Über Arndt Ellmer – (Teil 5/4) „Die Informationsjäger“ und viel Komiktheorie

Die Informationsjäger“ (2637), erschienen am 2. März 2012, war damals, als ich diese Analyse schrieb, einer meiner Lieblingsromane: Ich hörte und las ihn mindestens zwanzigmal und fand trotzdem jedes Mal aufs Neue Einzelheiten, die ich so noch nicht bemerkt hatte. Die Charaktere und ihre Interaktion gefallen mir halt. Es ist ein Gucky-Roman.

Grundsätzlich geht es darum, dass Gucky und Nemo Partijan in die Werft APERAS KOKKAIA teleportieren und dort den „Ort des Wandels“ suchen, das ist ein kugelförmiger Hohlraum innerhalb des künstlichen Gebildes. Sie müssen sich mit den Räumlichkeiten und der Besatzung – Xylthen und Badakk – herumschlagen, weil überall Parafallen installiert sind, wegen denen Gucky nur über kleine Distanzen teleportieren kann. Als sie dann den Ort des Wandels erreichen und die Kugel sehen, nehmen beide Verschiedenes wahr. Nur mit Mühe können sie sich aus dieser aufgelösten Wirklichkeit befreien und als sie zurückkehren ist unverhältnismäßig viel Zeit verstrichen. Es ist ein reiner Zufall, dass in diesem Roman auch der Wirklichkeitszerfall gestaltet wird, den wir im „Herrscher von Sonnenland“ fanden. Der Roman ist in großen Teilen lustig, deshalb enthält dieses Kapitel einen Abriss zur Komiktheorie.

Diese Geschichte spielt nicht in der heimischen Milchstraße, sondern am Ziel einer der im vorherigen Roman als Strukturprinzip verwendeten Verschiebungen, nämlich dort, wohin die BASIS entführt worden war: Die riesenhafte Werft APERAS KOKKAIA steht im Mittelpunkt des erneut kugelförmig aufgebauten Settings und wird bald Schauplatz der Handlung, da Gucky und Nemo die MIKRO-JON verlassen, um Perry Rhodan dort zu suchen, während dieser nach ihnen sucht, und zwar mit Kommandant Derrayn Arene auf der SICHOU-1, begleitet von seinen neuen Verbündeten auf der KADURA, einem Schiff des Verzweifelten Widerstands. So weist der Roman nur zwei Handlungsebenen auf: Am Schluss werden auch in diesem Roman die Teile zusammengeführt, weil die Protagonisten sich treffen.

Die zwei Handlungsebenen unterteilen sich in die Rahmenhandlung als Prolog und Epilog und in die in sechs Kapitel geteilte Binnenhandlung mit Action und humorvollen oder komischen Elementen. Deshalb werden wir bei der Analyse der Binnenhandlung vor allem über die Erzeugung von Humor und über die Charakterisierung Guckys sprechen müssen.

Die Perry-Rhodan-Handlung wird als Prolog und Epilog von der eigentlichen Handlung abgesetzt. Beide Begriffe stammen von der Bühne. Ein Prolog wird erzählend vorgetragen oder szenisch inszeniert. Er adressiert die Zuschauer, dient als Eröffnungsszene oder –rede, führt die Personen ein und startet die Handlung. Ein Epilog hingegen bietet eine Zusammenfassung am Textende oder einen Ausblick in die Zukunft. Denken wir an Faust, wo mit der Wette zwischen Gott und Mephisto Fausts Geschichte im Menschenbereich beginnt.

Der Vergleich mit den Himmelsbewohnern kommt nicht von ungefähr, denn es geht ja um Perry Rhodan. Er ist der Gute. Wie meine damals Neunjährige formulierte: „Also, ich finde den Atlan auch spannender. Beim Perry Rhodan, da weiß man ja immer, was er macht, der rettet alle und so. Der Atlan, da weiß man das nicht so genau.“ Perry Rhodan ist die berechenbarste Person der Serie. Und er ist traditionell der einzige, der Gucky wirklich bändigen kann. Er ist untadelig. Auch wenn ihm streckenweise Ramoz die Rolle des Auserwählten bei der uralten Flotte der Oraccameo und bei Mondra Diamonds streitig macht, was die Anpassung seiner Persönlichkeitsstruktur an die flachen Hierarchien der extrafiktionalen Jetztzeit unterstützt – schon ein Dutzend Hefte später wird sich herausstellen, dass er lediglich bei der falschen Firma vorgesprochen hatte und diese schuld ist.

So sind der souveräne Rhodan in der Rahmenhandlung und der als spaßig bekannte Gucky in der Haupthandlung verklammert. Um die Kriterien der klassischen Trennung in Tragödie und Komödie anzuwenden: Rhodan verkörpert die hohe Ebene, in der es beispielhaft um Schicksale geht, und Gucky die niedrige Ebene, wo man Spaß hat und sich schlecht benehmen kann. Wobei Guckys Charakterisierung in diesem Roman ganz weit vom lustigen Plüschtier weg ist.

Der szenisch gestaltete Prolog beginnt actionreich, die Aufmerksamkeit des Lesers wird zunächst durch in einem Prallfeld gesicherten überschwappenden Tasse Kaffee ausgerichtet, ehe es um die dramatische Rettung der SICHOU I durch die KADURA im Hypersturm geht und um die Vorgeschichte inklusive Frequenzmonarchie. Auffällig wieder, wie inmitten dramatischer Handlungssequenzen, und Hintergrundwissen die menschlichen Momente ausgestaltet werden, sei es das Kaffee-Thema zwischen Rhodan und Arene oder die großzügige Menschlichkeit, die in Rhodans Gesprächen mit Ronsaar aufscheint.

Die unberechenbaren physikalischen Verhältnisse des Hypersturms erlebt der Leser via Perrys Fähigkeit als Sofortumschalter, die einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Als klar wird, dass das Schiff im Linearraum „einzufrieren“ droht, ruft Darrayn: „Ein Tipp, Perry. Schnell“ (S.5) Dieser reagiert entsprechend, trifft eine ungewöhnliche Entscheidung, und übergangslos befindet sich das Schiff wieder im Normalraum. Perry trotzt dem Risiko des Hypersturms und beschießt risikofreudig: „Wir müssen ins Auge des Sturms“ (S.5).

Auch hier wird das physikalische Chaos verlebendigt, die Protagonisten befinden sich in einer belebten Welt: „Die Masse stieg ins Unendliche, das Universum staute sich zu einer gewaltigen Wand auf, an der das Schiff zerschellen würde“ (S.5) Und wie das im Perryversum immer so gewesen ist: Sobald die „Positronik normal“ (S.5) funktioniert, ist man aus dem Gröbsten raus. Eine Art dramatischer Beziehungskonflikt entsteht durch den bremsenden Zugstrahl der KADURA, weil Rhodan sich fürs Addieren der Kräfte, also Gegenschub zur Beschleunigung, entscheidet, wodurch er aber auf die eigenständige Fluchtmöglichkeit durch Lineareintritt verzichtet. Gemeinschaft siegt, auch wenn der Retter gleich wieder verschwindet – die beiden treffen sich ja bald wieder und verstehen sich gut.

Versöhnlich stimmt die Erkenntnis, „die Geburt eines neuen Sonnensystems oder gar eines Sternhaufens erlebt“ (S.7) zu haben, woraufhin Rhodans Gedanken „schlagartig“(S.7) – er ist ja der Sofortumschalter – wieder bei der Suche nach der KADURA sind. Er nutzt die Zeit für die Arbeit am Urcontroller, wobei dem Leser noch mal wichtige Daten rekapituliert werden- Typisch für AE sind diese deutlich als Perrys Bewusstseinsinhalte gekennzeichnet, denn es heißt: Sie „lieferten Perry einen wichtigen Hinweis […] Damit stand endgültig fest […], Rhodan interessierte sich brennend dafür“ (S.7).

