Über Arndt Ellmer – (Teil 3) Informationsvergabe

In der Science Fiction ergeben sich an den Aufbau fiktionaler Wirklichkeit besondere Ansprüche: Im Setting, weil man von echten Orten abkupfern, sich aber nicht auf sie beziehen kann. In der Personenzeichnung, weil man keine echten historischen Konstellationen einbauen kann, von denen die Personen geprägt wurden. In übergreifenden Zusammenhängen, weil politische, soziale, wirtschaftliche und wissenschaftliche Kontexte jeweils neu erfunden oder aber innerhalb des Textes dem Leser in Erinnerung gerufen werden müssen. Außerdem gibt es Fremdvölker, die ganz anders aussehen, und Humanoide, die per Definition als „fremd“ und „anders“ rüberkommen sollen. Entsprechend müssen zusätzlich Informationsmengen in die Texte selbst gepackt werden, was an die Handhabung der Informationsvergabe umfangreiche Anforderungen stellt. Die Textbelege in diesem dritten Abschnitt der Untersuchung zu Arndt Ellmers Schreibart stammen ausnahmslos aus „„Countdown für Sol“ (PR 2616)

Das Alter der Serie hat allein schon die Informationsflut untereinander vernetzter, auseinander erwachsener Phantasieelemente ins Phantastische anwachsen lassen. Dabei gibt es genug Widersprüche. Um die in 53 Jahren gewachsenen Strukturen zu handhaben, gibt es die Perrypedia und im Heft das Glossar und den Perry-Rhodan-Kommentar mit Hintergrundinformationen. Trotzdem steht der normale Feld-Wald-Wiesen-Leser immer wieder vor der Frage, was die aktuell aktiven Elemente schon wieder an Herkunftsgeschichten mit sich bringen, wo die Handlung gerade genau spielt, was die Protagonisten schon alles erlebt haben, und wann dies geschah. Nicht alle lesen seit Jahrzehnten und erinnern sich. Die Autoren setzen sich auf verschiedene Weise mit dem Problem auseinander. Dem Stil unseres Analyseobjekts – hüstel, unseres Autoren natürlich – folgend, beginnen wir erneut mit der Kleinform.

Zunächst das Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit, Fachbegriffe hierbei sind Raffung, Dehnung und Rückblicke. Jahrzehntelange Übung bildet Fertigkeiten: In AEs Texten finden wir immer wieder Abschnitte extrem verdichteter Informationsvergabe, denn er kann Sinneseindrücke so anordnen, dass in den ausgesparten Lücken Zeitspannen, Gefühle und kausale Abfolgen Platz sparend verstaut werden. Diese Handhabung der Erzählzeit heißt Raffung, ihr Gegenteil Dehnung – diese ersetzt er durch ausgiebig geschilderte Innensichten oder Dialoge. Hier ein Beispiel für die gezielte Handhabung der Raffung – man beachte den Gewinn an erzählter Zeit, der durch diese Handhabung der Erzählzeit herausspringt:

Porant ließ den Asteroiden nicht aus den Augen. Nach einer halben Stunde richtete er sich in seinem Sessel steil auf. ‚Hab ich’s nicht gesagt, Leute?’

Das entstandene Nichts hatte sich längst reguliert. Freie Durchfahrt für freie Forscher und Asteroiden!

‚Du hast es nicht gesagt’, erwiderte van Doberen und warf ihm unter ihrem ölschwarz schimmernden, wie mit einem Laserstrahl gezogenen Pony einen strengen Blick zu. Eine Stunde später explodierte der erste Asteroid, kurz darauf der zweite.“ (2624, S.5)

Hier ist jedes einzelne Element komplett eingebunden, die Zeitangaben begleiten jedes Mal einen Vorgang, den der Leser sich mit starken punktuellen Eindrücken plastisch vorstellen kann. Die Beschreibungen bleiben innerhalb der von der Situation vorgegebenen Möglichkeiten, Metapher wie Vergleich bleiben im technischen Kontext.

