Das WELTRAUMBABY – L’ENFANT STELLAIRE (PR 907) von Marianne Sydow (Teil 2) – Projekt Übergabe

Ich beginne mit dem ersten Kapitel, das in der französischen Ausgabe LAIRE (tome 306) als chapitre XII (p. 227–243) zu finden ist und im Silberband 106 ebenfalls als 12. Kapitel (S.159-172). Die Handlung beginnt in medias res: Bull, Yaal, Rhodan und Hellmann diskutieren über den Gesundheitszustand der jungen Insektenkönigin Dorania, was an die Handlung der Vorromans anbindet und so den Schauplatzwechsel überbrücken hilft. Sie sprechen auch über den ominösen 18. Dezember, an dem Rhodan das Schiff an die Solaner übergeben soll, was den beginnenden Handlungsabschnitt einführt. Danach setzt Rhodan zur veränderten SOL über, beobachtet die Solaner und trifft sich mit Douc Langur.

Sydows Charaktere, hier Bull, lächeln spöttisch, was meist als »d’un air narquois« (p.227) übersetzt wird, einmal, im Folgekapitel, als »avec ironie« (p.246). Bull regt sich auf, schimpft und hat »l’air provocative« (p.227), was einen zugänglicheren emotionalen Gegenpol zu Rhodans übermenschlicher Toleranz aufbaut, die später auf der SOL explizit kontrovers diskutiert wird. Nämlich unter anderem als Bevormundung.

Der Aufbau der Personencharakteristik durch Grammatik bleibt in der allgemeinen Wahrnehmung wenig bemerkt und durch den Sprachenwechsel ist sie mit Vorsicht zu deuten, da die Ursachen von Effekten in den Konventionen der Fremdsprache zu finden sein können. Jedoch passt es in diesem Falle perfekt zum Thema, dass wir gleich im Anfangsdialog Aktiv und Passiv verschoben finden, wenn Bull Yaal fragt: »Haben Sie es wirklich so eilig?« – »Êtes-vous vraiment si pressés?« und Rhodan die Äußerung entschärft mit »Einmal muss es doch sein« – »Il faut que je le fasse, de toute facon« (p.227). Der Schwerpunkt wird auf die Sachzwänge verschoben, welche die Personen zu sehen glauben.

Yaal will keine Zeit verschwenden, »ne pas gaspiller plus du temps« (p.228), Rhodan reagiert. Die Metaphern zu übersetzen war sicherlich eine Herausforderung. Der Übersetzer entschied sich, »den Wind aus den Segeln genommen« mit »coupé l’herbe sous le pied« (p.227), wörtlich: jemandem das Gras unter den Füßen schneiden, und »Sie finden mich gestiefelt und gespornt« (S.159) mit »Vous me voyez fin prêt« (p.228) wiederzugeben. Das Bild aus der Seefahrt wurde, passend zum späteren Aufenthalt im Park, durch eins aus der Natur ersetzt und die Reisemetapher durch ein einfaches Idiom.

Obwohl er das Schiff noch nicht übergeben hat, bedankt Rhodan sich mit einem »sourire chaleureux«, einem warmen Lächeln, für die »hospitalité« der Solaner, die »le plus grande entrepôt«, den größten Lagerraum, für eine Feier herrichten, auf der Rhodan eine Rede halten soll: »vous devriez même faire un discours détaillé, pas seulement quelques mots«, nicht nur ein paar Worte, sondern eine ausführliche Rede, und Yaal verspricht ihm die Aufmerksamkeit der Solaner. Rhodans Formulierung zur Gastfreundlichkeit ist doppeldeutig: Steht er wirklich so weit über den parteiischen menschlichen Empfindungen oder agiert er mit diplomatischer Geschicklichkeit? So bleibt offen, an welche der beiden Optionen Yaal denkt, als er »aurait aimer certaines paroles qu’il avait dites à la légère«, also gerne »einiges von dem, was er so unbedacht gesagt hatte, zurückgenommen« (S.160) hätte.

Der zweite Absatz des 12. Kapitels beginnt wieder mit einer herausgeschnittenen Metapher: Der »bodenlose Leichtsinn« (S.160), den Kenthall Rhodan vorwirft, wird zum einfachen »C’est simplement incroyable« (p.228). Wie vorher Bull, bringt er Gefühle ein, bezeichnet die Solaner als »loufoques«, also »übergeschnappt« und spricht davon, wie »apprécié«, also »beliebt«, Gucky auf der SOL sei. Der geheimnisvolle 18.12. müsse ein mit der Geschichte des Hantelschiffes verknüpftes Ereignis sein, da die Solaner »n’attribueraient pas un tel sens à un evenement de l’histoire terranienne« (p.229) – einem Ereignis aus der terranischen Geschichte keine solche Bedeutung beilegen würden.

