Der verschwiegene Bote von Michael Marcus Thurner (PR 2844)

Eine richtige Rezension wird das nicht. Auch keine Analyse, kein Lob und nicht einmal eine Kritik. Das Nachzeichnen eines Lesevorgangs vielleicht oder der Sachzwang weiterzuschreiben, mit dem ich meine wie ein Ball um den Rand des Korbs kreisende Konzentration verstärke, um die Geschichte lesen zu können.

Ich gehe einfach mal mit und kommentiere mit größtmöglicher Authentizität meine Reaktionen. Wenn ich dabei aussteuern lerne, dass es mich ständig aus dem Lesefluss trägt wie schon bei einigen Romanen vorher – am ärgsten der Purpur-Teufe – dann wäre es gut. So was stört einfach. Weglegen? Nein. Ich möchte ausprobieren, was dabei rauskommt und den Roman fertiglesen. Natürlich ist das hier der einfachstmögliche Weg dazu …

Ich mag viele Romane von Michael Thurner. Oder besser gesagt, ich habe viele gelesen auf der ständigen Kippe zwischen Mögen und anderem. Ich mag sie, wenn ich mich den Erzählfluss überlasse in völliger Passivität. Dann sind sie toll. Dieses Mal behalte ich mich selber dabei. Somit ergänze ich den Roman um mich, den Leser. Das ist echt harte Arbeit und die Ergebnisse sollen subjektiv bleiben.

Bei der Geschichte handelt es sich dabei um die Rückreise Perry Rhodans, Sichu Dorksteigers, Guckys und den restlichen 25.000 Besatzungsmitgliedern der RAS TSCHUBAI aus einer 20 Millionen Jahre zurückliegenden Vergangenheit in die Gegenwart der Serie. Wobei sie dort unter anderem eine Larenzivilisation trafen, die sich in all der Zeit kaum verändert hat, und grausige Tiuphoren-Mörderbanden aus der Vergangenheit sind wiederum in die Gegenwart vorangeeilt, wodurch zwischen den abartig weiten Zeitebenen wenigstens Personalunion herrscht. Wie gesagt, das mit der Purpur-Teufe habe ich nicht verstanden. Blieb stecken. Vielleicht kann ich die Geschichte lesen, wenn ich mit dieser hier durch bin.

Die Mörderbande, die Tiuphoren, hat Indoktrinatoren an Bord versteckt. Das sind schwer zu beherrschende, in die fünfte Dimension pendelnde Gebilde, die alles zersetzen. Und in der Außenwelt gibt es Arkoniden, die den Methankrieg ausfechten in einer Etappe der Vergangenheit, von der Rhodan zum Glück schon weiß, weil Atlan es ihm beim Weintrinken erzählt hat. So weit das vordere Drittel.

Beginnen wir mit den Zugangswegen. Was das Titelbild mit dem Titel zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Eine jener auf unwahrscheinliche Enge zurechtgemalten Raumschlachten vor einer Art Wolkenwand, deren Stellung zum planetenähnlichen Gebilde unten rechts, einer Art von wasserähnlichen Reflexionen überzogener Kugel, keine nachvollziehbare Verortung zulässt. Dass dies wiederum dem Inhalt entspricht, lerne ich bald. Und der Erzählweise, also scheint die doch was mit dem Inhalt zu tun zu haben, nur was? Wohl die Auflösung der Ordnung durch die Induktrinatoren. Um dies würdigen zu können, hätte ich aber gern erst mal eine Struktur, in der ich mich orientieren kann, um das Auflösen zu genießen. Stattdessen plumpse ich auf der Stelle ins Chaos und das ermüdet mich bald.

Hm, wenn ich mit Vorwissen noch mal hinschaue, erkenne ich im Titelbild tatsächlich eine strategische Anordnung in klein, was auch meinen Informationen über den Inhalt des zweiten Drittels entspricht. Das Licht macht mich neugierig, aber ich fürchte mich, dass alles hineinverschwindet. Der Titel verspricht einen verschwiegenen Boten, der Untertitel einen Zwischenstop in einer Zeitreise und die Suche nach einer sagenumwobenen Gestalt. Ist das nun einer, der habituell nichts sagt oder einer, über den man nicht redet, obwohl man sollte?

