Annette von Droste-Hülshoff – Der Spiritus Familiaris des Rosstäuschers. Ein Versepos des Biedermeier

Annette Elisabeth Freiin von Droste-Hülshoff schrieb phantastische Literatur von Naturgeistern, Moorgespenstern und gefährdeten Außenseitern. Ein solches Werk ist das Versepos „Der Spiritus Familiaris des Roßtäuschers“ von 1844. Diese in Versform verfasste Geschichte handelt von einem Pferdehändler, der in tiefster Verzweiflung eine Glasphiole bekommt mit einem sich unaufhörlich bewegenden schwarzen Schatten drin. Nun fliegt ihm alles zu, doch um den Preis seiner Seele. Er wird reich, aber die lukrativen Geschäfte stellen sich samt und sonders als Lug und Trug heraus. Sie machen ihn einsam und werden ihn in die Verdammnis ziehen, wenn er den unheilvollen Geist nicht los wird. In diesem ersten Teil der Untersuchung werde ich einen Inhaltsüberblick geben, den Zugang zur Textquelle herstellen, auf die Biographie der Droste als Grundlage ihrer Werke eingehen und die Gattung des Versepos im Biedermeier darstellen.

Die Volkssage aus dem Fundus der Gebrüder Grimm ist dem in Versform gedichteten Epos vorangestellt: http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/droste_gedichte_1844?p=381. Hierdurch wird die darauf folgende Versfassung vorentlastet, so dass die Droste in Bildern, in Tableaus erzählen kann: http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/droste_gedichte_1844?p=384.

Die außergewöhnlich verdichtete Erzählweise hat einen biographischen Hintergrund: Die Dicherin neigte zu entzündeten Augen. Der Umgang mit den Gänsekielen im schwachen Kerzenlicht fiel ihr schwer, weshalb sie jeden Text immer wieder im Kopf durchspielte, ehe sie ihn hinschrieb. Jedes Wort fiel ihr schwer. Daher die extreme Verknappung des Textvolumens, die wir auch vom Kupferstecher William Blake kennen.

Mehr zur Biographie: Annette von Droste-Hülshoff wurde geboren am 10. Januar 1797 auf Schloß Hülshoff bei Münster und starb am 24. Mai 1848. Sie lebte als unverheiratetes adeliges Fräulein in ländlicher Einsamkeit auf der Meersburg, einem kleinen Schloss in Westphalen. Ihre Freundschaften, zum Beispiel zu den Schopenhauers, zu Goethes Schwiegertochter und den Brüdern Grimm, pflegte sie über Briefe. Gesellschaftlich konnte sie nicht mit den einfachen Leuten um sie herum verkehren, aber in ihrem Zimmer war ein Rohr installiert, über das sie den Dienstboten unten in der Küche Anweisungen geben konnte. Und umgekehrt konnte sie Klatsch und Tratsch und die abergläubischen Schauergeschichten mithören, die unten erzählt wurden. Sie saß wohl Abende lang mit dem Ohr an der Horchröhre. Ihre Anerkennung als Dichterin kam spät, was sie jedoch nicht entmutigte. Sie schrieb allein, verbunden mit fernen Freunden, war eine Zeit lang erfolglos, aber inspiriert verliebt in den 18 Jahre jüngeren Levin Schücking und sammelte Mineralien, Pflanzen und Tiere, wie es damals im Biedermeier üblich war.

Ihre Beschäftigungen flossen in ihre Werke ein: Vom Sammeln und Katalogisieren in der Natur erhielten ihre Beschreibungen die Detailtreue, vom Schwatzen der Dienstboten das Schaurige und von ihren eigenen Konflikten die Themen: dem Zwiespalt zwischen ihren Wünschen und den Zwängen eines standesgemäßen Lebens, zwischen ihrer kritischen Intelligenz und dem Streben nach Geborgenheit im Glauben. Auch die Spannung zwischen dem Harmoniestreben des Biedermeier und der Aufbruchsstimmung des Vormärz prägte sie. 1870 begann erst ihr Ruhm – als Katholikin und Westphalenin, als eine Art Heimatdichterin. Ihre Modernität, ihr Ringen um weibliche Selbstständigkeit wurde ebensowenig beachtet wie ihre Zerrissenheit zwischen wachem Intellekt und der Suche nach einem Glauben, in dem sie ihr Denken nicht abgeben musste.

Ein Wort zur Methodik: Sämliche Zitate sind ohne Belege, und daran lässt sich jetzt nichts ändern. Die Angaben gingen verloren. Dieser Text war mal eine Übung in NdL, die ich im Wintersemester 1988/89, also vor 28 Jahren, bei Prof. Dr. Hans-Dieter Schäfer in Regensburg anfertigte. Leider hatte ich Fußnoten und Bibliographie anscheinend nicht eingeheftet und sie auch später nicht gefunden. Ich habe andererseits beim Überarbeiten Randbemerkungen Professor Schäfers übernommen und den Text gestrafft. Ich hatte ihn als Zweitsemester geschrieben, lang ist’s her.

„Der Spiritus Familiaris des Roßtäuschers“ ist ein Versepos. Wieso hat Annette von Droste-Hülshoff diese Form gewählt? Wie gebräuchlich war sie damals? Nun, seit jeher war diese Gattung religiösen und weltgeschichtlichen Themen vorbehalten. Das Biedermeier war seine letzte Blütezeit und vor allem auf damals katholische Länder wie Bayern, Österreich, das Rheinland und Westphalen konzentriert. Dabei beachtete man vor allem den Unterschied zwischen Versform und erzählender Prosa, die man als grundverschieden empfand. Ob es sich darüber hinaus um eine Romanze, eine Verserzählung, eine Novelle oder einen Roman handelte spielte hingegen keine größere Rolle. Die Zeit der normativen Poetik ging im 18. Jahrhundert zu Ende. Die epochentypische, relativ kurze Form wurde etabliert, als der Verleger Brockhaus 1816 für sein Taschenbuch Urania eine „poetische Erzählung, die recht kleinen Umfang haben sollte“ verlangte.

