Über Arndt Ellmer – (Teil 5/3) „Todesfalle Sektor Null“

„Todesfalle Sektor Null“ (2624), erschienen am 2. Dezember 2011, ist eine weitere Panoramadarstellung mit außergewöhnlich komplexer Erzählstruktur, die wirklich viele Personen einbindet und mit hohem Tempo abläuft. Hier kann man durchaus von Montagetechnik sprechen: die Szenen stehen anfangs schlaglichtartig nebeneinander, werden dann aber über die Informationsinhalte und durch das Zusammentreffen der Protagonisten immer mehr zusammengeführt.

Der Roman spielt auf drei Hauptschauplätzen, um die herum sich die Erlebnisse der Protagonisten entfalten. Sie dienen insofern der Fokussierung, als sie die Vielzahl an Einzelerlebnissen locker zusammenbinden. Drehte sich im vorherigen AE-Roman alles um Sol, so liegen hier drei Mittelpunkte von Kreiskonstellationen vor, in denen sich je eine Verschiebung abspielt: Da ist einerseits die Zone Null mit Raumschiffen der von der Entführung des Sol-Systems überraschend ins Exil versetzten terranischen Heimatflotte und der Flotte Bostichs drumherum, in die die GEMINI eindringt und am Schluss gerettet wird – ihre Isolation bis dahin spiegelt Bukos inneren Raum im Nirgendwo. Zweitens ist da der Planet Aurora, auf dem vor und während der Versammlung des Galaktikums umfangreiche Aktivitäten entstehen: Es geht um eine Verschiebung des Fokuses auf Milchstraßenebene. Die Machtfülle des Solsystems muss auf einen neuen Ort übertragen werden – parallel zum Eindringen der GEMINI, der JULES VERNE und des Hypersturms in den Sektor Null, der so leer ist, dass nicht einmal die physikalischen Gesetze in ihm gelten. Der dritte Ort ist die JULES VERNE in der Charon-Wolke, die später den Sektor Null anfliegt.

Mit dem Namen der Wolke haben wir noch einmal das Motiv des Übertragens und Verschiebens, da der greise und übellaunige Fährmann Charon die Verstorbenen über den Fluss des Vergessens – Lethe oder Styx genannt – in seinem Kahn in die Unterwelt bringt. Analog zum Ground Zero in New York – eine Konstellation mit hohem Wiedererkennungswert – ist im Perryversum die Zone Null entstanden, wo das entführte Solsystem war. Hierbei handelt es sich über die bloße Abwesenheit größerer Himmelskörper hinaus um das absolute Nichts, da sogar die herkömmlichen Naturgesetze hier nicht gelten. Eine interessante Gelegenheit, zu durchdenken, was in einem absoluten Nichts alles fehlt.

Auf Hyperebene jedoch tobt ein alles vernichtender Sturm. Das Gefahrengebiet ist emotional zwiespältig belegt, viel versprechend wie furchteinflößend, da in ihm das Solsystem wieder auftauchen könnte, wodurch es aber vernichtet würde. Deshalb riegeln 5000 Schiffe der mobilen terranischen Einsatzflotte den Sektor ab. 50.000 weitere Einheiten werden im näheren Umfeld zusammengezogen – eine leicht fassliche Zahlenreihe. Bostich, der in der zweiten Hälfte des Romans zunehmend aktiver wird, stellt weitere 20.000 Schiffe der vereinten Galaktischen Flotte bereit. Aber mit den Zahlenreihen sind wir wieder auf der Ebene der Feinarbeit.

Der Leser erlebt die Settings in der üblichen intensiven personalen Erzählsituation via diverse Reflektorfiguren mit verschiedenen Interessen. Ihre Interessenkonflikte werden dabei noch mitbeleuchtet. Auch dieser Roman beginnt mit einem Orter, diesmal dem Rumaler Wahna Porant, der seine Beobachtungen reflektiert und das Verschwinden des Solsystems Revue passieren lässt. Die Zentrale der GEMINI wird durch seine Augen ebenso anschaulich beschrieben wie der unübersichtliche Raum außerhalb des Schiffes. Bekannte Struktur, aber für die neue Situation eigenständig ausgearbeitet. Denn wir befinden uns am Rande der Zone Null, und der Orter ist diesmal eine der Hauptpersonen des Romans, nämlich der Cheforter der GEMINI, der mit seiner Fehleinschätzung die Katastrophe beraufbeschwor und deshalb in der Folge alles tun wird, um die Überlebenden zu retten.

