Über Arndt Ellmer – (Teil 4) Erzählstruktur, Verortung und Personencharakteristik

Dieser vierte Teil der Untersuchung zu Arndt Ellmers Schreibart ist der letzte Abschnitt vor der Analyse einzelner Romane. In ihm geht es schon um das Textganze, und hierzu gehören Aufbau der Handlung und Erzählsituation. Er bereitet die Einzeluntersuchungen vor, bei denen wir interessante Konstanten finden werden.In diesem Textabschnitt kommt halt erst mal die rein technische Terminologie zum Zuge.

Zur Einführung ein Exkurs in die Erzählperspektive als zentralen Punkt der Vermittlungsvorgangs, um die verwendete Begrifflichkeit zu klären. Neben dem Unterschied zwischen auktorialer und personaler Erzählweise – die Palette findet sich in Stanzels Typologisches Modell der Erzählsituationen – unterscheiden sich Erzählerfigur und Reflektorfigur durch die Personalisierung der Erzählerfigur. Um das ganz kurz zu umreißen: Die Erzählerfigur ist als Protagonist in die Rahmenhandlung der Geschichte eingebaut und vermittelt die eigentliche Erzählung, die Binnenhandlung, geordnet, aber auch selektiv. Sie kennt die Geschehnisse von Anfang bis Ende und präsentiert sie in für sie sinnvoller Ordnung und unter Aspekten, die ihren Werten erwachsen.

Neben dem konventionellen Präteritum des Erzählvorgangs sei hier das „epische Präteritum“ genannt, das vorliegt, wenn die Geschehnisse für die Erzählerfigur schon vorbei sind, also innerhalb der Fiktion eine echte Vergangenheit erzählt wird. Hierbei ergibt sich durch den zeitlichen Abstand zwischen den Handlungsebenen die Möglichkeit, dass ein Unterschied zwischen ihren zum fiktionalen Zeitpunkt des Erzählens „jetzigen“ Umständen und seinem „damaligen“ Zustand entstanden sein kann.

Die Deixis – der Zeigevorgang – weist bei der echten Erzählerfigur in ein Damals und ein Dort. Der Fokus der Orientierung liegt in der Regel in der Erzählerfigur, von der aus er sich vorübergehend in die dargestellte Ebene verlagern kann, wenn diese entsprechend ausgestaltet wird, während die Deixis der Reflektorfigur auf ihr fiktionales Hier und Jetzt verweist, denn es gibt sie ja nur in der fiktionalen Jetztzeit der Erzählebene, welche durch die Teilnahme des Lesers an der Bewusstseinsvorgängen der Figur konstituiert wird.

Weil die Erzählerfigur einerseits über Insiderwissen verfügt, andererseits aber kritische Distanz zum Erzählten haben kann, ist sie nicht identisch mit ihrem jüngeren Ich, mit dem der Leser die vergangenen Ereignisse erlebt. Insofern nähert sie sich dem auktorialen, allwissenden Erzähler. Von „olympischer Perspektive“ zu sprechen scheint mir in der Moderne jedoch unangemessen, denn wo früher etwa Vertrauen in die göttliche Gerechtigkeit oder in die absolute Gültigkeit einer wissenschaftlichen Wahrheit Orientierung bot, leben wir in der Relativierung. Eine ausgearbeitete Erzählerfigur, die völligen Überblick über die Handlung, aber keine Lösung hat, ist Joseph Conrads Captain Marlowe, der den Leser das unbegreiflich Entsetzliche des menschenverachtenden Kolonialismus im Kongo gemeinsam mit seinem anfangs blauäugigen, dann immer wacheren und verzweifelnderen jugendlichen Ich entdecken lässt – der Erzähler kennt sich aus und führt doch nur ausweglose Ratlosigkeit vor.

Die große Erzählerfigur in PR ist Atlan, wie er von H.K. Scheer und Hans Kneifel aufgebaut wurde. Dieser verfügt über ein definiertes Koordinatensystem, da er sein Weltbild selten hinterfragt und schon viel mehr erlebt hat als alle anderen. Seine Bezeichnung „Barbar“ für Perry Rhodan und seine stete Bewunderung für die unvoreingenommenen, lebensfähigen Terraner hat sich in die Erstauflage hinein erhalten, zuletzt fiel sie mir in der Begrüßungsszene zu Anfang von 2537 von Leo Lukas auf. Früher war dieses Element dicker aufgetragen und diente sozusagen als Bestätigung des „Manifest Destiny“ der Terraner, sich überall erfolgreich auszubreiten. Das war schon ein bisschen olympisch.

Die Reflektorfigur hingegen weiß nicht, dass sie Leser dabei hat. Oft lernen wir sie ebenso unvermittelt wie oberflächlich kennen, da das Geschehen ohne weiteren Aufwand aus ihrer subjektiven Perspektive erzählt wird. Ihre Zuverlässigkeit erschließen wir durch Beobachtung, wir betrachten ihre Interaktion mit anderen Protagonisten, verfolgen ihre Gedanken und beurteilen ihre Werte weniger aus Reaktionen ihrer fiktionalen Umwelt denn aus der Differenz zu unserer eigenen Auffassung.

Was die Erzählhaltung angeht, so kommt die Reflektorfigur uns Autoritätsberaubten des beginnenden 21. Jahrhunderts entgegen. Sie hat selbst keine Übersicht, sondern registriert das Dargestellte im Moment des Erlebens, und wir folgen unreflektiert. Stanzel spricht von der Tendenz zur konkreten Partikularität, zu Impressionismus und Empathie dieser Erzählweise. Diese sind in AEs Texten überaus stark ausgebaut, da er der Innendarstellung seiner Protagonisten am meisten Platz einräumt, einen sehr hohen Anteil erlebter Rede verwendet und persönliche Beziehungen als Strukturmittel einsetzt – verstärkt durch die bereits diskutierte Neigung zur durchgängigen Personifikation. Jedoch versinken seine Figuren nicht in Orientierungslosigkeit, sondern leben freundlich und unterhaltsam vor sich hin. Vielleicht ist dies die Grundlage des ihm oft bescheinigten „Alltagshumors“.