Der dritte Abschnitt stellt erneut Vergangenheit und Neues einander gegenüber. Wobei ich beim französischen »Où irez-vous« (p.229) für »Wohin werden Sie fliegen?« (S.160) unwillkürlich ans biblische »Quo vadis, domine« denken muss, der Frage nach Jesus Chistus‘ entrücktem Zustand. Im Deutschen habe ich diese Assoziation nicht. Das liegt aber wahrscheinlich nur an der Buchstabenform, denn »Qu« und »W« stammen vom gleichen indogermanischen Laut ab.

Rhodan erinnert sich, lässt »d’importants souvenirs«, wichtige Erinnerungen, Revue passieren: »l’anéantissement de la galaxie Balayndagar, le voyage infernal à travers un trou noir, le séjour dans la bulle Dakkar« – der Untergang Balayndagars, die Reise durchs schwarze Loch und der Aufenthalt im Dakkardimballon, dann die Kaiserin von Therm und Bardiocs Gehirn, das ebenfalls in einem Lagerraum reiste. Diese Lagerräume als Aufenthaltsorte verstärken den Eindruck des Vorübergehenden. Rhodans »wie oft hatte es ausgesehen, als wäre die SOL am Ende ihres Fluges angelangt gewesen« (S.160) wurde gekürzt, so wie in der Folge mehrere andere Stellen, die von individuellen emotionalen Vorgängen handeln.

Es folgt ein innerer Panoramablick: Rhodan denkt an die Menschen auf Terra und Gäa und versteht, dass die Solgeborenen keinen Sinn für die Tragweite der Geschehnisse haben, wenn sie notgedrungen überall mitreisen müssen, geradewegs in die Hölle, »droit en enfer« (p.230), auch wenn sie gar nicht nachvollziehen können, welche Auswirkungen Rhodans Kampf um die »liberté« ganzer Völker hat. Gegen den Helden Rhodan wirken sie klein und egoistisch, gerade er zieht jedoch in Betracht, dass sie einfach ganz normale Menschen sind und respektiert das. Er will Yaal danach fragen, doch der wendet sich ab, »(il) se détourna« (p.230).

Der vierte Abschnitt beginnt mit den Schließen des Schotts hinter dem Beiboot, »le sas se referma derrière l’unité embarquée« (p.230). Im Innenraum der SOL trifft Rhodan zu seiner Freude auf den gemäßigten Solaner Joscan Hellmut, den Katzer – »le Féli« (p.232) – Bjo Breiskoll und Douc Langur, den Forscher, »le chercheur de l’Imperatrice du Therm«. Sie sprechen über Doranias Gesundheitszustand, wobei Yaals »voix étrange« (p.230) auffällt und Rhodan problematische »rétroactions psychiques« (p.231) der isolierten Königin anspricht.

Dieses später weitergeführte Motiv der Isolation wird zum Leitmotiv. Sein Gegenpol sind die Gefühle der Solaner, die denen von Bull und Kanthall entsprechen: Yaal wirft einen zornigen Blick, »un regard furieux«, auf den Terraner, denn er fühlt sich missbraucht, »(il) se sentit abusé«, antwortet »amèrement«, also »verbittert«. Während er im Original »geflissentlich« (S.162) die eigene Beteiligung an den Spannungen übersieht , »fragt« der freundlichere Hellmut »hastig«, »s’immisca« (p.231), ob Rhodan die »transformations«, die »Umbauten«, sehen will, um von Yaals Verhalten abzulenken. Als Rhodan offensichtlich zweideutig antwortet, wendet er sich ab. Rhodans Antwort, »Man hört so allerlei«, lässt sich wieder auffällig einfach ins Französische übertragen: »On entend tellement de choses.« (p.231).

Im fünften Abschnitt bewegt Rhodan sich durch »le modul médian« (p.232), den Mittelteil der SOL, und begutachtet die Aktivitäten der SOL-Geborenen bei der Vorbereitung des Festakts zur Übergabe des Schiffes. Ihm fällt die Abwesenheit von Robotern auf, »il n’avait pas un seul robot«, und der Katzer erklärt ihm, dass er nur »une miniscule partie des preparatifs« sehe, die Dekorationen des Veranstaltungsortes seien »pas constituées de matière«, nicht materiell, sondern Lichtspiele, die den Beginn ihres neuen Lebens symbolisierten: »jeux de lumière. Elles symboliseront le commencement de notre nouvelle vie« (p.233).