Herausragende Poetiker gab es keinen. Die meisten, zum Beispiel Sulzer, verlangten eine Einheit der Handlung anstelle von einer „Mannigfaltigkeit und Menge seltsamer Gegebenheiten, die bloß die Einbildungskraft anfüllen“. Schlegel hingegen hielt eine durch Anhäufung entstandene Einheit für legitim. Dafür verlangte er peinlichste Zurückhaltung, was den Ausdruck subjektiven Empfindens betraf. Schelling meinte, der Epiker schwebe “wie ein höheres, von nichts angerührtes Wesen“ über den Begebenheiten und Leidenschaften der Welt“. Er forderte jeden Gesang als ein in sich abgeschlossenes Bild, der Anschauung dargeboten, ausgestattet mit all der Individualität des wirklichen Lebens.

Wegen dieses Angebots an wenig verbindlichen Sichtweisen entstand ein gewaltiger Spielraum, der mit den erwähnten Kleinformen ausgefüllt wurde. Kaum jemals entsprachen die tatsächlich geschriebenen Versepen den Vorstellungen irgendeines Theoretikers. Wer sich an Autoritäten wie Aristoteles orientierte, schrieb so umfangreich, dass man diese Werke nur selten wirklich las: die „Cäcilie“ des Poetikers Schulze zum Beispiel oder der „Messias“ von Klopstock. Ihre Themen waren so weltbewegend, ihr Ton so erhaben, dass sie langweilten. Nichtsdestotrotz galt diese Form als einzige den erhabenen Themen aus Religion und Weltgeschichte angemessen, und zahllose adelige Amateure glaubten, diese hohe Form sei ihren Texten als einzige angemessen. Monarchie und feudalkirchliche Kultur schätzen erfolgreiche Epiker sehr.

Technisch sah das so aus: Oft übertrug man einfach eine Erzählung in Verse, weil diese Form eine größere Zuspitzung der Formulierung zuließ als Prosa. Aus heutiger Sicht ging diese Liebe zum Detail oft auf Kosten des Inhalts. Eine Trennung zwischen Epischem und Lyrischem fand, wie gesagt, nur formal statt, weil in der Praxis das Epische tief in lyrische Zyklen und Balladen und andere Erzählgedichte eingedrungen war. In gleichem Maße fand die subjektive, als lyrisch eingestufte Empfindung Eingang in die epische Erzählung. Im Biedermeier wollte das Publikum neben moralischer Erbauung sentimentale Lektüre fürs Herz, „prodesse et delectare“. Man schätzte romantische Rittergedichte und dergleichen.

Das um 1840 und noch einmal mit der Restauration Metternichs auflebende Versepos hatte verschiedene Spielarten: Es gab religiöse Epen, Bibel- und Legendenepik, die Umarbeitungen antiker Heldengedichte und Märchenhaftes. Die religiösen Texte, deren Muster Schulzes „Cäcilia“ war, wiesen einen hohen Stil auf. Sie handeln von Frömmigkeit, Enthusiasmus, entsagungsvoller Liebe und persönlichen Opfern, die der Ehre Gottes gewidmet sind und dem Wohle der Menschheit dienen, was heißt; der Christenheit. Ihre dominanten Züge sind ein unerschütterlicher Jenseitsglaube und ein hoher Abstraktionsgrad in der Figurengestaltung. Gerade die märchenhaften Texte waren oft von schlechter Qualität. Die stilistischen Mängel hatten sie mit den didaktischen Werken gemein.

Ein Mittelding war die versifizierte Publizistik, die etwa Ereignisse der Fanzösischen Revolution in Versform darstellt. Das Reiseepos war beim fernwehgeplagten Biedermeierpublikum besonders beliebt. Darüber hinaus gab es romantische, satirische, erotische und idyllische Epen. Die wichtigste Variante war das komische Epos, das in der Tradition der scherzhaften und empfindsamen Literatur des 18. Jahrhunderts stand: man schätzte leichte, amüsante und unverbindliche Unterhaltung.

Auch das Wunderbare stand hoch im Kurs. In diese wenig definierte Form passte es problemlos rein, weil die Frage nach dem Realitätsgehalt kaum je gestellt wurde. So bildete das biedermeierliche Versepos ein beliebtes Sammelbecken für alles, was in andere Formen nicht passte.

Angesichts deser Auflistung wird klar, dass es keine konservative Beschränktheit der Annette von Droste-Hülshoff war, vier Versepen zu schreiben. Sie stand damit durchaus im Trend der Zeit.

– Analyse und Interpretation des “Spiritus Familiaris des Rosstäuschers“ folgen –

Angesichts deser Auflistung wird klar, dass es keine konservative Beschränktheit der Annette von Droste-Hülshoff war, vier Versepen zu schreiben. Sie stand damit durchaus im Trend der Zeit.Ange

sichts deser Auflistung wird klar, dass es keine konservative Beschränktheit der Annette von Droste-Hülshoff war, vier Versepen zu schreiben. Sie stand damit durchaus im Trend der Zeit.sichts deser Auflistung wird klar, dass es keine konservative Beschränktheit der Annette von Droste-Hülshoff war, vier Versepen zu schreiben. Sie stand damit durchaus im Trend der Zeit..

 

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