Kai Hirdt – Der Bund der Schutzgeister (PR 2903)

Der erste Roman des NEO- und Comic-Autors in der Erstauflage erzählt die Vater-Sohn-Geschichte zwischen dem Piloten der RAS TSCHUBAI, Andris Kantweinen, und seinem zehnjährigen nichtmenschlichen Adoptivkind Täller, in deren Verlauf eine die Existenz des Schiffes bedrohende Verschwörung aufgedeckt wird, hinter der die Herrscher des Goldenen Reiches in der Galaxie Sevcooris stecken könnten, oder jemand anders.

Es ist ein klassischer Detektivroman, allerdings verzahnt mit der Problematik Künstlicher Intelligenz und ihrer Überwachungsfunktionen. Und dann ist er eben doch kein Einzelroman, sondern ist, zu Beginn und im Resultat, mit dem Zyklusverlauf verbunden.

Kai Hirdts luzide Sprache und durchdachte Logik in Ablauf und Proportionen macht in hohem Maße möglich, was mit den ersten Romanen des Zyklus wohl beabsichtigt wurde: Dem potenziellen Neueinsteiger gut zugängliche Einzelromane mit eigenständiger Informationsvergabe anzubieten, wieder einsteigende Altleser mit übersichtlicher Handlung zufriedenzustellen und zugleich dauerhaft lesende Fans zu beschäftigen.

Die drei Komponenten laufen ein Stück weit nebeneinander her. Das liegt zum einen an den Hauptpersonen. Wir haben zwei Erzählstränge, die emotional aufgeladen wurden: Einen um den einsamen Mandaanen, der in Kantweinens Kabine lebt und diese – ganz Zehnjähriger – vollmüllt, während er Computerspiele und Fernsehen konsumiert. Er liebt Bäume, Holz und Gesellschaft, kann beim Klettern zu viel und beim Wettbewerb im Gravokubus zu wenig, beobachtet alles, aber kapiert nur Ausschnitte.

Die Vater-Sohn-Kiste ist in der männlichen Lebenswirklichkeit des cyberaffinen Piloten Kantweiner angesiedelt, der via SERT-Haube regelmäßig eins mit der RAS TSCHUBAI wird: Tällers Ziehvater versteht seine Probleme nicht, bis sie gemeinsam die Krise bewältigen und losziehen, es den anderen zu zeigen. Wie Kantweinen sich allmählich in das Leben als Vater findet, das ergibt komische, aber auch ebenso viele berührende Szenen. Täller steht im Mittelpunkt der erfolgreichen Detektivhandlung: Kind und Vater finden den Bösen.

Zentralfigur des zweiten Erzählstrangs ist Perry Rhodan. Er lässt zu Beginn des Romans den Blick durch die Zentrale schweifen, denkt an abwesende Freunde und lässt die intergalaktische Situation Revue passieren. Er leitet die offiziellen Ermittlungen hat, mit ihm hat der Leser den Überblick, mit ihm erlebt er die Täuschung und arbeitet an Gegenmaßnahmen.

Die Gruppe der Schutzgeister, den Geheimbund, erleben wir lange nur als anonymes Raunen, ohne die Pläne und, sagen wir, anderweitig validen Informationen irgendeiner der handelnden Personen zuordnen zu können, wenn wir nicht genau darauf achten, was sie sagen und tun. Schnell erschließt sich, was das Grauen ist, von dem sie sprechen. Aber wie kommen sie dazu? Und wer sind sie, wie entschlossen sind sie, was tun sie als nächstes? Diese interaktive Detektivarbeit hat der Leser zu leisten, bis Perry Rhodan und Täller so weit sind.

Damit solch ein Versteckspiel überhaupt möglich wird, muss die Künstliche Intelligenz eingedämmt werden und die natürliche Intelligenz manipuliert. Zweiteres wird Thema durch eine Reihe von Verhören unter der SEMT-Haube, durch die man die Erinnerungen des Verhörten als Realität miterleben kann, als real empfindet – bis sie einander widersprechen. Hierbei reihen sich Episoden aneinander, ohne dass wirklich was weitergeht oder genug Gefühle im Spiel wären.

Erstere wird durch den Schutz der Persönlichkeitsrechte begrenzt. Und es wird dann eben gesagt, dass es soundso ist, ohne dass man groß was nachvollziehen kann. Nicht im Zeitalter der Cookies und des Internet of Things mit seinem ständigen Datenabgleich.

Die unfassbare Kapazität der Semitronik ANANSI haben wir kennengelernt, als die Pashukan sie haben wollten, um die Umwandlung der Galaxis Orpleyd in eine Materiesenke zu steuern. Jetzt kann sie nichts über Besatzungsmitglieder herausfinden! Und zwar wegen der Persönlichkeitsrechte, die bei den Besatzungsmitgliedern der RAS TSCHUBAI in diesem und dem vergangenen Zyklus ungeahnte Ausmaße erreicht haben. Was irreal scheint, aber anscheinend mit der Entwicklung von Befehlsstrukturen und Rechten in den modernen westlichen Armeen konform geht. Aber die Blindheit des Bordcomputers bleibt abgehoben.

Der Roman ist sehr angenehm zu lesen und zu hören, er ist so zügig und anschaulich erzählt, dass die problematischen Aspekte im Nachhinein zu denken geben mögen, aber den Lesefluss nicht stören. Deshalb ist er ausgezeichnet für Einsteiger geeignet, die die Serie nicht kennen. Für die hätte man Rhodans Überlegungen zu Beginn sogar noch wesentlich reduzieren können. Dass ich nicht wusste, was ich jetzt wirklich gelesen hatte, fiel mir aber erst im Nachhinein auf, und nur, weil ich darüber schreiben wollte, sonst hätte ich es nicht bemerkt. Täller und Kantweinen geben ziemlich viel her. Und es sind die putzigen Begegnungen und Gespräche, die durchgehend Spannung erzeugen und den Leser beschäftigt halten.

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