Michael Marcus Thurner – Palast der Gedanken (Arkon 4)

Die zweite Version – für Marc.
Der Expokrat des Minizyklus fand die Erstversion dieser Besprechung „kryptisch“. Da konnte ich ihm nur beipflichten, ich fand sie auch verworren. Hier ist die strukturierte Neuversion. Er wollte lieber wissen, ob ich die Geschichte jetzt eigentlich mag oder nicht. Nun gut, dann füge ich also mein Mögen und Nichtmögen ein. Trotz der stringenten Nebenhandlung bin ich in der innerpsychischen Handlung um den wild gewordenen Extrasinn erst mal ertrunken. Hier also der Neustart.

Das müsste sein Ding sein, war meine erste Reaktion, als ich den Titel des vierten Arkon-Romans erfuhr, von dem schon bekannt war, dass Michael Thurner ihn schrieb – Palast der Gedanken, Gedankenpalast. Von diesem Autor erwarte ich was Versponnenes. Nach seinen aktuellen Experimenten mit der Ich-Perspektive in der Erstauflage, bei denen mir in hohem Maß diese vielen kleinen Sinneseindrücke des Körpers fehlen, körperlose Assoziationen. Seine Art, die fiktionale Umwelt in seinen Geschichten zu akkumulieren, beobachte ich seit Jahren. Gut, das kommt in den eigenständigen Romanen stärker zum Tragen und wäre auch ein eigenes Thema. Wir sind in der Perry-Rhodan-Welt.

Ich beginne mit dem, was ich von einem Roman als erstes sehe – das Titelbild. Es zeigt schießende Kugelschiffe vor rundem Planeten mit runden Trabanten. Aus der grauen, aufreißenden Wand ganz links schießen Schlachtkreuzer Brocken heraus. Eine Verbindung erkenne ich nicht. Nur eine spielerische: tatsächlich wirkt die Wand ein wenig wie Plastilin oder Fimo. Aber das ist Quatsch. Dann gibt es Licht. Fast an der gleichen Stelle wie im Bild vom „Verschwiegenen Boten“ (PR 2844), der wohl ziemlich zeitgleich entstanden sein muss, wird das Titelbild von einem grellen, gelbweißen Licht dominiert. Im Bild von 2844 machte es mir Angst. Hier nicht, hier fällt nichts hinein, sondern Strahlen fließen heraus. Es vermittelt Geborgenheit.

Palast – im Prolog lesen wir eine Mythengeschichte mit Herrscher. Wortok wird von einem hasserfüllten Nebenbuhler herausgefordert. Einer seiner kleinen Schutzbefohlenen zerbirst, die anderen kann Wortok beschützen und den Aggressor vertreiben, der Rache schwörend abzieht. Wortok nimmt die zentrale Position ein – als Gestirn. Er ist eine Sonne, seine Kleinen die Planeten und Monde. In diesem Sinne könnte sich der Lichtfleck im Titelbild erklären. Spiegelbezüge dieser Art mag ich extrem gern. Ich möchte zwischen den Komponenten Zusammenhänge lesen können.

Gedanken – die erste Hauptperson, Thornton da Ariga, denkt und plant und ordnet seine Intrigen. Sie bestimmen die in der Vorgeschichte geschilderte Arkonidenwelt, die ihre Machtspielen prägen. Er herrscht als Familienoberhaupt über seine Zuchttöchter. Sie sind lebensecht maulende, dümmliche Teenager, ohne Interesse an den Realitäten des Lebens, doch mit zauberhaft sich ausspinnendem Spielzeug. Das Daddy abschaltet – doch nicht zu Erziehungszwecken. Denn diese Teenager sind körperlich junge Erwachsene und gentechnisch konzipiert. Es sind künstliche Arkonidinnen ohne eigene Lebensberechtigung, die schön sind, in die Cutthroat-society der Rotäugigen ausschwärmen, in Daddys Mission Aussehen, Auftreten und Sex einsetzen, um Macht zu ziehen. Für ihn. Denn er möchte Imperator werden. Das ist eine sehr interessante Konstellation. Mögen tu ich die Bande nicht. Aber sie sind richtig gut. Lange Gedankenketten und ausgesponnene Pläne mag ich immer. Erzähltechnisch spiegelt sich der Inhalt in der Struktur: Das Khasurnoberhaupt Thornton wirft die Machtfrage auf, die den Dreh- und Angelpunkt der Expositon bildet. Da seufzen seine drei sogenannten Zuchttöchter und er blickt zu den Monden hoch. Der dritte, größte wird erst erscheinen und die dritte Tochter entwickelt Charakter. Das ist übersichtlich.