Dem folgt eine von AE regelmäßig zur Motivierung einer wichtigen Handlung eingesetzen Struktur, eine Reihung von diesmal fünf Fragen, die Perry sich stellt und die die künftige Handlung vorwegnehmen, was die Hauptfunktion eines Prologs ist: Was die Frequenzmonarchie mit QIN SHI zu tun hat, wie es bei den Segmenten der BASIS und am „Ort des Wandels“ in der Werft aussieht, ob die Xylthen die Schirmfelder knacken konnten und of MIKRU-JON noch da ist – mit Ausnahme der ersten gibt es im Handlungsverlauf auf diese Fragen Antworten. Und es gibt einen Ausblick: „Rhodan brauchte das Schiff, denn es war „genau das Richtige, um in die Höhle des Löwen zu fliegen“ (S.8). Da er dies bei Erhalt des Schiffes im Epilog auch tut, erfüllt dieser Prolog seine klassische Funktion. Der Epilog hingegen bringt keine Auswertung philosophischer Erkenntnisse, sondern subsummiert lediglich die neu gewonnenen Erkenntnisse und bereitet durch die Zusammenführung der Protagonisten den nächsten Handlungsabschnitt vor, ist also eher Zwischenstopp als Abschluss – schließlich muss der das folgende Heft vorbereiten, so dass dieser alten Textsorte im Rahmen einer Heftromanreihe eine neue genretypische Funktion zufällt.

Zu Beginn des Epilogs betrachtet Rhodan die Werft und die Segmente der BASIS in der Fernortung. Er wartet. Die erwünschte Begegnung findet ein Echo in der Zweierstruktur der Formulierungen: „optisch und energetisch“ (S.58) hat sich nichts verändert – aufschlussreich für den Leser, der weiß, dass Nemo und Gucky in der Zeitdilatation steckten – und Perry betrachtet „parallel“ (S.58) den Hologlobus und das Display. Anrene wiederholt dies „überflüssigerweise“ (S.58) noch mal, und schließt daraus, dass sie jetzt gehen können. Der Leser weiß aber, dass sie das nicht dürfen, weil die anderen ja noch unterwegs sind. Als Perry sich vom Display abwendet, nimmt er Verbindung zu Ronsaar auf. Gerade als er mit ihm über die Flugroute zu sprechen beginnt, macht Anrene ihn auf den „Nagezahner“ (S.58) in Hologlobus aufmerksam.

Der humorvolle Teil des Abspanns beginnt: Ganz klassisch cool gab es für Gucky „keine besonderen Ereignisse“ (S.59), aber seine Miene verrät Rhodan, das dies nicht stimmt – die beiden kennen sich ja genau und achten aufeinander. Navigator Quistus schläft gerade in seinem Methantank und muss geweckt werden, auch dies vertrauter Alltag. Als alle in MIKRU-JON zusammenkommen, schmatzt Gucky erst mal seine Karotte, auch dies ein Element von höchstem Wiedererkennenswert, und spricht das Schiff auf einen Sessel für Rhodan an, der im gleichen Augenblick ausgebildet wird – als Symbol dafür, dass Rhodan die sehnsüchtig herbeigewünschten technischen Möglichkeiten des Schiffes wieder zur Verfügung stehen. Der Avatar Mikru erscheint denn auch „mit leuchtenden Augen“ und begrüßt ihn mit „Hallo Pilot“(S.59), so dass hier ebenfalls menschliche Nähe als Normalität eintritt.

Gucky witzelt weiter über Nemos strapazierte Nerven, womit zu seinem Bericht überleitet. Als Nemo Rhodan knapp informiert, fasst er zugleich das Geschehen noch mal kurz für den Leser zusammen. Die offenen Fragen des Prologs werden weitgehend beantwortet, die ungelösten Fragen motivieren den Aufbruch nach Orontes, der gleich nach dem Roman beginnt: „‚Lasst uns aufbrechen’, sagte Perry Rhodan“ (S.59), was im Roman 2638 von Mark A. Herren dann umgesetzt wird.

Die Romane in diesem Abschnitt des Neuroversumzyklus enden entweder mit Er – er – er – es bzw. Sie – sie – sie – es – Reihen, ergänzt um Datumsangaben, die auf den 15. November zielen. Hier endet die Haupthandlung am 3. November, im Epilog treffen sich alle am 5. November und berechnen ihre Ankunft auf Orontes für den 12. November.

Kommen wir nun zur Binnenhandlung. Strukturell ist sie in sechs nummerierte Kapitel unterteilt. Die Übereinstimmung mit dem klassischen fünfaktigen Drama finden wir in der Gucky-Handlung. In den ersten fünf Kapiteln dominiert er völlig. Das sechste, kürzeste Kapitel fällt aus dieser Struktur heraus, weil Gucky ohnmächtig wird und Nemo, der vorher eher den Lehrling machte, nicht nur Guckys Zugriffsmöglichkeiten überschreitet, sondern auch kompetent Entscheidungen trifft und beide in Sicherheit bringt.

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(Bild: Innenillustration PR 2637, Perrypedia)

Die Binnenhandlung umfasst die Entschlussfindung Guckys, Nemos und Mikrus zur Expedition auf die Werft, die Durchführung der Expedition und die geglückte Flucht. Im ersten Abschnitt kabbeln sich Gucky, Nemo und Mikru durch die angespannter werdende Lage, im zweiten Abschnitt steht Guckys Persönlichkeit im Mittelpunkt, mit Partjan als Kontrastfigur. Beide interagieren in komplexer Weise mit ihren Gegnern auf dem gekaperten Schiff und auf der Werft, die bei aller Härte der Actionhandlung durchaus „menscheln“ – mit gebotenen Einschränkungen. Die Gegner sind durchaus lebensgefährlich, sind aber durch das Miterleben ihres Berufsalltags und Hinweise aufs Partyfeiern in der Freizeit – der Computer nimmt keinen Anstoß, als Gucky sein Opfer mit dem Hinweis auf feuchtfröhliches Feiern krank meldet – erscheinen sie als eigenständige Lebewesen, die durch eine totalitäre Regierungsform unter Druck stehen, was zu Grausamkeit führt. Die Sympathielenkung bevorzugt natürlich Gucky und Nemo, weil sie das Individuum achten, während in QIN SHIs Machtbereich nur dessen Vorteil etwas wert ist.

Eingeführt werden Gucky und Nemo mit einem äußerst anschaulich geschilderten, witzigen Streitgespräch, das schon den Ton der folgenden Geschehnisse festlegt. Die Erlebnisse des ungleichen Paares weisen viel Situationskomik auf. Komiktheorie ist ein großes Kapitel, das die Germanistik vernachlässigt. Die Anglistik hat Shakespeare, Wodehouse und viele andere Autoren, die im Zentrum der Rezeption stehen, wichtige kulturelle Konstanten in humorvollen Texten abbilden, und als Textkorpus eine reiche Tradition von versöhnlichen, anerkennenden Parodien. Ich habe zu Studienzeiten meine Zulassungsarbeit über Hamletparodien des 19. Jahrhunderts verfasst, wobei es einerseits ums Technische – Hinzufügen, Weglassen, Austausch und Übersteigerung von Textbausteinen – und andererseits um Zielsetzung und Rezeptionsmechanismen. Wer sich für das komplette Instrumentarium interessiert, sollte Geoffry N. Leech: A Linguistic Guide to English Poetry (Longman, 1969) und Dieter A. Berger: Die Parodie in der Dichtung der englischen Romantik (Francke: Tübingen, 1990) lesen. Durch die Struktur als Serie sind meines Erachtens viele der diskutierten Mechanismen auf die Machart einer Heftromanserie als Genre anwendbar, mit gewissen Adaptionen natürlich – aber das überschreitet den Rahmen dieses Textes hier natürlich bei weitem.

Deutschsprachige Sekundärliteratur geht selten über oberflächlich kommentierte Materialsammlungen hinaus. Auch im traditionellen Textkorpus der Germanisten finden sich kaum anspruchsvolle Parodien, die in absichtlich schlechtem Latein geschriebenen „Dunkelmännerbriefe“, mit denen die Humanisten Reuchlin und damit indirekt – und wohl nur als Nebeneffekt – das jüdische Schrifttum im Deutschland des Kaisers Maximilian verteidigten, sind da schon eine strahlende Ausnahme, und sie vertreten eine sehr klare antiklerikale Position, was aber durch die witzige Verkleidung erst nach einiger Zeit von ihren Gegnern verstanden wurde. Es gibt eine Reihe von Parodien zu Schillers „Glocke“, in der Regel niedermachend und blöd, und ansonsten wenig. Der Deutsche kann nicht wertschätzen, wo er Witze machen kann. Als strahlende Ausnahme seien die Arbeiten von Theodor Verweyen genannt, u.a. „Eine Theorie der Parodie“ oder „Walpurga, die taufrische Amme“.

