Der mysteriöse Chamäleongeist

Es war schon spät am Abend und ganz dunkel, als Celine allein am Tisch saß und ihr Omelette mit Rhabarberkompott verspeiste. Sie war schon ziemlich müde, weil sie seit den frühen Morgenstunden Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division in komplexen, labyrinthisch verzweigten Aufgabenstellungen geübt hatte. Sie wollte im Mathetest eine gute Note, um später Kommunikationdesign zu studieren. Nervös stach sie in ihr Essen, das auf einmal widerlich schmeckte. Das Kompott schien eine unattraktiv giftgrüne Färbung anzunehmen und rutschte plötzlich über den Tellerrand. Das war nur ein Malheur, keine Katastrophe. Aber sie wunderte sich, wie das hatte passieren können. Irgendwie war das unheimlich.

Da ertönte von draußen ein lautes Scheppern, das die Fundamente des Hauses erbeben ließ und sich wie mit riesigen, stampfenden Schritten der Stereoanlage näherte, die ein paar Momente lang mit hämmerndem Diskothekenrhythmus aufbrüllte, um gleich zu verstummen. Das Thermometer zerbarst mit einem Klirren, und synchron verbreitete sich Kälte im Raum. Dann erfüllte eine harte, kreischend schrille Stimme den Raum. „Ich bin der Chamäleongeist der Nekropole unter der versunkenen Kathedrale. Eine verblichene Majestät, die du heute brüskiert hast!“

Einen Moment lang fühlte Celine sich wie gelähmt, ihr Blut schien zu Eis erstarrt, die Atmosphäre des Zimmers wirkte wie gefroren. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass Kommunikation, systematisch betrieben, noch jeden Konflikt entschärft hat und entschloss sich, in die Offensive zu gehen. Theatralisch warf sie sich auf die Knie und rief: „Oh edler Monarch, womit habe ich eure Antipathie hervorgerufen?“

Höhnisch lachte die mysteriöse Chamäleongeisterstimme, die einer überdimensionierten Tiefkühltruhe zu entstammen schien: „Du hast in meinem Palast randaliert und damit deine Existenz ruiniert!“ „Oh edler Geist“, entgegnete Celine, „ich habe doch heute den ganzen Tag mit Mathematik verbracht!“

Einige Minuten lang blieb es ruhig, dann ertönte die Geisterstimme erneut, diesmal entschuldigend: „Echt? Dann habe ich also dem falschen Objekt meine Aggressionen gezeigt? Oh! Na ja, dann versuche ich es mal beim Nachbarn!“

Mit einem hohlen Sausen entmaterialisierte die Erscheinung, die Wärme kehrte zurück und das Kompott nahm seine vorherige Färbung an. Aber Celine warf es trotzdem weg.

Verfasst als Diktat mit Fremdwörtern (340w.), eingesetzt in der 8. Klasse. Es wurde später die Grundlage für „Tante Agathe, oder: die Winterreise“ https://blaetterfluggedankenschnuppendotcom.wordpress.com/2016/05/14/tanthe-agathe-oder-die-winterreise/.

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