Über Arndt Ellmer – (Teil 2) Textbindung auf Satz- und Absatzebene

Hier der zweite Abschnitt der Untersuchung zu Arndt Ellmers Art zu schreiben. Es ist ein sehr technischer Abschnitt voll von Terminologie, die leider meistens zu wenig als lebendiges Instrumentarium vermittelt wird und deshalb Nichtfachleute in der Regel auf die falsche Schiene drängt, wenn man sie auf Unterhaltungsliteratur oder Gebrauchstexte anwendet: rhetorische Mittel und Grammatik. Alliteration, Personifikation, Präsens, Perfekt, Konjunktiv. Auch Binnenreim und so Zeugs. Es sind Begriffe für sprachliche Phänomene, die leider allzu oft die Textbegegnung an sich abgelöst haben, so dass Literatur als etwas erscheint, das man analysieren kann und die angenehmen Texte haben nichts mit so was zu tun. Dann kommt Abwehr.

Im deutschen Sprachraum beginnt diese Trennung sehr früh, im englischen nicht, und die haben auch viel mehr creative writing im Normalprogramm, das den analytischen Zugang komplementär ergänzt. Vom Verschweigen der deutschen Traditon früher phantastischer Literatur bei angesehenen Schriftstellern ganz zu schweigen – die entsprechenden Passagen, zum Beispiel die Mummelsee-Episode in Grimmelshausens Simplicissimus, gewisse Balladen der Droste, Storms Schimmelreiter, rücken selten in den Fokus oder werden im Lehrplan bei jüngeren Jahrgangsstufen angesetzt, weil es darin Gespenster und Meerwesen gibt, und die gibt es halt nicht. Was ich sagen möchte: Wenn ein Anglist wie ich diesen Zugang auf Unterhaltungsliteratur im Umgang mit deutschen Texten anwendet, so heißt dies nicht, dass ein Leser dieser Untersuchung sich genötigt fühlen muss, die Kategorien der Einstufung zu wechseln – eingedenk desjenigen, der seinerzeit protestierte, ich würde die Autoren auf Deibel komm raus als Literaten hinstellen wollen. Gar nicht mein Interesse. Es geht um Funktionsweisen. Nun ja, natürlich auch um Wertschätzung: Wie viel in so einem Geschichtchen eingebaut werden muss, damit er „geht“. Und dabei hat jeder Autor sein bestimmtes Muster.

Ich begann die sprachliche Analyse mit grundlegenden Eindrücken aus der Lesesituation heraus, welche waren: Die Romane enthalten übersichtliche Textabschnitte in handlicher Länge. Das kam mir als Leser entgegen, weil ich selten länger als zwei Handvoll Seiten sitzenbleibe. Dann: jeder Textabschnitt ist ein durchorganisiertes Einzelstück im Romanganzen. Als nächstes begann ich, mir das Textkorpus zusammenzustellen und Zettel anzulegen über repräsentative Textausschnitte. Wie gesagt – das betrifft die bis Ende Juli 2012 erschienenen Hefte des Neuroversumzyklus, also „Countdown für Sol“ (2616), „Todesfalle Sektor Null“ (2624), „Die Informationsjäger“ (2637) und „Garrabo schlägt Phenube“ (2655) sowie „Herrscher von Sonnenland“ (TB 401, ab jetzt: HvS). Meine Zettel waren beschriftet mit den beobachteten Phänomenen und den Belegstellen. Die schob ich dann rum, arrangierte sie und daraus entstand dieser Text. Im Überblick:

Alliterationen verwendet er eine enorme Menge. Was nahe legt, dass AE seine Texte hört, während er sie schreibt, und entlang akustischer Merkmale arbeitet. Zusätzlich fallen der Einsatz von Paraphrasen und Wiederholungen von Worten wie auch grammatischen Elementen als überaus häufig eingesetzte Mittel zur Textbindung auf. Personifikationen erfolgen in ungewöhnlicher Dichte. Zahlen und Farbadjektive treten gehäuft auf, Sinneseindrücke borden über und durch Redeeinleitungsformeln und Bewegungen erlangen die Protagonisten ein hohes Maß an Lebhaftigkeit. Darüber hinaus geht es immer irgendwann um Essen.