Die Gestaltung der Welt ist gut. Ich liebe funktionierende Gegenstände. Ich habe schon mehrere Romane Thurners nicht weitergelesen, wenn nur noch als Technik benannte Farbflecken kamen statt irgendwas Funktionierendes. Hier gibt es richtig schön funktionierende Dinge. Der Designaspekt macht mich schon glücklich. Wenn er das noch bis zur Technik weiterentwickeln könnte. Die flitterartigen Werbeholos ums Spielkasino, die hochschießenden, Figuren malenden Lichstrahlen, die zerknitterte, mehrfach gelöschte Schreibfolie fürs Autogramm kommen mir sehr entgegen, so was interessiert mich ganz ausgesprochen. Solche Bestandteile brauche ich unbedingt, wenn ich mich in einer funktionalen Welt wohl fühlen möchte. Als Thornton da Ariga, die sexumeinflussbereiten Töchter im Schlepptau, das Casino betritt, sieht er seine Verbündeten als Speichellecker, die ihm, dem künftigen Imperator, bald zu billig sein werden. Dies kündigt spiegelbildlich die Folgepassage an. Solche gestalteten Übergänge mag ich sehr, und es gibt viele davon in diesem Roman.

Atlan tritt auf und durchwandert seine frühere Heimat, die augenscheinlich feudale, in Wirklichkeit aber zutiefst bürokratisierte Arkonidenwelt. Er erinnert sich an seine Eltern, seine Jugend, wird Mascaren genannt und wehrt sich gegen die Versuche, seine Persönlichkeit zu untergraben. Die Charakterisierung ist authentisch. Die Darstellung des Bürokratischen ist eigentlich etwas, das ich zutiefst gutheiße: die Aufnahme von Echtweltstrukturen in einer Form, die erkennbar ist und mir als Leser ermöglcht, beim Lesen dieses und jenes Erlebnis Revue passieren zu lassen und zu verarbeiten. Die schwachen Naturen tragen Unterdrückungsstrukturen, immer. Das ist eine sehr gute Darstellung einer wichtigen Struktur, und gerade ich beklage immer, wenn so was fehlt. In einer Feudalgesellschaft ist die reine Bürokratie ernüchternd. Zu modern. Irgendwie hätte ich gern mehr an emotionaler Bindung. Mehr als einen Autogrammsammler. Als da Ariga sein Geheimprojekt durchwandert, findet sich mehr von der existenziellen Abhängigkeit, die dazu besser passt. Von den reichen Arkoniden sähe ich gern anschaulichere Dekadenz. Aber ihre ausgesponnenen Intrigen mag ich. Lange Gedanken mag ich.

Erzähltechnisch sind mir im zweiten und vierten Kapitel zu viel Nennungen reiner Oberbegriffe drin – der alte Mann, das Gepäckstück, der Khasurnumhang. Jedoch muss ich dazusagen, dass Arkonidenwelten mich selten vom Hocker reißen. Ein Arkonidenfan hat vielleicht genug Assoziationen, um mit diesem Brocken oder Impulsen richtig viel anfangen zu können. Ich nicht. Automatisch geht mir Kantirans „weißhaarige, rotäugige Pest“ durch den Sinn. Um mich einzufinden, müsste ich mehr davon sehen. Sie reichen mir nicht, um mich einzufinden. Das „gut gebrüllt, Löwe“ fällt mir dadurch positiv auf, als Identifikationsmöglichkeit in einer fremden Welt. Womit ich dann wieder bei Atlan bin.
Nun beginnt einer jener Übergänge, die ich in Michael Thurners Romanen hasse: die Überblendungen in eine andere Situation. Da führe ich mich haargenau auf wie eine Katze, die in die Badewanne soll. Wer je versucht hat, eine Katze zu baden, ohne einen bleigepanzerten Anzug anzuhaben, der weiß, wovon ich spreche. Inhaltlich ist das so: Atlan wird durch den Archaischen Impuls bewusstlos: trinkt Wein, kippt um und wacht in dieser Traumwelt auf, die er zügig als seinen eigenen Geist erkennt Wobei ich die Verschachtelung von innerer und äußerer Gedankenpalasthandlung mit Bezug zum Titel und darüber hinaus zum Titelblatt eigentlich liebe. Und die Passage zwischen Atlans Aufwachen und seiner Erkenntnis, im eigenen Geist gefangen zu sein, ist auch sehr übersichtlich. Bisschen unheimlich halt, das Herumwandern. Mit dem Anblick der Frau, aus deren Gießkanne das Wasser senkrecht nach oben plätschert, endet die Kausalität. Der Extrasinn manifestiert sich als makellos gebaute, boshafte Sexbewusste, die die gesamte Wirklichkeit des Innenraums, in dieser Situation also Atlans ganze Welt, unter Kontrolle hat.