Es folgt ein Schauplatzwechsel innerhalb des ersten Setting: Die zweite Reflektorfigur ist Claude Laudrin, Admiral der heimatlosen Heimatflotte rund um die Zone Null, der sich ausgiebig über die physikalischen und strategischen Gegebenheiten des Ortes unterhält, wodurch wir Leser diese Informationsmassen in der seit Sokrates beliebten Lehrform des Dialogs mitbekommen. Laudrin trifft die Entscheidung, Porants Anregung aufzugreifen und fünf Schiffe in die Katastrophenzone zu schicken, was die Handlung in Gang setzt.

Der dritte Abschnitt beginnt am zweiten Handlungsort, dem Planeten Aurora, in Bostichs Raumschiff, das diesen umkreist, und zwar am Tag der Vollversammlung des Galaktikums anlässlich des Verschwindens des Solsystems. Der Leser erlebt hier zunächst den wortlos hin- und herlaufenden Bostich. Konnte der Leser in 2616 durch Bernidettes Verliebtheit eine Identifikation mit der Handlung aufbauen, so wird Bostich durch seine Bewegung eingeführt, beobachtet von seinem Berater Tormanac, der wenige Bände später eine Hauptrolle erhalten wird. Durch die einfache Beschreibung wird er allgemein fassbar gemacht, dann erst exakt beschrieben. Als nächstes wechselt die Perspektive: Der Leser sieht durch seine Augen, wodurch wir Setting und Situation kennen lernen. Auch hier kommen zum Erschlagen viele Informationen über arkonidische Politik, da Bostichs politische Funktionen sich verschieben können und die Rolle der nationalistischen Ark’Tussan geklärt werden muss. Was in wirklich ermüdende Selbstdarstellung des zentralen Strategen ausarten könnte, wäre die Abhandlung nicht durch Bostichs aktive Persönlichkeit belebt. Hier lässt sich viel Material für „Dramatisierung durch Verschulden“ sammeln.

Ebenfalls auf Aurora, aber bei Bostichs Gegner, lernen wir durch die Grübeleien des Lakritzschnecken kauenden Jigözy und seines Sekretärs Meier ein Machtgefüge kennen, welches Bostichs Strategie als problematisch empfinden wird. Zwei bemerkenswerte Namen, da Jigözy sich erst mal nach einem Jülziish anhört, aber ein Mensch ist, und Meier, weil 1469 NGZ derartige Namen in der Serie richtig selten geworden sind.

Dem folgt eine Szene mit Bostich und Monkey, mit Claudrins Besprechung assoziiert durch eine Nebenfigur, den besorgten Swoon-Masseur, da in der Besprechung über den aufdringlichen Swoon-Reporter Dschingiz Brettzeck diskutiert worden war (vgl. S.15). Der Oxtorner informiert den Arkoniden darüber, dass seit August über 800 Schiffe verschiedener Völker im Ordhogan-Nebel verschwunden sind, was Bostich in Zusammenhang mit der Entführung des Solsystems sieht und deshalb die gesamte Milchstraße für gefährdet hält. Monkey, der den ehemaligen Titel Atlans trägt, ruft bei Bostich über die dauernd klickende „Brennweitenverstellung seiner Augenhülsen“ (S.23) erhebliches Unbehagen hervor, was die Vermittlung der wichtigen Informationen zusätzlich dramatisiert. Der mitschwingende Machtkampf stellt sich in einfachen Gesten dar: „Monkey verabschiedete sich, und als sein großer, massiger Schatten von dem Arkoniden wich, sank Bostich in den Sessel, in dem er bei Audienzen gewöhnlich Platz nahm“ (S.23).