Bei dieser Gelegenheit greift Rhodan das Motiv der Isolation wieder auf, das durch die kranke Dorania eingeführt wurde, er hinterfragt, ob die Solaner überhaupt etwas von den Wundern des Universums mitbekommen, wenn sie sich derart isolieren: »Une vie dans l’espace. […] Ne craignez-vous pas de ne pas profiter des plus grands mystères de l’Univers si vous vous isolez dans le Sol loin de la vie sur les mondes étrangères?« (p.233). Die Frieden bringende Insektenkönigin und Übermutter dient so als Folie, also als Parallelerscheinung innerhalb des Textes, für die Solaner und Rhodan, und später für die Mutter des Weltraumbabys.

Auch Bjo Breiskoll reagiert »embarassé«, »verlegen«, als Rhodan nachfragt, und sucht Douc Langurs Blick, der ihm ausweicht. Rhodan sucht in seinen Erinnerungen nach irgendeinem Grund für die Wahl des 18. Dezembers, aber er findet nichts. Das Motiv bleibt im Dunkeln. Nun nimmt Rhodan den Forscher in die Zange und erinnert ihn an die Freundschaft mit Alaska Saedelaere, dem einsamsten aller Terraner. Langur geht davon aus, dass er ihn verstehen würde: »Il me comprendra.« (p.233).

Der sechste Abschnitt: Während sie weiterlaufen, überlegt Rhodan, ob es vielleicht an ihm selber liegt, »si cela provenait de lui (si) le vaisseau lui semblait de plus en plus étanger« (p.234). Im Gegenzug zeigen ihm die Solaner die neuen Anlagen, mit denen sie »hydrogène« aus dem »espace interstellaire« filtern wollen, um von den planetarischen Rohstoffen, den »matières premières planétaires« (p.234) unabhängig zu werden. Dieser Schritt erschreckt Rhodan, er scheint ihm überstürzt. Der Solaner Oyssario, dessen Name nicht von ungefähr an die englische Auster erinnert, ist denn auch nicht wortkarg, wie Rhodan ihn kannte, sondern aufgekratzt und redselig. Die Beschreibung seines Verhaltens ist in der Übersetzung gekürzt, so wie andere emotionale Reaktionen.

Um die Situation zusammenzufassen: Rhodan läuft isoliert durch die fremd gewordene SOL, um Gerechtigkeit bemüht und trotzdem misstrauisch, während Getreue wie Solaner gleichermaßen emotional handeln. Wobei die Solaner im Zuge ihrer Abgrenzungsmaßnahmen stärker aus sich herausgehen, aber ohne Rhodan offen Auskunft zu geben. Alle Beteiligten befinden sich im Mittelteil der SOL, und irgendwo scheint ein Geheimnis versteckt. Rhodan befindet sich in seinen alten Räumlichkeiten, im Deutsch passenderweise seine »Kabinenflucht« (S.165), eine unauffällig eingeflochtene Doppeldeutigkeit, und in seiner alten Vaterrolle: Er gesteht den Solanern, die ihn hassen und bekämpfen, die Selbstbestimmung zu und sich selbst das Recht, sich Sorgen zu machen.

Im siebten Abschnitt wird diese neue Konstellation weitergeführt, als Gavro Yaal immer wieder per Interkom, »le terminal radio« (p.245) oder persönlich kontrolliert, ob Rhodan »joignable« (p.235) ist, also erreichbar, was bedeutet: Da, wo er ihn haben will. Er will die Kontrolle haben und ficht Rhodans Vaterrolle an. Darüber hinaus will er ihn zum Abhängigen ohne Selbstbestimmung degradieren. Was er durch dessen vermeintliche Bevormundung, »la prétendu tutelle« (p.236) der Solaner gerechtfertigt sieht.

Umgekehrt bemerkt Rhodan selbstkritisch seinen verletzten Stolz, »un peu de fierté offensée“ und denkt über die vielen durchtrennten Bande der »parenté, amitié, amour« nach, die die Entscheidung der Solaner mit sich bringt und die diese ohne Rücksicht auf Verluste, »sans aucun égard pour des pertes éventuelles« (p.236) durchziehen. Hier spricht er das leitmotivisch gestaltete Thema des Romans an: die Trennung.

