Tante Agathe, oder: Die Winterreise

Lang schon war der fahle Schein des bleichen Nachmittags verdämmert, war der blasse Tag dem Dunkel des kalten Dezemberabends gewichen. Karl schaltete das Licht ein, um weiterzulernen. Es musste sein. Da musste es durch. Er war zu alt für so ’nen Schulquatsch!, protestierte er innerlich. Doch um die Raten zu bezahlen, brauchte er wieder Arbeit. Dringend.

Sein Wohnzimmer war dunkel. Das Heft lag im Lichtkegel. Die wirren Zahlenmuster der Gleichungen grienten ihn spöttisch an, saßen auf den langen Bruchstrichen, lehnen an den geschweiften Klammern und duckten sich dreistöckig zwischen hohen Strichen. Sein Glas warf einen flirrenden Schatten, die Uhr tickte in der Stille. Morgen war die Prüfung, und er brauchte die Note. Herr Numrus war jung, einer, der nie die Schule verlassen hatte, der das Leben nicht kannte. Ein Gleichgültiger ohne Erbarmen, der sich im Recht wähnte, der ohne menschliche Regung den Regeln folgte. Genau wie der Personalchef damals, der ihm gesagt hatte, wie entbehrlich er war. Er rechnete ein wenig, dann bettete er den Kopf auf die Arme. Recht hatte der Mann gehabt.

Als die Türklingel schrillte, schreckte Karl aus seinen Träumen hoch. Er war ins Kritzeln geraten. Die geschwungenen Striche und Punkte auf dem Blatt wirkten unseriös, verachtenswert. Ach was, wer verachtete wen. Er sie? Die ihn! Voll Spott und Hohn winkten sie vom Papier. Er legte den Kugelschreiber hin. Arbeitslos war er. Es klingelte wieder.

Weiter in der Druckausgabe, erschienen beim TCE

  http://www.terranischer-club-eden.com/

gedition11

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