Zurück zum Sektor Null: Bei der Rückkehr an den ersten Mittelpunkt befinden wir uns jetzt noch weit vor der Hälfte des Romans, aber schon im sechsten Handlungsabschnitt, und sind wieder bei Wahna Porant, der sich jetzt inmitten der sich ereignenden Katastrophe befindet. Die GEMINI ist von einem kleinen Tryortan-Schlund zerschnitten worden (vgl. S.25), alles ist kaputt und die Überlebenden tun ihr Bestes. Inmitten von Katastrophenbildern, Zerstörung, Schwerverletzten und armabschneidenden Phantomen tut sich eine mögliche „Spur zum Solsystem“ (S.28) auf. Denn inmitten all der Zerstörung, in der sie das rettende Hyperkom zu finden suchen, bemerkt Porant eingedrungene Fremdwesen und ist nun überzeugt, dass hier ein Übergang zum verschwundenen Solsystem gefunden werden kann.

Die Handlung bleibt so temporeich, dass sich über elf Seiten ein Schreckensbild an das andere reiht, während die Protagonisten im zerstörten Schiff herumirren. Jedoch bleibt die Hauptperson, wie immer bei Ellmer, gegen Ende nicht allein: Er findet nicht nur seine scheinbar verunglückte Begleiterin wieder, bei deren Rettung er sein Leben riskierte, sondern erhält auch Computerhilfe: Die Mikropositronik „geleitete ihn endgültig hinaus“, und ein „Hinweis an der Schachtwand“ (S.34) weist ihm den Weg zum rettenden Hyperfunkgerät. Normalität inmitten der Katastrophe.

Erneut befinden wir uns in der Sitzung des Galaktikums auf Aurora: Der Weg zum Ammandul-Saal des Galaktikums ist ähnlich labyrinthisch beschrieben wie vorher die zerstörte GEMINI. Und das Prinzip der sich nach Stimmung und Schallwellen bewegenden Oberfläche werden wir in 2655 auf der Haut des Unithers Kormpf wieder finden.

Die dritte und vierte Reflektorfigur, Jigözy und Bostich, kommen hier in einem Raum zusammen, stehen aber auf verschiedenen Seiten. LFT-Außenminister Galjo Kajat, der kommissarisch die Aufgaben des Regierungschefs übernommen hat, gesellt sich zu Jigözy. Beide beobachten Bostichs Machenschaften. Der Imperator hat eine eventuelle Evakuierung des Arkon-Systems vorbereitet und beantragt vor dem Galaktikum die Ausrufung der höchsten militärischen Gefährdungsstufe, was ihm den Befehl über die JULES VERNE einbringen würde. Kajat und Jigözy hingegen wollen, dass die JULES VERNE den Sektor Null untersucht und tatsächlich befindet sie sich zu Ende des Romans auch dort. Allerdings hat Bostich sie fest in den Krallen.

Ma’tam Narvan tan Ra-Osar, der akonische Rat, unterstützt die Terraner. Eine neue Nebenfigur, der Akone Artan Eltan – dessen Name mich wieder enorm an den Autor erinnert – greift als Sprecher in die Diskussion ein. Dann tritt Monkey ans Rednerpult, und nun eröffnet sich über die Wiederholung der Auftritte schon ein riesengroßer leerer Platz für Bostich, dessen Aktivität Jigözy und Kajat auch explizit erwarten: Sie befürchten, „dass sie Bostich in die Hände spielten“ (S.39).

Hier wechselt der Schauplatz zum Objekt von Bostichs Begierde, der JULES VERNE, Die konstrastierende Personenkonfiguration bilden hier der gutmütige, humorvolle Kommandant Tristan Kasom und der moralisch problematische akonische Wissenschaftler Zefalon Hadron, genannt „die Ratte“ (S.39). Ihre unterschiedlichen Vorgehensweisen beim Umgang mit dem Trafitron spiegeln ihre Lebenseinstellung. Kasom witzelt über ethisch-moralische Qualitäten, während Hadron, auf den das Gerät nicht reagiert, bitterernst die Intelligenz als ausschlaggebend ansieht. Kasom schlägt versöhnlich eine dritte Lösungsmöglichkeit vor: „Außerdem duldet es keine Eigenmächtigkeiten“ (S.41). Dadurch bleibt dem Leser eine moralisch wertende Maschine erspart, zugleich kommt aber der Unterschied zwischen respektvoller und respektloser Vorgehensweise zur Sprache: die Achtsamkeit.

