Kein Fleisch essen

Man isst, was man ist und spielt, was man wird. Das bezahnte Brot auf dem Foto war die gestalterische Lösung meiner Teenagerin zum Abschluss einer zähen Abendbrotdiskussion, während der sie mürrische Antworten giftete. Dann plötzlich kamen die Hände mit den Fladenbrotzähnen hoch und alles lachte.

Es war die ideale Pointe zu jenem durch üble Laune unterbrochenen Gespräch übers Essen. Nämlich das Fleischessen. In den Ferien kommen wir ohne aus und fühlen uns eigentlich gut dabei. An dieser Stelle ein paar Gedanken, um diesen Zustand zu halten.

Meistens sind Bratwurst, Frikadelle und Co die Stresslösung. Es geht schnell, Nudeln kochen, Pfanne anwerfen, Ketchup. Oder in Scheiben geschnittene Bratwürste anbraten, Nudeln drauf, Suppenbrühepulver rein, fertig. Würzen unnötig. Was in den zusammengerührten Fleischcocktails drin ist, schiebt man weg, zu unangenehm. Das heißt, dass ich mich dabei vom Stress beherrschen lasse und meine Intelligenz wegschiebe. Nicht gut. Die Kids können sich jene vorrätige Packung Lasagne oder Wurst getrost selbst zubereiten, wenn sie Appetit drauf haben. Dann läuft Gier gegen Faulheit. Ein echt hartes Rennen.

Besondere Gelegenheiten wie Bratenessen oder Grillen sind viel spannender, wenn man das Zeug nicht sowieso jeden Tag hat. Fleisch ist von einem Lebewesen, diese Besonderheit sollte gewürdigt werden. Kühe, Schweine, Hühner haben Sozialleben und können Gefühle äußern. Das ist was Besonderes. Da war diese Begegnung mit einer Wildsau. Als ich quer durch den Wald laufen musste und idiotischerweise dem Geraschel nachging. Es war das Getrappel vieler kleiner Füße im Laub und die Mama stand daneben. Wir sahen uns an. Sie wusste, was Spaziergänger sind und hatte offensichtlich keine Lust auf Stress. Ich redete ein bisschen auf sie ein, jeden s-Laut vermeidend: Wie tolle Kinder sie hat, dass ich auch welche habe, alles klar, und sobald ich ein gutes Gefühl dabei hatte, drehte ich mich ruhig um und ging langsam weg. Wir haben uns verstanden. Seitdem habe ich nie mehr Wildschwein gegessen.

Wer schlachtet selber? Fleischessen ist Jagdtrieb, die Teilhabe an Resten von Leben. Es sind Instinkte, die durch Geruch und Geschmack anspringen und dieses Gefühl von Erfüllung vermitteln. Nur – Jagen muss in den Riesenställen, aus denen Tausende Tiere auf einmal zum Schlachten abgeholt werden, niemand. Und das Töten erfolgt am Fließband. Greifzangen heben die Tiere hoch, Sichelmesser schneiden sie auseinander. Keine Eigenleistung, jede Selbstzufriedenheit kläglich unangebracht. Darüber hinaus liest man immer wieder von Tieren, die tot im Stall lagen und trotzdem abtransportiert, maschinell geschlachtet, zerlegt und verpackt wurden. Das ist dann wohl die Hyperbel, die absurde Übersteigerung des Schlachtapparats.

Bei Fleisch von ordentlich betriebenen kleinen Höfen, in denen die Tiere wenigsten bisschen Namen, Spaß und Wiese haben, reguliert sich die konsumierte Fleischmenge über den Preis. So wie es zum Aufbau unseres Gebisses passt, der wiederum zu den authentischen Bedürfnissen unseres Körpers passt.

Man ist was man isst oder: Man ist, wozu man sich entscheidet? Dann übe ich durch die Entscheidung über mein Essen, im Wechselspiel von Geist und Körper die Oberhand zu gewinnen. Ich übe, die Entscheidungshoheit zu behalten. Insofern arbeite ich durch bewusstere Nahrungswahl an meiner persönlichen Freiheit.

Wie vermeide ich nun, eine jener selbstgerechten unfrohen Gestalten zu werden, die aus ihrem Verzicht die Legitimation ziehen, jede Lebensfreude der Mitmenschen abzuwürgen und sich, nicht ihre Entscheidung, für besser halten? Ganz einfach: beim Anbau von Gemüse und Korn kommen derart viel kleine Tiere ums Leben, dass man sich auch nicht groß was einbilden muss. Und Pestizide stecken ebenfalls überall drin. Aber die Charakterentwicklung, die kann man gestalten.

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