Ich nahm mir also vor, beim Weiterlesen nicht locker zu lassen. Gerade hatte ich dies entschieden, da kam die Information über eine Besonderheit hinzu: genau die die ersten sieben Seiten, die ich mühsam zu verstehen versucht hatte, wurde aus den e-books entfernt, weil eine kleine Unregelmäßigkeit in der Abstimmung durchs Lektorat witschte und in der digitalen Version bereinigt wurde, während das Heft schon im Druck war. Umso lieber wurde mir die Passage, denn Liegengelassenes, Überflüssiges ziehen mich unweigerlich an. Ich probierte weiter, zuletzt mit fünf Seiten Notizen in drei Farben. Ich wollte herausfinden, was mich stört.

Diese überflüssig gewordene Textpassage zeigt Perry Rhodans Innenleben, erzählt in der ersten Person. Das Anfangskapitel trägt als Überschrift den Namen des Ich-Erzählers, Perry Rhodan. Wobei ich an dieser Stelle gestehen muss, dass ich nach dem Bewältigen von S.13 trotz aller guten Vorsätze, Texte nunmehr von vorne nach hinten zu lesen, vorgeblättert habe, um nach der Kapitelstruktur zu sehen. Ich will ja immer noch irgendwann fertiglesen statt Tage mit der Aufarbeitung meiner Notizen zu verbringen. Nun, der Aufbau ist rhythmisch: Perry hat das erste Kapitel und wechselt sich dann regelmäßig mit den Arkoniden ab. Bis – cherchez la femme! – Sichu Dorksteiger das neunte Kapitel in Besitz nimmt, Perrys regelmäßige Reihe unregelmäßiger Zahlen verschiebt und danach die Reihe der Arkoniden übernimmt. Ergo hat Perry 1, 3, 5, 7, 10, 12, 14 und mit 16 das letzte Wort. Die Arkoniden haben 2, 4, 6, 8 und 11, Sichu 8, 13 und 15. Wenn ich diesen ersten Bereich hier durchtaucht habe, gehe ich in den Überblick und lese dann hoffentlich wenigstens springend weiter. Bis dorthin bemühe ich mich nach Kräften, unter Wasser zu bleiben.

Das Tauchen beginnt mit einem Auftauchen, nämlich Perrys Erwachen aus der Suspension. Zu diesem Zeitpunkt ist die RAS TSCHUBAI nicht mehr 20, sondern nur noch einige Millionen Jahre in der Vergangenheit. Er, der undefinierteste ewige Mittelpunkt, muss erst mal seine Sinneseindrücke zusammenklauben. Er tappt zum Nasssraum, taucht in einen warmen Sprühnebel, der ihn zum Leben erweckt, lässt die jüngstem nunmehr noch paar mehr Jahrmillionen zurückliegende Vergangenheit Revue passsieren und wird von einem plötzlichen Schwall kalten Wassers erschreckt, weswegen ANANSI in der Nasszelle auftaucht und von Fehlfunktionen spricht. Womit sie jene paar Besatzungsmitglieder meint, die bei jedem Hypertransflug auf der Strecke bleiben. Die in Wachträumen bleiben bis zum Ende ihrer Tage. Später nennt man sie lebende Tote. Nun kommen der Mediker im Holo, vage medizische Zahlenwerte mit vagen Parallelen zur Kapitelzuteilung – drei, fünf und zwanzig, Drittel, beide Drittel, zwei hoch drei – Zahlen, mit denen Rhodan das Unbegreifliche zu ordnen versucht. Das kann ich gut verstehen, ich beschäftige mich auch gern mit Kopfrechnen, wenn ich mich beruhigen muss. Aber aus der Erzählung bin ich eigentlich schon draußen, und zwar: wie kann ich in Innenperspektive verpasst haben, wie er sich an- und auszieht – oder duscht er im Serun mitten in der Zentrale? So was gibt mir zu denken. Und als denkender Leser komme ich hier nicht weiter.

