Der Paradieb und der Berber (Paradise 96 und 97)

Der Paradise 96 und der Paradise 97 vom Terranischen Clubs EdeN („Erben der Nacht“) enthalten meine erste Perry-Rhodan-Geschichte, die ich fertiggeschrieben habe. Sie ist episodisch und spielt ganz kurz nach Guckys Aufwachen aus dem Repulsorwall-Koma, knüpft also an PR 2700 und 2721 an, den „Paradieb“ von Leo Lukas. Für mich ging es um perspektivisches Erzählen: Gucky kann keine Gedanken mehr lesen und testet diese Sehergabe an verschiedenen Leuten aus und dann geht die jeweilige Binnengeschichte in die personale Erzählsituation über. Damit die Personen jeweils anders denken, hatte ich – weil ich eh bei LL angefangen hatte – Textvorlagen mehrerer österreichischer Autoren genommen, fast alles an Material substituiert und vor allem Satzbaumuster und Konfliktstrukturen behalten.  Die Namen stecken in den Geschichten drin. Wegen der Aufteilung auf die beiden Paras hatte ich dann einen neuen Vorspann zu Teil 2 geschrieben, als Rückblick gestaltet, und der sieht so aus:

Der Paradieb und der Berber – Teil II

Alexandra Trinley (Gastautorin)

IV. Rückblick

Gucky starrte blicklos aus dem Fenster des Gleiters. Was war nur los mit ihm? Nach der Teleportation durch den Repulsorwall war der Mausbiber seiner Parafähigkeiten beraubt, aufs klägliche Bildersehen und schwache Telekinese reduziert. Damit musste er leben lernen. Auch mit der Schuld. Vor einigen Tagen war er aus dem Koma erwacht. Er hatte ungewollt getötet, als er überglücklich jugendliche Fans begrüßen wollte. Nun saß er hier wie ein Stück Falschgeld. Mitten in Terrania. Ein Pfleger hatte ihm zu einem unbeaufsichtigten Ausflug in die Stadt verholfen und ihm diesen Ort empfohlen, an dem er unbeholfen tastend einen vermummten Obdachlosen beobachtete, der mitten auf dem Platz „Berber’s Pride“ stand. Er versuchte sich an Passanten, schaute durch ihre Augen und stöberte in ihren Erinnerungen. Nun war dieser verkleidete Berber dran. Gucky hatte Bilder aus seiner Jugend erblickt, die seine Verkleidung erklärten, aber nicht, warum er hier stand. Er unternahm einen neuen Versuch. Ein aufscheinender Totenkopf erschreckte ihn, und er ließ sich in die Polster des Gleiters fallen. Es war ihm zu viel. Er schloss die Augen und versank in den eigenen Erinnerungen, in denen sein Krankenpfleger seinen Job riskierte, um ihm dies bisschen Freiheit hier zu ermöglichen.

Frédéric …

Ein paar Stunden vorher –

Das schwache Abendlicht verschwamm im Schwarz der Nacht, die Sterne der Milchstraße verschwanden hinter dem Wolkenschleier, den die Wetterkontrolle an jenem Septemberanfang des Jahres 1514 NGZ über Terrania City stehen ließ, Touristen hin oder her. Und den nach langen Jahren der Abwesenheit in kränklich grünlichem Zustand wiederaufgetauchten Mond wollte sowieso keiner sehen. Das Leben in den Nachtbars, Discos und Theatern der Stadt und unter ihrer Oberfläche berührte der abstoßend fahle Dunst kaum, denn das hatte seinen eigenen – Dunst oder Charme, je nach Sichtweise.

