Über Arndt Ellmer – (Teil 5/2) „Countdown für Sol“

Der am 7. Oktober 2011 erschienene Roman „Countdown für Sol“ (2616) schildert die von Reginald Bull geleitete Verteidigungsmaßnahmen gegen die Aktivitäten der Spenta und ihr Scheitern mit dem Auslösen des Fimbul-Impulses, welcher die Verdunkelung der Sonne bewirkt. Er beginnt an Bord des Raumschiffs CUCULA PAMPO, welches das sich im unfreiwilligen Aufbruch befindliche Solsystem durchfliegt. Wir Leser werden nicht in die Handlung hineingeworfen, denn die erste Reflektorfigur Benidette Chauro informiert uns ausgiebig über alle relevanten Neuigkeiten. Diese Nebenfigur ist eine Orterin, die sich in erlebter Rede ihre Flugroute sowie alle aktuellen Veränderungen durch den Kopf gehen lässt, ehe die eigentliche Handlung beginnt. Außerdem wird uns dabei der Aufbau unseres Sonnensystems noch mal gezielt vor Augen geführt, so dass wir genau vor Augen haben, in welchen räumlichen Verhältnissen sich das Folgende abspielen wird. Dies ist der von unserem Autor immer wieder gerne verwendeten Auftakt in medias res an Bord eines fliegenden Raumschiffs und sein expliziter Aufbau eines räumlich differenzierten Setting.

Im PR der Erstauflage gibt es auffallend viele Orter als Reflektorfiguren, wohl wegen ihrer Antennen ins All. Darüber hinaus ist Benidette, in dieser typisch Ellmerschen Paarbauweise, emotional an einen anderen Ort des Solsystems gebunden durch eine neue Liebschaft, einen Wissenschaftler, der sich auf der Venus befindet und den zu treffen sie sich heimlich wünscht, was ihr in der unübersichtlichen Situation innerlich Halt gibt. Dem Leser fällt es leicht, sich mit der Romanfigur zu identifizieren, also emotional in den Roman reinzukommen – die einzige Funktion dieses Elements, denn mehr erfahren wir nicht über die Geschichte der beiden.

Die Paarstruktur bildet sich auf mehreren Ebenen. Der Kampf gegen die Spenta, die die Sonne verdunkeln wollen, bildet die Haupthandlung mit Bully, Shanda und Co. Ein zweiter, eingebetteter Handlungsstrang ist die Lebensgeschichte des begabten Schiffkochs Korbinian Boko. Sie erzählt von wirklich und vorgeblich liebevollen Menschen, welche die Verteidigungsmaßnahmen scheitern lassen.

Beginnen wir mit dem  längsten Handlungsstrang: Bokos im Rückblick erzähltes Leben ist von emotionalen Katastrophen geprägt. Als er noch Kleinkind ist, geht das Haus in Flammen auf, seine Zwillingsschwester Lia kann nicht aufhören ihn zu suchen und erleidet schwerste Verbrennungen, die sie nie überwindet. Der kleine Boko wird später unverletzt gefunden: Er hat ein Steuersegment der Hauspositronik, das den Brand hätte verhindern können, mit in seine parapsychisch erzeugte Blase genommen, in der er sich zum Zeitpunkt des Brandes versteckt hatte. Als er versteht, dass er am Zustand seiner über alles geliebten Schwester schuld ist, die nur noch vor sich hin vegetieren kann, widmet er ihr sein ganzes Leben, redet jeden Tag auf sie ein, ist nur mit ihr zusammen. Dies wird begünstigt durch die psychisch kranken Eltern, die Einsamkeit brauchen und später gemeinsam Selbstmord begehen – zwei problematische Paarkonstellationen.

Korbinian zieht mit seiner Schwester nach Terrania, wegen der Skyline, und wird Koch in einem exklusiven Restaurant – obwohl seine Schwester ihn früher immer vom Kochen weggehalten hat. Bei seiner Lebensgeschichte können wir genauso wenig über den Tellerrand hinweggucken wie er und werden von den Konsequenzen seiner Handlung mit überrascht, weil wir keinen Informationsvorsprung haben.