Die extrem dichte Durcharbeitung kleiner Texteinheiten sei anhand einiger Beispiele untersucht, und das wird nun eine reine Materialschlacht einfach wegen der Menge und dichten Vernetzung des Materials, die man aufzeigen muss, da Abstrahieren den Befund verschleiert. Zur Veranschaulichung habe ich hier die durch Lautfolgen verbundenen bzw. kontrastierenden Elemente im ersten Zitat unterstrichen:

Ein wunderschön leuchtender Schmetterling saß auf der ausgeprägten Wölbung zwischen ihren beiden Atemöffnungen und bewegte freudig die Flügel. Sein leises Sirren verhieß Gutes, und die Jägerin gab sich ganz dem Gefühl der Wärme und des Wohlseins hin. Was scherten sie jetzt noch die Wüste und die Kuppel.(HvS, S.110)

In diesen 43 Wörtern finden wir mehrere Alliterationsreihen, die jeweils thematische Felder zusammenbinden: „wunderschön“, „Wölbung“, „Wärme“ und „Wohlsein“ verbindet sich trotz des emotional negativen Verbs „scherte“ – in Frage gestellt mit dem alliterierenden „was“ – mit der „Wüste“ als vertrauter Heimat, während „auf“ und „ausgeprägt“ den Schmetterling auf ihrem Gesicht verorten. „Gutes“ und „Gefühl“, zusammen mit „gab“ und „ganz“, lassen sich zusammen lesen. Auch „leuchtend“, „“Flügel“ und „leise“ verbinden sich inhaltlich ebenso wie über den Liquid l, wobei der Frikativ f auch „Atemöffnungen“, „freudig“ und „Flügel“ verbindet. Die Adjektive „leuchtend“ und „freudig“ verstärken einander via Assonanz, das ist der Gleichklang der Vokale. Ein Liquid ist normalerweise als Konsonant eingestuft, lässt sich aber sprechen wie ein Vokal. Ein Frikativ ist ein Reibe- oder Zischlaut.

Die sich binnenreimenden Satzanfänge „Ein“ und „Sein“ verbinden sich zu einem Gefühl der Zugehörigkeit, wobei sich einerseits mit „ihren“ „Sein“ sich mit „saß“, „Sirren“, „sich“ und „sie“ und dem Endlaut von „verhieß“ zu einer Kette fügt, andererseits kontrastiert es mit dem anderen Possessivpronomen „ihren“, womit wir bei Rihanna angelangt sind, deren Bewusstseinsvorgänge ausgedrückt werden: „Schmetterling“ und „was scherten“ vermitteln die Art von Unbeschwertheit, die sie empfindet. „Jägerin“ und „jetzt“ beleben durch Spannungssignale, während „Kuppel“ als unbekanntes Ziel allein steht, höchstens über die Endung mit „Flügel“ verbunden.

Diese Analyse ließe sich noch weitertreiben, man beachte etwa „Ein leises Sirren“: 3x s, die Liquide l und r, die viele Asiaten als ein einziges Phonem wahrnehmen, also keinen Unterschied hören können (Stichwort „Flühlingslolle“), 2x End-n, und als Vokale 2x ei, ausgesprochen [ai], graphematisch jedoch mit den im dritten Wort getrennten i und e verbunden.

Die paarbildenden Possessivpronomen paraphrasieren die Verortung des Schmetterlings „zwischen ihren beiden Atemöffnungen“ und lassen so die Idee von „Mitte“ und „Balance“ anklingen, welche sich leitmotivisch durch den gesamten „Sonnenland“-Roman zieht, man vergleiche „er beeilte sich, in die Mitte zu kommen, um die Balance zu halten“ (HvS, S.25), „Sitz des Herrschers im Stadtzentrum“ (HvS, S.49), „Er sprang auf und ging umher. Zwei Schritte nach links, zwei nach rechts“ (HvS, S.103) oder „Wo war das Zentrum und wo der Stadtrand?“ (HvS, S.119). Wir finden in diesen 43 Wörtern fünf bestimmte Artikel, dreimal „und“ und fünf Verben, welche aktive Tätigkeiten von Lebewesen bezeichnen, wobei „Sirren“ schon als Personifikation gedeutet werden kann.