Auch aus den Gebäuden der STARTAC, in denen der pelzige, derzeit wohl prominenteste Patient des Spezialkrankenhauses nach seinem Aufwachen aus zweijährigem Koma untergebracht war, hatte man die Nacht ausgeschlossen. Ein weites Panoramabild durchflutete Guckys Zimmer: Die Holobilder des Senders AUGENKLAR zeigten Terrania bei Tag. Die in Ringen und Kreisen auf einen Durchmesser von 50 Kilometern gewachsene Stadt stand im Raum, samt der glatten Fläche des Goshun-Sees als blaugrauem Punkt mittendrin. Der Ilt zoomte einzelne Punkte heran und wieder ins Weite. Heran und ins Weite. Hin und Her. Er holte die Stelle ganz nah, an der die Stahlorchidee fehlte, und starrte mit runden Mausaugen auf das beunruhigende Nichts. Der Regierungssitz der LFT schwebte jetzt auf Maharani. Doch Terrania hatte sich weiterentwickelt. In den Jahren seiner Bewusstlosigkeit war ihre Wunde zugeheilt, während er einsam im grünlichen Dämmer hing, benommen und isoliert wie unter zugefrorenem Eis.

Noch immer fürchtete er, ins Dunkel zurückzugleiten, sobald er die Augen schloss. Und er kannte sich nicht aus vor Angst bei der Erinnerung an die letzten paar Tage. Vor den Gesichtern seiner jugendlichen Fans, Severin Fock und Muaz Riocourt, vor dem Mörder, der aus ihm geworden war. Nichts konnte er tun, um ihren Tod wiedergutzumachen.

Hier draußen war die Zeit weitergelaufen. Zeit heilte alle Wunden. Guckys Wunde war frisch und sie brannte vor Schmerz.

Und dann diese Unfähigkeit! Die Hände des pelzigen Körpers um die Fernbedienung gelegt, griff sein Bewusstsein beiläufig nach dem Gemüseteller. Eine geschälte Karotte erhob sich und drehte sich in einem Looping, dann plumpste sie zurück, hüpfte und rollte vom Tisch. Diese neuen, schwachen Paragaben waren das einzige, was vom Muaz Rocourt übriggeblieben war. Nur deshalb verbot er sich, sie zu verachten. Aber insgeheim verabscheute er ihre Ineffizienz.

Kein Teleportieren mehr, keine Telepathie und nur dieses läppische bisschen Telekinese. Und die neue Gabe: das Bildersehen durch die Augen anderer, das ihn zu Anfang richtig durcheinander gebracht hatte. Weshalb Muaz Riocourt gestorben war. Weil er, Gucky, in seinen wirren Visionen ertrunken war und ihn berührt hatte.

Der umjubelte Retter des Universums fühlte sich wie ein schäbiges Nichts – sein unerschütterliches Selbstbewusstsein war endloser Scham gewichen.

Alleskönner?

Nichtskönner war er.

Überall-zugleich-Töter – der Angebername war wahr geworden. Welcher Hohn! Er hatte sich töten wollen, als er verstand, was passiert war. Dass er durch bloßes Berühren getötet und die Paragaben seiner Opfer übernommen hatte.

Shadin, Muaz‘ Schwester, hatte ihn aus der finstersten Tiefe geholt. Er konnte Menschen anfassen, ohne sie zu töten, aber er fürchtete sich trotzdem und verweigerte jede Berührung. Auch die von Ärzten und Pflegern. Denn er war sich nicht sicher, ob sie nicht doch tot zusammenbrachen wegen ihm.

Er schloss die Augen, denn die düstere Einsamkeit war wenigstens wahr. Nicht wie die hohlen Lichtgebilde der taghellen Stadt.

Ein Räuspern machte ihm klar, dass Frédéric ihn zur Gymnastik überreden wollte: damit seine schwachen Beinchen wieder Muskulatur bekamen. Gucky mochte den jungen Mann mit dem struppigen Haarschopf, und eben deshalb schreckte er vor ihm zurück. Damit sein Krankenpfleger ihm nicht nahe kam, öffnete er die runden Mausaugen wieder.

Frédéric trat einen Schritt näher. Der Kybernetische Turm und die Universitätsgebäude standen um seinen Bauch. „Es geht um die Übungen, Gucky“, begann er.

Der Ilt reagierte nicht. Er ließ die Projektion weitergleiten. Neben Frédérics Kopf erhob sich nunmehr das ferne Rund parkender Raumschiffe, die auf einem der acht mondförmigen Raumhäfen standen. Die Aufzeichnung zeigte den Tag, und Sonnenlicht reflektierte von ihren Hüllen. Das Zimmer war dunkel.