Wobei an dieser Stelle der sich stetig entwickelnden Individualismus in der Serie erwähnt sei. In den Anfangszeiten der Serie konnten Außenseiter sich bewähren, indem sie dem großen Ganzen halfen und dann mit den großen Unsterblichen zusammenarbeiten durften oder von ihnen gelobt wurden. Das galt für Versager wie das „Greenhorn“ John Pincer in PR 104, Hauptpersonen wie Balton Wyt und ansonsten tölpelhafte Spezialbegabungen wir Brazo Alkher, aber auch für Perry Rhodan selbst, der unbedarft die galaktische Bühne betrat, sich bis zum Linguiden-Zyklus stets nach ES richtete und gut daran tat.

Seitdem schwanken die Hierarchien, die Superintelligenzen scheinen mehr und mehr fragwürdig, und der Neuroversum-Zyklus bordet über mit Eltern–Kind–Konflikten, Autoritätskonflikten und Doppelbesetzungen von Ämtern, deren Träger sich bewähren müssen. Die Protagonisten benötigen dabei eine persönliche Problemlösungskompetenz, welche präskriptive Autoritäten ausbooten kann, ohne Abzustürzen: Die Abnabelung von Superintelligenzen und Chaotarchen gleichermaßen war im Januar 2013, als dieser Text ursprünglich entstand, ja noch nicht durch, und wir wussten noch nicht einmal, ob Rhodans Sohn, der ja wesentlich älter ist als sein „alter Herr“, ES hereinlegt oder umgekehrt. Ganz wie im richtigen Leben. Dann kam mit dem Zünden des Neuroversums der Abschluss, es begann die Auflösung dr galaktischen Ordnung und heute, im Mai 2016, haben wir die Jenzeitigen Lande und Thez.

Über die reine Geschichte hinaus gehört auch die Konstruktion des Ortes in der Erzählung zum Erzählvorgang. Ziehen wir in Betracht, dass die Deixis unentbehrliche Grundlage der Kommunikation für die Sprecher bildet, weil sie „wichtige Elemente, wie Orts- oder Zeitangaben, für die Sprecher liefert“, so erkennen wir die spezielle Problematik im Aufbau dieses Verweissystems in der Science Fiction, die frei ausgedachte Lebenswelten mit wissenschaftlichen Neuerungen koppelt.

Wie gesagt, Science Fiction stellt an den Aufbau fiktionaler Wirklichkeit besondere Ansprüche. Deswegen macht es Sinn, in den zu untersuchenden Romanen dem Aufbau des Setting besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch sein ihm eigenes Koordinatensystem mit sich trägt, so müssten sich hier autorentypische Muster ergeben.

Zusätzlich können in dieser Gattung ganz andere Charaktere gestaltet werden: extraterrestrische, paranormale oder über die realen Gegebenheiten hinaus eigenaktive, neugierige Lebewesen in vielfältigsten Kombinationsmöglichkeiten. Dass jeder der Perry-Rhodan-Autoren über die Exposévorgaben hinaus eine eigene Art der Personengestaltung hat, ist offensichtlich. Hier werden wir lediglich untersuchen, wie Ellmers Protagonisten aufgebaut sind – eine Abgrenzung zur Gestaltung anderer Autoren würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, so dass ich es bei einigen wenigen Kontrasten belassen werde.

In jedem Roman Ellmers finden wir ein überaus gründliches Abgehen der Orte, wodurch der Inhalt der auf der LKS von 2616 abgedruckten Facebook-Kommunikation, in deren Verlauf die nicht unerhebliche Beteiligung der häuslichen Mieze zumindest impliziert wird, an Plausibilität gewinnt. Katzen würden so schreiben: Rumschauen, abgehen, kontrollieren, ob alles am Ort ist, und auf Bewegungen achten. Der Leser darf mitkommen. In dieselbe Richtung wirkt die Bindung der Protagonisten in Zweierstrukturen.

Bei en Einzeluntersuchungen macht es also Sinn die Verortung, die Erzählstruktur der Texte und auffällige Merkmale der Personengestaltung zu besprechen. Ursprünglich wollte ich die vorherige Romane und das von der Serienhandlung unabhängige Taschenbuch als eine Art Vorbereitung untersuchen, um dann den Vergleich innerhalb des Viererblocks um „Garrabo schlägt Phenube“ machen zu können. Doch das Vorhaben weitete sich aus – die beiden Romane von Hubert Haensel habe ich dann in einer Untersuchung über ihn analysiert und noch mal aufkochen wollte ich die Sache nicht. Für Suzan Schwarz hätte ich noch mal richtig weit ausholen müssen und mich vor allem auch mit ihrer Fantasy beschäftigen, um Ergebnisse zu ehalten. Fantasy ist aber nicht so meins. Nun – ich zog Runden, mehr Runden, weitere Runden, die schließlich so weit wurden, dass sie mich überallhin brachten nur nicht zu dieser Untersuchung zurück. Deshalb enthält diese Arbeit nur Untersuchungen von vier Ganzschriften. Was denn irgendwo auch zur Biographie des Autors passt.

https://blaetterfluggedankenschnuppendotcom.wordpress.com/2016/05/15/ueber-arndt-ellmer-teil-51-herrscher-von-sonnenland-tb-401/

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