Menschenkind am Meer

Im frühen Zwielicht lagen Meer und Strand, stand das Kind in der farblosen Stille, im tonlosen Raum, der besteht, ehe die Sonne den Horizont überschreitet, eine Muschel in der runden Faust, weitere Strandbeute in der Kindergartentasche gesammelt, und blickte auf die endlose Wasserfläche. Sanfter Wellenschlag zog lange Spuren in den Sand um die kleinen Füße.

Dann kam eine härtere Welle und noch eine. Das Kind blieb stehen, obwohl die Wogen jetzt in schneller Folge an seine Schienbeine schlugen und es im Zurückfließen hin zur bodenlosen Tiefe zogen.

Nun teilte ein Haupt die Wogen, schuppig und schön, mit langen Nüstern, schwarz sich wölbenden Augen und einer Hornkrone, die sich in den flachen Stacheln entlang des langen Halses fortsetzte. Schlinge um Schlinge schob sich der triefende Körper aus den Wogen, bildete einen weiten Halbkreis um das Kleine, das furchtlos dastand und schaute.

Als nächstes senkte sich der Kopf in erhabenem Bogen zu ihm hinab, bis schuppige Schnauze und Stubsnase einander beinahe berührten. Nach einer Weile streckte das Kleine die Hand aus und legte sie auf die Nase seines Besuchers, der sich wassersprühend schüttelte und mit sichtlicher Zufriedenheit seine Ringe einen um den anderen ins Meer zurückgleiten ließ.

Noch einmal wurde die Schwanzspitze sichtbar, während die Sonne über den Horizont kroch und die Fensterscheiben des Hotelbaus ergleißen ließ. Die Stimme der Mutter erklang: »Mensch, Kind, wie kommst du dazu, alleine hier rauszulaufen?«

Sammelpunkt für die abc.etüden ist der Blog »Irgendwas ist immer«, teilnehmen kann jeder.

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/05/07/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-19-17-wortspende-von-jaecki-lindenau/

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