AE setzt seine Alliterationen auch ein, um gefährliche Situationen zu beschönigen: „Ein enger Schacht mit einer Sprossenleiter führte mehrere Etagen nach unten. Unterwegs schloss er mehrere Zwischenböden aus dickem Stahl“ (HvS, S.92). Sie suggerieren einerseits über die Zischlaute Gefahr, andererseits jedoch Zusammenhang, und die Personifikation verstärkt das angenehme Gefühl, nicht allein zu sein.

Textbindung durch die Anordung der Protagonisten als Paare oder als auf einander ausgerichtete Menschen finden wir auffällig oft in der Personenkonfiguration, was den Romanen Geschlossenheit verleiht, aber wir finden sie auch auf sprachlicher Ebene als strukturierendes Merkmal:

„Es blieben Selbstgespräche, und doch waren sie Kommunikation zwischen ihm und ihr. Er versuchte zu ergründen, was und wie sie geantwortet hätte, und sprach ihr die Antwort dann vor. Zwei Stunden blieb er bei seiner Schwester, und sie führten stille Zwiesprache. Dann ging Korbinian hinaus, kuschelte sich auf dem Sofa an seine Mutter und schlief, bis er die Stimme wieder hörte.“ (2616, S.16)

Hier sind „zwei“ und „Zwiesprache“ als Gegenpol angeordnet – dieses Umdrehen findet sich immer wieder – innerhalb der entsprechenden Assonanzreihen, z.B. „seiner“ und „blieben“, der Vokal i dominiert diesen Absatz durchgehend.

Sehr viele Alliterationen ordnen sich wiederum zu Begriffsfeldern – in der Tat ist dies die klassische Anforderung an eine Alliteration: nicht das nahe Beieinanderstehen der Wörter und nicht ihre Zahl, sondern ihr Bedeutungszusammenhang im Gleichlaut. Dies sind unter anderem „Selbstgespräche“, „sie“ (3x), „sich“ und „Sofa“, also Ort und Art des Geschehens, dann „waren“, „was“ und „wie“, das seine Grübeleien zusammenfasst. „Blieb bei“ formt in sich eine Alliteration, außerdem finden wir „Kommunikation“, „Korbinian“ und „kuschelte“, dann „zwischen“, „zu“, „zwei“ und „Zwiesprache“, was die Partnerbeziehung hervorhebt, und als letzte große Lautreihe ist zu nennen „Selbstgespräche“, „zwischen“, „sprach“, „Stunden“, Schwester“, „Zwiesprache“, „kuschelte“ und „Stimme“: Diese wirkt in diesem Kontext lautmalerisch beruhigend, wie „Pscht“, das ja angeblich dem Geräusch des mütterlichen Blutkreislaufs entspricht, was das Baby beruhigt, weil es sich als Fötus daran gewöhnt hat.

Darüber hinaus wird das widersprüchliche Begriffsfeld „Selbstgespräche“, „Kommunikation“, „was und wie sie geantwortet hätte“ und „Stimme […] hörte“ ausgelotet, zusammengeführt wird die Problematik in „stille Zwiesprache“ – ein Oxymoron, das den thematisierten Widerspruch zusammenfasst. Die Mutter bleibt ohne lautliche Verknüpfung, so wie sie auch inhaltlich nicht in die enge Verbindung zwischen den Zwillingen reinkommt.

Auch die Pronomina bilden ein dichtes Netz: Das Gegensatzpaar „ihm“ und „ihr“ wird variiert und erzeugt Verbundenheit im Gegensatz. „Seine Mutter“ und „seine Schwester“ drücken aus, dass er sich geborgen fühlt, und die Wiederholung von „bleiben“ weist eindringlich auf seine geduldige Beharrlichkeit hin. So ist der durch die Buchstabenverdrehung von „zwei“ und „zwie“ erzeugte Gegenpol nur Kristallisationspunkt für zwei andere Elemente, die über ihre Gegensätzlichkeit verbunden werden.

