Norbert Fiks – Zeit für die Schicht

Diese Kurzgeschichtensammlung ist hervorragend geeignet fürs Lesen im Garten. Also, um gemütlich damit herumsitzen, zu blättern und eine kleine Geschichte nach der anderen zu lesen.

Das bemerkte ich durch Zufall. Meine erste Begegnung mit dem Text fand statt, als ich für den Unterricht eine beliebige Kurzgeschichte suchte an einem Tag, an dem ich erst zur dritten Stunde anfing. Das Wetter war ausgezeichnet und ich entfernte die Plastikverpackung, um mich mit Kaffee und dem Buch bisschen rauszusetzen. Ein ideales Zusammentreffen.

Ich begann „Die Zeitmaschine auf dem Küchentisch“, die der Autor auf seinem Blog als Leseprobe gibt https://fiksleer.wordpress.com/zeit-fuer-die-schicht/. Sie gefiel mir recht gut, weil die Storyline so karg und logisch aufgebaut ist, ohne dass Kommentare den eigenen Zugang verbauen.

Dann las ich einige der kurzen Geschichten und entschied mich unterrichtstechnisch für das Kurzhörspiel „Zwei Brüder“, weil – na ja. Was man im Unterricht halt so tut. Aufbau herausarbeiten, Bedeutung feststellen. Das Thema ist didaktisch geeignet, jedoch zurückhaltend genug dargestellt, um mir persönlich nicht zu viel zu werden. Mit erhobenen Zeigefingern bin ich empfindlich.

Und zwar wandern zwei Brüder auf einem Deich. Passend zur aktuellen Klimaerwärmung (hier das Didaktische) rückt das Meer immer näher und verschlingt den Lebensraum der Menschen. Einer der Brüder ist Raumfahrer. So entsteht ein beeindruckendes Bild: Wie zwei Menschen zwischen der Grenzenlosigkeit des Meeres und der Grenzenlosigkeit des Weltraums auf einem Deich stehen.

Die Deichlinie wurde mehr als einmal zurückgelegt, denn selbst die Kirche mit dem Friedhof liegt unter Wasser. Die Eltern konnten nur mit Sondererlaubnis nebeneinander begraben werden – die man bekam, weil der Bruder Astronaut ist. Auf der Erde lebt man bedrängt vor sich hin.

Das Weltall bietet jedoch kein Gegenmodell. Der Heimgekehrte litt unter der Einsamkeit und Enge im Raumschiff, er genießt die Weite des Meers. Das Familienleben hat er verpasst und gegen Ende kommt raus, dass er, der Jüngere, eigentlich der ältere Bruder wäre – die Zeitdilatation brachte das durcheinander.

Dabei sollte er nach der „zweiten Erde“ suchen. Doch dies war von Anfang an eine PR-Masche, um Gelder locker zu machen. Die „zweite Erde“ gibt es nicht, nur die eine, und nicht mal Souvenirs für die Neffen hat er dabei, denn das ist alles in Quarantäne. So enpuppt sich das Hörspiel als Dystopie: Gräber unter Wasser, Familie auseinandergelebt, eine Alternative zur Erde gibt es nicht, es fällt kein Schnee und Geschenke gibt’s auch nicht – obwohl Weihnachten ist. Eine schöne Bescherung!

Von den Minigeschichten, „Flash Fiction“ genannt, nahm ich „Zwischenlandung“ mit in den Unterricht. Die ist jedoch in ihrem Ablauf so reduziert, dass man wohl an SF gewöhnt sein muss, um die Konstellation erfassen zu können: Ein Raumschiff landet, die ängstlichen Menschen packen die Koffer, die Vorsichtigen lassen die Jalousien herunter, die Mutigen lugen mit Smartphones um die Hausecken. Die Luke öffnet sich, man stellt fest: Es ist langweilig hier und das Raumschiff verschwindet wieder, in 98 Wörtern ist der Kontakt misslungen.

In den Ferien durfte das Büchlein wieder mit in den Garten. Es entfaltet sich am besten, wenn man es nicht einfach so wegliest, sondern immer wieder hineinliest und die Geschichten wirken lässt. Es sind ganz verschiedene und manche haben eine feine Form von Humor, die ist sehr schätze. Wie beispielsweise  Ritchie aus der Story „Da ist was im Busch“ an diese Bierflasche kommt – eine Sache für sich. Und Jack erst …

„Irgendwo:
Jack stolperte in die plötzliche Lichtfülle. Als er seine geblendeten Augen wieder öffnete, stellte er mit erschreckender Kaltblütigkeit fest, dass er nicht im Hausflur angekommen war, sondern in einer fremden, bizarren Welt.
»Verdammter Mist«, murmelte er. Zur Schicht würde er wohl heute nicht mehr rechtzeitig kommen.
Er stand auf einer weiten Ebene, auf der sich blasslila Gras leicht im Wind bewegte. Darüber spannte sich ein grüner Himmel, aus dem zwei knallblaue Sonnen wie riesige Augen auf die Welt starrten. Jack begann zu schwitzen. Er lockerte die Krawatte und zog die Lederjacke aus.
Es war merkwürdig still, selbst der Wind verursachte keine Geräusche. Ringsherum war, so weit das Auge reichte, nur dieses alberne Gras.
»Ist hier denn niemand?«, brüllte er wütend in die Weite. Aber Jacks Stimme versickerte wie Wasser im Sand. Er war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt geschrien hatte.
Um so erschrockener war er, als er hinter sich ein sanftes »Plopp!« hörte. Noch im Umdrehen sah er ein äußerst seltsames Gebilde, das an einen überdimensionierten Flaschenkürbis erinnerte, einige Meter über dem Boden aus dem Nichts auftauchen und, nachdem es dort wie unentschlossen einen Augenblick hängengeblieben war, wie ein Stein durchsacken. Als das Gebilde aufschlug, war nichts weiter zu hören als ein Rascheln, ähnlich dem, das beim Zerknüllen von Zellophan entstand.
»He, hallo!«, schrie er und rannte mit den Armen fuchtelnd los.“ (Norbert Fiks: Zeit für die Schicht, S.20f)

Sprache, Geschichtenaufbau und Namenswahl folgen einfachen Grundtypen, so dass man selbst Mehrfachbedeutungen und Assoziationen darin entdecken, also aktiv lesen kann. Deshalb kann man sie auch mehrfach lesen.

Auch die Konflikte entsprechen aus dem Alltag bekannten Grundtypen. Sie sind Normalität in All und Zeitverwerfung, die dieses eine Mal woanders stattfindet und dadurch einen Kristallisationspunkt fürs Nachdenken bietet, ohne Lösungen nahezulegen.

Was mir, in diesem Stil geschrieben, nicht so eingeht, das sind verspielte Geschichten wie „Prima Volta“. Manch eine Episode darin, so der Dialog mit dem Schiffscomputer, ist total witzig, aber das mit den Schwestern und der marsianischen Sportschau und so verbuche ich jetzt erst mal als besondere Form ostfriesischen Humors und insofern dann doch als Begegnung mit dem Fremden an sich (also, das ist jetzt spaßhaft gemeint!) … vielleicht verstehe ich den bei einem späteren Wiederlesen.

Nach wie vor habe ich nicht alle Geschichten durch und fühle mich wohl dabei, das Büchlein an einem weiteren sonnigen Morgen weiterzulesen, wieder zu lesen.

 

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