Die gute alte Theorie von Sigmund Freud aus „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ ging davon aus, dass beim überraschenden Wechsel von einer anstrengenden auf eine einfachere Situation Energie frei wird, die man als angenehm erlebt und durch Lachen abführt. Humor ist eng verbunden mit Wohlbefinden und Wohlwollen, im Witz kann sich jemand auch blamieren oder blamiert werden. Der Unterschied zwischen Mitlachen und Auslachen ist jedem bekannt, ebenso wie der zwischen Wohlgefühl und Unbehagen, Überlegenheit und dem Gefühl, nicht mithalten zu können. In diesem Spannungsfeld bewegen sich lustige Texte. Außerdem müssen sie uns emotional ansprechen, sonst lassen wir uns gar nicht erst drauf ein.

Wohltuende Vereinfachung finden wir bei Wortwiederholungen und Parallelismen, weil wir uns ja keinen neuen Begriff erschließen müssen und somit Energie sparen. Wortspiele hingegen, die bei dergleichen Wiederholungen anfallen, kommen eher in den Bereich des „wit“, da die Bedeutung in der neuen Kombination überraschend umklappt, was unseren Spieltrieb befriedigt. Sie können sich im Spielerischen erschöpfen oder aber durch das plötzliche Offenlegen verborgener Inhalte entlarvend und kritisch wirken, so dass wir vom Vorhandensein einer Struktur nicht direkt auf die Zielsetzung schließen können, mit der sie verwendet wird.

Es handelt sich stets um ein Diskrepanzphänomen, und dabei gibt es eine reiche Auswahl an Ansatzpunkten: Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung, der einen Wortbedeutung und der anderen, Arglosigkeit und Übelwollen, Herausforderung und vereinfachter Lösung, angesehener und verachteter sozialer Gruppe, und so weiter. Diese Diskrepanzen können je nachdem mit unterhaltender, satirischer oder kritischer Zielsetzung verwendet werden. Entscheidend für den Erfolg beim Leser – dass dieser nämlich mitlacht, auslacht, mitdenkt oder einen Sachverhalt als lächerlich erlebt – sind erstens die Erkennbarkeit der geschilderten Struktur und zweitens seine emotionale Beteiligung, ohne die eben keine echte Reaktion erfolgt.

Grundsätzlich kann man unterscheiden zwischen versöhnlichem, gemütlichen Humor und der intellektuelleren Komik. Humor ist emotional. Er ist auch an die Gestaltung von Persönlichkeiten gebunden, denn die vier humores waren gemäß der antiken Viersäftelehre, die vom griechischen Arzt Galenos in seinem auf Latein geschriebenen Hauptwerk Methodi medendi zusammenfassend dargestellt wurde. Neben der Lehre von vier Elementen sprach er von den vier Grundstoffen Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle, denen jeweils betimmte Organe und die die vier Qualitäten warm und feucht, kalt und feucht, warm und trocken und kalt und trocken entsprachen. Er verknüpfte diese mit Geschmacksqualitäten und Lebensphasen, und er sah Krankheit als eine fehlerhafte Mischung dieser Säfte. Aus dem Übergewicht eines Saftes entstand jeweils das cholerische, melancholische, phlegmatische oder sanguinischeTemperament, wodurch die Säftelehre zu einer Systematik der Charaktertypen wurde. Das war Gemeingut, das Publikum im elisabethanischen England hat diese Charaktertypen auf der Bühne jederzeit erkannt, so dass es von Hamlet als pessimistischem Melancholiker, Scharfsinn erwartete, weswegen sie der Handlung leichter folgen konnten als unsereins, der sich jeden Charakter individuell zusammensetzt. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich daraus eine Komödienform, durch die sich Humor als Wort für „Lustiges“ etablierte. Humorvoll ist denn auch menschlich, gemütvoll und versöhnlich.

Witz hingegen – engl. „wit“ als Gewitzheit, geistige Beweglichkeit, Kombinierfähigkeit – ist intellektuell. Wie schon erwähnt: An einer vergleichenden Untersuchung über Arndt Ellmer und Leo Lukas könnte man den Unterschied sicher gut untersuchen. Hier werden wir keine übergreifende Theorie erstellen, sondern uns lediglich auf Textsignale konzentrieren, die uns schmunzeln lassen und Glücksgefühle auslösen, um uns für das Phänomen zu sensibilisieren.

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Nun also zu den „Informationsjägern“. Beginnen wir mit einer eingehenden Untersuchung der Binnenhandlung mit der Eingangsszene (vgl. S.9, 2. Spalte bis S.11, 1. Spalte):

„‚Du machst mich nervös’, sagte Gucky zu Nemo Partijan.

Ich mache dich…nervös?’ Der Wissenschaftler schüttelte ungläubig den Kopf. „Du machst mich nervös. Läufst pausenlos um den Einstieg des Antigravschachts herum. Streckst alle zwanzig Sekunden den Nagezahn in die Luft. Und schmatzt dazu.’

Der Ilt blieb stehen, legte betont lässig den Kopf in den Nacken und starrte Nemo von unten herauf an.

‚So’, meinte er spitz. ‚Und das nervt dich?’

Ja!’

Mich nervt, dass du unaufhörlich an die Viibad-Klüfte denkst, und wie du sie mithilfe deiner Quintadim-Topologie darstellen kannst’.

Nemo Partijan rang um Fassung. „Das ist nicht lustig. Ich habe dir keinesfalls erlaubt, in meinen Gedanken zu lesen.’

Entschuldige, aber dann lass deine Gedanken nicht so offen liegen, dass sie einen ahnungslosen Telepathen geradeso anspringen. Sie sind mir geradeso…reingerutscht.’

Na gut’, sagte Partijan in versöhnlichem Ton. ‚Einmal ist keinmal.’ Erleichtert stellte er fest, dass der Ilt die ewige Wanderung beendet hatte.“ (2637, S.9)

Diese Anfangsszene kann man sich auf der Stelle anschaulich vorstellen, da die Gestalt des Ilt mehr als bekannt ist. Sie ist um einen kreisförmigen Mittelpunkt herum aufgebaut, was ihr Geschlossenheit verleiht, die gemütliche Geschlossenheit bewohnter Räume. Die Protagonisten sind den Lesern bereits bekannt, jedoch in unterschiedlichem Ausmaß: Nemo Partijan wurde in 2600 bei seiner Einführung aus dem Blickwinkel Mondra Diamonds beschrieben – auch Uwe Anton benutzt gern die Personenperspektive, wenngleich er sich, wie gesagt, fast immer auf Sehen, Hören und Denken beschränkt, während Ellmer alle Sinneskanäle seiner Protagonisten gleichermaßen verwendet. Demzufolge ist Partijan gut aussehend, genial und erfolgreich, er kann auch in Gefahrensituationen schnell und kaltblütig reagieren, hatte sich als Sympathieträger bis dato aber nicht besonders etabliert, er war nur einer aus der endlosen Reihe überaus genialer Hyperphysiker, von denen eigentlich immer einer die Handlung begleitet. Seinen Vornamen kennen wir schon vom Bordrechner der JULES VERNE, der Nachname verfremdet den Teilungsvorgang der BASIS, und auf die Eingabe „Nemoia“ als als Folgebegriff zu „Nemo“ hin spuckt die Perrypedia einen Herrn Partan als Protagonisten zweier ATLAN-Hefte aus.

Da Gucky in seinen Gedanken über „Viibad-Klüfte“ und „Quintadim-Topologie“ liest, wird sofort klargestellt, dass wir einen hochgradig kompetenten Superhyperphysiker vor uns haben, einen jener unvergleichlichen Spezialisten, wie sie einer nach dem anderen die Serie begleiten. Doch hier ist der Wissenschaftler ratlos, denn er ist mit Gucky konfrontiert: Er ist genervt, ringt um Fassung und reagiert dann versöhnlich. Hierdurch wird Autorität, also Respekt hervorrufende Fallhöhe, abgebaut, andererseits zeigt er durch den „versöhnlichen Ton“ menschliche Kompetenz. Dieses Element zieht sich durch die gesamte Binnenhandlung. In diesem Roman wird Nemo erstmals richtig sympathisch.

Von Anfang an befinden die Protagonisten sich im Zwiegespräch miteinander, sie sind aufeinander ausgerichtet. Ihr Konflikt wirkt komisch, weil er uns aus dem Alltag vertraut ist, und weil das Konfliktvokabular durch Repetition und Variation seine Sprengkraft verliert. „Du machst mich nervös“ und „du nervst“ werden von einem zum anderen hin- und her geschoben. Hierdurch entleeren sich die ursprünglichen Affekte dieser Äußerungen, was sich stets angenehm anfühlt, dem Leser also Wohlbehagen bereitet.