Dann begibt er sich an einen öffentlichen Ort, den »Freizeitbereich« (p.166), auf Französisch das »solarium«, einem künstlich geschaffenen Park mit Rasen, Brunnen und einer Antigravfontäne, in der Kinder spielen. An diese knüpft die oben besprochene Metapher »coupé l’herbe sous le pied« (p.227) vom Bild her an. Rhodan hatte schon befürchtet, dass die Solaner die Natur völlig entfernt hätten. Gekürzt wurde hier, dass die Kinder in der Antigravfontäne dem »künstlichen Himmel« entgegenschweben und »mit ausgebreiteten Armen« (S.167) wieder herabschweben. Dann kommt Douc Langur.

Im neunten Abschnitt nimmt er Rhodan mit, der das Gefühl hat, er werde versteckt, was Douc bestreitet: »Je ne vous le cache pas!« (p.237). Als er sich in eins der »typischen offenen Lokale«, auf Französisch einfach »restaurants«, setzt, bleibt der Forscher stehen. Rhodan ist überrascht über die reduzierte Auswahl: ein Getränk, ein Gericht, und zwar »un boisson jaunâtre«, eine Art fremdartig schmeckender Fruchtsaft, und »quelque chose qui ressemblait un pain blanche« (p.238); im Original aber kein weißes, sondern »etwas wie ein belegtes Brot« (S.168). Die Übersetzung ist nun mal von 2014, und wir können uns jede Art synthetischer Nahrungsmittel viel leichter vorstellen, kennen Riegel und dergleichen.

Rhodan ist überrascht, kommentiert, das Essen sei »nourissant et bon«, also »gesund und nahrhaft«, und isst es. Langur schweigt weiterhin und führt ihn an einen verstaubten Ort, an dem schon seit Wochen keine der sonst allgegenwärtigen Reinigungsroboter waren. Als er nun endlich Rhodans Beschwerde, »Dois-je vous tirer les vers du nez« (p.239). ob er ihm alles aus der Nase ziehen müsse, nachkommt, verrät er ihm aber kein Geheimnis, sondern kritisiert ihn heftig für sein Herumschnüffeln.

Eine neue Gelegenheit für Rhodan, seine Befürchtungen darzustellen: Alles ginge zu schnell, und er zweifle an ihnen, weil sie Menschen sind, von der Erde stammen und deshalb einfach nicht umhin können, nach der Freiheit zu greifen, die sie sich vorstellen: »Ils sont ni stupides ni ingrats, mais ce sont des Humains, et qu’ils le veuillent ou non, ils descendent en dernier lieu de la Terre. Ils ne peuvent pas faire autrement que d’accepter ce qu’ils considèrent comme une sorte de liberté qui leur est donnée.« (p.240) Somit zweifelt er an seinesgleichen, was den Forscher in Erstaunen versetzt. Hier wird den Menschen ein Alleinstellungsmerkmal zugeordnet.

Nun fragt Rhodan ihn direkt nach Verdachtsmomenten, was ihn seine »griffe préhensile«, seine Greifklaue, in einer hilflosen Bewegung heben lässt. Sie sprechen über einen »secteur verroillé« (p.240), einen abgeriegelten Sektor, der das Zentrum des großen Geheimnisses zu sein scheint. Der Forscher erklärt, die Solaner seien, gleich ihm, auf der Suche nach »d’inconnu«, und dies »interessiert (ihn) persönlich sehr stark« (S.170): »cela me passionne fortement« (p.241).

Nun arbeiten die beiden zusammen, und sie teilen ein Geheimnis, das einen neuen Handlungsabschnitt einleitet: Langur zieht ein »plastofeuillet« (p.242) mit einem geheimen Plan der SOL heraus und erzählt von einem »sector sphérique«, der bewacht sei und in dem es ein reges Kommen und Gehen gebe. Dass man Rhodans Frage »Ist er bewacht?« mit »Qu’en est-il de la frontière« (p.242) übersetzt, eigentlich »Was ist mit der Grenze?«, ist zumindest gewagt, hebt jedoch die Abtrennung dieses Bereiches der SOL hervor. Douc erklärt, dass nur Erwachsene dorthin gehen und dass er viele der Herausgekommenen später »dans les sections médicales« gefunden habe. Deshalb vermuten sie eine Seuche, die die Solaner verstecken wollen.

Nachdem er beim Abflug gefragt hatte »Où irez-vous« (p.229) – quo vadis, domine – ergreift Rhodan nun die Initiative: »J’irai au bout de cette affaire« (p.243), er werde der Sache auf den Grund gehen, womit sich der Kreis schließt. Somit entsteht eine ungewöhnlich stringente Motivbindung des ersten Kapitels, die den Text zusammenhält und innere wie äußere Handlung gleichermaßen weiterbefördert.

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