Zum Kontrast: Nachdem ich an dieser Analyse gearbeitet hatte, las ich 2657 von Lukas, wobei mir zwei Formulierungen aufstießen: Das Hologramm von LAOTSE „erinner(t) Anicee an Lichtbilder von alten terranischen Asiaten“ (2657, S.10) und Chossoms Ruhemulde „erinnert an einen exotischen, flachen, fünfzackigen Blütenkelch“ (2657, S.11). Bei ersterem musste ich erst mal überlegen, da der Formulierung nach ja Fotos gemeint ist, was ja 1469 NGZ bisschen länger her ist. Als nächstes überlegte ich, ob es im Perryversum nur junge Asiaten gibt, oder ob die alten Asiaten da plötzlich anders aussehen … und erst dann las ich weiter. Es störte mich.

Aber nur, weil ich mich vorher auf Ellmer eingestellt hatte. Weil bei Ellmers Stil die Gedanken ganz natürlich zwischen den Sinneseindrücken Platz finden, ohne Extraaufwand. Sobald ich mich aber bei Lukas eingelesen habe, stört die hervorgerufene intellektuelle Aktivität mich gar nicht, im Gegenteil, weil bei ihm alles – Informationsvergabe, Gestaltung der Handlungsabschnitte – über Sprechen, Denken, Beabsichtigen und Bewerten und Zurückblicken läuft. Lukas ist witzig, Ellmer humorvoll. Hierzu später mehr.

Wie gesagt, weitaus mehr Raum in Ellmers als die verdichtete Information nimmt die überaus extensive Informationsvergabe durch genaueste Schilderung ein. Gefühle, Geräte, Konflikte, alles wird eher noch mal mehr paraphrasiert als unerklärt gelassen. Durch die Vorliebe für Innensicht ergibt sich ein überaus hoher Anteil an expliziter Informationsvergabe, während implizite Charakterisierung mangels perspektivischer Brechung stark zurücktritt. Die jeweilige Reflektorfigur – vgl. IV – kann sich wegen der ausgiebigen Ausgestaltung der Innenperspektive uneingeschränkt entfalten.

Das erste Beispiel zeigt, wie Ellmer den Funktionsbereich einer nur fiktional existierenden Maschine erklärt:

„Die hoch spezialisierten Solar Moduls waren ausschließlich für den sonnennahen Bereich gedacht, zur kontinuierlichen Überwachung aller Vorgänge in der Korona. Direkt in der Korona wären sie geschmolzen wie Butter, denn für eine ausreichende Zahl Energiemeiler und Paratronprojektoren waren sie zu klein.“ (2616, S.32)

Hier finden wir einen jener Vergleiche aus dem täglichen Leben, Ellmers Lieblingsspielzeug „Zahl“ diesmal nur als Oberbegriff, drei Begriffe, die Sonnennähe beinhalten – „Solar“, „sonnennah“ und, wiederholt, „Korona“ – und dann die bereits beschriebene Verklammerung zweier elektrischer Geräte, eins aus der Küche und eins aus der PR-Technologie, aber beide dem PR-Leser vertraut.

Das zweite Beispiel ist in erlebter Rede geschrieben, welche die Innensicht zur absoluten Perspektive erhebt, zugleich aber die fiktionale Welt belebt, da wir sie über die Bewusstseinsvorgänge der wahrnehmenden und handelnden Reflektorfigur erfahren miterleben:

Shanda Sarmotte stellte fest, dass sich das Abbild der Ephemeren Materie verändert hatte. Sie wuchs. Die Spenta bauten ohne Unterlass an ihr. Irgendwann würden sie fertig sein. Wenig Zeit! Shanda musste handeln.“ (2616, S.32)

So wird Shandas Beobachtung fünfmal umformuliert, um ihr Eindringlichkeit zu verleihen. Die uneingeschränkte Subjektivität der Innenperspektive entspricht in diesem Fall exakt dem mentalen Herumschwimmen der Mutantin in einer unüberschaubar großen, brennenden Sonnenmasse, die ihr als Lebensraum fremd bleibt.

