In Memoriam Qandeel Baloch

Eine Bloggerin wird von ihrem Bruder getötet, weil sie provozierte und damit, wie er fand, seine Ehre beschmutzte. Deshalb gab er ihr eine Tablette, die sie betäubte, und erwürgte sie dann.

Qandeel Baloch, mit bürgerlichem Namen Fouzia Azeem, wurde am Sonntagmorgen in Dera Ghazi Khan im Punjab bestattet. Sie war eine der Frauen, die Mode, Spaß am eigenen Körper und den bewussten Umgang mit Medien zum Politikum machten. Ihr Twitter-Account gibt interessante Einblicke, für was man getötet werden kann: https://twitter.com/qandeelquebee.

Die FAZ brachte einen ausführlicher Artikel über ihre Art, die Grenzen der patriarchalischen Geselllschaft Pakistans anzugehen.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/ehrenmord-an-qandeel-baloch-selfie-mit-dem-mufti-14343571.html

Empfehlenswert auch der BBC-Artikel „Qandeel Baloch case: Brother held for Pakistan celebrity’s murder“, 17.07.2016 http://www.bbc.com/news/world-asia-36818507

Er zeigt die provokanten Fotos mit dem muslimischen Kleriker Mufti Abdul Qavi, dem sie den Hut abnahm, um damit zu posieren. Immerhin bot dieser an, die Beerdigung durchzuführen, weil er ihr längst verziehen habe. In einem der Videos sitzt sie auf seinem Schoß.

Sie kritisierte Pakistans patriarchalische Gesellschaft und bezeichnete sich als Vertreterin von „girl’s power“, also selbstbewusst auftretenden, selbstbestimmten Mädchen.

Ihre Bitten um mehr Polizeischutz wurden ignoriert. Der Artikel verweist auf die jährlich Hunderte von Ehrenmorden an pakistanischen Frauen, die beispielsweise Heiratsanträge ablehnen – auch dies für eine bestimmte Art Männer eine Schmach, die nur mit dem Tod der Frau abgewaschen werden kann.

BBCs Asien-Editorin Jill McGivering bespricht dieses Problem, indem sie auf die kontroversen Reaktionen hinweist, auf die elend schlechten Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten pakistanischer Mädchen. Ihr eingeschränktes Recht auf Partnerwahl und die alltägliche Gewalt gegen sie. Und das Problem, das das Land mit weiblicher Sexualität und Unabhängigkeit hat.

Auch die indische Nachrichtenplattform NDTV – an Wichtigkeit mit ARD und ZDF vergleichbar – ging auf ihre Präsenz in den sozialen Medien ein, auf ihre Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft und die Umstände ihres Todes: http://www.ndtv.com/world-news/pak-internet-star-qandeel-balochs-brother-arrested-for-her-murder-1432340?pfrom=home-lateststories.

Dieser Artikel nennt eine Zahl von durchschnittlich 500 Frauen, die in Pakistan jedes Jahr Ehrenmorden zum Opfer fallen, welche in der Regel von Familienangehörigen begangen werden, um eine vermeintliche Schande abzuwaschen. Qandeel Balochs Bruder Waseem nennt ihre Posts in sozialen Medien, darunter die Aufnahmen mit dem Kleriker Abdul Qavi, als Anlass für den Mord. Er empfindet seine Ehre wieder als rein.
Ausführlicher als die BBC geht NDTV auf die erneut laut werdenden Forderungen nach einem gesetzlichen Verbot der Ehrenmorde ein. Dies würde ein Schlupfloch in der Strafverfolgung stopfen: Bislang können Familienangehörige dem Mörder vergeben und damit die Strafverfolgung beenden.
 

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