Von der Würde des Kindes

Das Taschenbuch „Von der Würde des Kindes, Kindheit verstehen und schützen“, herausgegeben von Martin Lintz, wurde 1999 im Verlag Freies Geistesleben veröffentlicht als 58. Bändchen der Reihe PRAXIS ANTHROPOSOPHIE, ISBN 3-7725-1258-5. Es spiegelt die Erziehungsarbeit in Waldorfschule und Waldorfkindergarten. Darüber hinaus ist die Sammlung von Aufsätzen zu Themen der kindlichen Entwicklung gut zugänglich für jeden, der sich ums Menschsein bemüht. Das anthroposophische Gedankengut ist allgemeingültig und praxisbezogen genug geschildert, um für jeden Kontakt mit Kindern, mit Erwachsenen und mit sich selbst zu gelten. Darüber hinaus benutze ich es als Schreibratgeber. Es gibt einfach gute Ideen zu Rhythmus, Abrundung und dem Aufbau von Persönlichkeiten mit ihren Konflikten.

Die ersten drei Aufsätze besprechen die bedrohte Welt des Kindes: Familienstrukturen und Rituale verschwinden, stattdessen kommen Konsum, viel zu frühe Sexualisierung, die einseitig intellektuelle Benennung einer nicht verstandenen, nicht begriffenen Welt und ganz allgemein die Respektlosigkeit einer rein materialistischen Weltsicht, in welcher geistiges Erfassen und innere Entwicklung kaum eine Rolle spielen. Werden Kinder nicht wahrgenommen, bekommen sie nicht die Muße, sich spielend eine überschaubare Welt zu erschließen.

So verkümmern erst die Phantasie und dann der Wille, sich überhaupt ein Gesamtbild zu verschaffen oder irgendetwas aktiv zu gestalten. Weil es eh keinen interessiert und die Kurzen sich angewöhnen, nichts zu verstehen. Armut, Gewalt, Bewegungsmangel, mediale Überflutung und unübersichtliche, zerstörerisch handelnde Vorbilder verhindern das Entfalten eigenen Denkens und Empfindens und in der Folge des Aufbau einer runden Persönlichkeit.

In einem weiteren Kapitel wird dem Lernen durch Beobachten, Bewunderung und Nachspielen viel Platz gewidmet: „die Kraft der Nachahmung, mit der sich das Kind im ersten Lebensjahrsiebt geradezu religiös-hingebungsvoll der Welt öffnet; es sei ganz Sinnesorgan, wobei vor allem der aktive Anteil bei der Wahrnehmung der Welt durch die Sinne“ beachtet werden muss als „eine Art innerer, gestaltender Tätigkeit und nicht etwa nur ein passives Aufnehmen und Reflektieren von Welterscheinungen“ (S.55f). So ist Nachahmung die Grundlage sozialer Interaktionen. Ich mag diese ein wenig altertümliche, umständliche Sprache. Ebenso wie das grundlegend aktive Menschenbild, dass sie schildert. Es geht um viele Situationen, in denen kleine Menschen nach Vorbildern schauen, keine finden und nachahmen, was sich ihnen bietet – mit den bekannten Problemen.

Wie gesagt, ich habe das Buch als Schreibratgeber entdeckt, was gar nicht in ihm angelegt ist. Jedoch haben die Autoren so eine positive Art, über die Kraft des Nachahmens als aktiven Prozess zu sprechen, dass es auch Erwachsene dazu ermutigt. „Man bleibt nicht derselbe. Man verwandelt sich im Begegnungsprozess, ohne sich aufzugeben. Welt und Selbst werden überführt in einen schöpferischen Vorgang, in dem Vertiefung, persönliche Verarbeitung, geschieht“ (S.60). Darin finde ich mich wieder. Stimmt die Aussage, so vergibt man sich nichts dabei, sich auf andere einzulassen, und es nimmt mir den Druck, den „Individualitäts“-Ansprüchen unserer Kultur entsprechen zu müssen. In der jeder sich selbst sein soll, scheinbar, um desto gründlicher normiert werden zu können – denn wie Individualität aussieht, sagen uns Werbung und Psychologen genau.

