Irmgard Keun: Nach Mitternacht

Im 1937 veröffentlichten Roman „Nach Mitternacht“ erzählt Sanna naiv und deswegen umso enthüllender von ihrem Alltag in der lebensgefährlichen Verlogenheit der Nazidiktatur.

Sanna lebt bei ihrem Bruder Algin, einem Schriftsteller, der ein Künstler war und nun angepasste Texte schreibt, um seinen Lebensstandard zu halten und zu überleben. Durch seine neue Mittelmäßigkeit verliert er die Liebe seiner Frau, die nur Unordung und Stofftiere machen und schön sein kann. Liska verliebt sich stattdessen in den geistreichen Schriftsteller Heini, der wiederum nichts von ihr will. Während sie sich an Heinis Ideen anpasst, nistet ihre Freundin Betty Raff sich in ihre Wohnung und ihre Ehe ein.

In ihrem städtischen Kreis gibt es SA-Leute ebenso wie Juden, die mit ihren Lebenslügen und persönlichen Süppchen beschäftigt sind, während sich lebensgefährliche Schlingen zuziehen. Und der glasklar denkende Heini ihr Verhalten mit gnadenloser Konsequenz durchschaut und seinem unvermeidlichen Kreis von Zuhörern darlegt. Auf ihrer Party erschießt er sich.

Sanna liebt ihren Cousin, den stillen Sohn der bösartigen Tant Adelheid, die in der Spitzelgesellschaft der Nazizeit lebensgefährlich wird. Als Franz den Mann tötet, der durch Denunziation seinen Feund umbrachte, müssen die beiden fliehen. Der Roman endet mit der Fahrt über die Grenze, ins Exil.

„Nach Mitternacht“, das Schmuddelkind, ist bemerkenswert unpopulär. Überraschenderweise, denn „Gilgi, eine von uns“ (1931) „Das kunstseidene Mädchen“ (1932) brachten der jungen Autorin Verkauferfolge und Lob von Tucholski ein. Dann, 1933, war Schluss mit der Weimarer Republik und der Neuen Sachlichkeit. Gleich im ersten Jahr des Tausendjährigen Reichs wurden Keuns Geschichten verboten,  und im Ausland konnte sie kaum verkaufen. „Kind aller Länder“ (1933) ist als Exilroman bekannt.

Was macht die Geschichte so unpopulär? Nun, „Nach Mitternacht“ spielt im nazideutschen Alltag und erzählt in leichter, unterhaltsamer und witziger Manier, wie diese gesamte menschenverachtende Diktatur eben nicht von oben diktiert wurde, sondern durch menschliche Schwächen und Schlechtigkeiten zustande kam. Er reicht von der alltäglichen Bosheit denunzierender Nachbarn bis zum SA-Mann, der einfach wegschaut statt zu verhaften, als neben ihm einer zum Beten niederkniet. Er ist zu lebensnah, um anders als belanglos zu wirken – solange man nach großen, dämonischen Verführern und Verursachern sucht statt die Ursachen in der Normalität zu erkennen.

Die Erzählweise Irmgard Keuns wurde als „Handtaschenperspektive“ bezeichnet. Ihre Heldinnen sind jung und naiv und plappern ungefiltert daher, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Die Informationsvergabe läuft vollständig über das Bewusstsein der Ich-Erzählerin, so dass ihr Charakter, ihre Gefühle, Gedanken und Lebensumstände ständig „im Bild“ sind. Dabei kommentiert sie Geschehen und Orte subjektiv und naiv, damit der Leser nicht umhin kommt, das offensichtlich Schreckliche selbst gründlicher zu durchdenken.

Die Geschichte des kleinen Überlebens inmitten von Bosheit, Toten und Diktatur klingt leicht und witzig – deshalb wurde Keun lange als Unterhaltungsschriftstellerin abgetan, wozu Klaus Manns vernichtendes Urteil erheblich beitrug.
Ihre typische, Belangloses mit Katastrophalem mischende Erzählweise:

„Früher war es immer so gemütlich, wenn zwei Mädchen gemeinsam auf die Toilette gingen. Man puderte sich und sprach schnell Wichtiges über Männer und Liebe. Jetzt ist es schon viel wert, wenn auf so ’ner Toilette keine Toilettenfrau sitze, der man Heil Hitler sagen muss und dafür noch zehn Pfennige geben. Dann heult die Gerti plötzlich los, weil sie den jungen Aaron heut nicht getroffen hat, ich muss sie trösten. So ein Mädchen verliebt sich ausgerechnet in einen verbotenen Mischling, wo es doch immer noch Männer gibt, die von der Behörde erlaubt sind“ (Keun, Klett S.30).

Keun greift auf echte Lokalitäten, Veranstaltungen und Eindrücke des alltäglichen Nazideutschlands zurück, auf den ganz normalen Alltag, und in dieser Normalität ist die ganze Palette des Lebens verankert.

Darüber hinaus ist der Roman mit einer Bildlichkeit durchzogen, die über Metaphern und Vergleiche aus der Natur arbeiten – Wald, Wasser usw. Das ist die Ebene, die von der Erzählerfigur nicht bemerkt wird und den Erzählfluss noch mal entscheidend ergänzt. Alles andere läuft über ihr Bewusstsein, und der ganze Roman ist aus dieser einen Perspektive geschrieben, wobei Zeitsprünge und Rückblenden nahtlos in den Erzählvorgang einfließen und sie zwischen reinem Erzählen und Kommentieren nicht unterscheidet.

Vieles ist autobiographisch. Heini ist Joseph Roth, der Autor des „Radetzkymarsch“, mit dem Irmgard Keun durch die Welt zog, im Kaffeehaus stets an der Seite des geistreichen Mittelpunkts der Gespräche, als Goj mit ihm auf Familienbesuch in Galizien, wodurch sie die Geborgenheit der jüdischen Großfamilie kennenlernte, die Roth offiziell immer verleugnete. Je unsicher das Exil in Paris wurde, desto mehr trank er, desto mehr bewachte er sie, schlief mit den Händen in ihrem Haar. Irgendwann sagte sie, sie müsse aufs Klo und floh weiter. Er starb einen Tag vor dem Einmarsch der Deutschen im Krankenhaus, sie fand in den Niederlanden einen Offizier, der ihr gefälschte Papiere verschaffte. Den Rest des Krieges verbrachte sie, nach den man international fahndete, in ihrem Elternhaus. Da suchte sie keiner.

Sanna hat sicherlich ihre Persönlichkeit, aber auch Liska, die alles tut, sich an Heinis Vorstellungen anzupassen und sich selbst dabei völlig verleugnet. Als Heini sich auf der Party erschießt und ihr Mann zusieht, wie Liska sich über die Leiche wirft, ist die Ehe zuende und sie muss fort. Auch Sanna muss fliehen mit Franz, bittet Liska um Geld und die streift ohne Zögern ihre teuren Ohrringe ab, um sie ihr zu geben.

Es gibt Taschenbuchausgaben. Die unschöne alte Schulbuchausgabe von Klett (ISBN 3-12-351380-7) enthält interessantes Zusatzmaterial, darunter ein Interview.

Irmgard Keuns sehr aufschlussreiche Briefe an ihren Verlobten Arnold Strauss, der sie jahrelang von den USA aus finanzierte und dem sie alles Mögliche schrieb, findet man in „Ich lebe in einem wilden Wirbel“ (ISBN 3-546-45384-o). Sie erfand sich selbst auf eine unheimlich interessante Art und Weise. Ihn traf sie nie wieder.

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