Das kursiv gesetzte „Wenig Zeit“ entspringt der von vielen PR-Autoren verwendeten Art, Gedanken der Protagonisten seltener aber auch Gedanken anderer, die in ihrem Geist aufscheinen, kursiv zu setzen. So wie Und das um sechs Uhr morgens, dachte Bull“ (2616, S.18). Seltener wird diese Darstellungsweise im Doppelpack für widerstrebende eigene Gedanken und für im Bewusstsein auftauchende Fremdgedanken genutzt: „Wach endlich auf, sagte eine Stimme in ihrem Inneren. Du träumst das alles nur. […] Schlaf weiter, meldete sich eine andere Stimme. Ruh dich aus.“ (HvS, S.117), was eigene Gedanken sein können oder der Einfluss des Computerprogramms, welches sich später wieder meldet: „Verlaß dich nur auf dich selbst, meldete sich wieder jene Stimme in ihr, die ihr so vertraut vorkam. Du allein bestimmst über dein Schicksal(HvS, S.126).

Atlans Extrasinn nimmt eine Zwischenposition ein, wie sein Träger denn auch eine der wenigen echten Erzählerfiguren der Serie ist, und wohl die einzige unter den Hauptpersonen. Als Nichtterraner hat er auch eine gute Nische für seine altmodische, geschlossene Beurteilung der Welt, und die trancehaften Wiedergabe seiner Zeitabenteuer können nur über die Erzählsituation mit dem Rest der Serie verbunden werden.

Den inneren Dialog mit jemand Fremden finden wir auch in 2655, einmal bei Tormanacs inneren Kampf mit dem Monofilament, das QIN SHIs Botschaft verkündet (vgl. S.46f) und dann, als der Garrabospieler Tarmanac innerlich mit den Phenubenklängen des Sayporaners.kommuniziert (vgl. S.56). Auch in diesem Fall wird die Einzelexistenz zum Aufgehen im Dialog, zur Gemeinsamkeit hin aufgelöst, durch die dann die Problemlösung eintritt.

Noch einmal zur Neubenennung als Umdeutung: Ellmer baut neue Informationen über die darzustellende utopische Welt gern in harmlose, vertraut wirkende Erklärungen ein, bei denen oberflächlich erst mal gar kein Unterschied zu Erklärungsmodellen der real existierenden Verfasser- und Rezipientenwelt anzumerken ist. Die Deviation jubelt er seinem Leser sozusagen unter, es entwickelt sich ein amüsantes Versteckspiel.

Als wir in einem langen Rückblick das Familienleben der Bokos kennenlernen, wird die Entwicklung der Gesellschaft thematisiert durch die Definition von „Traditionalistin“, was man ist,

wenn man sich alten Gewohnheiten und Gebräuchen verpflichtet fühlt, also zum Beispiel eine antiquierte Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Der Mann geht arbeiten, die Mutter kümmert sich um den Haushalt, also Essen kochen, Wäsche waschen“ (2616, S.11)

So wird über eine einfach scheinende Erklärung der Unterschied zwischen unserer Lebensweise und der Normalität im Jahre 1469 NGZ ausgearbeitet, wenn Korbinian weiter fragt, was „Wäsche waschen“ denn bedeuten soll. Wobei drei Erklärungen angeboten werden, von denen zwei einander widersprechen: Ganz früher habe man die Wäsche draußen aufgehängt – für Korbinian äußerst befremdlich – und heutzutage sei es das, was der Haushaltsrobot mit der Wäsche tue. Dem folgt eine minutiöse Auflistung der uns nur allzu vertrauten Vorgänge, Science Fiction hier nur die allgemein verbreitete Integration des Wäschetrockners in die Waschmaschine – heutzutage sind diese Kombigeräte unverhältnismäßig teuer und deshalb selten. Darauf erwidert der Junge, er werfe die „Kleidung immer in den Abfallvernichter fürs Recycling“(2616, S.11), was sein Vater als ebenso normal bestätigt.

Beide Möglichkeiten schließen einander aus, sind aber als gleichrangig „normal“ nebeneinander gestellt. Der logische Bruch wird beim Lesen fast unsichtbar, weil die aufgezeigten Möglichkeiten die Fantasie jeden Lesers, der Familienwäsche handhabt, mit emotional aufgeladenen Bildern füllt, ohne aus dem aufgespannten Begriffsfeld herauszulenken, und dadurch den Widerspruch überdeckt. Vor allem der seelische Schock, der den umweltbewussten deutschen Leser bei der Idee, die getragene Kleidung jedes Mal wegzuwerfen, überkommt, lässt ihn das Denken vergessen. Aus Ellmers diversen Bemerkungen über Leseraufmerksamkeit auf der LKS schließe ich, dass er es auch extra darauf anlegt, dass die Leser den Effekt wahrnehmen, ohne den Widerspruch zu reflektieren.