Auch Nemos Beschreibung von Guckys Verhalten weist Parallelismen auf, die Verben „Läufst“ und „Streckst“ sind an den Satzanfang gestellt und bezeichnen fröhliche, unbeschwerte Bewegung. Übersteigert wird die Verbreihe durch das dritte Element „Und schmatzt dazu.“ Gucky schmatzt, zeigt den Nagezahn, Nemos Gedanken, die er ungehemmt liest, springen ihn angeblich „geradezu an […] Sie sind mir einfach so…reingerutscht.“ (S.9). Die hier signalisierte Hemmungslosigkeit wirkt lustig, weil ungehemmte Sinnesfreude in die Sparte „Humor“ fällt, ebenso wie die Kinderperspektive, aus der der Mausbiber am Physiker empor starrt. Das Gefahrensignal „betont lässig“ akzentuiert nur, weil es eben Gucky ist, der so schaut. Der Leser erfreut sich seines Informationsvorsprungs, denn jeder weiß, was Gucky mit Leuten macht, die seinen Unwillen erregen, was dem Leser das angenehme Gefühl des Mehrwissens gibt und Spannung durch Vorfreude aufbaut, uneingeschränkter Vorfreude, denn ein nervöser Wissenschaftler ruft wenig Mitgefühl hervor. Partijan ist hier auch ganz Autorität, er „schüttelt ungläubig den Kopf“, „ringt nach Luft“, protestiert gegen zu viel Bewegung und beruft sich auf Regeln – das erweckt im Leser eine diebische Freude. Er kann darin schwelgen, denn Gucky ist durch seine auch in dieser kurzen Szene zur Schaugestellten drei übersinnlichen Fähigkeiten – Telepathie, Telekinese und bald darauf auch Teleportation – fast unangreifbar und lebt noch dazu in der Kindperspektive, die man damals hatte, als man sich noch alles Mögliche erlauben durfte. Durch die Identifikation mit Gucky kann der Leser diese Sicherheit miterleben, und da kann man leicht lachen.

Wie so oft ist der Beginn mit Zeitangaben zusammengebunden, nämlich „pausenlos“ (S.9), und „alle 20 Sekunden“ (S.9) zur Guckys Bewegungen, die dann als „ewige Wanderung (S.9) wieder aufgenommen werden. Parallel zu Guckys Kreisbewegung und effektvollem In-der-Luft-Sitzen – was mich an Bostichs effektvollen Auftritt auf der Flugscheibe am Ende von 2616 erinnert – „stapft (Nemo) in Gedanken […] durch die Landschaftsmodelle“ (S.9) seiner Quintadim-Topologie. Dem folgt natürlich eine kurze Definition des Wissenschaftszweiges, was einerseits Neulesern und Lesern ohne fotografisches Gedächtnis die Lektüre erleichtern, andererseits auch zur Etablierung des Begriffs beiträgt, denn wir befinden uns im Bereich der „Pseudowissenschaft“. Ein Begriff, der zwar faktisch durchaus zutreffend sein mag, bei mir aber stets ein leises Bedauern auslöst.

Nemo als Koryphäe der „Pseudowissenschaft“, das klingt ziemlich abwertend, und es greift zu kurz. Denn erstens muss Science Fiction als Gattung auf wissenschaftliche Theorien zugreifen, indem sie diese runter bricht auf eine Niveau, auf dem genug Durchschnittsleser dazu Zugang finden – und ich bin kaum die einzige, die über diese Art Lektüre Zugang zu Themen gefunden hat, die sich im Physikunterricht wie eine glatte Wand auftürmten, weil der Inhalt nur kurz angesprochen wurde, bevor er mit dem Rechnen losging – das kann leichter benotet werden. Ich konnte das mit dem Rechnen nie, aber ich lese gern über Physik – auf den mir möglichen Zugangswegen eben, und da habe ich an Science Fiction eine klare Erwartungshaltung.

Zweitens lebt die richtige Wissenschaft nicht nur von Exaktheit, sondern auch von Hypothesen, die später erst als Theorie verifiziert, falsifiziert oder modifiziert werden. Dazu gehören Phantasie und all die Ideen, die einem beiläufig in den Sinn kommen. Freie Assoziation, Fuzzy-Logik.

Drittens die Notwendigkeit selbstständigen Denkens, das mit Anregungen aus guter Unterhaltungsliteratur oft leichter fällt als mit durchorganisierten Abhandlungen, die unter dem Vorzeichen einer bestimmten Hypothese geschrieben wurden und den Leser auf bestimmte Schlussfolgerungen hin lenken. Wissenschaft kann zu erstaunlich idiotischen Ergebnissen führen. Denken wir an die Phrenologie, einem wichtigen Vorläufer Neuro- und Kommunikationswissenschaften, aber auch Grundlage der unseligen, aus der aber auch die Kraniometrie hervorging. Diese Art Schädelvermessung wurde außer in der Archäologie – wo sie weniger Schaden verursachte – auch lange in der Ethnologie verwendet und in der Rassenkunde der Nationalsozialisten. In der Oberstufe nimmt man ja regelmäßig Postkolonialismus durch, und da mir das Thema sehr am Herzen liegt, quäle ich meine Schüler immer mit Bezügen zu modernern „braunen“ Tendenzen. Tja, diese Abqualifizierung ganzer Völker auf der Basis biologischer Merkmale hatte damals wissenschaftlichen Status, und das System lebt immer noch. Diese Art Wissenschaft ist dumm, bösartig und verhängnisvoll.

Deshalb schätzen wir die Pseudowissenschaft in der Science Fiction, und sie macht Handlungen möglich, die es in der Realität nicht gibt: Sie ist Phantasie anregend. Im Roman muss sie, da kein Hintergrundwissen als Folie einbezogen werden kann, in der fiktionalen Ebene aufgebaut werden – bei „Perry Rhodan“ natürlich Heft übergreifend und von einer gewissen Kohärenz, sonst kennt sich keiner mehr aus. Fundiert genug, um zu interessieren, und frei genug, um sich gestalten zu lassen, beispielsweise zu einer jener beliebten Weltraumpanorama fremder Sonnensysteme, deren Bestandteile wirklich auf der Stelle von einem leistungsfähigen Computer vergrößert und zusammengeführt werden müssten, um optisch zu beeindrucken. Erweitert um eine eventuelle Vorgeschichte, die ebenso zusammengeführt werden muss, und zwar sollte sie den neuen Leser vollständig informieren, ohne den Dauerleser zu langweilen. Daher die vielen Rundblicke, Rückblicke, Ausblicke und Gespräche zu allen drei.

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Da AE stets sein Setting verortet, folgt eine Beschreibung des Schauplatzes Dosa-Zasao, die, laut Gucky, von Nemo als „Schlaraffenland“ (S.10) erlebt wird – erneut eine Einladung an den Leser, sich wohlzufühlen. Nachdem der Ilt durch eine Schwenkung um 180 Grad (vgl. S.10) verdinglicht wurde, sieht der Leser durch seine Augen auf die Panoramagalerie, die APERAS KOKKEIA zeigt. Guckys Wortspiel auf „Ort des Wandels“, nämlich „was immer sich da wandelt oder gewandelt wird, ist deutlich zu erkennen“ (S.10) leitet eine erneute genaue Verortung ein. Zunächst betrachtet Gucky die sichtbaren Einzelheiten, dann erfährt man via Nemos Gedanken, dann durch einen Dialog der beiden noch einmal die genaue Vorgeschichte des Ortes. Einen weiteren derartigen Einschub finden wir, als Nemo und Gucky im Innern der Werft auf die Anomalie stoßen, und Nemo beim Einstufen des Phänomens anhand der auftretenden Farben minutiös – nämlich mit exakter jeweiliger Uhrzeit – den Transfer der BASIS nach Chanda Revue passieren lässt. Einerseits lässt sich daran eine gewisse Neigung zu Rückblicken innerhalb der laufenden Handlung erkennen, die unser Autor immer wieder gerne einflicht, andererseits gab es in diesem Abschnitt des Neuroversum-Zyklus eine Menge Rückblicke und Überblicksdarstellungen, weil sich durch die schnelle Einführung vieler Schauplätze ein Informationswirrwahr ergeben hatte, der durch eine langsamere, übersichtlichere Einführung hätte vermieden werden können. Es hätte dann gereicht, Assoziationen zu den ortsüblichen Transportsystemen aufzubauen, um dem Leser zu vermitteln, dass es jetzt gleich um so was gehen wird.