Eine einfachere Textbindung durch Wiederholung finden wir in „,Es ist gleich Mittag. Wir sollten zum Essen zurück sein’. ,O ja! Mittagessen!“ (2616, S.11). Und eine simplere Aneinanderbindung von Widersprüchen mit „Es klang zu glatt, wie er es sagte. So, als sei es das Normalste der Welt.“ (2616, S.40).

Seltener finden wir die Strukturierung anhand grammatischer Strukturen, etwa die Erweiterung des Präsens zum Perfekt und dessen beharrliche Repetition, variiert durch die Alliteration auf a und ä und die vorgezogene Erstsilbe des Indefinitpronomens „jemand“ in „wie eh und je“ – letztere zeigen wieder jene beliebte Verdrehung des e-Vokals und die Verwendung einfacher, konkreter Vergleiche aus dem Alltag, die Ellmer regelmäßig zur Veranschaulichung abstrakterer Inhalte verwendet:

Benk Benkro fiel aus allen Wolken. ‚Er hat es. Bei der Allmacht. Ferenc, er hat es gefunden.’ ‚Die Eingabetastatur ist dieselbe geblieben. […] Abgenutzt wie eh und je. Nur der Abstand der vorderen Abdeckwand zu ihr hat sich vergrößert. Wenig zwar, aber immerhin. Jemand hat eine Änderung vorgenommen.’“ (HvS, S.37).

Wobei wir auch hier das typische Wiederholungsmuster feststellen können, wenn fünf Zeilen weiter beide Hilfsverben zur Perfektbildung noch mal als Vollverben im Präsens auftauchen: „Wir haben keine Informationen. […] Wir sind ebenso überrascht wie du.“ (HvS, S.37). Bei Ellmers abwechslungsreichem Einsatz von Verben fällt diese schmucklose Bauart aus dem Rahmen. Die Perfektsätze wechseln sich regelmäßig mit verblosen Ellipsen ab, die mittlere allerdings über das Partizip Perfekt „abgenutzt“ mit dem Perfekt verbunden.

Eine weitere Eigenheit dieses Autors ist der intensive Einsatz von Zahlenreihen, aber auch die Ballung von Farbadjektiven. In der schwankenden Wirklichkeit von „Sonnenland“, die ich zuerst untersuchte, und hielt ich die Zahlenreihen für ein Textsignal, das Irrealität indizieren sollte, denn Zahlen unterbrechen Gefühle, und Gefühle erzeugen die Wahrnehmung, etwas sei wirklich. Mit 2616 verstand ich aber, dass Ellmer Zahlen und Daten im Gegenteil dazu einsetzt, eine fiktionale Wirklichkeit zu etablieren, vor allem natürlich auf jenen Seiten, in denen er in technischen Beschreibungen schwelgt (vgl. z.B. HvS, S. 87-89 und 2616, S.7-10). Ein gutes Beispiel ist das Gespräch der Besatzungsmitglieder über die eintreffenden Nagelraumer mit 17 Zahlwörtern auf einer Seite (vgl. 2616, S.7).

Andererseits ballen sich Farbadjektive in Verbindung mit Variation, Wiederholung und Personifikationen:

Das satte Blaugrün der Vegetation übte eine faszinierende Wirkung auf Tarmanacs Farbempfinden aus. Türkis war seine Lieblingsfarbe. […] etliche Edelsteine dieser Farbe […] während er das Gras und die Blätter und Ranken auf sich wirken ließ, trat […] ein nur leicht wahrnehmbarer Farbwechsel ein. Das Türkis und die übrigen Schattierungen wurden eine Nuance heller. […] Es blieb dunkel, bis sich das Schott über dem Fahrzeug wieder geschlossen hatte. Dann flammten Scheinwerfer auf […] und tauchten die Umgebung in orangefarbenes Licht.“ (2655, S.15).

oder

,Alles im grünen Bereich. […] Merkur sank unter dem Schiff in die endlose Weite des Weltalls, die sonnenzugewandte Seite von goldenem Lichtglitzer umhüllt“ (2616, S.6).

