Knospenkollisionskurs – eine Atlan-Geschichte

Der weißhaarige Mann leckte verstohlen am Sahnehäubchens seines Kaffees und lehnte sich zurück, was das metallene Gestell des Stuhls im Kies knirschen ließ. Hohe Bäume, Büsche und gepflegte Blumenrabatten umstanden das Gartencafé, in das er sich bei diesem Besuch auf der Oberfläche der Erde gesetzt hatte, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden.

Von den Stürmen der Zeit kündete nur das Titelblatt der Zeitung vor ihm, Wilhelm II und Reichskanzler Bismark gaben die Unausweichlichkeit des Kriegs bekannt, der siegreich enden musste.

Atlan wusste es besser, hatte der unsterbliche Arkonide in den zehntausend Jahren seines Exils auf der Erde doch genug Reiche kommen und gehen sehen, und die medienwirksame Prunksucht des Kaisers wirkte gegen den Glanz des Kristallimperiums, dessen Thronfolger er gewesen war, allenfalls putzig. Trotzdem … es nahm ihn immer wieder mit, wenn er das Zusammenballen des Unheils erkannte, ohne es verhindern zu können.

Der Friede dieses Ortes, wie vergänglich er war und wie schön – vor allem die zierliche junge Frau, die vor dem Blumenbeet kauerte. Sie wiegte sich hin und her, streichelte Rosenknospen, zeichnete mit dem schlanken Finger Figuren in die Luft.

Der Arkonide stand auf und ging zu ihr.
»Schöne Blumen«, sagte er, um ein Gespräch zu beginnen.

Das Mädchen sah auf und er bemerkte die seidigen Strähnen, die um ihr schmales Gesicht spielten, und den leichten Silberblick.
»Knospen«, präzisierte sie und zeichnete ein Oval in die Luft. »Auf Knospenkollisionskurs.«
Ihr Blick blieb ernst.
»Ah!«. Wenig geistreich, doch mehr fiel ihm nicht ein. Sie wirkte in sich gekehrt, widmete sich den blauen Kelchen der Iris, aus deren dottergelbem Blütenstaub sie Linien auf ihre Finger malte. Unvermittelt sah sie ihn an.
»Sie singen wie jedes Jahr«, erklärte sie ihm und stand auf. »Ein Irisreinkarnationslied. Kannst du es hören?«

Im Gleichschritt zogen Soldaten vorbei, trotz der Wärme in schweren Mänteln und mit geschultertem Gewehr. Die Pickelhauben blitzten.

Atlan räusperte sich. »Es ist schön«, erwiderte er diplomatisch.

Nun sah sie ihm ins Gesicht, lächelte, legte eine Hand auf seinen Bauch.
»Du bist auch schön«, gab sie zurück. »Du bist freundlich.«
Mit dem gelben Staub von ihrer Hand malte sie auf seine Wange, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste die Stelle.
»Safranstaubkussspuren«, erklärte sie. »Die bleiben, wenn die Nacht kommt.«

Dem Arkoniden wurde übel. Er sah in ihr argloses Gesicht, das nichts von Krieg und Militär und Zwängen wusste, ihre durch ihn hindurch gerichteten Augen, die ganz und gar nur die eigene Welt erblickten, und den entschlossenen Zug um die feinen Lippen, der ihre Absicht verriet, die gesamte Katastrophe um sie herum zu verneinen, zu verleugnen, sich auf nichts davon einzulassen.

Sie summte.

Erneut ertönten Trommelwirbel, die Soldaten marschierten. Das Mädchen wandte sich wieder den Blumen zu, unter all den vergänglichen, schönen Gebilden das lebendigste.

Atlan stand reglos. Sie war so verletzlich und so völlig verrückt. Und er – sollte er, wie immer, möglichst schnell eine Position erreichen, in der er den Schaden begrenzen, möglichst viele Unschuldige vor dem Verhängnis bewahren konnte, mit gefälschten Dokumenten, die sein treuer Roboter Rico sicher schon bereit hielt – oder einfach weggehen, sich schlafen legen, sich wieder wecken lassen, wenn Europa sich Jahre später aus Blut und Asche erhob? Jedesmal war es dasselbe, und die Leute starben sowieso, spätestens einige Jahrzehnte danach am Alter.

Nur er blieb übrig – warum?
Er schaute sich nach dem Kellner um.
Erst mal zahlen.
Ein weiterer Blick auf die in sich gekehrte Gestalt machte ihm klar, wie seine Entscheidung ausfallen würde.

Für die abc-etüden https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/04/23/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-17-17-wortspende-von-bittemito/ ist die Geschichte natürlich zu lang. Es trafen die Wortspende von Bittemito und ein Wunsch aus dem Science-Fiction-Bekanntenkreis zusammen, addierten sich. Atlan, der Unsterbliche http://www.perrypedia.proc.org/wiki/Atlan_da_Gonozal, ist eine Figur aus dem PERRY RHODAN-Universum, alle Rechte auch am Bild liegen beim Pabel Moewig Verlag.

atlan

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