Die Stille Ve tritt zum ersten Mal als unauffällige Nebenperson auf, als geduldige Pflegerin der schwerstbehinderten Lia. Später treffen wir sie als kriminelle Begleiterin Fydor Riordans wieder, dem mit Münzen spielenden Spaßmörders im Dienste der Sayporaner, der unter ihnen den Terranischen Ligadienst leitet. In 2616 wissen wir das noch nicht, sondern verfolgen in der Außenperspektive der Unwissenden ihre Handlungen, die sich mehr und mehr als berechnend entpuppen.

Ve stellt, scheinbar um Lia willen, den Kontakt zu einem sayporanischen Heiler her, der jeden Tag kommt und sie stundenlang mit Phenubenklängen behandelt, woraufhin sie nie erwartete Fortschritte macht. Der Sayporane will keinen Lohn, hält sich bei Erfolg aber einen Wunsch offen. Da dieser Wunsch Bokos ganzes Leben umkrempelt, ihn von der geliebten Arbeitsstelle und seiner Schwester entfernt und letztlich im Scheitern der Verteidigungsmaßnahmen gegen die Verdunkelung der Sonne mündet, offenbart sich hier, was wir von den Sayporanern zu erwarten haben. Denn Boko wird Bordkoch, weiterhin geduldig gehorchend wie der bekannte Ochse Korbinian. Biographisch wohl eine Hommage an einen kochenden Bekannten (vgl. LKS 2655), ist der Name auch von der Wortbedeutung her passend, was wahrscheinlich Zufall ist. Der Vorname leitet sich von „corvus“, dem rabenschwarzen Raben, ab, Gegenstück zur weißen Blase, in die er sich zurückzieht. Eine farbliche Parallele zum schwarzen Ennerhahl und dem weißen Delorian übrigens. Andererseits hat AE sein Studium der Sprachwissenschaften seinerzeit schon mit einer Abschlussarbeit über indoeuropäische Heteroklitika abgeschlossen (vgl. Perrypedia), das sind Flexionsparadigmata, in denen die verschiedenen Wortformen durch den Rückgriff auf unterschiedliche etymologische Wurzeln gebildet werden. Insofern kann man eine grundsätzliche Aufmerksamkeit in diesem Bereich wohl nicht ausschließen.

Mit der blauhäutigen Ferronin Ve und der gelben Sonne haben wir übrigens auch einen Komplementärkontrast. Die Stille Ve, die Lia rund um die Uhr pflegt und mit Korbinian ein Verhältnis hat, in dem sie scheinbar geduldig auf ihn wartet, entlarvt sich als menschenverachtend zynisch, weil sie ihr Lachen als Signal für die Vernichtungsaktion verwendet, so dass uns ihr späterer Werdegang nicht wundern muss.

Wesentlicher Teil des Romans, als Erzählstrang jedoch eingeschoben in die Schilderung des von Bully geleiteten Abwehrkampfs ist die Story mit der gelben runden Blase aus Feuer drin als Entsprechung von Korbinians weißer Blase mit dem Feuer draußen – ich meine die Geschichte der Mutantin Shanda Sharmotte, deren Innensicht beim Kontakt mit den Spenta im Sonneninneren wir durch erlebte Rede folgen. Sie begegnet völlig fremdartigen Lebewesen und beobachtet ihre Handlungen. Die Mentalität der Spenta bleibt geheimnisvoll, auch in folgenden Romanen – auf der Lks 2667 weist Ellmer darauf hin, dass dies Absicht sei. Eine physische Beobachtung ist ausgeschlossen, da es in diesen Tiefen der riesengroßen Sonne dafür viel zu heiß ist. Überhaupt bewirken die Sonnensequenzen eine Hauptaufgabe der Gattung Science Fiction, nämlich den Leser mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen vertraut zu machen. Natürlich kräftig unterstützt durch die Infokästen von Rainer Castor. Shanda erlebt diese Phänomene in einer fiktionalen Innensicht, jenseits der Grenzen des real Erlebbaren. Aber die ist dabei nie allein, verständigt sich über Händedruck, wird ärztlich überwacht und von Bull betreut.

