Die Wahrheitsfee

Der Politiker. Dein Politiker. Minister Löögen. Du arbeitest für ihn und begleitest ihn auch an diesem Tag zur Rede. Trägst seine Tasche, richtest ihm das Getränk. Eine Flasche Sekt muss mit vor, denn es handelt sich um eine Rede vor wichtigen Geschäftsleuten dieser und anderer Branchen, und Sekt steht auch auf den Tischen bereit.

Zum Trinken will er Mineralwasser haben. Nanu, die Flasche ist ja leer. Aber schon nähert sich eine niedliche Bedienung mit einem Tablett. „Darf ich Ihnen noch eine Flasche Mineralwasser bringen?“, fragt das hübsche Mädchen, stellt ihre Last auf den Tisch und streicht sich mit der Linken eine hellblonde Strähne aus dem zarten Gesicht.

„Gerne,“ bedankst du dich und fügst im Versuch zu flirten hinzu: „Vor allem wenn es von so einer Fee gebracht wird. Dann muss die Rede was werden. Ich bin übrigens Bo. Bo Tjenner“, fügst du hinzu.

Du meine Güte, sie flirtet zurück. Lächelt dich an und erkundigt sich: „Was würden Sie sich von einer Fee denn wünschen?“ Was du dir denkst, sagst du besser nicht laut. Aber du hast einen Job, mit dem du sie beeindrucken könntest. Vielleicht gibt sie dir dann ihre Nummer und so. Du arbeitest in wichtiger Position. Gekonnt stellst du dich in Pose, während deine Züge ernst werden angesichts der Wichtigkeit eurer Mission und ihrer schönen Augen.

„Eine vollkommen richtig verstandene Rede würde ich mir wünschen, in denen das Publikum endlich versteht, was unser Konzept bedeutet und was wir wollen“, erklärst du. „Denn sein Wahrerfolg“ – was ist denn das für ein Versprecher? – „sein Wahlerfolg ist der Garant für eine erfolgreiche Zukunft.“

Beifall brandet auf. Momente lang bist du abgelenkt, schaust zu, wie dein Chef das Treppchen hochsteigt. Als du deiner entzückenden Gesprächspartnerin sagen willst, was jetzt kommt, ist sie weg. Wie eine richtige Fee. So was. Routiniert gießt du ein Glas ein und bringst es Löögen, der die Gelegenheit für ein besonders warmes Lächeln nutzt, an dem das gesamte Publikum teilnehmen darf. Gleich nimmt er einen Schluck und stellt das Glas neben das Mikrophon. Eine statische Entladung signalisiert den Beginn seiner Rede. Das Publikum verstummt. Du verschränkst die Arme. Jetzt wirst du ja sehen, ob die Fee euch Glück gebracht hat.

Strahlend steht Löögen auf dem Podium, lächelt, grüßt, möchte beginnen. Noch ein Schluck aus dem Wasserglas, ein Zurechtrücken der Sektflasche – da durchfährt ein Zucken seine Züge. „Einen Scheißtag aber auch…“

Lähmendes Schweigen erfüllt die weite, dezent dekorierte Halle. Gewisper beginnt. Den panischen Schrecken verdrängend macht Löögen den zweiten Anlauf: „Einen Scheißtag, ihr bescheuerten lahmarschigen Säcke. Meine Fresse, wie glotzt ihr denn…“

Das kann doch nicht wahr sein. Die Geldgeber regen sich unruhig, die Frau des wohlhabenden Aktienbesitzers steht empört auf und drängt ihren Mann, zu gehen. Da muss Löögen was tun. Ihr etwas sagen. Und er setzt zum Sprechen an: „He Tusse, dein Hintern ist das Beste an dir. Jedenfalls besser als deine Pferdefresse.“Das kann doch nicht wahr sein. Hat der das eben wirklich gesagt? Das gibt es doch gar nicht.

Löögens eigene Frau am Tischchen ganz vorn lächelt gequält. Wie kann er ihr das antun? Der muss doch … und Löögen wendet sich ihr tatsächlich zu, streckt einen Arm aus: „Und du, Alte – die Sekretärin fühlt sich besser an als du. Die hat Titten! Nimm doch ’nen Gummizug für den Hängebusen, der an dir runterhängt.“

Argh!!! Ablenken muss er, ablenken. Das Thema wechseln. So wie ihr es durchdiskutiert habt. Das ultramoderne Flughafenprojekt lenkt von allen aufkommenden Bedenken ab, da vergisst jeder die anderen kleinen Probleme. Du gestrikulierst, zeigst ihm die Flugzeugform. Er nickt, er scheint zu kapieren. Erleichtert atmest du auf.

„Und nur dass ihrs wisst, ihr Opfer: Die Kohle in meiner Tasche steht mir zu! Sorgt endlich dafür, dass auch der Rest der Aufträge über meine Firmen laufen, dass Cash in die Bude kommt. In meine! Uahaha!! Meine Fresse, seht ihr blöd aus!“ Ihm kommen beim Sprechen die Tränen, das Publikum verlässt in Scharen den Saal, Männer nähern sich drohend…

Das Wasser ist leer. Verzweifelt greift Löögen sich die Flasche Sekt, setzt sie an und trinkt in gierigen Zügen. Der Schaum tropft auf sein Hemd. „Das ist besser als eurer Billigbier, ihr Hartzer, was?“ Sein Lachen gellt teuflisch und weltenfremd.

In seiner Verzweiflung starrt er dich an und schüttelt die Fäuste. „Tjenner, du Scheißkerl, der Job bei mir ist der letzte, den du kriegst, du Sack. Wer sonst würde dich engagieren? Tu was! TU WAS!!“ Und du, der gut bezahlte Sekretär in schwankender Stellung, denkst nach, dass die grauen Zellen rauchen. Dir fällt nichts ein. Die Meute nähert sich. Wenn die nur mal zuhören würden.

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