Leo Lukas – »Gerichtstag des Gondus« (PR 2904)

Der »Gerichtstag des Gondus« ist ein Roman, der mit Popcorn beginnt und mit knallenden Sektkorken endet. Beide landen in den Mägen des Ehepaars Briony Legh und Kriff Dnotz. Dazwischen liegen zwei Geschichten.

Die eine Geschichte erzählt, wie Besatzungsmitglieder der RAS TSCHUBAI mit Vergiftungserscheinungen auf der Medostation landen und dadurch der Tracker-Impuls auffliegt, durch den die Herrscher des Goldenen Reichs jederzeit über den Standort des Omniträgerschiffes informiert sind, und in der Folge ausgeflogen wird. Ihre Hauptpersonen sind die Erste Pilotin Briony Legh und ihr Ehemann, der einfache Schirmtechniker Kriff Dnotz, dazu Kommandant Cascard Hollander, Sichu Dorksteiger und Chefdiplomatin Fabienne Ikuk.

Die zweite schildert Prunk und Zynismus des Gondus Narashim und seines verschlagenen, genusssüchtigen Thronfolgers, des Guogondu Puoshoor, die den Terraner Perry Rhodan, wie er sich immer bewusster nennt, in diplomatische Schlichen verstricken und in das selbstgerechte manipulative Rechtssystem des Goldenen Reiches – bis er sich darin verfängt, aus Unwissenheit und zum Schutz des Lebens die härteste aller Strafen verhängt zu haben: Die Gedächtnisbuße, die aufgepropfte Erinnerung ans Hinschlachten der eigenen Familie.

Deshalb gibt es den Sekt auch nur auf der RAS TSCHUBAI, während Rhodan und seine Begleiter Feste besuchen, ohne Spaß zu haben.

Die Geschichte lebt – wie wir dies von den Romanen des Wiener Kabarettisten Leo Lukas kennen – von pointierten Dialogen, skurrilen Figuren und Wortwitz. Das hält die Handlung am Leben, die ansonsten in der dritten massiven Wiederholung von Grundinformationen zum neuen Schauplatz ersticken könnte. Die dienen dem Offenhalten der Einstiegsmöglichkeit in den neuen Zyklus und machen als solche auch Sinn – jetzt muss eigentlich jeder kapiert haben, wie es in Sevcooris zugeht, und muss nichts nachlesen. Steht ja alles auch in diesem Roman noch mal drin. Wobei zusätzlich zu den Wiederholungen in jedem der betroffenen Romane unheimlich viel passiert. Unterm Strich ist der Handlungsfortschritt im neuen Zyklus schon wieder enorm schnell.

Schlichen und Reaktionen stellen das Thema. Es ist ein Roman ungehemmter junger Leute mit Hintergedanken: Da ist einerseits der Thoogondu-Thronfolger Puoshoor, der erbarmungslos provoziert. Inmitter der von ihm geleiteten Tour de Force durch den Prunk des Gondunats und seine überlegende Technik von Neurotronik und Lokatoren-Antrieb, stellt er Rhodans Leute immer wieder als kleinlich, dümmlich und unterlegen dar. Sfianit und Kauttuno führen sie herum, Puoshoor führt sie vor.

Doch die Galaktiker schlagen zurück, mit dem Schreibgerät, nicht dem Schwert. Ihre Geheimwaffe heißt Pen, genauer: Penelope Addis, sehr jung, halb Terranerin, halb Baalol. Sie provoziert, indem sie vollständig lila auftritt, für die Thoogundu also gespensterartig unsichtbar bleibt. Perry lässt sie gewähren und fährt gut damit, denn die Thoogondu sind von ihr begeistert.

Dann prägt unverständliches Unwissen die Entscheidungen, das Schweigen der Semitronik: Im vorangehenden Heft problematisierte Kai Hirdt bereits die Informationsthematik. Das Datenschutzproblem, das Problem allzu sicheren Datenschutzes, handhabt Leo Lukas, indem er die Besatzung der RAS TSCHUBAI auf die fieberhafte Suche nach dem Verräter schickt, der irgendwo stecken muss, denn es gibt einen, der Geheimdaten an die Thoogondu sendet. Woher wissen die so genau über den Aufenthaltsort der RAS TSCHUBAI Bescheid? Erneut ist der Schutz des Schiffes gefährdet, weil die Semitronik Personendaten nicht speichert und Profile nicht abgleicht wegen der Unantastbarkeit der Privatsphäre.