Ein kleine Geschichte in der Geschichte bildet der Dialog des kritischen, aber verständnisvollen Kasom mit einem der Charonii, die den mürrischen, unbeliebten Hadron möglichst freundlich grüßen wollen mit „Dich soll der Teufel holen“. Ein angeblicher Spaßvogel, der Hadon eins auswischen möchte, hat ihnen dies als freundliche Begrüßung beigebracht. Woraufhin sich jener herrlich unaufgeregte Dialog entspinnt, der das Konfliktpotential wirksamer entfernt als jede Aufarbeitung: „‚Der beliebteste Gruß unter den Akonen.’ Ardoar strahlte. ‚Ich weiß nicht recht’, sagte Kasom. ‚Ich würde ihn nicht benutzen.’ ‚Wenn du meinst’“ (S.43).

Sobald die Charonii arbeiten, kehren wir ein drittes Mal zu Wahna Porant zurück, der sich weiterhin mit seiner wiedergefundenen Stellvertreterin Sibana durch den Alptraum eines zerstörten Schiffes bewegt, mit schwebenden Blutstropfen und allem Drum und Dran. Funkkontakt kommt als retardierendes Moment, dem eine neue Serie von Explosionen folgt.

Und wieder sind wir bei Jigözy, der eine chronologisch geordnete Zusammenfassung der Ereignisse hört und auf Pral und Sichu Dorksteiger trifft, die an dieser Stelle einen kleinen Gastauftritt haben. Dann geht es mit der Sitzung weiter. Die große Ansprache zugunsten der Terraner hält, spiegelbildlich zu Hadron, der Akone Narvan tan Ra-Osar, der die Heimatlosigkeit ins Positive wendet, welche Hadrans Verbitterung hervorrief (vgl. S.42). Woraufhin Bostich, schwebend mit weißer Uniform, seinen großen Auftritt hat und in einem Coup die Macht an sich reißt, was heißt, dass er sich so überzeugend darstellt, dass er gewählt wird. (vgl. S.52) Er ruft den Ausnahmezustand aus und verhängt das Kriegsrecht über die Milchstraße, denn er geht von einem Angriff auf alle Völker der Galaxis aus, zumal inzwischen feststeht, dass die Unbekannten das Polyport-Netz für ihre eigenen Zwecke missbrauchen können. Nach Lage der Dinge können die Räte ihre Zustimmung nicht verweigern, denn Recht hat er – faktisch jedenfalls. Sein Coup zur Machtergreifung spiegelt das Verhalten das echter Politiker. Davon abgesehen ist Bostich nicht dumm, er sieht eine real existierende Gefahr und handelt unterm Strich ebenso zum Wohle aller wie für das eigene.

Dann kehren wir ein viertes Mal zurück zu Wahna Porant, der gemeinsam mit Sibana die 14 Stunden bis zur angekündigten Rettung durchhalten muss. Als sie erst mal von anderen Überlebenden aus der individuellen Klemme gerettet werden, kommt ein starkes menschliches Moment inmitten allgemeiner Zerstörung: Die Kommandantin van Doberen verzichtet bewusst darauf, Porant für seinen Fehler zu bestrafen, und setzt so den Mechanismen Zivilcourage entgegen, der Mensch behauptet sich durch innere Stärke über die Umstände. Erneut finden wir hier das Thema des verantwortungsvollen Individualismus. Am 10. Oktober treibt die Zentralkugel der GEMINI hilflos durch den Sektor Null. Und im 10. Kapitel trifft dann die JULES VERNE ein und rettet die Überlebenden. In der letzten Szene trifft Bostich mit Flotte ein und macht seinen Machtanspruch geltend.

Wir haben also, fokussiert auf zwei Orte, neben einer Unmenge an Datenmaterial physikalischer und galaktopolitischer Natur und einer detailreich dargestellten Katastrophe dreizehn Handlungsabschnitte mit einer Vielzahl von jeweils als Persönlichkeiten aufgebauten Protagonisten, die wiederholt und im Verlauf des Romans zusammengeführt werden. Geometrisch beziehen sich die Nebenschauplätze auf die Hauptschauplätze, um schließlich mit ihnen zusammenzufallen, so wie auch die einzeln eingeführten Hauptpersonen einander treffen und immer stärker interagieren. Es ist wirklich erstaunlich, wie derart viel Material auf knapp 60 Seiten untergebracht wurde.

https://blaetterfluggedankenschnuppendotcom.wordpress.com/2016/05/16/ueber-arndt-ellmer-teil-4-die-informationsjaeger-und-viel-komiktheorie/

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