Du tust am besten was für deine Bein- und Rückenmuskulatur“, sprach der junge Mann weiter. „Wenn die aufgebaut ist, dann kannst du dir Terrania in echt ansehen.“ Einen Moment lang schien er nach innen zu schauen, dann redete er weiter: „In den letzten paar Jahren hier hat sich Vieles verändert. Aber anders, als die es zeigen. AUGENKLAR lügt oder selektiert, um Lobbygruppen entgegenzukommen. Was du hier siehst, sind die Luxusviertel: Atlan Village, Antares City. Reiche Müßiggänger und Parasiten.“ In der Doku erschienen Prachtbauten und die Botschaftsgebäude, die Innenstadt, mit chromblitzenden, verspiegelten Fassaden voll holografischer Applikationen. Sie erhoben sich in weitläufigen Grünanlagen. Gut gekleidete Lebewesen aus allen Teilen der Galaxis genossen den warmen Tag.

Frédéric schüttelte den Kopf. „Die Gegend ist vollständig dekadent, seit die LFT weg ist. Sozialchauvinisten aus der gesamten Galaxis und darüber hinaus leben dumpf vor sich hin, ohne sich um ihre persönliche Emanzipation vom Konsum zu kümmern. Ohne Gestaltungswillen. Ohne die Regierung kritisch zu hinterfragen. Es gibt genug soziale Missstände in den Außenbereichen der Stadt. Es gibt tatsächlich Gegenden, die seit dem Ende der Monos-Diktatur kaputt sind. Seit tausend Jahren! Persönliches Engagement der Besitzenden wäre angesagt, um die Zustände dort zu verbessern. Keine Regierung hat das hingekriegt. Die wollen gar nicht.“

Innerlich schüttelte Gucky den Kopf über Fréderics Eifer. Immer wieder versuchte sein Krankenpfleger, ihn in einen Dialog zu verwickeln, während er versunken vor sich hin brüten wollte. Er bemühte sich, ihm eine Brücke ins einfache, leichte Weiterleben zu bauen. Seine Unternehmungslust prallte an ihm ab. Wen hatte Doktor Athapilly ihm da nur zugeteilt? Fast wäre sein Nagezahn erschienen, doch das verbot er sich. Die Lage war zu ernst dazu.

Und nach der Tour durch Terrania,“ redete Frédéric weiter, „kommst du nach Lyon. Meine Eltern haben dort ein Haus gekauft, wo unsere Vorfahren lebten, und sie hatten recht: Es ist die schönste Gegend der Welt. Viel bessere Möglichkeiten, sich von den globalisierten Strukturen zu emanzipieren. Schau mal, den hab‘ ich dir gebracht. Er ist das Wahrzeichen der Stadt.“ Er zog einen Plüschlöwen hinter dem Rücken hervor, durchquerte das Holo zur Gänze und setzte das Ding neben die beiden knuffigen Elefanten, die seit Tagen auf dem Bord saßen. Sein kindliches Gemüt hatte er sich bewahrt, das musste Gucky ihm lassen. Zugleich schwärmte er vom Leben außerhalb der Gesellschaft. Wie dieser Typ überhaupt an den Job in diesem wichtigen Krankenhaus kam? Und insbesondere an die Betreuung eines so wichtigen Patienten wie ihn? Eigentlich konnte es nur ein Psychotrick des Dr. Athapilly sein. Denn Gucky musste zugeben: Irgendwie heiterte Frédéric ihn auf, und die Gespenster wichen ein Stück weit aus seinem Gemüt, während er bei ihm war.

Die Vorgänge rund um diese Riesenkästen werden nur auf privater Basis überwacht. Nicht von offiziellen Stellen, das hat man sich verbeten wegen der Persönlichkeitsrechte“, erläuterte Frédéric und zeigte auf die luxuriösen Gebäude. „Aber warum? Da stecken die Lobbyisten dahinter. Freiheit und Würde, davon sprechen sie. Doch nur für die Reichen. Darüber berichtet AUGENKLAR nicht.