Wie im Vorgängerroman, stellt auch hier die Privatsphäre die Gegenwelt, löst das Problem: Schlüsselfiguren, Detektivfiguren sind die Erste Piloten Briony Legh – auch sie »wird« während des Fliegens zum Schiff – und ihr im Rang weit unter ihr stehender Ehemann Kriff Dnotz. Als Ertruserin, die an eine höhere Schwerkraft gewöhnt und entsprechend dick und rund ist, wird Briony zur Quotendicken: eine lebenslustige, essfreudige, intelligente Frau, die für ihren Umfang geliebt wird und ihren Mann anbetet, ohne dadurch in ihrer Persönlichkeit zu verblassen. Wann wird er eine Terranerin dieser Art in der Serie geben? Eine selbstbewusste Dicke, die nicht zugleich komisch ist? Briony und ihr Mann decken das Komplott auf. Sie schaffen, was die Semitronik nicht leisten kann, weil sie aufpassen und einander zuhören.

Schwer zugänglich ist der Ausgang des Romans. Ausgerechnet der politisch interessierte Kabarettist Leo Lukas lässt den erfahrenen Staatsmann Rhodan ziemlich dämlich agieren. Der Gondu Narashim und der Thronfolger Puashoor verstricken ihn in die Schlingen und Ränke einer Gerichtsverhandlung gegen politisch motivierte Attentäter. Er bekommt eine Rolle in der Verhandlung, eine Möglichkeit bekommt, ihr Leben zu retten. Trotz des offensichtlichen Protestes der Angeklagten verurteilt er sie, nachdem der erste starb, zu einer unverstandenen Strafe, die sich als das Weiterleben mit einer aufgepfropften Erinnerung schlimmster Natur entpuppt. Danach ist er entsetzt. Das wirkt naiv, es sollte ihm nicht passieren.

Die Handlung des Romans im Detail (Vorsicht Spoiler!):

Im Prolog, beim Popcorn, lassen Briony und Kriff die Geschehnisse um die Schutzgeister und Yerrem Karatas‘ Attentat auf den Zyklotrafspeicher Revue passieren und denken über die verbleibende Gefahr nach. Mit dem ersten Kapitel wechselt die Handlung zu Perry Rhodan, der ebenfalls über die Schutzgeister nachdenkt: Dass sie das Omniträgerschiff als »Schiff des Grauens« bezeichneten, dass sie alle von gefälschten Erinnerungen gelenkt wurden und dass ihr Anführer, der »Barong« , neue Mitglieder rekrutieren könnte.

Die RAS TSCHUBAI befindet sich auf dem Weg von Thoaloon zu einem 30.000 Lichtjahre entfernten Treffpunkt, damit Perry Rhodan von dort, ohne eigenen Koordinatenkenntnis, mit dem Pentasphärenraumer DAADEM des designierten Thronfolgers Puoshoor ins Tizillarsystem fliegt, um einer Audienz des Gondus Narashim beizuwohnen. Sichu beschäftigt sich mit den Holzkästchen der Schutzgeister und Farye hat ihr ABOB/F gesendet.

Am Treffpunkt lässt Puoashoor sich mit einem zweikugeligen Beiboot übersetzen und wird ins Ogygia-Habita geführt, wo Fabienne einen Pavillon im Stil der galaktischen Epochen aufgebaut hat, die dem Gondunat am meisten ähneln: dem Barock und der Hochblüte Arkons. Dort trifft der Thronerbe den »Erben des Wanderers«, Perry Rhodan.

