Über Arndt Ellmer – (Teil 1) Das Wie und Warum

Warum über Arndt Ellmer schreiben? Weil er damals der Lks-Onkel war, der die Leserbriefe zu Perry Rhodan beantwortete und umarbeitete. Leuten wie mir Gefühl gab, zu dem laufenden Prozess der Serienentwicklung etwas sagen zu können. So wurde er zum Ansatzpunkt, mir nach zweieinhalb Jahrzehnten Pause die sehr veränderte Perry-Rhodan-Welt zu erschließen. So erklärte ich mir das knapp vier Jahren, als ich mit dieser Untersuchung begann, mit der ich die große Liebe meiner Jugend in mein Erwachsenenleben einflocht. Seidem hat sich wirklich viel verändert. Hiermit stelle ich den Text wieder online, gestrafft und mit veränderter Ausrichtung.

Als ich mir an der Tankstelle das Perry-Rhodan-Heft 2583, „Das Psi-Inferno“ mitnahm im festen Entschluss, den Wiedereinstieg zu wagen, sagte der Name Arndt Ellmer mir gar nichts. Auf den ersten Seiten fühlte ich mich komplett überfordert, lauter neue Namen und eine rasante Action-Sequenz, von der ich heute weiß, dass sie einer von ihm häufig verwendeten Struktur folgt. Später wurde mir klar, dass sein erster PR-Roman, „Der Erwecker“ wohl eines der letzten gewesen, die ich mir in meiner Erstlesezeit geholt hatte: das Cover kannte ich noch.

Diese Arbeit folgte meinen Bemühungen um Überblick. Die Sommerferien 2012, in denen ich sie begann, fielen mit der Halbzeit des Neuroversum-Zyklus zusammen. Die Vielfalt der Handlungsstränge erschwerte die Orientierung. Und als Erwachsene las ich nun mal ganz anders. Zusätzlich fehlten mir mehrere Jahrzehnte Text. Ich suchte nach Orientierung und mir fiel erst mal auf, dass ich von Autor zu Autor mit einer neuen Welt konfrontiert war. Die Serie wurde anders erzählt als früher und damit hatte ich Probleme. So erarbeitete ich mir Regelmäßigkeiten im Individualstil. Mit Hubert Haensel fing ich an und mit AE machte ich weiter. Auslöser war der Viererblock um „Garrabo schlägt Phenube“ (2656): Hier folgte ich den Erlebnissen eines Protagonisten, der in den drei Vorgängerromanen jeweils anders dargestellt worden war. Ich musste mich beim Erschließen der Zusammenhänge stets in die jeweils verschieden gestalteten Erzählweisen einlesen, welche die Erzählung transportieren. Das kommt halt davon, wenn man Germanistik studiert.

Zugleich witterte ich unerwartet viel frische Morgenluft: Ich hatte mich lange nur mit Literatur beschäftigt, die als solche kategorisiert war, also schon klassifiziert und mit Sekundärliteratur ausgestattet. Hier sah ich etwas anderes vor mir. Schnell lernte ich den neuen, freien Raum schätzen, der sich vor mir auftat: Wo keiner standartisiert hat, kann man ganz frei denken. Jawohl!

Die Genreproblematik war mir damals unbekannt. Die mit der Verankerung der Fiktion in einer grundlegend erdachten, innerhalb der Geschichte erst etablierten Welt. Der Unterschied in der Schreibweise der Autoren stellt ein ganz komplexes Phänomen dar: Die fiktionale Welt des Perryversums spielt in einer fiktiven Wirklichkeit, die sich erst bei mir geistig aufbauen muss, ehe ich wirklich zum Lesen komme. Ich musste mich auf den Vorroman stützen, und wenn der anders erzählt war, las ich ewig den Anfang und kam nicht weiter. So analysierte die Stilmerkmale, um leichter Zugang zu bekommen und um mir einen Überblick zu verschaffen. Mit dem Vorteil, dass ich von vornherein entlang der Linien des Autors lese und das Lesen mir dann deutlich mehr Spaß macht, weil erstens mehr zu beobachten ist und ich zweitens weniger kostbare Lebenszeit damit verliere, etwas anderes zu erwarten als gerade diese Person bietet. If you can’t be with the one you love, love the one you’re with – Mitmachen hebt die Lebensqualität kolossal. Es ging mir bei dieser Art des Erschließens nicht um Kritik.Es ging mir um die verwendeten Mechanismen.

