen die Vertreter eben dieses Terranischen Ligadienstes, Paracel Fitzgerald und Ona Jutaite, die den Journalisten Sommer suchen und über den Techno-Mahdi reden. Yeto findet ein Samenkorn und bekommt eine besondere Aufgabe: Mit seiner Aufmerksamkeit den Spross zu düngen, aus dem ein fünf Kilometer langes und dreieinhalb Kilometer breites Raumschiff wächst. Dafür soll er unsterblich werden.

Das Lesen lohnt sich allemal: Er bietet interessante Figuren und eine farbenprächtige Darstellung der Hauptstadt der Erde.

Der Roman ist zu schön, um über ihn zu reden.

Deshalb gehe ich den Weg des Nacherzählens.

Der folgende Text bildet die Handlung ab. Wer nicht gespoilert werden will, soll an dieser Stelle zu lesen aufhören und sich das E-Book, Heft oder Hörbuch holen, was man nur empfehlen kann.

Nun also: Die Geschichte von Yeto und dem Samen, aus dem ein gestohlenes Raumschiff wird.

Wir lernen den Siebenjährigen kennen, während er die Ratschläge der Ärzte rekapituliert, durch die er die Atemnot überwindet, seine Muskeln nach und nach einsetzen kann und dadurch die an ihm zerrende Schwarze Clara besiegt. Seine Eltern sind bei ihm und auch der Medorobot Nestor, der ihn nervt. Als es ihm besser geht, macht er seinem Vater ein schlechtes Gewissen, bis er ihn zu seiner Arbeit als Wohnungsverwalter mitnimmt.

Zeitversetztes Erzählen: Den TDL-Agenten Paracel Fitzgerald lernen wir kennen, während er nach dem Journalisten Sommer sucht. Er und seine Partnerin Ona Jutaite sprechen über den Onryonen Locctar Vetshener, den der Chef des TLD, Maurits Vingaden, wider Erwarten ernst nimmt, weil er sich nicht abwimmeln ließ. Sommer lebt im Vapido-Turm, den der Conscierge als Ort verfeinertenLuxuslebens beschreibt. Der Mann macht den Job, um in der Freizeit umsonst dort reinzukommen. Das einfache Leben in Terrania ist umsonst. Auch die Agenten kommen rein. Doch in Sommers Wohnung liegt alles durcheinander. Ist der Mann schlampig oder wurde er entführt? Die Agenten geben sich Mühe. Schließlich verdächtigt man Sommer, ein Raumschiff gestohlen zu haben.

Yeto und sein Vater begegnen in den Kimma-Türmen zwielichtigem Alltag in Gestalt einer unangenehmen Mieterin, die von Lepso stammt und Ärger macht. Dieser Wohnbereich ist von Luxus weit entfernt. Wer legal Geld hat, wohnt woanders. Von dort läuft der Junge zu Mamas Garten, in dem wir viel über Gartenbau im Terrania 1551 NGZ erfahren und von Yetos Freundin Panzer-Mona, die ebenfalls von einer unvorstellbar schweren Krankheit gezeichnet ist, in einem Stahlkorsett lebt und davon träumt, aus dieser »Dose« befreit zu werden. Yeto hilft Mama im Garten und zwischendrin ertönt der Umbrische Gong.

Dann kommt seine Ärztin Bunur zu Besuch. Sie spricht in rücksichtsloser Klarheit über seine Krankheit und dass sie immer schlimmer wird. In Wirklichkeit heißt die Krankheit des Jungen nicht Clara, sondern »nicht heilbaren Intermittierenden Muskulären Atonie (IMA)«: sie führt zu nicht vorhersehbare auftretenden Anfällen, während der die Muskulatur jegliche Spannung verliert, und die immer heftiger und länger werden. Sein Tod ist absehbar. Während Una eine Naturalistin ist, die sogar ihre Periode bekommt, technisiert die Ärztin aus dem Volk der Ara, der Galaktischen Mediziner, ihren Körper, so dass es metallisch klingt, wenn Yeto ihr gegen das Schienbein tritt. Sie will metallische Körperteile zu Zwecken des Selbstversuchs und der Optimierung.

Währenddessen ist Fitzgerald mit seiner Partnerin im Gleiter unterwegs durch Terrania City, von der belebten Thora Road in verlassene Viertel, vorbei am Containertransfer zwischen Terrania Spaceport und Atlan Spaceport und weiter, in immer heruntergekommenere Gebiete. Sie parken an einem heruntergekommenen Lagerhaus, dem dezentralen Lager eines gewissen Sommer, an dem Tellerköpfe – das ist der politisch unkorrekte Name für die, nun ja, tellerköpfigen Jülzisch – Ertruser und dazu vernarbte und Teilprothesen tragende Veteranen vergangener Kriege herumlungern. Una besticht den verantwortlichen Ertruser mit Bons für Rinderviertelchen. Sie suchen, überlegen, reden …unter anderem über de Synthogenetiker Ariel Butenanth und über den Techno-Mahdi, mit dem dieser angeblich in Kontakt steht. Sie reden über ihn und seine Thesen: »Technik ist Erlösung«, »Wissen ist Heil«, »Außerhalb der Technik ist keine Erlösung«, und: »Wenn Engel in die Geschichte eintreten, werden sie Maschinen sein«.

