Uwe Anton: »Zeitspringer« – TERMINUS (Band I)

Am 21. April 2017 erschien Heft 1 der zwölfteilig konzipierten Miniserie TERMINUS. Sein Autor ist zugleich der Expokrat: Uwe Anton. Die in sich abgeschlossene Handlung wurde an einer offenen Stelle der Serienhistorie angesiedelt, und zwar zwischen Heft 400 und 401. Das war die Zeit, in der Perry Rhodan Großadministrator eines Solaren Imperiums war, dessen Bevölkerung ihn anderthalb Jahrtausende lang demokratisch wählte, in der die Unsterblichen – Reginald Bull, Alaska Saedelaere, Julian Tifflor – einander siezten, als man ihm mit zackigem »Jawohl, Sir« antwortete. Die Zeit, in denen – nach Auskunft der Macher – klaustrophobisch enge Mannschaftsquartiere nach Schmieröl rochen und die Ketten der Shifts rasselten, als jeder seinen Platz im Hierarchiegefüge hatte. Es wurde geraucht und es gab erst ganz wenig kosmischen Überbau, erst die eine Superintelligenz ES, von der die Unsterblichkeit kam. Kosmokraten und Co schrieb erst William Voltz in die Serie. Alles war einfacher. Daran will man anknüpfen.

Unsere Handlung beginnt mit einem überraschenden Fund: Im Kuipergürtel, genauer: inmitten der Trümmer des Pluto betritt Perry Rhodan einen durch Zufall beschädigten Asteroiden mit ungewöhnlichem Inhalt: neun schwebenden, schattenlosen Obelisken. Auf dem Weg trifft er noch dazu ein bekanntes Gesicht mit vertrautem Namen: einen Wissenschaftler aus einer Familie, in der alle seltsam gleich aussehen, er hat das früher schon überprüfen lassen.

Von den 400er-Bänden her kennt man beides: Die Cynos, deren Körper nur wie ein Schatten auf niederdimensionaler Ebene funktioniert, wie ein Abziehbild. Wesen, die durch Paramodulation jede beliebige Gestalt annehmen können. Der Halbcyno Dalaimoc Rorvic war ein ungewöhnlich starker Mutant, der manchmal als Drache erschien. Und im Tod werden Cynos zu schattenlosen Obelisken.

Genau solche findet Rhodan in diesem Asteroiden: »Die Objekte in der Kaverne warfen scharf umrissene Schatten, die sich klar und überdeutlich wahrnehmen ließen. Zumindest die meisten Objekte. Denn um einen Sockel aus einem Material, bei dem es sich um Hyperkristalle zu handeln schien, die in einem dumpfen, roten Licht leuchteten, schwebten zu einem Kreis angeordnet neun Obelisken von etwa zweieinhalb Metern Höhe. Sie warfen keinen Schatten«.

Rhodan grübelt, seine Haut kribbelt und er vermutet, dass die Cynos nicht völlig tot sind. Schließlich berührt er den Sockel und findet sich augenblicklich ein paar Hundert Meter über einem Planeten wieder – dank SERUN schwebend – und sieht ein schier endloses Feld schattenloser Obelisken. Dann überspült ihn die Erinnerung. Er erkennt, dass er vergaß, weil seine Erinnerung manipuliert wurde und er erkennt entsetzt, was irgendwann damals geschah: »Mein Gott«, murmelte Perry Rhodan, »was habe ich getan …?«

Damit beginnt der Rückblick, der große Zeitsprung ins Jahr 3430 unserer Zeitrechnung. Die beiden Geheimagenten der Imperium Dabrifa, Juki Leann und Darren Zitarra, dringen getarnt ins Solsytem ein, um ein Ziel für den bevorstehenden Angriff zu markieren. Denn die ehemaligen Kolonialplaneten haben Machtblöcke gebildet – unter anderem das Imperium Dabrifa, die Zentralgalaktische Union und den Carsualschen Bund – und stehen zum Angriff bereit. Das schildert Heft 400, enthalten im Silberband 45, in allen strategischen Einzelheiten.

Deshalb tritt der »Fall Laurin« ein: Das Solsystem verbirgt sich vor den angreifenden Flotten der Antisolaren Koalition ehemaliger Kolonisten in einem »antitemporalen Gezeitenfeld«, das es permanent fünf Minuten in die Zukunft versetzt. Sprengladungen erwecken den Eindruck, es sei zufälligerweise genau jetzt explodiert und vernichtet. Die Angreifer finden nichts mehr und müssen heimfliegen.