Die abgezirkelten diplomatischen Gespräche geben Gelegenheit, die Thoogondu genau zu betrachten: Die Muster aus blau schimmernden Adern auf ihren weißen Gesichtern, die hellroten, vollen Lippen und großen, sehr dunklen Augen, die im Infrarotbereich sehen, so dass sie Grün als Gelb wahrnehmen und Blau bis Violett als Schwarz. Sie sehen auch Wärmebilder und sie gehen gebückt. Wegen der Porenatmung tragen sie kaum Kleidung auf ihrem Körperpanzer aus daumennagelgroßen Sechsecken, der sich von der Stirn bis zu den Außenseiten der Arme zieht – mit Ausnahme des aufreizend provozierenden Puoshoor, der sich extra bunt schmückt. Erschreckt erkennt Rhodan die Ähnlichkeit mit seinem Sohn Michael – wir können ihn uns wohl als eine Art Deadpool vorstellen, aber planend und hedonistisch.

Perry darf drei Begleiter mitnehmen. Fabienne fühlt sich krank und schlägt die Xenosemiotikerin Penelope Addis vor, halb Terranerin, halb Baalol. Dann wählt man den Spezialisten für autonome Einsatzteams, Dean »Cashew« Tunbridge, der immer Nüsse kaut, und den oxtornischen Technoanalytiker Báron Danhuser. Der Thronfolger gewährt der RAS TSCHUBAI den Versuch, mit eigenen Mitteln dem Kurs der DAADEM zu folgen.

Penelope – Pen – provoziert vom ersten Moment an, indem sie vollständig lila auftritt, für die Thoogundu also unsichtbar bleibt, gespensterartig. Perry lässt sie gewähren und fährt gut damit. Denn auch Puashoor provoziert erbarmungslos weiter und die Ratschläge, die Fabienne ihm mit auf den Weg gab, lassen selbst den erfahrenen Perry Rhodan nur mühsam Schlinge um Schlinge vermeiden. Nun beginnt eine Tour de Force durch den Prunk des Gondunats und seine überlegende Technik von Neurotronik und Lokatoren-Antrieb, während der Rhodans Leute immer wieder als kleinlich, dümmlich und unterlegen vorgeführt werden. Sfianit und Kauttuno führen sie herum, Puoshoor führt sie vor.

Währenddessen geben Cascard Holonder und seine Crew ihr Bestes, um der DAADEM auf der Spur zu bleiben. Briony fliegt. Nach kurzer Zeit fühlen sie sich allerdings ebenfalls vorgeführt, veräppelt. Dann scheint die DAADEM Ernst zu machen mit dem Abhängen – doch die RAS TSCHUBAI bleibt dran. Am Zielgebiet wird ihnen hochnäsig gratuliert – und empfohlen, jetzt brav wieder umzukehren. Das bringt ANANSI zum Rechnen. Es sieht ja geradezu aus, als könnten die Thoogondu das Omniträgerschiff jederzeit sicher orten … komisch. Und so entsteht die Idee, nach Trackern zu suchen. Hat jemand einen sehr komplexen Peilsender an Bord geschmuggelt? Und wer und wie?

Rhodan und seine Begleiter sehen noch mehr vom Pentsphärenraumer, lernen die riesigen Räume der Thoogondu kennen, die ständig auf Tuchfühlung gehen, und erfahren von ihrer Lieblingsdroge Luuoma; das ist ein dunkelrotes Getränk, in dem silbrige Funken aufleuchten und das Raum- und Zeitgefühl aufhebt. Pen ist ein voller Erfolg, wirbelt überall herum und erfährt durch ihren zur Schau getragenen naiven Enthusiasmus fast alles. Dann folgt eine Waffenübung, in der ein Komet, der eine junge Zivilisation zu zerstören droht, lässig in letzter Sekunde abgeschossen wird – eilt ja alles nicht, nur ein Kleingeist wie Rhodan regt sich über dergleichen Lappalien auf.

Die Crew der RAS TSCHUBAI geht die Gruppe der Verschwörer durch und was über ihre Kästchen bekannt ist, während die Krankheitsfälle sich häufen. Hyperfelder und feine Hyperkristalle in den Kästchen geraten ins Blickfeld. Der konsequente Datenschutz an Bord macht es Holonder schwer, einen Überblick zu erhalten, doch durch geschicktes Nachfragen bekommt er heraus, dass Fabienne die erste Erkrankte war, es 27 Betroffene gibt und noch keine gültigere Diagnose vorliegt als die Feststellung einer leicht behandelbaren Hyperkristall-Vergiftung.