Während wir den Verlauf der Handlung in Zusammenhang mit der Entwicklung der Charaktere nachzeichnen, wollen wir das Setting der Binnenhandlung untersuchen. Auf MIKRU-JON kabbeln Nemo und Gucky sich eine Zeit lang über wissenschaftliche Entwicklungen, während sie den Umbau der BASIS-Segmente beobachten, und diskutieren Handlungsmöglichkeiten zu Perry Rhodans eventuelle Anwesenheit in der Präsentationslounge beziehungsweise im Multiversum-Okular, und ob sie ihm helfen müssen. Gucky verspürt „einen Anflug von Angst“ (S.12), seine Haut kribbelt und die Haare stellen sich auf – unter aller Technik berührt ihn das Problem ganz persönlich. Als auch Nemo auffährt, weil er die Gefahr erkennt, tritt der pseudoweibliche Avatar Mikru auf den Plan, die zierliche Frau mit der tiefen Stimme. Und wir erfahren noch mal zusätzlich, woher Rhodan Schiff und Avatar hatte. Trotz ihre Hologrammnatur verhält sie sich typisch weiblich: Sie geht nicht auf Guckys Scherze ein, sieht ihn ernst an und ermahnt zum Einhalten von Regeln. Wie eine gute Mutter weiß sie immer ein bisschen mehr, ohne sich aufzudrängen, und überlässt den anderen die Entscheidung. Sie ist auch immer zu Hause und wartet voll Sehnsucht auf ihren Piloten, den sie voll Freude begrüsst: Eine derart unemanzipierte Figur geht in einem aktuellen Science.Fiction-Roman auch nur, weil es der Avatar eines Bordrechners ist. Immerhin problematisiert Nemo hier das ungebrochene Vertrauen in die Positroniken: Er zweifelt an Mikru, weil sie „Summe eines Erfahrungsschatzes, aber nicht unfehlbar ist“ (S.15). Ein Rollentausch: Der Computer ist emotional, und Nemo der eigentliche Science-Fiction-Mensch.

Die Handlungsbereitschaft der Protagonisten korrespondiert mit der erhöhten Aktivität draußen, denn jetzt kommt der rege Schiffsverkehr um die Werft ins Blickfeld, und durch Bildverzerrungen wird auch auf die ungewöhnlichen hyperenergetischen Einflüsse hingewiesen – beides Vorankündigungen der folgenden Handlung. Auch die vorbeidriftenden undefinierten „an kristallene Diskokugeln erinnernden blauen Objekte“ (S.12) bereiten den Leser durch ihre Kugelform schon auf die runde, schwarze Anomalie im Zentrum der kugelförmigen Werft vor. Gucky reagiert auf ihre Annäherung mit dem Kommando zum Alarmstart, was ihn explizit als „stellvertretenden(n) Expeditionsleiter“, der hier automatisch das Kommando führt, ausweist: Gucky übernimmt die Rolle des Anführers, in Nemos Wahrnehmung kennt er „kein Lampenfieber“ (S.15). Er fragt Mikru um Rat, entscheidet aber selbstständig. Seine zu niedrige Sprachebene, etwa „das Orakel von Delphi war ein Dreck gegen dich“ (S.13), erdet die Handlung mit grobem Humor, dessen Spannweise eine ähnliche Fallhöhe aufweist wie der Unterschied Perry-Gucky und Prolog-Binnenhandlung.

Gucky ist so selbstständig, dass er, gemäß seiner traditionellen Charakterzeichnung, die Regeln ändert, so dass Nemo formuliert: „Du definierst dein Einsatzziel einfach um“ (S.13) – mit welcher Motivation, erfahren wir nicht, denn „Gucky bildete sich ein, aus dem Tonfall des Hyperphysikers so etwas wie Entrüstung rauszuhören“ (S.13) – jeder Hinweis auf die tatsächliche Modulierung entfällt durch die Außenperspektive. Partijan ist denn auch sofort bei dem „Selbstmordkommando“ (S.13) dabei.

Als nächstes wird ein Diskusschiff gesichtet, ähnlich einer Space-Jet, das beschossen wird und unter mysteriösen Bedingungen verschwindet, was den Entschluss zu handeln außer Zweifel stellt. Gucky „feixte heimlich“ (S.14) über Nemos Hilfsangebot, da er das Universum schon oft allein gerettet habe – auch dies ein humorvoller Hinweis auf den zur Genüge vertrauten Gucky mit seinem kindlich ungebrochenen Selbstvertrauen. Zugleich denkt Gucky jedoch darüber nach, dass der Sinn der Expedition Erkenntnisse sind, die nur Partijan gewinnen kann – so wird er erst abgewertet, dann sehr hoch aufgewertet, und auch dies zeichnet im Vorfeld den Verlauf der Binnenhandlung nach, ähnlich der dumb show in der Elisabethanischen Tragödie. Ellmer stellt die Strukturen der großen Handlung im Kleinen dar, ehe die eigentliche Action beginnt.

Mit dem zweiten Kapitel beginnt der Handlungsabschnitt auf dem Zapfenraumer (vgl. S.15), auf den die beiden zu Nemos Unbehagen teleportieren, denn für ihn als Wissenschaftler gilt nur das Messbare, und „Teleportation ohne exakte Parameterangaben auf dem Display war für ihn Zauberei. Oder Scharlatanerie“ (S.16). So wird er durch Guckys Berührung „an seiner Hüfte“ (S.16) wider Willen mitgenommen, und nach „dunkel“ und „hell“ landet er in der „Hölle“, nämlich in einem von Wummern erfüllten Tunnel mit stechend grellgrünem Licht, direkt vor einem schussbereiten Xylthen.

Solange Gucky Nemo zum Transport an Bein oder Hüfte berührt, ist dieser hilflos ausgeliefert – erst als er ihm die Hand gibt, erhält er eine handelnde Rolle (die Wortspiele stecken an), nicht ursächlich, aber als Signal (vgl. S.40). Hier ist er völlig überfordert, kann die Waffe nicht ziehen, und schaut hilflos in die Waffe des Gegners. Wie wenig er die Situation kapiert, zeigt sich, als er Guckys Blick als „irgendwie böse“ (S.17) einstuft. Er, der Wissenschaftler, hatte über die reine Handhabung technischen Geräts hinaus die eventuelle Anmessung von Emissionen und eine mögliche Entlarvung der Deflektorschirme nicht eingeplant, wie ihm Gucky vorhält. Nemo verhält sich anstellig und übt mehrfach das korrekte Bewegungsmuster ein. Er fühlt sich als „Klotz am Bein“ (S.17), aber Gucky liest seine Gedanken und tröstet ihn durch den Verweis auf Infos, „die nur du besorgen kannst“ (S.17). Gleich darauf erweist Nemo sich erneut als brillianter Theoretiker, der Technik nicht praktisch zu nutzen versteht, als Gucky ihn erst darauf hinweisen muss, dass seine Anzugpositronik ihm alle Infos über die Paralysedauer bei seinem Gefangenen geben kann. (vgl. S.17).

Gucky hingegen zeigt sich als erfahrener Stratege, hat bereits ein Versteck gefunden, bezieht ein, dass der Xylthe hören kann und testet dessen Zustand professionell, als er „sich über den Liegenden beugte und dessen Pupillen anleuchtete“ (S.18). Er ist ein absoluter Profi. Sobald sie aber im Versteck sind, entspannt er sich sofort und knabbert die gewohnte Mohrrübe. Der Leser nimmt nach dieser Actionphase an der Entspannung teil.

Grotesk illusionsdurchbrechend wirkt das folgende Gespräch, in der Nemo den Ilt als einzigen seiner Art bezeichnet und dadurch gegen die Regeln in der Fiktion wahrscheinlich gefälschten „Handbuch für Gespräche mit dem einzigen, einzigartigen Helden diesseits und jenseits der Milchstraße“ (S.18) verstößt. Wäre Gucky nicht warmherzig und niedlich, würde sein egozentrischer Gigantismus einfach nur abstoßen, und hier ist er noch einmal einen Tick übertrieben. Auch Übertreibung ist ein Mechanismus zur Erzeugung von Komik. Innerhalb der Handlung hat er die Funktion zu motivieren, warum Gucky Nemo, der vor Nervosität und Hilflosigkeit so zittert, dass die Fesseln in seinen Händen zu zucken scheinen, dieser Belastung aussetzt. Hier wirkt komisch, wie der coole kleine Pelzkerl seine Möhre mampft und alles im Griff hat, während der große, intelligente Wissenschaftler hilflos mit der Tücke des Objekts kämpft: Die Diskrepanz zum Normalen erzeugt Lachen.