Kann ich die Fernbedienung mal haben?“

Der Pfleger hatte sich angewöhnt zu warten, bis Gucky den Gegenstand ans untere Eck des Bettes warf, wo er ganz sicher nicht mit seinem an die Bettkante gerutschten, kindergroßen Körper in Berührung kam. Trotzdem spürte der Ilt sein Gesichtsfell schweißnass werden, während der junge Mann danach griff. Diese lähmende Angst blockierte ihn völlig.

Frédéric übersprang mehrere Abschnitte und hielt die Doku an. „Hör dir den Unsinn über die drei Altais an. Ich hab‘ da gewohnt, und man kann echt viel erleben, wenn man was daraus macht.“ Die Doku lief weiter, zeigte dunklere Randbezirke der Stadt, während der Sprecher kommentierte: „Andere Bezirke, wie die drei Altais ganz im Norden, ducken sich schon zu dieser Uhrzeit ins Dunkel. Manche ihrer Straßenzüge liegen seit den Verheerungen der Monos-Diktatur in Trümmern. In ihren zerstörten Bauten lebt ein eigener Schlag von Bewohnern. Vor allem hausen dort solche, denen nicht einmal die kilometertiefen unterirdischen Anlagen Terranias anonym genug sind – oder zu teuer: das unappetitliche Strandgut kosmischer Reiserouten. Leute, die nicht gefunden werden wollen. Polizeiliche Kontrolle ist unmöglich. Zwielichtige Geschäftemacher und gescheiterte Existenzen, deren Unfreiheit …“ Die Stimme des Sprechers brach ab. Das Holo verschwand.

In der entstandenen Leere spürte Gucky Frédérics Blick und gab nach: Mit seiner neuen Gabe tauchte er in dessen Sichtweise ein, blickte durch sein Bewusstsein, durch seine Augen und sah sich selbst. Es gab ihm einen Stich, sich so liebenswert zu sehen, so schuldlos, als müsse er wirklich nur ein paar Übungen machen und losziehen. Schleunigst zog er sich zurück. Unangenehm pochte sein Herz gegen die Rippen. Frédéric hielt die Fernbedienung hoch, um seine Worte mit akzentiertem Wippen zu unterstreichen. „Ich kenne die Leute dort. Auch wenn ich jetzt näher an der Klinik wohne. Aber in meiner Freizeit bin ich noch oft in der Gegend. Bei denen geht es nicht um Konsum und Anpassung. Wenn du dein Leben absichtlich gestaltest, womit ich meine, dass du dich auf was einlässt und was erleben willst, dann brauchst du nicht viel Geld. Und darum geht es.“

Er schaltete wieder ein.

Die Doku lief weiter, verfallene Straßenzüge glitten durchs Krankenzimmer: „Wie Ratten starrten ihre Bewohner aus den Verstecken ins Licht, voll Neid und gierig nach Geld, Drogen und ein bisschen Macht über irgendwen. Gestrandete Weltraumratten auf ausgehöhltem Boden, oberhalb der belebten unterirdischen Kavernen, lauernd und haltlos. Hier verbreitet der kranke, fahlgrüne Mond ungehemmt sein missfarbenes Licht, das den Verfall der Strukturen und den Anblick des Unrats ölig umschmeichelte, als seien sie seine irdischen, missgebildeten Geschwister.“ Wieder verschwand das Holo, und Frédéric schlug mit der Fernbedienung in die geöffnete Linke: „So einen Müll schaust du dir an. Du, mit all deiner Lebenserfahrung. Daran merkst du doch ganz klar, dass du hier raus musst. Also los, fang an.“

Ratte – Weltraumratte, dachte Gucky grimmig, aber der Enthusiasmus des jungen Mannes steckte an. Er mache Anstalten aufzustehen, doch als der Pfleger die Hand ausstreckte, um ihm zu helfen, schrak der Ilt zurück. Schon schob sich der Tentakel des Medorobots in Guckys Hand. Auf die Maschine gestützt, stand er auf. Sofort schmerzte ihn sein Gewicht. Die Schwere presste ihn zu Boden wie ein erstickender, bleischwerer Mantel. Er tat einen Schritt, dann den nächsten. Die körperlichen Schwäche machte ihn fertig, und das Ziehen in seinen wenigen Muskeln zerrte an seinen Nerven. Der mörderische Muskelkater aus seinem panischen Dauerlauf nach dem Erwachen ließ nur langsam nach.