Seelische Zustände im jeweiligen Erzählkontext lernen wir mit der gleichen Exaktheit kennen: Bullys Gefühle von Wut und Verzweiflung kurz vor der Auslösung des Fimbul-Impulses werden ebenfalls eines nach dem anderen erläutert, wodurch dem Leser im Rahmen von Bullys Gedanken noch einmal der Umfang der Bedrohung aufgezeigt wird, so dass er die historische Bedeutung des Ereignisses besser erfassen kann, ehe im nächsten Romanabschnitt der Fimbul-Impuls ausgelöst wird. Ohne diesen Informationsschwerpunkt würden viele Leser die Auswirkungen des Fimbul-Impulses nicht wirklich begreifen:

In sich spürte Reginald Wut und Verzweiflung. Wut über die vielen Opfer, die die Versetzung des Solsystems und die damit zusammenhängenden Ereignisse bereits gekostet hatten. Und Verzweiflung darüber, dass Fremde schon wieder nach der Heimat der Menschen gegriffen hatten und sich ungeniert bedienten.

Die Terraner wurden nicht gefragt. Da gaben sich andere Völker und Institutionen die Klinke in die Hand und taten, als sei dieses Sonnensystem ihr persönliches Eigentum. Und Terra war nach 3000 Jahren noch immer kleiner und schwächer als der jeweilige Gegner, wenngleich tausendmal stärker als in der Anfangszeit des Imperiums.“ (2616, S.60)

Vorher und nachher wird der Familienname verwendet, so dass „Reginald“ anzeigt, dass man es hier mit dem echten, inneren Bully zu tun hat. Über die exakte Klärung der Affekte hinaus beachte man den weit gespannten zeitlichen Überblick, denn man muss automatisch die vorangegangenen Vorgänge um die BOMBAY und die seltsame Veränderung der Gravitationskonstanten Revue passieren lassen. Der Leser muss seine Erinnerung aktivieren, um hier mitzuziehen. Ellmer bietet da regelmäßig Hilfestellung in Form von erlebter Rede, durch die wir umfassende Gedankengänge und auch Erinnerungen der Protagonisten miterleben können. Eine weiter gefasste statistische Untersuchung des Zeitengebrauchs würde wohl ein hohes Maß am Plusquamperfektformen feststellen, mehr als bei den meisten Perry-Rhodan-Autoren. Diese Sicherungsmaßnahmen können den Erzählfluss durchaus belasten, ich weiß.

Dankbar bin ich für das ansonsten wenig motivierte „Institutionen“, denn heutzutage hat es sofort jenen unangenehmen Beigeschmack, wenn man von fremden Völkern redet, die nach dem Eigenen, vor allem der Heimat, greifen. Die Zahlen 3000 und 1000 stehen in abnehmender Reihenfolge, was sich harmonisch zum „kleiner und schwächer“ fügt.

Ellmer verschränkt die Ereignisse jedoch auch auf struktureller Ebene. Ein recht interessantes Beispiel hierzu finden wir, als Porant das Nichts betrachtet, wo vorher das Solsystem war, welches ja sogar ein Nichts ohne Naturgesetze ist. Als er über die „hunderte von Ausschlägen“ nachdenkt, überlässt er sich seiner Intuition, „vergaß die Welt um sich herum“, „versank“, sitzt dann tief in Gedanken, „abgekapselt von der Umwelt“ (2624, S.7), und wird aktiv mit der Erkenntnis, dass ein Hypersturm nach dem Nichts greift. Das Nichts und die innere Vertiefung stehen einander spiegelbildlich gegenüber.

Mit diesem Ausblick auf die strukturelle Ebene wollen wir diesen Anschnitt beschließen und zum nächsten Kapitel überleiten. Halten wir fest, dass Ellmer die Möglichkeiten der personalen, subjektiven Perspektive voll ausschöpft und sehr ausgiebig für deine Erzählvorhaben nutzt. Die Innenperspektive überwiegt, die Außensicht tritt dahinter zurück und mit ihr der Überblick.

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