Nun beginnt dieses eigentümlich matte, kaum in Handlungsimpulse umgesetzte aufgenommene Nichtagieren in undefiniertem Raum, das mich unheimlich stört. Immerhin entspricht der Raum dem auf dem Titelbild: ohne Distanzen, ohne Struktur. Ähnlich vage bleibt die Ausgestaltung der Einzelteile an beobachteter Welt. Das Ich, mit dem in diesem Roman Perry Rhodan gestaltet wird, gefällt mir nicht. Seine Beobachtungen gleichen der Nachlässigkeit, mit der man seine vertraute Umgebung wahrnimmt. Wer kann zum Beispiel ohne Gucken den Stuhl beschreiben, auf dem er jeden Tag sitzt? Nun schaut Perry aber auf zerfasernde Zeit, sich bildende Sterne, ganze Galaxien und außerdem jede Menge Konflikte im Schiff. Seine Reaktion? Kaum eine.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, wie schwer mir dieses Projekt hier fällt. Normalerweise schweige ich über Mängel, die mich nicht direkt behindern. Normalerweise denke ich mir meinen Teil und rede weiter, wo mir etwas gefällt. Gegen genau diese Gewohnheit laufe ich an, wenn ich weiterschreibe. Es ist schwierig. Aber ich denke, ich komme darüber weg. Ich könnte mich dran gewöhnen. Also: was mir nicht gefällt an Rhodans Persönlichkeit sind drei Aspekte: sein Mangel an körperlicher und emotionaler Präsenz, seine vage Beobachtungsfähigkeit und die Inhaltsleere seiner sozialen Interaktionen. Ach ja, und die Sache mit dem Umweltschutz, die irgendwie in diese Geschichte reinkam. Wie ein unappetitlicher Besatz.

Den Mangel an körperlicher und emotionaler Präsenz sprach ich bereits an: wo ist Rhodan überhaupt und was tut er. Es ist immer wieder mal die Rede davon, dass er sich aufregt, sich Sorgen macht, eine Pause braucht, sich mit Sichu wohl fühlt. Nur kann ich das den Situationen nicht entnehmen. Ich erwarte gerade beim Ich-Erzähler mentale Kommentare zum Geschehen, aus denen seine Gemütsbewegungen hervorgehen. Dieser Rhodan hier hat zu wenig. Gut, Sichus lange Beine fallen ihm auf und wenn sie irgendwo um ihm rumläuft, gut riecht oder auf ihn zukommt. In einer derart dramatischen Situation ist das aber zu wenig. Abgesehen von der schematischen Zeichnung dieser Frauenfigur. Sanfte Stimme, immer zuverlässig, berechenbar, beruhigend … diese Beziehung interessiert mich nicht. Es geht nichts vor zwischen ihnen. Bisschen Romantik halt, aber keine verwirrende emotionale Anziehung, kein Zweifel, kein Sehnen, keine Ablenkung, während man sich dringend einer gefährlichen Situation widmen müsste. Kein Ruhepunkt in der Verzweiflung, denn es kommt keine rüber. Das fehlt mir alles. Diese Sympathie ist genauso kontrastarm wie die aus den Fugen geratende Ordnung an Bord keine Struktur hat, die sie erst zersetzen müsste. Hübsche Bilder ohne viel Vorgang dahinter. Die einzelnen Szenchen sind niedlich gemalt, aber die Geschichte bindet mich nicht, weil die Spannungsfläche fehlt. In Kapitel 9 kommt von Sichu wohl mehr – rein nach Durchblättern zu urteilen. Ebenso lau reagiert Rhodan auf alles, was an Katastrophen an Bord geschieht. Wie betäubt. Dass er den Einsatz von TARAs verbietet und dann regelrecht schockiert reagiert, wenn jemand zuwiderhandelt, stirbt und den Tod anderer verursacht, solch eine Betroffenheit kann sich meines Erachtens ein erfahrener Befehlshaber nicht leisten und müsste bei Handlungsbedarf auch zu sehr in den Geschehnissen drin sein, um dann wie unter Schock „sagen zu hören“, was geschah. Das ist ziemlich gefährlich. Und eigentlich ist er der Sofortumschalter, nicht wahr?