Am besten, ich wäre tot“, murmelte er.

Ach was“, entgegnete der Pfleger. „Du hast so viele Fans, die dich lieben.“

Der Ilt lachte auf: „Nicht so, wie ich bin. Nur wie ich war. Mein Image. Deswegen ist mein Leben ganz falsch. Wäre ich tot, würde der Mythos für immer bleiben. So ist es nun mal. Mit meinem Leben würde der Schatten verlöschen und Gucky – der Retter des Universums – wäre auf ewig die heitere, tröstende Legende von früher. Unfehlbar hilfreich und gut. So einfach ist es: Ich muss tot sein.“

Was ihn an Frédéric immer verblüffte, war die sachliche Art, mit der er sein Drama beiseiteschob:

Jetzt machen wir erst mal die Übungen, dann fühlst du dich besser.“ Er reizte nicht zum Widerspruch, denn er war nicht sentimental, und Gucky ließ sich auf ihn ein. Er nahm sich sogar zusammen, um nicht zu humpeln, während er mit dem Roboter zur Matte tappte. Sein breiter Biberschwanz half ihm beim Weiterkommen.

Der Mausbiber setzte sich hin und bemerkte beim Blick in den Spiegel, dass er sich gehen ließ. So zusammengesackt dazuhocken war nicht seine Art. Er wollte sich aufrichten, rutschte aber umgehend in sich zusammen. Es ging einfach nicht, solange er sich derart niedergedrückt fühlte. Kläglich hockte er da.

Frédéric setzte sich vor ihn und streckte die Hände aus. Gucky schloss seine zu Fäusten.

Wir atmen mal ein bisschen zusammen“, begann der Pfleger. Gucky machte mit. Tatsächlich begann er, sich zu lockern.

Normalerweise würde ich deine Nackenpartie auf Verspannungen abtasten. Dann wüsste ich besser, was los ist“, schlug Frédéric vor.

Kann das der Robot nicht machen? Wenn du mehr merkst als er, bist du doch ein Mutant – hm, vielleicht könnte ich diese Fähigkeit brauchen“, knurrte Gucky zynisch. Sofort stieg Übelkeit in ihm auf.

Der Roboter kann das auch“, beschwichtigte der Pfleger.

Momente später war die Maschine bei ihm, tastete ihn ab, umfasste seinen Kopf und renkte den Nacken ein. Das wiederholte er von der anderen Seite. Es schmerzte und tat zugleich gut, doch Gucky war sich bewusst, dass die Behandlung nur eine leere Form wäre ohne den dabeisitzenden Menschen, zu dem er Vertrauen hatte. Dass er beim Einrenken sterben konnte, darüber hatten sie auch gescherzt, bitter und resigniert der eine, sachlich und freundlich der andere.

Jetzt leg dich mal auf den Bauch, dann renkt die Maschine dir auch die Wirbel ein“, wies ihn Frédéric an. Erneut zog der Schmerz durch Guckys Körper, angenehm wie ein Blitzableiter für das wütende Tosen in seinem Inneren. Fast fühlte er Trauer, als die Behandlung fertig war. Aber beim Aufsetzen merkte er schon, dass er sich gerade hielt.

Ich bin mir nicht sicher, ob wir mit der Beingymnastik weitermachen sollten“, meinte Frédéric.

Also, ich fühle mich großartig“, entgegnete Gucky und sprang auf die Füße. Allerdings wurde ihm dabei umgehend schwindelig, und nur sein Gefühl für Würde bewahrte ihn davor, sich umgehend wieder auf den runden Biberpo plumpsen zu lassen. Schwankend griff er nach dem Robot-Tentakel. „Gehen wir zu Bett.“

In angenehmer Gleichgültigkeit gegenüber der tanzenden Außenwelt ließ er sich zu seiner Ruhestätte geleiten und legte sich hin. Als der Pfleger ihn zudeckte, zuckte er kaum zusammen.