Es handelt sich um einen der Romane, von denen es heißt, hier sei die altgediente ewige Nebenfigur Bully endlich mit einer selbstständigen Persönlichkeit ausgestattet wird – er heißt ja jetzt auch eher „Reginald Bull“ als „Bully“. Ich habe das auch eine Zeit lang nachgeplappert, aber dann fiel mir der „Reginald Bull“ – Band der „Kosmos-Chroniken“ in die Hand, und die dort gesammelten Texte beweisen das Gegenteil: Trotz der Typisierung als polternder, humorvoller „Dicker“ hatte „Bully“ stets eine eigene Persönlichkeit, und viel mehr Gefühle als Perry Rhodan. Er befindet sich halt eher in Warteposition, macht die Alltagsarbeiten, arbeitet zu und heiratet nicht die „Prinzessin“. In der Heldenriege macht ihn das zum Loser. In unserer Kultur ist diese Abwertung symptomatisch. Zuarbeitende Menschen werden oft zu wenig gewürdigt. Beispielsweise jene ruhigen, zuverlässigen Mitarbeiter, die jeden Tag das Notwendige wegarbeiten, ohne in jeder Beförderungsrunde zu sitzen.

In 2624 hat Bully – sorry, Reginald Bull natürlich – die Alpharolle inne: Als entschlossen zeigt er sich bei strategischen Entscheidungen, als kompetent in den Erwägungen, die ihm dabei durch den Kopf gehen (vgl. S.20-22), und als mutig, als er trotz Bedenken die „Sicherheitsvorschriften außer Kraft“ (S.34) setzt. Shanda sieht „sein großflächiges Gesicht voller Wärme, das angestrengt und besorgt zugleich schaute“ (S.44). Sein Tipp mit Sauerstoff und Stickstoff als altem Air-Force-Mittel gegen Höhenkoller zeigt, dass er mehr praktische Lebenserfahrung hat als alle anderen, und seine Warnung, in ihrer Nähe keine Zigarette mehr anzuzünden, wirkt nostalgisch anrührend. Überhaupt: Zigaretten und Irish Coffee in einem der neueren Perry-Rhodan-Hefte! Lucky Lukes Grashalm lässt grüßen (der, gegen den seine ursprüngliche Zigarette ausgetauscht wurde)! Nun, niemand wünscht sich „amerikanische Verhältnisse“ mit schießwütigen und versoffenen Helden, andererseits wirkt der porentief reine Probibitionsgestus der neueren Romane oft allzu politisch korrekt. Es fehlt die Schmuddelecke, für simplen Humor und das leicht Schuldhafte, das die Handlung dramatisiert. Ohne Schuld keine Dramatik, und ohne persönliche Fehler keine dramatische Spannung – im Großen wie im Kleinen.