Sehr routiniert zeigt sich Gucky auch bei den hier beginnenden telepathischen Verhören der Xylthen, er „legte eine derart überlegene Respektlosigkeit an den Tag, dass der Xylthe schäumte“ (S.19). Im Prinzip funktioniert das wie der große Kettenhund bei Tom und Jerry, der gegen Zäune knallt und an der Kette hängt: Automatisch fühlen wir mit dem netten Kleinen. Nemo erscheint dies „wie ein böser Traum“ (S.20), während der Leser Guckys Überlegenheit mitgenießt. Nemo verpasst dann auch das Erwachen des Gegners und wird angespuckt, während Gucky bald darauf geschickt ausweicht und sich über den Geruch der Spucke auslässt. Er bleibt völlig hilflos, empfindet Guckys Körperkontakt beim Teleportieren als „unangenehmen Druck der Hand an seinem SERUN“´(S.20) und erstarrt vor Schreck, als Gucky wieder auf Erkundung geht: „Du…willst…noch…mal…weg?“

Überdies finden wir hier eine Parallelstelle zu Nemos Versunkenheit in seinen Kontakt mit MIKRU-JON via Display (vgl. S. 14): Gucky „lauschte kurz in sich hinein“ (S.22), ehe er teleportiert – Er ist autarker als der Wissenschaftler und erkennt durch sich selbst, wozu dieser Instrumente braucht. Die Situation hat er voll im Griff, denn er taucht mit einem zweiten paralysierten Gegner auf, witzelt „bald können wir hier einen Uniformhandel aufmachen“ (S.22) und betäubt den ersten Gefangenen erneut, ehe er wieder verschwindet – nicht ohne Nemo mit dem Hinweis zurückzulassen, wo er die Fesseln in den Taschen des zweiten Opfers findet. Nemo steht unter Zugzwang und muss sich bewähren.

Dabei ist der Gegner keineswegs harmlos: Die Xylthen sind äußerst kämpferische Gesellen, in deren Gesellschaft Versagen jedwede Rechte aufhebt. So dass Gucky hier als Kämpfer gegen ein Menschen verachtendes Unrechtssystem von hohem Organisationsgrad antritt. In ihrer Lebenswelt aus Reinheit des Körpers und des Geistes ist er der Störenfried, das Ungeziefer. Das ist nicht mehr lustig, es ist todernst und lebensgefährlich. Durch die hohe Qualifikation der Gegner, die alles geben, um trotz ihres eigenen Scheiterns, das sie aus der Gesellschaft ausgliedert, ihre Vorgesetzten zu warnen, indem die Zeichen geben, sich immer wieder von ihres Fesseln befreien, spucken und verbale Aggression äußern, muss Gucky sich als Kämpfer bewähren, und er schafft dies. Nicht als niedlicher Helfer, sondern in Eigenverantwortung. Er hat Nemos Wert erkannt und ihn mitgenommen, er macht die Gefangenen, sichert die Verstecke und orientiert sich für beide. Seine flapsigen Sprüche lockern keine angespannte Situation mehr auf, in der disziplinierte Spezialkräfte oder gar Zellaktivatorträger etwas Wichtiges durchführen, sondern charakterisieren ihn als Einzelkämpfer. Seinen Höhepunkt erreicht dieser Zug mit seiner Ankündigung: „Da wir so nicht weiterkommen und jahrelang suchen könnten, machen wir es wieder auf die alte Tour. […] Wir kaufen uns einen Xylthen, der sich auskennt.“ (S.42).

In der folgenden Szene tritt Nemo als Kämpfer an, wir erleben im Wirrwahr seiner Gedanken, wie er dem Xylthen auflauert, mit zitternden Händen die Waffe anlegt und entsichert, durch Berechnung des Schattens versucht, den genauen Standort des Gegners in einem Raum zu bestimmen, in dem wegen des Echos keine Orientierung möglich ist, schwitzt und weiß, dass der Xylthe ihn riechen kann – und dann rein durch Zufall abdrückt, als der Riese unerwartet angreift. Souverän greift Gucky ein, indem er telekinetisch die Waffe des Gegners wegschiebt, die Nemo sonst doch noch erwischt hätte.

Vor dem Hintergrund des Reinheits- und Gehorsamsideal fällt die schwarze Uniform des Xylthen auf, die gleich zu Beginn dieses Abschnittes extra betont wird (vgl. S.42), was doch auffällig an die Waffen-SS erinnert. Das braucht man hier für die Sympathielenkung, denn nachdem Gucky erneut den Gegner verhört, indem er hemmungslos provoziert und die Gedanken liest, wird er grausam. So wie schon ganz früher, als er Thoras Mörder weiter den ausgeschalteten Antigravschacht hinunterfallen ließ, aber diesmal geht er noch eine Stufe weiter: Er handelt aktiv und zielorientiert.

Der Xylthe soll den Eingang zu einem Knotenpunkt öffnen, weigert sich aber. Hat er sich vorher im Gespräch mit dem Personal der Werft als Handelsprüfer ausgegeben (vgl. S.29), so behauptet er jetzt, er sei QIN SHIs Beauftragter, dann, er sei es persönlich. Witzig durch die Diskrepanz zwischen Groß und Klein. Aber als der Xylthe ihm nicht glaubt, greift er telekinetisch nach seinem Herzmuskel:

Partijan fröstelte bei dem Anblick. Er stellte sich bildlich vor, was der Ilt gerade telekinetisch mit dem Xylthen anstellte.Der Reparat keuchte. In seinem Gesicht bildeten sich unzählige grüne Pusteln, die Blut absonderten. Mit einer fahrigen Bewegung fischte er ein Tuch aus der Uniformtasche und wischte sich den Blutschweiß ab. Gucky!

Ich warte!“, sagte der Ilt mit eisiger Stimme.Der Xylthe weigerte sich. Diesmal ging er in die Knie, als sein Herz sich verkrampfte und sein Blut stockte. Langsam schien er den Zusammenhang zu begreifen. Die großflächigen Wangen bebten, die Augen schienen aus dem Kopf treten zu wollen.

Ich brauche dich nicht, um durch diese Tür zu gehen“, erklärte Gucky. „Aber du sollst wissen, dass QIN SHI mir die Macht gegeben hat, dich zu töten.“

Der Reparat atmete mehrfach tief durch: „Dann töte mich. Es ist besser, als mich mit dieser Schmach leben zu lassen. Ich wurde von einer Flohfalle besiegt. Warum tut QIN SHI mir das an?“ (S.44)

Dieses retardierende Moment – einer der altgewohnten Witze über Guckys Tierhaftigkeit – lenkt von der Grausamkeit seines Vorgehens ab. Welches seine Berechtigung hat, denn es geht um entscheidende Informationen. Nach wie vor denken die beiden, Rhodan sei in der Gewalt der Xylthen und müsse befreit werden. Weiter geht es mit den Witzen des „Retters des Universums und Überall-zugleich-Töters“, während er als Profi handelt:

QIN SHI hat euch schwere Prüfungen auferlegt und mich geschickt“, flunkerte Gucky weiter, während Nemo Partijan am liebsten im Boden versunken wäre. Der Ilt trat an das Schott und gab den Code ein. Für den Xylthen schienen in diesem Moment ganze Universen zusammenzubrechen. Das Tor glitt zur Seite. Der Reparat erhielt einen Stoß in den Rücken und taumelte in die Halle. Scheinbar nahm keiner der Anwesenden von ihm Notiz. Nemo kannte den Grund. Gucky bannte sie alle telekinetisch in die Sessel. Der Hyperphysiker konnte seelenruhig an den Sesseln entlanggehen und die Insassen paralysieren“ (S.44)

Wobei Gucky ebenso telekinetisch dafür sorgt, dass alle bequem sitzen. Diese Fürsorglichkeit, die Begrenzung des sinnvoll anzurichtenden Schadens macht Guckys Charakter, seine „Menschlichkeit“ aus. Zugleich sind seine völlige Überlegenheit und die entschlossene Härte seines Vorgehens deutlich sichtbar – kurz vorher ist Gucky total fertig, als ein von ihm paralysierter Xylthe an Herzversagen stirbt (vgl. S.23), jetzt benutzt er genau diesen Angriffspunkt und verwendet seine sämtlichen Paragaben, um sich souverän aus der Situation zu holen, was er braucht. Wobei die gefährlichen Parafallen (vgl. S.25f) dafür sorgen, dass die Gegner gefährlich genug bleiben.