Als ich ein Kind war, hatte ich einen Plüsch-Gucky, der hat mich immer getröstet“, lächelte Frédéric. „So einen bräuchtest du auch.“

Taktlos bist du rein gar nicht, oder?“, knurrte der Ilt.

Frédéric überlegte. „Laut meiner letzten Freundin schon, glaube ich. Wenigstens nicht sensibel. Aber Athapilly hat mich genau deshalb angestellt, hat er gesagt. Keine Ahnung warum.“

Mit einer Handbewegung dimmte er das Licht herunter und ging. Und Gucky lag im Dämmer und genoss die Stille. Dann mit einem Mal wurde er wach und fühlte er sich gut. Richtig gut. Unternehmungslustig.

Er setzte sich auf. „Frédéric“, rief er.

Nach einer Pause erschien der junge Mann, und Gucky freute sich über die Verwirrrung auf seinem Gesicht.

Was gibt es“, erkundigte er sich.

Frédéric, war dir das Ernst mit dem wahren wilden Leben abseits der Regeln?“, fragte Gucky. Seine Ohren wurden ganz rund.

Frédéric starrte darauf. „Klar“, meinte er.

Dann möchte ich das jetzt gleich und sofort sehen. Umgehend. Organisier‘ mir einen Gleiter!“, forderte er ihn auf.

Aber …“, zögerte sein Pfleger.

Was?“, provozierte der Ilt. Er hatte keine Ahnung, wo er plötzlich die Kraft herhatte, aber er war nicht bereit nachzugeben. Keinen Millimeter weit. „Bin ich zu schwach? Zu krank? Schaffe ich’s nicht?“

Jetzt hatte Frédéric verstanden. „Doch, das wäre toll. Ich verliere meinen Job, wenn das auffliegt. Aber nee, klar, ich mach‘ das. Es geht ums Prinzip. Dann arbeite ich halt wieder alles Mögliche. Wäre auch nicht das Schlimmste. Komm mit!“

Er reichte dem Ilt die Hand.

Doch Gucky streckte ihm die Handfläche entgegen: „Bleib mir vom Leib! Am Ende bist du doch plötzlich tot, wenn du mir zu nahe kommst, und das wäre nun wirklich das Ende. Hast du irgendwo einen Plüsch-Gucky? Der kommt mit.“ Frédéric hatte einen in seinem Aufenthaltsraum. Er ging ihn holen.

Auf dem Weg zum Gleiter stützte der Ilt sich an der Wand ab und spürte, wie sein Begleiter das unsterbliche Häuflein Elend der letzten Tage mit dem unsicher neben ihm tappenden Glücksritter verglich. Doch was der Pfleger sagte, blieb praktisch: „Mein Gleiter parkt draußen. Die Überwachung ist minimal hier auf dem Innengelände. Du nimmst meine Kennung, und ich bleibe hier und decke alles. Vor Schichtwechsel musst du aber zurück sein.“ Frédéric kniete sich vor ihn hin. „Übernimm dich nicht, versprichst du mir das?“

Klar“, versicherte Gucky.

Einen Moment stand er still. Dann gingen sie schweigend weiter. Die Tür nach draußen verhieß eine veränderte Welt voll Verheißung. Mit seinen schwachen telekinetischen Kräften tastete er sich ins Innere der Überwachung und knipste sie aus. Gekonnt war gekonnt. Er war immer noch da.

Wenn das hier auffliegt, kann ich mit Perry reden oder Bully,“ erklärte er seinem Begleiter.

Bully und Perry – warum kam keiner seiner Freunde ihn besuchen? Warum redete keiner darüber? Wo steckten sie nur? Es tat ihm so weh, dass er niemanden fragen konnte, weil ihm keiner so nah stand wie sie. Die Einsamkeit bohrte sich mit eisigen Nadeln in sein Herz, und als er sich von der Welle an Verlassenheit erholte, sah er dieselbe Betroffenheit auf dem Gesicht seines Freundes.