Der Umfang des Problems entpuppte sich als enorm: Die autorentypische Gestaltung führt dazu, dass, oberflächlich, manche Protagonisten je nach Verfasser erheblich anders rüberkommen – von fehlerhaften Anschlüssen gar nicht zu reden – und, tiefgründiger, die Charakterisierungen über verschiedene Kanäle laufen, wobei unterhalb der beabsichtigten Handlung Nebentexte entstehen.

Nebentexte sind vielfältig: Erstens handelt es sich um Verfahren der Textbindung, wenn etwa außerhalb des Erzählfokus stehende Motive sich durch einen Roman ziehen, wie das Ungeziefermotiv in PR 2637, oder die Gestaltung von Farbadjektiven in der Beschreibung. Zweitens variieren Wortwahl, Satzmelodie, typische Satzbaumuster – diese transportieren ebenfalls vielfältige Zusatzinformationen, Stimmungen, Nuancen. Drittens läuft, neben dem Aufbau des Setting usw. die implizite Charakterisierung von Protagonisten über ihre Bewegungen, ihre Reaktionen und über die Sinneseindrücke, die der Leser bei personaler Erzählperspektive durch ihr Bewusstsein laufen liest.

Zum Beispiel Uwe Anton, der Augen, Ohren und Denken bevorzugt, während Ellmer alle Sinnesbereiche gleichermaßen einbezieht. Haensel arbeitet über Gegensätze und Körperwahrnehmung, Thurner über starke Gefühle am Rande des Abgrunds und Körperwahrnehmung, Lukas und Montillion lassen ihre Protagonisten viel denken, aber auf verschiedene Arten, bei Themsen leben Gegenstände ihre Funktionen aus, während die Personen sich vor allen in Gesprächen entfalten – ganz grob gesagt. Und das sind ja nur einige der Autoren. Verfolgen wir einen Protagonisten über mehrere Bearbeitungen, so tun sich Abweichungen auf, die im positiven Fall einander ergänzen, im Problemfall auseinander laufen. Wobei wir es mit der ewig umstrittenen Lebensader der Perry-Rhodan-Serie zu tun haben. Bei einzeln schreibenden Autoren kennt man ziemlich schnell das Strickmuster und langweilt sich.

Hier lege ich, wie gesagt, den Schwerpunkt einige Werke unseres freundlichen Ex-LKS-Onkels, einer der ältesten (dieser Begriff hat nur in unserer Konsumkultur etwas Negatives) tragenden Säulen der Serie. Für die Analyse zog ich folgende Texte heran: die bis Ende Juli 2012 erschienenen Hefte des Neuroversumzyklus, also „Countdown für Sol“ (2616), „Todesfalle Sektor Null“ (2624), „Die Informationsjäger“ (2637) und „Garrabo schlägt Phenube“ (2655) sowie „Herrscher von Sonnenland“ (TB 401, ab jetzt: HvS) – das Taschenbuch ausgewählt nach meinem geliebten Zufallsprinzip, und dabei habe ich ein untypisches erwischt. Der Autor teilte mir mit, er möge es nicht, es sei „eher zum Abgewöhnen“. Was mir Leid tut, schon aus Dankbarkeit für das Beantworten meiner vielen Leserbriefe hätte ich lieber einen Text gewählt, der mehr Sympathien trägt. Aber ich folge meinem bewährten Zufallsprinzip mit großem Vertrauen: ausgewählt ist ausgewählt, ich blieb dabei – es dreht sich ja um eine Analyse, nicht um Genusslesen. Außerdem finde ich es gar nicht so wirklich schlecht. Es ist nur für ihn untypisch, keins seiner Themen.