Lichtglitzer“ ist ein anschaulicher Neologismus. Zusätzlich findet sich in beiden Textstellen jene ganz auffällige Tendenz, wirklich jede Tätigkeit zu personifizieren, so dass Ellmers Protagonisten sich stets in einem durchgängig belebten Universum aufhalten. Jeder Gegenstand, jede Sache tut gerade etwas, und die Lebewesen sowieso. Im folgenden Beispiel wird eine besonders starke Personifikation der Brandung mit Merkmalen des Horrorromans als „Schauermärchen“ des „Volksmunds“ plausibel gemacht:

Manchmal, so berichtete der Volksmund, krochen gierige Zungen aus der schmalen Meerenge zwischen den Kontinenten […] auf der Suche nach organischer Nahrung: Immer wieder erwischten sie Beute, die allzu sorglos die saftigen Wiesen abweidete. Manchmal verschwand sogar ein Travnorer in der Tiefe. (Er) kannte die Hintergründe solcher Schauermärchen. Die Klippen an der Meerenge waren besonders steil. Das Wasser hatte Furchen in das Gestein getrieben, das Gras die messerscharf aufragenden Kanten überwuchert. Wer fehlging, verschwand mit etwas Pech in der Tiefe. Und selbst wer sich an die Wegweiser hielt, wurde mitunter von hochschießenden Zungen der Brandung gepackt und in die Tiefe geschleudert.“ (2655, S.19)

Die Szenerie wird entsprechend mit der magischen Zahl drei strukturiert. „Manchmal“, „manchmal“ und „mitunter“ sind eine Gruppe, eine andere formen „gierige Zungen aus der schmalen Meerenge“, „Wasser“ und „Zungen der Brandung“. Diese suchen „organische Nahrung“, erwischen Beute“, hatten „Furchen getrieben“, packen und schleudern in die Tiefe. „Tiefe“ wird dreimal wiederholt, die Klippen sind „besonders steil“ und das Meerwasser hat Furchen hineingetrieben in die „messerscharf aufragende(n) Kanten“. Nach der weidenden Beute kommt dreimal die intelligente: Zu Tode kommen „Travnorer“, „wer fehlging“ und „wer sich an die Wegweiser hielt“ – letzteres eröffnet eine Ebene der Boshaftigkeit, da das Unglück unverschuldet eintreten kann, vertieft durch die dreifache Verbgruppe des Ursachenkatalogs: allzu sorglos zu sein, fehlzugehen und Wegweiser zu beachten führt gleichermaßen in die Katastrophe.

Im Folgetext dieses Zitats finden sich, und das ist repräsentativ, fast nur personifizierte Verben: Glitzernde Punkte bilden ein Netz, Kamerasonden beobachten, registrieren Bewegung und lösen Alarm aus. Roboter schießen aus dem Gebüsch und analysieren. Sofern in Ellmers Romanen überhaupt Sachen geschildert werden und nicht die Bewusstseinsvorgänge der Lebewesen, die mit ihnen zu tun haben, sei es in direkter oder erlebter Rede, sind sie lebendig. Ellmers ganze fiktionale Welt wimmelt vor Leben.

Auch der folgende Ausschnitt, in dem Bildlichkeit von Feuer und Wasser sich mischt, stellt einen Vorgang so dar, als würden die einzelnen Objekte eines nach dem anderen aktiv werden:

„Aggregate schmolzen und sanken in sich zusammen. Fontänen glühenden Materials eruptierten wie bei einem Vulkan, verflüssigten die Decke und ließen ganze Lagerräume aus der darüber liegenden Etage nach unten stürzen, in das kochende Meer hinein. Explosionen erschütterten den Sektor. […] Der Rumaler deutete mitten in das Meer aus Rauch und kochendem Metall. […] (D)ie Kerntemperatur (lag) inzwischen bei dreitausend Grad und stieg mit jeder Sekunde. In seinem Innern arbeitete es, als handle es sich um ein Lebewesen.“ (2624, S.31)