Wer nicht heimfliegt, das sind Juki Leann und Darren Zitarra. Sie geraten in die Randzonen des Zeitfelds. Wie Rhodan beobachten sie gemächlich das Asteroidenfeld, allerdings mit intaktem Pluto, und denken über ihre Auftraggeber und Kollegen nach. Dann verändert sich alles. Das Schiff glüht. Der Haluter Icho Tolot persönlich ist vor Ort, um sie zu retten, und sie wollen ihn töten. Er bringt sie nach Imperium-Alpha, dem Sicherheitszentrum der Menschheit. Und dort stellt sich heraus, dass sich Teile des Zeitfeldes in ihren Körpern festgesetzt haben, dass sie unvermutet aus ihren Zellen verschwinden, um sich in anderen Zeiten wiederzufinden – Vergangenheit wie Zukunft – und dass sie an ihrem Ausbruch arbeiten.

Der Roman wirkt erst mal durch seine Sprache und seinen übersichtlichen Aufbau auch in kleinen Abschnitten. Jeder Bestandteil transportiert zum nächsten weiter. Ich habe über den Unterschied nachgedacht … es gibt unerfahrere Autoren, die tadellos schreiben und doch ermüdet es mich. Ich überlege dann: Wenn diese Autoren aus ihren Geschichten einfach mal die Hälfte der Wörter rausholen müssten, welche würden sie wählen? Während in Uwe Antons Sprache wenig Redundanzen sind. Vielleicht mal zu viele Anspielungen, zu viel Verspieltheit, aber nichts Überflüssiges. Natürlich kann manches überflüssig erscheinen, wenn er die offenen Handlungsfäden anderer Autoren aufarbeitet … Hier ist er jedoch in seinem eigenen Revier und zu Beginn einer selbst konzipierten Miniserie. Das heißt, dass wirklich nur die Geschichte selber dasteht und sonst gar nichts, und das ist wirklich schön. Auch sehr flüssig zu lesen.

Die Übersichtlichkeit setzt sich im Aufbau fort. Heutzutage wird öfter mal Spannung durch Unübersichtlichkeit aufgebaut und dass Handlungsfäden nebeneinander herlaufen, abwechslungsreich wie das Rumzappen am Fernseher, bis sie zusammenlaufen. Hier wird linear erzählt: Man sieht eine Tür, öffnet sie, geht hindurch und dann geht es auf der anderen Seite weiter, um ein Beispiel zu geben. Das gibt dem Leser ein Erfolgserlebnis. Man kommt beim Lesen weiter und das finde ich angenehm. Insofern passt die Erzählstrategie zum Programm.

Für die Atmosphäre sorgen neben der Sprache drei Faktoren: Erstens die sehr präzisen Schilderungen der der Orte, wie zum Beipiel der Asteroiden und des Gangsystems von Imperium-Alpha. Zweitens die lebhaften, eben nicht »guten« Charaktere, die extra für diese Miniserie erfunden wurden und die sich ziemlich von denen aus der Ära Scheer unterscheiden. Hier haben wir einen serienhistorischen Zeitprung, denn Heft 400 erschien im Mai 1969. Es laufen traditionelle und moderne Konflikte nebeneinander her. Wobei die Protagonisten in ihrer aktuell ablaufenden Welt stecken statt während der Handlung an was anderes zu denken, was ebenfalls sehr zur angenehmen Lesbarkeit beiträgt.

Drittens gibt es die Übernahmen, Anleihen, Nachbildungen bei den Geschehnissen. Auch hier ist alles einfach und fassbar. Natürlich finden wir Modernes – die Geheimagenten tragen knallorange Gefängnisoveralls. Und dann gibt es Szenen, die so peinlich doof sind wie in den guten alten Zeiten, etwa als Juki sich bei den Verdummten wiederfindet, als Sklavin vor ein Joch gespannt wird und dem Mann mit der Peitsche offensichtlich gefällt, was er sieht, wobei man für den erneuten Zeitsprung nur dankbar sein kann … wo ich als Leserin erst mal »Uwe? Was soll das denn sein?« denke und überlege, ob ich jetzt rot werden sollte oder doch nicht und mir als nächstes die Szene einfällt, damals, wie Perry Mory gerettet hat. Das mit der Jacke. Zeugs, das man irgendwo besser vergisst und das eben doch zur Serie gehört.

Jedenfalls ist dieser erste Band von TERMINUS sehr schön und stimmungsvoll. Band II, »Flucht durch Terrania«, erscheint am 5. Mai. Er stammt von Jungautor Dennis Mathiak, ist actionreich und zeigt, so weit ich das verstanden habe, die Hauptstadt der Menschheit aus dem Blickwinkel der geflohenen Juki, die eben alles anders sieht als die Terraner. Nicht so gut, nicht so tadellos. Und die Einwohner müssen mit der Abschottung durch das Antitemporale Gezeitenfeld umgehen, das sie vom Rest der Galaxis trennt. Ich bin gespannt, wie die Sache weitergeht.

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