Bevor er darüber nachdenken konnte, öffnete der Mann die Gleiterabdeckung und platzierte den Plüsch-Gucky auf dem hinteren Polster. „Auf geht’s, schnell jetzt.“ Er widmete sich der Positronik. „Der Gleiter bringt dich an meinen Lieblingsplatz. Dort ist der Eingang zum besten Vergnügungsviertel, das es gibt, und alle möglichen schrägen Typen laufen rum. Seit ein paar Tagen steht ein Bettler da, der ist vermummt wie einer dieser Wüstenbewohner – Berber heißen die. Was in dem vorgeht, würde ich gerne wissen.“

Er winkte ihm nach, während der Gleiter abhob und losschwebte.

Keiner hielt ihn an.

Gucky wurde kurz übel, dann atmete er auf. Die Freiheit lag vor ihm. Er flog durch die riesige Stadt, die fast die ganze ehemalige Wüste Gobi bedeckte, sah im Vorbeigleiten die Lichtspiele des Kybernetischen Turms, die Raumhäfen, riesige Freilufthologlobenkinos, kurz, alle Möglichkeiten des bekannten Universums und einige mehr.

Dann ging es weiter in weniger helle Gefilde. Er checkte die Positronik. Es ging in die fragwürdigen Bereiche der Stadt, und tief in ihre Eingeweide. Er kannte den Ort. Was Frédéric programmiert hatte, war ein Platz namens „Berber’s Pride“, gerade am Eingang des Schattenlandes. Dort hatte er mit Bully Spaß gehabt.

Wieder zog sich sein Magen zu einem schmerzhaften Kloß zusammen. Nur nicht dran denken. Sicher würde sich alles bald aufklären. Vielleicht würde er Bully dort treffen? Ein Unsinn war das.

Das Schattenland im unterirdischen Bereich Terranias – dort hatte sich im Laufe der Jahrtausende ein Labyrinth in den Boden des Planeten gebohrt, das über fünf Kilometer in die Tiefe reichte und vielleicht noch viel tiefer, wenn man die verzweigten Ausläufer zählte. Raumfahrer im Ruhestand, Extraterrestrier von lichtschwachen Planeten und Flüchtlinge vor dem Gesetz bewohnten das phasenlose Kunstlicht der Tiefe, in der nur die Uhr der Zeit einen Rhythmus verlieh.

Frédéric hatte gründlich programmiert. Der Gleiter schwenkte auf einem weiten Platz ein, drehte eine Runde und steuerte einen Parkplatz an, in den er sich schob und anhielt.

Gucky kam wieder in der Gegenwart an. Er sah den Berber, erinnerte sich an Frédérics Worte, fand den Mut, seine neue Fähigkeit auszuprobieren und tauchte in das Bewusstsein des verkleideten Menschen ein.

Hier beginnt das fünfte Kapitel, weiterzulesen im Paradise 97: http://www.terranischer-club-eden.com/.

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4 Comments

  1. Ich glaub, irgendwann muss ich mir das PR-Universum doch mal näher ansehen … bisher hab ich nach kurzen Versuchen immer wieder einen Bogen drumherum gemacht – so ein ganzes Universum ist halt doch was anderes als eine Einzelgeschichte …

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    1. Man muss halt irgendwo anfangen. Es gibt schon jede Menge Einzelgeschichten darin oder Geschichten, die in die Zyklen quasi eingearbeitet sind und die man einzeln lesen kann.
      Außerdem kann man viele Geschichten prima verstehen und merkt erst beim Wiederlesen paar Jahre später, dass man dann doch vieles gar nicht bemerkt hatte. Das geht schon.

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        1. Auf jeden Fall. Die jetzige EA lese ich spontan und sprunghaft, was sich aber auch bisschen anbietet mit der Parallel- und Zeit- und Kausalitätsproblematik, hm.
          Nun, ich sammle die EA, die Miniserien und mit mehr Muße auch die hübschen französischen Taschenbücher. Ich mag auch Maddrax, aber da kann man immer einsteigen. Das ist schon viel Papier. Und dann möchte man irgendwann wirklich auch mal wieder was anderes lesen.
          Am Mittwoch am Mannheimer Stammtisch freute sich eine auf ihre Pensionierung in paar Jahren, weil sie dann alles Liegengebliebene nachlesen kann. Ich habe noch 16 Jahre bis dahin!!

          Gefällt 1 Person

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