Wo AEs Gucky bislang mit Waffen gegen menschenverachtendes Militär kämpfte, benutzt er jetzt die Bürokratie. Was den Eindruck erweckt, dass er ausgleichende Gerechtigkeit schafft für alles, was auch im richtigen Leben den Menschen einschränkt, und dass Ellmer dies am Herzen liegt. Als die bürokratische Ebene anfängt, ist sie denn auch im Alltag der Werftbesatzung verankert, und keiner der Perry-Rhodan-Autoren kann eine verfremdete Version des ganz normalen Alltags besser schildern als Ellmer. Zunächst können sich die beiden Eindringlinge darauf verlassen, dass die Werftbesatzung nichts mit dem Personal des gekaperten Schiffes zu tun hat. Als nächstes beobachtet Gucky auf seinen Rundgängen – sollen wir Rundsprünge sagen? – so einiges. Nämlich den Alltag an Bord, aufgebaut anhand der Eckpunkte Sauberkeit, Beruf und Freizeitgstaltung. Wie immer sorgt AE für Leserinformation: Gucky rekapituliert die Rangfolge der an Bord befindlichen ethnischen Gruppen (vgl. S.21), bevor er loslegt, so dass jeder Leser weiß, wen er treffen kann und wer wichtig ist.

Der Sauberkeitswahn der Xylthen schlägt sich in ständigen Reinigungsaktionen nieder. Gleich bei der ersten Stippvisite trifft er auf Roboter, die ein Becken desinfizieren, wie wir Leser bald eines als „Becken der wahren Gedanken“ kennen lernen werden. Hier ist es ein Badebecken für die Xylthen, Mittelpunkt ihres Reinlichkeitskults. Den versehentlich Getöteten versteckt Gucky in einer Abstellkammer daneben. Danach gerät er in die bereits erwähnte Parafalle und in Lebensgefahr, so dass der Todesfall noch einmal moralisch legitimiert wird. Die nächste Gefahr ist die „Vakudampfung“ (S.28) des gesamten Sektors, den alle sofort verlassen müssen, begleitet von einem eindrucksvollen Auftritt der zylinderförmigen Badakk, die mit ihren Pseudopodien die Steuerung größerer zylinderförmiger Transporteinheiten bedienen.

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Ein Grund, warum ich mich in Ellmers Romanen wohl fühle, ist die konsequente Verortung, alles findet in einem definierten Raum statt. Hier verblüfft mich die plötzliche Verengung des Raums: Einerseits wird ausdrücklich der ganze Sektor abgedichtet und die Luft abgesaugt, andererseits könnte der abgeriegelte Raum vergleichsweise klein sein, da sich alle Lebewesen vor dem entsprechenden Prallfeld befinden und Gucky „beschloss, sich die Zeit mit ein bisschen Kommunikation zu vertreiben. Er verließ seinen Sitzplatz und watschelte zu einer der Plattformen hinüber.“ (S.29) Der „Raumfahrergruß Äo“, den die Badakk sofort erwidern, posaunend wie in nächsten Roman die Unither, macht einen wenig seriösen Eindruck, funktioniert aber, denn sofort kommt ein Gespräch in Gang. Wie es sich für klassische Außerirdische gehört, haben die Zylinderwesen vorher Augen auf Tentakelstielen ausgefahren. Man redet über den Job und die Xylthen. Gucky gibt sich als Handelsprüfer Flofal aus – in der Eile fällt ihm nur die Bezeichnung der Xylthen ein, die er mit seinem ursprünglichen Namen Plofre kreuzt – und bekommt Lob und Anerkennung. Er beobachtet die Arbeiten, und als er wiederum lobt, teilen die Badakk ihm vertrauensvoll mit, dass nur sie das können und bieten ihm für den weiteren Weg einen Begleiter an.

Nach einem kurzen Ausflug in den Untergrund zu Nemo und den betäubten Gefangenen setzt Gucky seinen Weg fort, und diesmal trifft er auf einen Heuschreckenschwarm stabförmiger Roboter, die ihn als kontaminiert betrachten und mitnehmen wollen. Der Titel des Handelsprüfers hält sie nur kurzfristig auf, und Gucky entkommt in einer turbulenten Verfolgungsjagd, da er den Robotern kein plötzliches Verschwinden vorführen möchte. Er versteckt sich hinter einer Säule, nachdem die Stäbe einander gegenseitig abgeschossen haben.

Mehrere Male verzehrt Gucky gemütlich eine Karotte – ungeklärt bleibt, wo er diese Massen an Nahrung transportiert hat – während die ausgehungerten, riesigen Kämpfer ihn gierig beobachten. Einfache, alltägliche Formen von Komik, Slapstickhumor, jeder Altersklasse zugänglich. Macht einfach Spaß, und im echten Leben ist es mindestens unhöflich und manchmal sogar gefährlich.

Tiefer in die Bürokratie geht es, als Gucky das Fehlen des Reparaten, dessen Herz er angehalten hat, tarnen will, wozu er an einem Terminal mit Hilfe der telepathisch erlauschten Daten eine Krankmeldung abgibt. Dies erheitert durch den Einbau der Actionhandlung in unsere ganz normale Alltagswelt. Er gibt die Daten ein, meldet den Gefangenen krank und gibt als kleine Bosheit „ausgiebiges Feiern“ als Krankheitsursache ein. Wir erinnern uns, dass er gleich dem ersten ihn anspuckenden Xylthen den Genuss billigen Fusels unterstellt hat (vgl. S.20). Wenn bei der Wiederanmeldung der Computer neben den Glückwünschen zur Gesundung gleich mit Fragen nach Nahrungswünschen auffährt, erscheint die kalte Welt der Xylthen gar nicht mehr so abweisend.

Mit dem erschreckendes Aufenthalt in der Parafalle (vgl. S.25f), aus der Gucky sich kaum befreien kann, erweitert sich die Motivik der Hilflosigkeit, die bisher nur die kaum zu bändigenden Gefangenen betraf, auf Gucky: Ohne Orientierung schwebt er in einem unstrukturierten Raum, zieht sich telekinetisch zu einem dunklen Fleck, erlebt sich als immer wieder zurück geschleuderten Gummiball und versucht wieder und wieder zu entkommen, während seine Vitalenergie aufgebraucht wird. Schließlich kann er sich telekinetisch durch eins der Löcher schieben und entkommt der Parafalle wie Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog. Dabei durchstößt er schmerzhaft eine unsichtbare Mauer und schreit, sucht vergebens nach Partijans Bewusstsein, fürchtet, zwischen den Dimensionen verloren zu gehen und landet polternd in etwas, das sich wie ein Stapel Kisten anfühlt, während der normale, dreidimensionale Raum entsteht, „als würde ihn jemand aus Millionen kleiner Stückchen zusammensetzen. Der Eindruck in seinem Bewusstsein entsprach nicht der Wirklichkeit und verschwand sofort.“ (S.26)

Wie es dem normalen Übergang zwischen Traum- und Wachbewusstsein entspricht, den Ellmer immer wieder thematisiert, aber bei Perry Rhodan folgt natürlich sofort eine Erklärung mit „Hyper“ und „paranormal“ (S.27). Nach der Lebensgefahr und in der darauf folgenden Erschöpfung denkt Gucky an Bullys Bemerkungen zum Thema Abnehmen und Übergewicht, was die Situation enorm schnell erdet. Und die Parafalle stellt eine Vorschau dar auf den eigentlichen Fall ins Surreale: Gleich darauf betreten die beiden den eigentlichen Ort des Wandels, wo das silbergraue Material in rötlich braunes übergeht, und in dessen Mittelpunkt jene Unwirklichkeit lauert, von der die Parafalle nur einen kleinen Vorgeschmack gibt:

(Es) flimmerten im Zentrum, in einem Gebiet von etwa fünfzig Kilometern Durchmesser, golden-bernsteinfarbene Formenergiewolken, zwischen denen vereinzelt ein sonderbarer Zentralkörper zu erkennen war – eine wabernde schwarze Kugel von 4,5 Kilometern Durchmesser.Das Kugelfeld erinnert an das Aufrissfeld eines Transmitters oder an ein Tor ins Nichts’, sagte Nemo. Und Gucky fügte hinzu: ‚Beim ersten Anblick dachte ich an einen Zeitbrunnen’“. (S.49)

Die beiden beschließen umgehend, sich dieses Nichts anzusehen. Und erleben eine unwirkliche Situation, die Nemos spätere Wandlung zum Howanetzmann vorankündigt. Er fühlt sich von der lebendig wirkenden Kugel aus Hypermaterie angezogen und bewegt sich unwillkürlich auf sie zu – die Folgen kündigt Ellmer an, indem er den stummen Lockruf vergleicht, dem Nemo folgt „wie einst präastronautische Menschen dem Gesang der Loreley und dem Flüstern der Dryaden“ (S.51) – also in den Untergang.