Überhaupt ist Ellmers fiktionale Realität durch ständige sinnliche Wahrnehmbarkeit konstituiert. Die Settings sind aufs Genaueste verortet, die Wahrnehmungen seiner personalen Erzähler, über welche die Story transportiert wird, erstrecken sich über alle fünf Sinne: Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Berühren, dazu kommt ihre gedankliche Aktivität, mit der die wahrgenommenen Objekte erfasst werden, die Verfärbungen ihrer Wahrnehmung und ihr Langzeitgedächtnis, ihr Hintergrund, die die Personen prägen. Implizit vermitteln die Sinneswahrnehmungen die Gefühle der Protagonisten:

„Nemo Partijan fühlte sich, als habe ihm jemand ein Brett vor die Stirn geknallt. Das Blut rauschte in seinen Ohren, vor seinen Augen tanzten bunte Kreise. Er starrte das Bündel an, das zwischen den Fingern des Handschuhs zuckte. Würmer, Riemen, was auch immer. Die Oberfläche ähnelte Metall.“ (2637, S.19)

Zu Beginn dieses Abschnittes stellte ich die These auf, dass Ellmer die Texte hört. Dem möchte ich eine weitere Beobachtung hinzufügen: Er rhythmisiert durch Zweiermuster und Dreiermuster. Schlagen wir 2637 auf, so finden wir gleich in der ersten Spalte auf den ersten Blick vier Dreiergruppen auf verschiedenen Ebenen. Da ist die Reihe „500 Meter“ – „halb voll“ – „fünf Lichtjahre“, dann der Kaffee, der überschwappt, sich rollt und zur Ruhe kommt. Als nächstes kommen in fünf Zeilen drei Raumschiffnamen, nämlich die BASIS, die SICHOU-1 und die KADURA und zwei Alliterationen auf K: „‚Kein Kontakt zur KADURA“, meldete die Steuerpositronik des Kugelschiffs“, und dann „Wir korrigieren den Koordinatenfehler mit einer Kurzetappe.“ (2637, S.4).

In der Szene mit Gucky, Nemo und einem Xylthen, in dem Dialog und Dreiergespräch variieren, wechseln sich je nachdem, ob die beiden den Xylthen mit einbeziehen, auch in der sprachlichen Gestaltung Dreiergruppen mit Zweiergruppen von Begriffen ab, zwei davon in der Beschreibung des Handbuchs für den „einzigen und einzigartigen Helden diesseits und jenseits der Milchstraße“, zwei andere Doppelbegriffe, als „der Ilt „nie und nimmer hören (wollte), dass er der Letzte seines Volkes sei. Bestimmt gab es Überlebende“, passenderweise im Dialog des ungleichen Paares Nemo und Gucky: „Für den Fall, dass ich einen Fehler mache, rettest du uns.“ (2637, S.18) Der Rhythmus der Informationseinheiten geht hier mit der Zahl der Personenkonfiguration mit, er vertont sie sozusagen.

Ein Nachsatz zur Personifikation und deren Gegenteil, der Depersonifikation: Ein paar Sätze später „schälte (Nemo) den Kerl aus Jacke und Hose“, ein sprachliches Mittel, das mein letzter Stammkurs, die glorreiche 13a eine Pfälzer Gesamtschule, als „Pflanzifikation“ bezeichnete, in Gegensatz zur Personifikation. Es war der Kurswitz. Pflanzen werden personifiziert, Menschen werden, nun ja…pflanzifiziert eben. Der Begriff „Depersonifikation“ macht keinen Unterschied zwischen belebtem und unbelebtem Nichtmenschlichen. In diesem Kontext untermauert die „Pflanzifikation“ die These, dass bei Ellmer alles lebt, sich alles bewegt. Auf die Entmenschlichung als Mittel der Komik werde ich bei 2637 eingehen.

Den Folgeroman zu 2655 schrieb Vandemaan, der Meister der Fragesätze und der mit Fragewörtern und der Konjunktion „dass“ eingeleiteten Nebensätze. Erneut ein auffälliger Stilwechsel: Diese Strukturen kommen bei Ellmer kaum vor. Fragesätze gibt es bei ihm, wenn die Protagonisten was nicht wissen. Das „wie“ kommt regelmäßig in Vergleichen bevorzugt aus dem Alltagsleben vor, etwa „wie ein Schwamm“(2624, S.7), mit denen er das Beschriebene veranschaulicht. Komplex aufgebaute Vergleiche wie beim von Themsen beschriebenen Haar, das „wie ein feuriger Bach ihren Rücken hinunterläuft“ (2658, S.17) gibt es bei Ellmer nicht. Seine Vergleiche sind bodenständig.

