Meerschweine

Unsere amerikanischen Nachbarn hatten Meerschweinchen. Sie schafften es immer wieder, aus dem großen Käfig im Garten zu entkommen. Hier gibt es Raubvögel. Milane wissen, was ein Garten ist: ein Behälter für Leckerbissen.

Drei Meerschweinchen blieben übrig, als unsere Nachbarn wieder nach Colorado zogen. Sie fragten, ob wir sie nehmen. Wir hatten schon mit den vier Kaninchen genug, waren vernünftig und empfahlen das Tierheim. Am Vormittag ihrer Abreise stellten sie den Käfig rüber und die Tiere blieben. Das war im Frühsommer 2011.

Es gibt Menschen, die mit ihren Meerschweinchen spielen. Unsere blieben für sich, schauten aus klugen Knopfaugen, vertilgten endlose Futtermengen und ließen bei jedem Transport in den Gartenkäfig und zurück ihre panische Angst vor Menschen durchblicken. Drei Kaninchen mochten sie, dann zwei, dann eines, dann keines mehr. Das einsame Schwarze wollte sie beißen. Wir nahmen ein zweites dazu. Als Blacky starb und der Neue allein in seinem großen Gartenhaus saß, zogen sie um.

So lernten wir sie als soziale Tiere kennen. Ihr großer Freund Timmy, der frei hoppeln darf, bewachte den Gartenkäfig, denn ihre panische Angst vor dem freien Himmel bewirkte, dass wir sie zum Grasessen im Käfig lassen mussten. Wenn man diesen jede Stunde ein Stück weiterzog, bekam man einen glattrasierten Rasen. Sie konnten von jedem beliebigen Punkt aus ihr Gartenhaus finden: eine Minikarawane haariger Walzen, die unbeirrbar ihrem sicheren Dach zustrebten, egal, welche Beete und Hügel dazwischenlagen.

Im Herbst 2014 kam die Wildkatze, im Frühling blieb sie immer öfter im Garten. Wie hohl die Mauer war, wurde uns erst klar, als nicht nur ein, sondern vier Tigergesichter um den Futternapf standen. Die Kätzchen fanden die Meerschweine faszinierend. Auf Gegenseitigkeit beruhte das nicht. Unvergesslich der Abend, als ihr Käfig schon offen war, doch drei Raubtiergesichter den Weg versperrten. Das ewig Kind bleibende Schweinchen lief vor, blieb stehen und pfiff. Seine Mutter pfiff wie verrückt, bis es zurück kam und sich hinter sie stellte. Nun preschte sie voran, durch die Miezenphalanx hindurch, die Walzenkarawane im Schlepptau.

Timmy liebte die Kätzchen und spielte gern mit. Die Mutter schüttelt sich heute noch vor Ekel, wenn der quadratische Langohrkopf vor ihr auftaucht, aber das Spielen ließ sie zu. Ihren schwarzen Freund sieht man als riesigen Schatten mit grünen Augen und ihr Sohn, den wir behielten, bekam ebenfalls Übergröße. Doch er und Timmy hängen nach wie vor gemeinsam ab und jagen sich quer durch den Garten. Als das Kaninchen aber eines Tages von seinem Spaziergang durch die Nachbarschaft zurückkam und seinen großen Freund auf dem Käfig seiner kleinen Freunde stehen sah, erstarrte er schon und kam ganz langsam näher, um die Lage zu sichten. Er entspannte sich: die Katze wollte nur spielen. Die Meerschweine nicht.

Ein Meerschwein starb. Mutter und Kind blieben übrig. Wenigstens zwei. Einsame Meerschweine sind nicht gut, die leben als Gruppe. Seit gestern sind diese beiden nun weg. Timmy ist irritiert. Im Garteneck liegen weiße Hautstückchen und Haare. Aus denen baut ein Singvogel sein Nest.

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