Den Mund aufmachen

Samstagmachmittag – gerade sind alle aus dem Haus, endlich herrscht Ruhe – da klingelt das Telefon.
Mir schwant schon was. Das muss, das könnte, ach ja! Unweigerlich ein beinhart fröhliches „Spreche ich mit ***? Wir sind *** und führen eine Haushaltsbefragung durch.“ Weiter mit geschult abgesenkter, selbstverständliches Entgegenkommen suggerierender Stimmführung: „Das dauert nur einige Minuten.“ Er kam mir gerade recht. Ganz genau recht. So einen brauchte ich gerade so dringend wie einen Pickel am Allerwertesten. Mit der Information, dass mich das einen Scheißdreck interessiert und dies mein Wochende ist, kann er machen, was auch immer er vorhat. Aber woanders. Er hat kein Recht auf meine Zeit.

Eine ähnliche Situation ist ziemlich genau ein Jahr her. Ich stand mit meiner Tochter am Automaten für die Rückgabe der Einwegpfandflaschen. Vor uns brauchte ein älterer Herr ewig, weil er die Luft nicht rausließ und die Flaschen mehrfach eingeben musste, bis das Gerät sie nahm. Wir warteten. Kein Thema. Ist doch selbstverständlich. Dann kamen wir endlich dran, gingen arbeitsteilig vor: ich ließ aus jeder Flasche die Luft raus, meine Tochter schob sie hinein. In ruhigem Fluss.

Nun kam aber ein ganz Eiliger. Kam nah ran, seine Flaschen gezückt, stand da, murmelte, erwartete demonstrativ, dass wir jetzt weggehen. Bellte dann, dass das zu lange dauert, wenn man die Luft rauslässt. Ich erklärte ihm freundlich: „Der Automat blockiert, wenn man die Flaschen zu schnell eingibt.“ „Ich mache das jeden Tag“, sagte er. Ich erwiderte: „Ich mache das auch jeden Tag.“ Das glaubte er mir aber nicht, sondern blaffte, ich soll jetzt schneller machen, und außerdem – jetzt hatte er meine Tochter bemerkt – sei das kein Kinderspielplatz hier, das dauert ja ewig, das sei doch kein Kinderspielplatz!

Ich drehte mich erst mal um und beäugte ihn: feist, weißhaarig, wahrscheinlich nicht mal älter als ich, starrer Blick, und erkundigte mich, ob er diesen unverschämten Tonfall abstellen könne. Und ich informierte ihn, dass das nicht sein Automat sei. „Was!??! Ich bin unverschämt, ich bin also unverschämt“, legte er los. Seine rundliche, bemalte Frau war eingetroffen und gackerte mit: „Was, wir sind also unverschämt“, gackadigack … Eine andere Kundin kam mir ein bisschen zur Hilfe, ich habe sie angelächelt, aber nicht weiter einbezogen. Das konnte ich ganz allein. Wir gaben in aller Ruhe unsere restlichen Flaschen ein und ich sagte dem aufgewühlten Paar zum Abschied: „Dann wünsche ich Ihnen mal noch viel Spaß mit sich selber, Sie werden es brauchen.“ Was sie mir zurückwünschten.

Wie gleich man doch übereinander denkt. Doch ich war dem Tempo des Automaten gefolgt. Die nicht. Als ich den ersten Gang durch hatte, kam ich wieder in Sichtweite. Die beiden standen vor dem Gerät und starrten intensiv in die Öffnung. Rübergehen und sie darauf hinweisen, dass das jetzt zu lange dauert? Dazu muss ich noch weiterüben. Ich gebe mir Mühe.

Das ständige Schreiben im Internet schult den Ausdruck stilistisch und auch in der Wendigkeit, vor allem jedoch durch die Gewohnheit, die eigene Stimme geltend zu machen. Woran die Nerver nicht gewöhnt sind. Sie nutzen anderer Leute Sozialverhalten aus, um sich selber fett reinzuknallen, und der Höfliche schweigt. So werden Großzügigkeit und Toleranz ein Nährboden für Ellenbogenverhalten und mangelnde Selbstkritik.

Nachplappern, Tunnelblick, das Verdrehen von Tatsachen richten Schaden an. Egoistischen Raffen lähmt, denn plötzlich kommt man ins Hintertreffen, wenn man aufs Mitmachen wartet. Dabei muss es nicht mal um Großes gehen. Allein dauernde kleine Unterbrechungen dieser Art machen nervös, ziehen Energie, unterbrechen den Fluss der Tätigkeiten und Gedanken, knallen einen voll mit unwichtigstem Müll, der die eigenen Potenziale blockiert. Deshalb bin ich jedes Mal saufroh, wenn ich es schaffe, noch in der Situation auszudrücken, was ich von meinem Gesprächspartner denke. Meine Deutungshoheit einfordere.

Und andere schütze. In der letzten Fortbildung wurde thematisiert, dass der Aggressor taufrisch aus der Konfliktsituation hervorgeht, wenn er kein Kontra erhält. Wie wichtig es ist, Übergriffe einzudämmen, um selber frisch zu bleiben. Hierzu ein weiteres Einkaufserlebnis: Als vorn an der langen Schlange eine Kundin hysterisch wurde, weil die Verkäuferin zu ungeschickt sei. Die kochte, konnte sich jedoch nicht wehren, berufsbedingt. Dann sagte der Kunde daneben ganz laut, dass die Verkäuferin es richtig macht. Sofort war Ruhe. Nichts zu sagen lässt schlechte Manieren ins Kraut schießen. Der Klügere gibt nach? Das kann reine Feigheit maskieren. Und schon ist man der Klügere nicht mehr, sondern der Dumme.

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2 Comments

    1. Das englische „brave“ heißt „tapfer“. Deshalb der brave Soldat oder Braveheart. Dieses „brav“ wäre mir lieber – leben innerhalb einer sinnvollen Struktur. Ich muss nicht die erste Geige spielen, nur meine Würde behalten auf einem Platz, mit dem ich mich identifizieren kann. Eigentlich richtig simpel.
      Doch die Welt ist durcheinander. Zu viele Schreihälse machen sich breit, zu viele Wichtigtuer. Kennst du den Witz „Warum ist es für Frauen wichtiger, schön zu sein als klug?“ – „Weil Männer besser sehen können als denken.“ Heutzutage haben wir wohl ein Hörproblem. Wir müssen laut sein. Gut, ein Sehproblem haben wir auch. Und Denkprobleme. Und die Rollen haben sich sowieso gewandelt, man muss von Männern wie Frauen gleichermaßen gehört und gesehen und bedacht werden … bei all dem braucht man echt gute Strategien und Entschlossenheit, um sich die Gemütlichkeit nicht nehmen zu lassen. Und dann ist es doch besser, paar Geigenplätze weiter nach vorne zu rücken.
      Das Wichtigste ist die konsequente Solidarität mit dem Schützenswerten.

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