Yeto ist immer noch in Mamas Garten, während sie mit ihren gendesignten Obstbäumen zugange ist. Während er chillt und Grashalme isst, findet er etwas, das dort nicht hingehört: einen dunkelblauen, leicht ovalen Samen, ungefähr so groß wie ein Senfkorn. Als er darauf kaut, sticht er ihn. Yeto holt von Mama ein Säckchen. Die hat so was, denn sie behandelt jeden einzelnen Samen mit größter Aufmerksamkeit. Aber Yeto erzählt ihr nichts von seinem.

Nachmittags geht er mit Papa in einer Savannenlandschaft spazieren. Sie sprechen über das see- und Flussnetz von Terrania, begegnen Kropfgazellen. Dann kommt der Onryone Locctar Vetshener. Er hat goldene Augen und ein Emot in der tiefschwarzen Stirn. Mit ihm redet Yeto über seine Schwebequallen, seine Anupii. Yetos Mutter hasst die Onryonen, weil sie wohl die IMS-Krankheit in die Milchstraße eingeschleppt haben.

Später zappt das Kind sich durch die Fernsehprogramme und erinnert sich an den Samen, legt ihn auf die Fenserbank. Am nächsten Morgen ist es doppelt so groß. Und er wächst weiter, exponenziell: Pro Tag um das Doppelte seiner Größe. Das besonders Tolle daran ist: Es macht das Kind gesund. Yeto kann endlich ganz normal herumtoben. Nach acht Tagen ist das Korn einen halben Meter groß und sieht immer mehr wie ein Raumschiff aus. Weswegen ein Reporter, der die Sache bemerkt und sich der Panzer-Mona bedient, das Samenkornraumschiff entwendet. Für Yeto ist das gar nicht gut: Sein Zustand verschlechtert sich wieder, die Anfälle werden zunehmend schwerer.

Nun schließt sich der Kreis: Locctar Vetshener drängt Yeto, den TLD einzuschalten, und der Terranische Liga Dienst setzt die beiden Agenten auf den Reporter an. Am 18. Tag ihrer Suche finden Paracel Fitzgerald und seine Partnerin Ona Jutaite in einer Lagerhalle das ehemalige Korn. Es ist zu einem etwa fünfhundert Meter durchmessenden ovalen Gebilde herangewachsen, anscheinend wirklich ein Raumschiff, allerdings verschlossen, unzugänglich: Traktorstrahlen können ihm gar nichts, es entzieht sich jeder höherenergetischen Ortung und Paratronfelder, die ihm zu nahe kommen, bringt es einfach zum Erlöschen. Aber Stahltrossen helfen: Mit ihnen kann man das gewachsene Schiff aus seiner Halle hieven. Man bringt es auf dem Aldebaran Space Port. Für den Fall, dass es eine Besatzung enthält, stellt Hékener Sharoun ihm ein Ultimatum.

Nach 22 Tagen ist das Schiff ausgewachsen: Es ist nun 4960 Meter lang, 3530 Meter breit und damit fast die Hälfte der Landefläche. Aldebara Space Port durchmisst schlappe zehn Kilometer, das ist nicht viel für so ein Schiff. Am 23. Tag kommt die erste Botschaft der Fremden: „Wir sind die Gemeni. Wir kommen in Frieden und im Auftrag GESHODS. Wir errichten eine Schutzzone über der verwaisten Mächtigkeitsballung. Im Solsystem pflanzen wir das erste Pacische Rhizom.“

Sharoun ist nicht begeistert von den Gemeni, GESHOD und dem Pacischen Rhizom, verwaiste Mächtigkeitsballung hin oder her. Er antwortet, dass die Liga Freier Galaktiker (LFG) sich über das Interesse der Gemeni freue, aber keine Hilfe benötige. Deshalb sollen die Gemeni sich aus Terra und dem Solsystem zurückziehen.

Der Gemen Bhal Haddhunis erwidert, er habe zwar etwas mehr Entgegenkommen erwartet, aber man werde sich aus dem Solsystem zurückziehen, sobald sein Raumschiff – der Spross – flugfähig sei. Man würde es dann auch der Allgemeinheit öffnen. Noch dazu kündigt Bhal Haddhuni Gastgeschenke an, um seine Zuneigung zu den neu gefundenen Feunden auszudrücken. Welche Geschenke das sind, das klärt sich in seiner ersten, per Trivid verbreiteten Botschaft an Yeto Carell, der immer kränker wird, der nach den Besuchen der Schwarzen Clara kaum mehr ins Leben zurückfindet: Yeto sei der Obhüter des Sprosses und solle zur Belohnung sehr dauerhaft gesund werden: „Komm, Yeto Carell. Komm! Der Spross wird alle deine Leiden heilen. Komm an Bord von Spross YETO. Dieser erste von eintausend Zellaktivatoren ist ganz allein für dich reserviert.“

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