In der Folge zerfällt in diesem Erzählstrang die Wirklichkeit, weil das erzählende Ich zerfällt. Thornton da Tariga und Locust da Adnon erleben alles als Reflektorfiguren in der dritten Person, und ihre Passagen sind strukturiert. Atlan ist ein Ich-Erzähler, der viel von sich selber preisgibt und darüber hinaus über das unkontrollierte Erzählen von Erinnerungen unter dem Zwang seines Extrasinns berichtet. Mit dem Übergang in die Traumlogik der Innenwelt hat diese tragende Struktur Ende, weil der bewusste Erzähler immer surrrealere Vorgänge behandelt, die er nicht mehr im Griff hat. Vom Assoziativen her ist das toll. Man kann sich drauf einlassen, dann hat man unheimlich viele Bilder, die einen auf noch viel mehr verschiedene Gedanken bringen. Dieses bezugsfreie Haus ist mir zutiefst unheimlich. Natürlich auch schön, echt gut geschrieben, überzeugende Stimmung. Ich fühle mich trotzdem nicht wohl damit. Was nicht nur an den herumliegenden, zusammenhanglos hingestellten Sachen liegt, sondern auch daran, dass der Extrasinn durchgeknallt ist. Er heißt jetzt Amaltheia, so wie die mythische Nährmutter von Göttervater Zeus und seinen Geschwistern, was auf gewaltige Selbstüberschätzung hindeutet. Seiner wird der erfahrende Arkonide nicht Herr. Diese Bilderwelten mag ich nicht. Es sind mir zu viele hingesetzte Eindrücke und irgendwann beginne ich mich zu langweilen.

Im Gegenzug kommt im Gespräch zwischen Soivah und ihren Genmaterialspender oder Erzeuger viel Denken, Dazulernen und Logik vor. Sie macht sich selbstständig. Er will ihr Denken unterbinden, droht mit dem Beenden ihrer künstlichen Existenz und verliert derart die Kontrolle, dass er sie ohrfeigt und dann die zitternden Hände hinter dem Rücken versteckt.

Als nächstes erwacht Atlan in der Lage, die bisher sein Extrasinn innehatte: Dieser beherrscht den Körper, und er muss danebensitzen. Während innerhalb dieses psychischen Raumes ein fulminanter Kampf um Beherrschung und Selbstbehauptung geführt wird mit allen Rafinessen des Psychokriegs, nutzt der entartete Extrasinn das Image Atlans, um gemeinsam mit seinen Gegenstücken die im Prolog dargestellte mythische Situation umzusetzen, indem er mit begeisterten Anhängern Atlans die Flotte da Arigas vernichtet. Diese Raumschlacht ist auf dem Titelbild, so dass sich auch in dieser Kinsicht der Bezug abrundet.

Den inneren Kampf gewinnt er, indem er Atlan seiner Erinnerungen beraubt und geht. Die Kontrollfrage lautet, ob er Mirona Thetin noch kennt. Die Nennung großer Frauen verwendet Michael Thurner immer wieder an wichtigen Wendepunkten, zuletzt Thora von Zoltral im „Verschwiegenen Boten“ und Marianne von Sydow bei Tekener Tod. Hier ist der Sieg des Fremdgesteuerten, die Entkernung Atlans von seinen Erinnerungen, der Wendepunkt, und er schließt entscheidende Bestandteile der Serie in sich ein. dann am Schluss am Boden sitzt und weint ist das einzig mögliche Ende.

Zum Abschluss muss ich nun wohl auf Marcs Monitum zurückkommen und sagen, ob mir der Roman gefällt. Er ist perfekt. Weil er Inhalt und Form ineinander spiegelt, was für mich ein ganz entscheidendes Kriterium ist, eigentlich das Wichtigste überhaupt. Weil er wichtige Abläufe der Echtwelt innerhalb der Fiktion nachbaut, so dass man beim Lesen die eine oder andere Auseinandersetzung innerlich noch mal durchlaufen lassen kann. Weil die Personen lebendig sind und verständlich und die genretypischen Gegenstände auch wirklich in ihrer Funktion dargestellt werden. Weil die Sprache schön ist. Insofern gefällt mir der Roman. Sogar sehr.

Was die innerpsychische Handlung angeht, so kann man sie als schön bunt geschriebene Veranschaulichtung eines Mnemo-Modells lesen und als unterhaltsames Psychoduell. Mich, die ich seit Jahrzehnten mit diversen Methoden an meiner Psyche rumbaue, Meditationsmethoden und solche des NPL verwendet habe, um an mir rumzubasteln und die ich täglich in Interaktion mit den Befindlichkeiten, Stukturen und Projektionen anderer Leute arbeite, hat sie zu tief beunruhigt, als dass ich jetzt sagen könnte, dass sie mir gefällt. Wenn sie diesen Effekt auslöst, hat sie was. Leider bisschen viel davon – für zu fantasievolle Leute wie mich geht das ziemlich tief und ist schwer auszubalancieren. Das ist alles, was ich an dieser Stelle dazu sagen möchte.

 

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