Oliver Fröhlich – Im falschen Babylon (PR 2853)

Heute Vormittag konnte ich mich endlich mal wieder ruhig zum Lesen hinsetzen und 2853 war der einzige EA-Roman, den ich in der Küche fand. Bin sowieso derart weit daußen, dass mir das derzeitige achronale, akausale Erzählen ungeheuer entgegenkommt, solange ich im Forum und am Stammtisch genug Infos aufschnappen kann. Es kam mir natürlich entgegen, dass ich sehr schnell eine Atlan-Geschichte mit Lua und Vogel Ziellos erkannte – an ihre ziellosen Wanderungen durch verschiedene Stationen auf dem Weg in die Jenzeitigen Lande habe ich mich schon gewöhnt, an die Beliebigkeit der jeweiligen Umgebung auch, so dass ich hierzu sowieso keine weiteren Fragen stelle. Die Zeichnung Babylons gepaart mit ganz standartisierten Erkennungsmerkmalen unseres Arkoniden – damals des einzigen – erinnerte mich in angenehmer Weise an die Zeitabenteuer.

Oliver Fröhlich hat wie immer (so weit ich seine Geschichten kenne) mit der alldurchdringenden Gründlichkeit des Finanzamtsangestellten gearbeitet – nicht umsonst waren so viele gute Schriftsteller Juristen. Diese technische Sauberkeit tut gut. Eigentlich stehe ich nicht so wirklich drauf, wenn ich erst mal weit in eine Geschichte reinlesen muss, um zu erfassen, wer überhaupt spricht, doch in dieser Machart blieb ich nicht daran hängen, auch weil Oliver immer wieder rechtszeitig diese typischen Atlan-Merkmale als Erkennenszeichen gefüttert hat, die zum Schauplatz Babylon passen. Mit dieser Gründlichkeit ein richtiges Zeitabenteuer, das wäre was.

Allerdings driftet die historische Schilderung dann immer wieder in den Fantasy-Bereich, in dem alles Mögliche lebendig wird und sich verändert, Gargoyles und die Fabelwesen auf dem großen Tor, das jetzt in Berlin steht und die Innenillu stellt, dann die Epochenmischung mit großem Handy und so Zeugs. Die vielen weiblichen Autoritäten wären eine wirklich schöne Schiene, um die altmodischen Zeitabenteuer in die Gegenwart zu holen. Doch diese im Serienabschnitt der Suspensionsträume geborenen, ineinander verschwimmenden Traumbilder beginnen dann schon zu langweilen, eben weil sie keinen Gehalt haben. Darin nach Indizien für irgendeine Entwicklung zu suchen erscheint mir närrisch. Sie laufen vorbei, spulen sich ab und vermitteln mir ab der Heftmitte das beruhigende Gefühl, nichts zu verpassen, wenn ich die Seite überfliege und je ein bis zwei Absätze lese.

Gegen Ende sind wir dann in der Seriengegenwart (welcher? kein Problem, ich lese sowieso sprunghaft zur Zeit) und falls ich nichts überblättert habe, liegt dieser, nun ja, realistische Erzählabschnitt zeitlich hinter den Traumbildern. Diese Umstellung macht Sinn, also Spaß. Was mir ebenfalls ausgezeichnet gefällt ist die Verzahnung von personaler Ichperspektive mit dem nur scheinbar personalen, in Wirklichkeit auktorialen anderen Ich-Erzähler, der hinter allem steckt, die Träume steuert. Auch das macht wirklich Spaß. Und dass dann doch Ableitungen deutlich werden, dass die Figuren der inhaltsleeren Traumwelt zu konkreten Protagonisten gerinnen, ist ebenfalls schön.

Inhaltlich entwickelt sich der falschbenamte Atlan durch eine fließende Spiegelwelt ohne Konstanten, in dem ihm seine Erinnerungen als Wahnsinn angefeindet werden, zu einer steten Verstärkung seiner Persönlichkeit – „ein aufrechter Mann, der stets das Richtige tut“ – bis hin zur Selbstfindung. Dieser Konflikt ist stets interessant und in diesem Roman sehr schön graduell aufgebaut. Durch seine Selbstfindung im Roman erwacht Atlan nicht aus dem Traum, kommt aber ins nächste Level. So dass ich richtig Lust bekam, den Folgeroman zu lesen. Den müsste ich aber suchen. Und leider weiß man heutzutage ja nie, ob er dann auch anknüpft.

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