Die DAADEM erreicht Taquond, den zweiten Planeten von Tizillar, eine von Oktopoden bewohnte Paladische Welt, also einer der Regierungssitze des Gondu. Der Thronfolger trifft sich mit seinem Vater, während Rhodan den Planeten und die vielen Schiffe im System beobachtet und dabei die Botschaft durchdenkt, die er von hier bekam: Dass das »Vertriebene Volk« den Milchstraßenvölkern, die nicht mehr von ES behütet werden, Schutz gewähren könne. Bei einer Führung auf dem Planeten erkennt er in einem Mosaik das Bild eines terranischen Kugelraumers namens ORION.

Dann geht es zur Audienz. Rhodan will natürlich nicht in Herrscherpose allein, sondern mit seinem Team aus der Luft abgesetzt werden, zum Befremden Puoshoors, der weiterhin ständig Fallstricke baut und Desinteresse an der Politik äußert, ständigen Beteuerungen zufolge kein Thronfolger sein will und dadurch alle Fragen umgeht. Auf dem Dach des perlmuttfarben schimmernden, von goldenen Intarsien überzogenen Würfelgebäudes erwarten sie Gäonen, die Rhodan für Cyborgs hält. Natürlich streitet Puoshoor das ab. Als sie den Thron erreichen, einen geschlossenen, türkisfarbenen Zylinder, erfolgt ein Attentat. Alle werden verletzt. Der Gondu war natülich ein Double, wie Rhodan später erfährt.

Briony ist stolz, denn ihr Mann kommt auf die Lösung des Rätsels: Alle Erkrankten haben Führungspositionen, sind viel unterwegs und benutzen das bordeigene Transportsystem. Hierzu liegen nun alle Daten penibel genau vor, so dass ANANSI in Windeseile drei mit Hyperkristallen verseuchte Expresskabinen identifizieren kann. Immer wenn sie sich zufällig treffen, wird ein ultrakurzer Trackerimpuls abgestrahlt. Aber nicht mehr lange … man schafft das Zeug an Bord einer weitgehend robotgesteuerten Korvette mit Posmi-Kommandanten und terranischem Stellvertreter und schickt es ab. Dabei erklärt Kriff seiner Frau die Etymologie von RED HERRING, wie man die Korvette getauft hat. Ein Pentasphärenraumer schickt sich an, ihr zu folgen, und es gibt Sekt.

Perry Rhodan wiederum darf die Xeno-Spezialklinik verlassen, um am Gerichtstag des Gondus teilzunehmen. Der Gondu Narashim richtet über die fünf Attentäter. Rhodan hatte erwartet, etwas über die Hintergründe zu erfahren. Stattdessen wird ihm die frgwürdige Ehre zuteil, zwischen zwei Strafen zu wählen, der Nichtigen Vitrine und der Gedächtnisbuße. Alle Verurteilten wählten erstere, doch als Rhodan bei der Vollstreckung auf dem »Platz der Bußfertigen« sieht, wie sie in Zylinder geführt und desintegriert werden, macht er vom verliehenen Vetorecht Gebrauch. Um das Leben zu schützen – doch nun wehren sich die Verurteilten. Sie bekommen Helme um den Kopf, werden dann im Zustand panischen Entsetzens freigelassen.

Rhodan erfährt zu spät, zu was er sie verurteilt hat: Sie erhielten die gefälschte Erinnerung, ihre Familien niedergemetzelt zu haben, und dürfen damit bis an den Rest ihres Lebens in Freiheit herumlaufen. Dem entsetzten Terraner erklärt ein plötzlich humorloser Poushoor, dass er sich kein Urteil über die auf der kosmischen Bühne weit über ihm agierenden Thoogondu erlauben könne, dass Wahrheit nichts sei als eine von nicht voll entwickelten intellektuellen Fähigkeiten vorgegaukelte Rationalisierung, dass er jetzt bumsen geht und dass niemand Rhodan gezwungen hat, sich ohne ausreichende Vorkenntnisse einzumischen. Was wiederum wahr ist.

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