Allerdings gibt es hier ein Generationenproblem, das durch die lange Lebensdauer der Serie in einem einzigen Kontext auftaucht: die soziale Einstufung in Hinblick auf kleine Laster. Vergleichen wir das mal mit den Geschehnissen damals anno asbach um „Old Man“: dort besucht Gucky mit seinem noch unbenannten Sohn Rhodans Familie, Mory und Suzan. Der Kleine beschwert sich über einen anderen Mausbiber, der Bier trinkt – das sei doch vulgär. Das war mir vertraut, genauso bin ich auch erzogen worden. Bier ist vulgär. Nun haben, hatten viele Bekannte meines Alters und meiner Bildung Eltern, die Alkoholiker waren – mit Wein, weil Bier vulgär war. Diese scheinheiligen Werte haben eine strukturierte Gesellschaft geschaffen, innerhalb derer man sich durchaus orientieren konnte – und scheiterten trotzdem. Schuldhaftigkeit liegt vor, Verdrängung, Verleugnen. Heute macht man das auf anderen Ebenen: Heutzutage kippen Leute enorme Quantitäten an Alk in sich hinein, ohne dies im Mindesten verwerflich zu finden, und posten ihre Saufgelage überall, so dass es einen richtig beruhigt, wenn Arbeitgeber solche Infos suchen und negativ bewerten – andererseits hat sich die Orientierung der Menschen im sozialen wie politischen Raum völlig verquirlt zugunsten subjektiver Befindlichkeiten. Diese bieten jedoch kein Gerüst, weder für echte Jugendliche noch für heranwachsende Protagonisten. Diesen Wirrwar kann man nicht unproblematisiert übernehmen, ohne selbst aus den Fugen zu geraten. Und wenn eine Ausrichtung an Vorbildern für die akademisch gebildete Literatur zu simpel wäre, bliebe sie für die Unterhaltungsliteratur übrig. Auf einen gierigen, konsumierendenden, narzisstischen Jugendlichen, der dann einen richtigen Bewährungsprozess mit Werten, aber ohne teakholzgedrechselten Zeigefinger durchlaufen muss, warte ich bei PR bislang vergebens. Der Aspekt wir meistens einfach ausgeblendet. Man könnte vielleicht einfach mal damit rumprobieren.

In 2624 erleben wir Leser die Reise in die Sonne ganz logischerweise gemeinsam mit Shanda und nehmen an all ihren Gefühlen und Reaktionen teil, werden so also direkt ins Geschehen einbezogen. Diese ausgeprägte Präsenz der personalen Reflektorfigur ist typisch für Ellmers Texte. Zum Vergleich 2657 von Lukas, wo zwar Anicee als Reflektorfigur einen Handlungsabschnitt beginnt, aber beim Darstellen von Informationen technischer oder historischer Natur in den Hintergrund tritt, so dass die Vorgänge unterm Strich von einer auktorialen Außenperspektive her referiert werden. Sie könnten genauso gut aus dem Handlungsverlauf ausgekoppelt und in Fußnoten dargestellt werden, ohne dass auch nur ein Komma geändert werden müsste.

In den Übergängen – sobald Boko sich zurückzieht und Shanda zusammenbricht – tritt Bull in den Fokus der Erzählsituation, und als die gesamte AMATERASU mit drei der bisherigen Zentralfiguren in Bokos innerem Raum verschwindet, geht diese Funktion auf den Kommandanten der LEIF ERIKSON IV über. Fünf Bewusstseine also, deren Inhalte wir mitlesen und deren Geschichten ineinander verschränkt sind. Durch die konkrete Handlung in den Einschüben wird das Tempo des Handlungsstrangs um Shanda gedrosselt, um ihre Ausflüge in die nur vage definierte Lebenswelt der Spenta herum auch durch konkrete Geschehnisse auszubalancieren, während Korbinians Lebensgeschichte durch die Unterbrechungen an Schwere verliert und auch die Zeitsprünge leichter verdaut werden können. Zugleich erleben wir durch die Darstellung des Erzählen durch fünf verschiedene Reflektorfiguren eine repräsentative Panoramasicht, beide Konfliktparteien und das gesamte Solsystem umfassend. In allen Interaktionen dominiert Kontakt, Nähe und Wärme.

Auch strukturell verbinden sich runde Formen: Boko hat eine weiße Blase und Shanda eine gelbe, alles kreist um die Sonne und die Protagonisten kreisen umeinander. Diese Struktur finden wir in jedem der untersuchten Romane, wo jedoch mit der verschwindenden Sonne ein einzelner Mittelpunkt ins Zentrum gerückt wird, was ihr Verschwinden am Ende des Romans noch dramatischer heraushebt.Mehrere Erzählebenen sind ineinander verflochten, so dass wir das Geschehen sowohl aus der Innensicht beider Konfliktparteien wie auch im Überblick erfassen. Die Rundformen bewirken eine Ausrichtung des allzu komplexen Gebildes.

https://blaetterfluggedankenschnuppendotcom.wordpress.com/2016/05/15/ueber-arndt-ellmer-teil-53-todesfalle-sektor-null/

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