Gucky bleibt bodenständig, er weist Nemo auf die verschwundene Space-Jet hin und mahnt zur Vorsicht: „Die Kugel hat sie verschlungen. Sie scheint ziemlich gefräßig zu sein“ (S.51). Während Nemo durch einen Spalt schattenhafte Formen zu erkennen beginnt, wird Gucky deutlicher: „Dieses Ding ist gefährlich“ (S.51). Obwohl Nemo Gucky weiterhin als überlegenen Beschützer erlebt – „Was paranormale Wahrnehmungen angeht, verließ er sich voll und ganz auf den Ilt mit seinen starken Psikräften“ (S.51) – ist er es, der das unvorstellbare Schauspiel wahrnimmt, sei es, „ob er es wirklich sah oder ob es sich lediglich in seinem Gehirn manifestierte“ (S.52): Drei Gebilde, von denen er eines „in einer anderen Galaxis“ (S.52) sah. Röhrenförmige, „leicht schwingende Schläuche“ (S.52) manifestieren sich dazwischen „in seinem Bewusstsein“ (S.52). Sie erinnern ihn an Transfer-Kamine und unterliegen nicht den Gesetzen des gewohnten Weltraums.

Gucky weist den auf die Erscheinung zu driftenden Nemo an, auf Gegenschub zu schalten, während dieser weiterhin beobachtet und eine uralte Flotte, eine „Geisterflotte, vielleicht“ (S.52) in kampfbereiter Stachelkugelposition beobachtet. Er denkt darüber nach und vergleicht dabei den Leidenfrost’schen Vorhang bei Grigoroffblasen im Metagravflug mit dem „Wasserdampffilm auf der heißen Herdplatte, der die beiden Kontinua voneinander trennte und zugleich extrem empfindlich war. Wenn er riss, war alles zu spät“ (S.52), was er unmittelbar auf den Unterschied zwischen diesen Gebilden und sich überträgt. Zugleich meldet die Anzugpositronik, dass der Gegenschub wirkungslos ist, zugleich ist Gucky verschwunden, und Nemo fürchtet, er sei in das andere Universum gerutscht. Seine Theorien greifen nicht, der Rückstoß funktioniert nicht, und nun schreit er laut nach Gucky.

Nemo sieht immer mehr Einzelheiten, aber zwei Rucke verraten ihm, dass sich etwas tut, und in der spiegelnden Helmscheibe sieht er seinen Kragen und seine Eigene Nase, dann „eine leere Hülle, ein Fell, das sich auf erschreckende Weise veränderte. Es zog sich in die Breite, bis es riss. Heraus kugelten rosarote Bälle, auf denen jeweils viel Buchstaben standen. N-E-M-O“ (S.53). Als er vor Schreck die Luft anhält, gibt ihm die Anzugpositronik mehr Sauerstoff, und gleich geht es ihm besser und er erkennt Gucky, der sich an ihn klammert, und auch er ist in keinem normalen Zustand: „Die großen Kulleraugen waren halb zusammengekniffen, das Gesicht schweißnass“ (S.54). Unvermittelt fragt er Nemo, was mit ihm los sei – er kann seine Gedanken kaum mehr lesen, das kennt er nicht und dringt in ihn, vermutet Geheimnisse. Nemo weiß nichts davon, wird „beinahe hysterisch“ (S.54) und vermutet seinerseits, dass die starken Hyperkräfte Guckys Parasinne verwirren.

Während Gucky weiter nach Nemos Gedanken tastet und schließlich „Furcht und Gefahr, ein vages Gefühl, das wie eine zweite Schicht die Ebene deiner Gedanken unterlagert“ (S.54) wahrnimmt, erkennt Nemo die Kugel als eigentlichen Ort des Wandels innerhalb der gleichnamigen Werft, kann aber aus einem undeutlichen Gefühl heraus nicht weiterreden und wird von einer Woge aus Panik überschwemmt, die seines Erachtens von der Kugel ausgeht, die ihn verschlingen will.

Gucky zieht sie beide telekinetisch aus der Gefahrenzone, die Gravopaks verhelfen ihnen zu noch mehr Abstand, und dann genießt Nemo zum ersten Mal eine Teleportation, die ihm bisher immer unheimlich war – er hat die Widerstände seines theorielastigen Verstandes überwunden. Gucky kündigt „Teleportieren bis zum Umfallen“ (S.55) an, und als er damit fertig ist, verhindert sein SERUN das Umfallen – das witzige Moment signalisiert, dass die größte Gefahr jetzt vorbei ist.

Aber nun ist Gucky dringend erholungsbedürftig, und während er in ohnmachtsähnlichem Schlaf liegt, übernimmt Nemo die Entscheidungen, erkundet die Werft und bringt den Ilt ganz frech hinter dem Rücken der Xylten nach draußen – auf einer selbst gestohlenen Antigravscheibe. Nemo hat nicht nur Schießen und Kämpfen gelernt, sein eigentliches Initiationserlebnis war das Überschreiten seiner theoretischen Konstrukte, und jetzt ist er voll handlungsfähig.

Gucky wacht erst auf, als Nemo ihn schon aus der Werft hinausgebracht hat. Er hat sich genug erholt, um wieder über Nemos scherzhafte Anrede „alte Karotte“ (S.56) zu lachen. Als Nemo die Flucht schildert, wird er sofort wieder ernst, fasst ihn am Stiefel und teleportiert so weit er kann – in MIKRU-JON. Nachdem Nemo das Obeliskenschiff vorbeirasen sieht, erlebt er die nächste Teleportation als „tiefen Schacht“ (S.56) – diese Vokabel wird ab PR 2700 eine große Rolle spielen – und wird von Mikru in Empfang genommen. Diese, ganz Hausfrau, empfängt sie mit einem „erbosten Blick“ (S.57), weil sie fast einen Monat weg waren. Nemo überlässt es Gucky, sie auf die Zeitdilatation hinzuweisen, die sie durchliefen. Es folgt der Epilog, in dem sich alle Hauptpersonen wieder treffen.

PR2637 Gesicht

Der Roman zeigt viele Charakterzüge Guckys: Er macht primitive Witze, frisst die ganze Zeit Mohrrüben, ärgert Respektspersonen, knüpft Kontakte und kümmert sich um Freunde. Zugleich ist er ein knallharter, teamfähiger Kämpfer, weiß mit Waffen und Bürokratie gleichermaßen umzugehen, thematisiert Alkohol, beherrscht Bürokratie, greift Gegnern gegenüber unerbittlich durch und ist zu Grausamkeit bereit, wenn es im Sinne seiner Ziele liegt – wobei er ungern tötet. In der Wahrnehmung der naziähnlichen, überaus reinlichen Xylten zeigt er sich als Ungeziefer, das weg muss – diese Rolle internalisiert er bis hin zur Wahl seines Tarnnamens – und zeigt hierdurch sein enormes subversives Potential. Gucky ist nicht nur der komische kleine Lacher zwischendurch, er steht für Freundschaft, Kameradschaft, Treue, Augenmaß, Zivilcourage und freie Entscheidung im Einsatz seiner Mittel – ein ganzer Katalog von Eigenschaften, die aus einem selbstbestimmten Leben nicht wegzudenken sind. Er ist die pelzige Verkörperung der Individualität, die sich in diesem Roman entfaltet.

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3 Comments

    1. Na ja, eigentlich müsste das mit der Komiktheorie separat eingetütet werden. Allerdings fehlte dann der Anknüpfungspunkt.
      Ich bin beim Überarbeiten der Untersuchung so was von sentimental geworden, so in Richtung „damals im Neuroversumzyklus mit Uwe Anton als Expokrat und als Arndt Ellmer noch die Lks betreute“ und so.
      Zum Glück hatte ich genug alte Mailadresse, um bisschen Fanpost loszuwerden.

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