Lungta – das Windpferd

Das Windpferd – Lungta – ist ein Glückssymbol und deshalb auf vielen Gebetsfahnen abgedruckt. Die sind fünffarbig und flattern im Wind, um die draufgedruckten guten Wünsche überallhin zu bringen.

In moderner Sprache entspricht das Windpferd mit dem wunscherfüllenden Juwel – Norbu – auf den Rücken, wohl am ehesten den Begriff des Flow: Diese Überschussituation, in der alles weitergeht, weil die Bedingungen passen und man zur richtigen Zeit die richtigen Leute trifft, die guten Ideen hat und genug Schwung, um etwas daraus zu machen. Und: Geht es einem gut, nutzt es allen. Das steckt mit drin. Das wunscherfüllende Juwel ist das Zeichen des Chakravartin, des Weltenherrschers.

Das Windpferd stammt aus vorbuddhistischer Zeit, aus dem schamanistischen Bön. Das ist die ursprüngliche tibetische Religion – Tibet heißt Bö auf tibetisch – und hat sich heutzutage derart an den Buddhismus angeglichen, dass man die Unterschiede suchen muss. Einer ist die Richtung: Bönpa umwandern die Stupas gegen den Uhrzeigersinn, während Nangpa – Buddhisten, also „Innere“, was heißt „innerhalb von Ursache und Wirkung“ – immer im Urzeigersinn laufen.

Ebenso alt sind die vier Tiere in den Ecken der Gebetsfahne: Garuda, Drache, Tiger und Schneelöwe. Mit der indischen Mythologie kamen sie erneut nach Tibet, sind also ebenso original buddhistisch wie im Bön verankert. Sie stehen für Bewegung und vier Elemente: Der fliegende Garuda (tib.: khyung) hält die Nagas in Schach, schlangenartige Geister oder Halbtiere, die Krankheiten und Unglück bringen können, wenn man sie stört. Seine brennenden Hörner symbolisieren Feuer. Der Drache (tib.: drug) ist mächtig und prächtig, kann fliegen und schwimmen und symbolisiert Wasser. Der ruhelos durch die Wälder streifende Tiger (tib.: tag) steht für Holz (Luft, Wachstum, Bewegung) und der frei auf den Berggipfeln wandernde Schneelöwe (tib.: sengye) steht für die Erde. Sie alle zeichnen sich durch ungehinderte Bewegung aus.

Die fünf Farben der Gebetsfahnen stehen für die fünf Elemente: In diesem System kommt noch der Wind oder Raum hinzu. Sind die Fahnen an Fäden befestigt, heißt das Lungta. An Stangen aufgehängt, heißen sie Darchen. Die Lungta spannt man über Flussläufe, hängt sie in den Wind oder befestingt sie an Orten, an denen viele unter ihnen durchgehen. Das Thema ist Bewegung.

Die Reihenfolge der Farben trägt Sinn: Zuerst kommt Blau, das steht für den Raum und hat die Farbe des Himmels. Weiß ist die Farbe der Wolken, Rot das Feuer. Grün steht für Bewegung und Ausdehnung (Holz, Wasser), Gelb für die Erde. Die Farbsequenz wird wiederholt.

Der Text besteht vor allem aus Mantras, die noch dazu schwer zu lesen sind. Im Mittelteil um den Pferdekörper herum steht jedoch deutlich, wie dieser glücksverheißende Zustand von Gelingen und Lebenskraft verursacht werden kann, nämlich durch Sönam, Tugend. Dies verkörpert auch das Juwel auf dem Pferderücken, das Norbu, das für die buddhistische Zuflucht steht: Den Buddha (Sangye), seine Lehre (Chö) und die Gemeinschaft der Praktizierenden (Gendün), bei der sechsfachen Zuflucht auch für den Lehrer (Lama), die Meditationsgottheiten (Yidam) und die Schützer (Chökyong).

Der Weg, um Sönam – Verdienst – aufzubauen, sind die zehn positiven Handlungen: 1) Leben zu schützen statt zu nehmen, 2) die Finger weg zu halten von allem, was nicht gegeben wurde, 3) sexuelles Fehlverhalten zu unterlassen und Disziplin zu halten, also freudevoll Gutes zu tun, 4) nicht zu lügen und zu täuschen, 5) keine üble Nachrede weiterzutratschen 6) grobe Worte zu unterlassen, 7) leeres Gebabbel zu unterlassen, 8) nicht gierig zu sein, 9) niemandem Übles zu wünschen und 10) irreführende Sichtweisen zu vermeiden, also Ursache und Wirkung stets zu bedenken. Von nichts kommt nichts. Auf Dauer hilft nur Tun.

Gebetsfahnen mit dem Lungta werden gern bei Hochzeiten und anderen Festen aufgehängt, um die Kräfte des Guten zu unterstützen und weiterzutragen. Mindestens an jedem Losar, dem tibetischen Neujahrstag, hängt man neue, bunte Fahnen neben die alten.

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