Einen weiteren spannenden Aspekt findet man in der eigentlich schon utopischen Idee, das Erschaffen eines Gesamtbilds der Welt sei möglich: „man nimmt also nicht isolierte Einzelheiten wahr […], sondern man hat eine Gesamtwahrnehmung […] Nachahmung ist weder Imitation noch Ausdruck eines ‚Ausgeliefertseins‘, Beide Fehlurteile sind leider weit verbreitet.“ (S. 61). Nachahmen ist ein aktiver Vorgang, eine „intentionale schöpferische Aktivität“, nämlich ein „Vorgang des inneren Wiedererschaffens von Eindrücken“, (S.73f), die zur Bewältigung und zur Ruhe führt, so dass man in sich verweilen kann. Von diesem Ruhepunkt aus kann das Kind dann den Widerspruch zwischen dem physischen Körper und dem Geistig-Seelischen überwinden, den es zu bewältigen hat.

Ein Kapitel spricht viel von Rhythmen, vor allem von Sprache als Rhythmus und Sprache mit musikalischen Qualitäten, auf welche der Körper reagiert (vgl. S.102). Die Wahrnehmung dieses Aspekte hilft erneut beim Zwischenmenschlichen – und beim Schreiben, da Sprache gesprochen und gehört werden muss und es einen ganz grundlegenden Unterschied macht, ob man sich alles, was man schreibt, auch laut vorliest. Dies kann man als ganz und gar natürlichen Vorgang begreifen.

Im Kapitel über Drogen geht es um soziale Gemeinschaften, um das Halten und Tragen, das immer weniger zur Verfügung steht. Kinder „brauchen das Zuhören, brauchen Bewegung, sie brauchen Zeit zur Entfaltung ihrer Phantasie, zum Spielen und Zeit für einhüllende, seelisch tragende Begegnungen“ (S.103). Während meist deren Fehlen zu Buche schlägt: „Erlebnisse innerer Leere und Einsamkeit, die in dem Maße zunehmen, wie Normen und tragende Sozialformen abnehmen“ (S.104).

Ein anderes Kapitel versammelt Aufsätze zur Entwicklung kindlicher Sexualität, über ihre seelische Komponente, über die „gefährliche Gleichsetzung von Sexualität und Liebe“ (S.127). Das Kind braucht seine Intimsphäre und seinen eigenen Entdeckungsprozess. Gerade in unserer als sinnlos, tot und mechanisch erlebten Welt braucht es seine Ruhe. Wird es zu vielen schwer verdaulichen Sinneseindrücken ausgesetzt und erlebt eine rein verstandesmäßig erfasste Aufklärung, entwickelt sich ein Ungleichverhältnis. Wenn Fünftklässler alle möglichen Stellungen aufzählen und beschreiben können, aber keine Ahnung haben, wie es sich anfühlt, jemanden zu mögen oder zu artikulieren, was man mag und was nicht. Dieses Kapitel endet mit der Frage „Vermittle ich dem Kind ein materialistisches Menschenbild: Ich bin mein Körper? Oder vermittle ich dem Kind ein geistiges Menschenbild: Ich bin in meinem Körper?“ (S.130).

Die Aufsätze stehen in einer sinnvollen Reihenfolge und bauen insofern aufeinander auf. Man kann sie aber auch in beliebiger Reihenfolge lesen, weshalb sich das Buch gut zwischendrin aufschlagen lässt, um ein wenig zu schmökern. Es geht immer um Kinder, doch die Bezüge zur Erwachsenenwelt und zu Defiziten des Erwachsenenlebens sind, wo diese nicht thematisiert werden, ganz leicht herzustellen. Wie man die Besprechung zur Persönlichkeit zum Schreiben nutzt? Von in sich ruhenden, sinnerfüllten, unternehmungslustigen Leuten möchten ziemlich viele Menschen lesen. Wenn ich schreiben will, was ich gern lesen möchte, gibt diese Konzeption mir zumindest eine sehr sinnvolle Hilfestellung.

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