Als ich die Vorgehensweise plante, sammelte ich zu Ellmers Romanen folgende ganz allgemeine Beobachtungen: Rückblicke oder Rundblicke spielen eine große Rolle. Das Innenleben der Protagonisten ist auffällig differenziert, die Personen sind sehr lebhaft, weil ihre Sprechweisen, Bewegungen, Wahrnehmungen, Gefühle viel Raum bekommen. Jeder Text enthält viele kleine, sehr intensiv durchgearbeitete Einschlüsse. Die Sprache weist ein hohes Maß an Verbindungselementen auf. Die Struktur der Texte variiert, was im jeweiligen Einzelfall untersucht werden muss – dieser Eindruck hat sich bewahrheitet. Größere Texteinheiten scheinen jedoch eher akkumulierend hintereinander gestellt, der Zusammenhang schwächelt – dieser Eindruck hat sich bei der Strukturanalyse nicht bewahrheitet.

Also entschloss ich mich, in einem ersten Abschnitt die allgemeine sprachliche Gestaltung und die Art der Informationsvergabe im Allgemeinen untersuchen, ehe ich anhand der ausgewählten Romane auf einige Spezifika Ellmer’scher Personengestaltung eingehen werde – hier bleibt die Analyse begrenzt, da der Einfluss von Exposé und Autorenteam sehr groß ist, und er wiederum jüngere Autoren beeinflusst. Man müsste auch einen größeren Textkorpus untersuchen, um zu umfassenderen Resultaten zu kommen, und die Exposés benutzen können. Eine Analyse des Ellmerschen Stils erleichtert jedoch, den charakteristischen Grundton der Serie herausarbeiten könnte, in der er seit sehr langer Zeit ganz tief drinsteckt. Ich begann mit dem allein stehenden Taschenbuch, da mir Frischling damals der Zusammenhang zwischen den Serientexten erst mal zu komplex war.

Die Romane der Hauptserie mussen im Zusammenhang erarbeitet werden. Das allein stehende Taschenbuch HvS bietet darüber hinaus die Gestaltung auseinander brechender Wirklichkeit, in der Serie wichtig, aber bei Ellmer sehr selten – es fehlen auch mehrere seiner wichtigsten Gestaltungsschwerpunkte, so dass es mich nicht wundert, wenn er diesen Roman in schlechter Erinnerung hat.

Noch ein Wort zur werkimmanenten Analyse im Bereich Unterhaltungsliteratur. Grundsätzlich läuft die Analyse anders als bei „ernsthafter Literatur“, sie ist aber keineswegs einfacher, denn man kann nicht auf Erörterungen des Autors zur programmatischen Aussageabsicht ausweichen wie bei „literarischen“ oder kanonisierten Autoren. Das ist so: Autoren vergangener Epochen kann man ungehemmt analysieren, weil sie sich nicht mehr wehren können. So genannte ernsthafte moderne Autoren wiederum äußern sich derart umfangreich über ihre Absichten, dass man ihre Selbstaussagen nur mit beliebigen Textzitaten verbinden muss, um auf der sicheren Seite zu sein. Eine dritte Problematik ist das Konzept der „intentional fallacy“, was heißt, der Literaturwissenschaftler stellt fest, dass der Autor etwas anderes aussagt als er auszusagen vermeint, womit er mehr über die Werke des Autors weiß als dieser selbst. Eine komplette Analyse müsste Produktionsbedingungen, Rezeptionsmuster und Rückkopplungsprozesse einbeziehen. Das wäre bei einer derart großen Serie ein Lebenswerk, mindestens.

Meine Analyse konzentriert sich anfangs ausgiebig auf die formale Ebene mit dem Hauptaugenmerk auf Mechanismen der Textbindung: Verwendung von Stilmitteln, Wortschatz und Satzstrukturen, mit denen AE extensiv arbeitet, dann bevorzugte Methoden der Informationsvergabe und schließlich Einzelanalysen der Erzählstrukturen mit einigen Beobachtungen zur Charakterisierung, zur Gestaltung des Setting und der Kohärenz fiktionaler Wirklichkeit. Im Anschluss werde ich die Ergebnisse mit einigen anderen seiner Texte vergleichen und so verifizieren.

Autorenfoto und Raumschiff BASIS auf dem Beitragsbild haben ihr Copyright beim Pabel-Moewig-Verlag.

https://blaetterfluggedankenschnuppendotcom.wordpress.com/2016/05/14/ueber-arndt-ellmer-teil-2-textbindung-auf-satz-und-absatzebene/

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