Weitere Vergleiche bildet er mit „als“ plus Konjunktiv I, wenn jemand etwas tut „als sei es das Normalste der Welt“ (2616, S.40). Ansonsten dominiert der Relativsatz, der ja immer ein Nomen des Hauptsatzes näher erläutert. Wo Vandemaan viel offen lässt, erklärt Ellmer zuverlässig, übersichtlich und sehr genau.

Wobei er da schon seine eigenen Dinger dreht: Fremdwörter wie „dekontaminieren“ (HvS, S.5) oder „Katakomben“ (HvS, S. 27) werden unmittelbar erklärt, wobei Ellmer in der Regel zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, da ersteres den gleich den Aufhänger liefert, die zerstörte Umwelt darzustellen, und bei zweiterem die Bedeutung als unterirdische Anlage, um die Ebene der technischen Anlagen, die alle dort Verborgenen am Leben erhalten, ergänzt wird. So erweitert er die reguläre Bedeutung des Begriffs um eine nur im jeweiligen Textzusammenhang gültige Ebene. Die Fremdwortdichte an sich ist aber eher gering, außer bei technischen Beschreibungen, in denen er immer wieder seitenlang schwelgt.

Nebenmotive können Texte binden, wenn sie im Romanverlauf im mehreren Kontexten auftauchen und sich dabei entwickeln. Da wäre etwa der Wurm. In 2637 finden wir einen „gewaltigen Pfeiler aus dunklem Gas, einem riesigen, sich windendem Wurm nicht unähnlich“ (S.11) als dreiköpfigen Zerberus mit Tryortan-Schlünden. Nemo und Gucky materialisieren „in einem metallenen Tunnel. Dumpfes Wummern drang auf Nemo ein“ (S.16). Akustisch sind „Wum“ und „Wurm“ fast gleich, die Form des Tunnels bildet die passende Form ab. Die Handfesseln des Xylthen zucken in Nemos zitternden Händen, er sieht „Würmer, Riemen, was auch immer“ (S.19). Der Xylthe, der Gucky als „Wanzenpalast“ tituliert, bringt auf derselben Seite noch eine eklige Tierart ein, Gegenstück sind die Roboter am Reinigungsbecken (vgl. S.23), farblich entspricht ihr das „rötlich braune Material“ (S.28) des inneren Bezirks von APERAS KOKKAIA, das das „silbergraue Metall“ (S.28) ablöst – dieser Farbwechsel zieht sich weiter durch den Text. Die Badakk sind zylinderförmig, fliegen Zylinder und bilden „Röhrchen“ (S.29) aus. Später hört Gucky die akustischen Signale der gefangenen Xylthen: „Es zirpt […] wie von Ungeziefer“ (S.38). Der Gefangene, der sich vor Körperbehaarung ekelt, aber selber Blut schwitzt (vgl. S.44), nennt ihn „Flohfalle“ (S.44), womit wir das dritte Ungeziefer hätten. Mit dem Namen „Flofal“ für Gucky, der urprünglich Plofre hieß, läuft die Linie aus. Solch eine Kette begleitet die eigentliche Handlung als Nebentext, der den Roman zusätzlich zusammenhält.

Diese charakteristische Schreibweise führt zu dem Vorzug, dass Ellmers Texte geschlossener, wärmer wirken als die mancher Kollegen. Und zur kursierenden Einstufung seiner Witze als „Alltagshumor“. Der Preis für die geschlossene Durcharbeitung der einzelnen Szenen? Der Zusammenhang. Die Romane sind, wie sich beim Untersuchen zeigen wird, in sich geschlossen, wirken aber auf den ersten Blick überladen, oft auch hektisch.

https://blaetterfluggedankenschnuppendotcom.wordpress.com/2016/05/14/ueber-arndt-ellmer-teil-3-informationsvergabe/

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