Rhodans Beobachtungsgabe in diesem Roman ist ebenso problematisch. Dass die Ertruserin verletzt wird, wenn ihr die Waffe in der Hand explodiert, dafür kann er nichts, auch wenn ich mir eine derart begrenzte Explosion bei Energiewaffen echt nicht vorstellen kann. Das Versagen des Antigravlifts, das wirklich brutal wirken würde, fängt ANANSI ab, so dass keiner zu Schaden kommt und ihm der Anblick erspart bleibt und das Entsetzen. Dass er beim Dilatationsflug Massenballungen durchfliegt, die „einst zu Sonnen werden würden“ – meinetwegen. Dass er Einblicke in die Entwicklung der Milchstraße bekommt (vgl. S. 5) – gerne. Dass er das Weltall fern jeder Fachterminologie, die einem wie ihm eigentlich schon in den Kopf kommen müsste, in reinen Bildern beschreibt, befremdet mich und haut mich an dieser Stelle unausweichlich aus dem Lesefluss. Dass er geht, wenn das Gespräch der Wissenschaftler zu „abgehoben“ (S.6) wird, auch – ich erwarte mehr Fachkompetenz. Dass er träge zerfaserndes, dahinkriechendes Licht und ruppige Hyperdepressionen beobachtet (vgl. S.7), beschäftigt mich eine Weile. Dass sie auf einem Dilatationsflug über einige Millionen Jahre werdende und vergehende Raumschiffflotten, Zivilisationen und Sterne sehen – im Bereich reiner Beobachtung kann das schon sein. Hier eine Flotte, da eine Zivilisation, hier ein werdender Stern, dort ein vergehender. Doch ohne Zusammenhang, und genau den versucht mein Unterbewusstsein zu ergänzen. Lesepause, nächster Anlauf. Unsere Sonne ist 4,5 Milliarden Jahre alt, vor einer Milliarde Jahren tauchten die Landmassen der Erde auf, langfristig das Ganze, aber dieser Kosmos hier ist ausgesprochen aktiv. Natürlich erneut nur in Bildern, ohne Abläufe dazwischen. Als ANANSI die Stellen markiert, in denen in einigen Millionen Jahren die bekannten galaktopolitischen Zentren entstehen würden – Tefor, Arkon, Terra (vgl. 4), denke ich natürlich auch erst an das Entstehen der Himmelskörper. Erst einmal nachdenken muss ich, um auf die politischen Gebilde zu kommen. Klar, die entstehen erst dann. Perry Rhodan schaut nur den Bildern zu, um sich daraufhin voll gestresst auf ein Zusammensein mit Sichu in seiner Kabine zu freuen. Schon ist er dort. Und hast-du-nicht-gesehen geht es um Bilder seiner Kinder und Enkel. Hä? Und dann kommt ANANSI und klagt über Leiden. Das bringt mich enorm durcheinander. Lesepause.

Überhaupt der Wein. Einmal mit Sichu unter dem Motto „Weg mit diesen trüben Gedanken“ – ich hätte lieber ein bisschen mehr gut geschriebene trübe Stimmung und Informationen über die Probleme gehabt. Nicht als eingeschobene Rückblenden, sondern durchlittene Gedankeninhalte. Das hätte ich spannend gefunden.

Oder ein bisschen Beschreibung der Raubtiere, deren Form die Inoktrinatoren beim Attackieren der Sicherheitsleute angenommen hatten (vgl. S.12). Dass es wirklich gefährlich wäre, statt dass Rhodan hier und dort und überall herumtappt beziehungsweise in Gedankenschnelle am gewünschten Ort auftaucht, an paar Erwägungen und seine Kinder denkt und Wein trinkt mit einer Frau, die derart standardisiert rüberkommt, dass keiner, aber auch wirklich keiner an irgendwas Anstoß nehmen könnte. Das interessiert mich nicht.

Für Rhodans soziale Führungsfunktion gilt dasselbe, Er will für alle da sein, redet mit vorterranischen Erdbewohnern, Matten-Willys und Posbi-Sprechern. Gerade solche Begegnungen könnte MMT meines Erachtens wirklich gut schildern. Niente, nichts. Als ob Rhodan sediert wäre. Als ob es in seiner Gegenwart Skurrilitäten nicht gäbe. Wenn er so langweilig ist, wäre es wirklich besser, man begrübe die Ich-Perspektive im Keller und bliebe bei seiner Außenwirkung.

Ich hör‘ schon bald auf. Ein Wort noch zum Umweltbewegten. Dass die sich auflösenden Schutzfolien plötzlich ätzende Chemikalien und Weichmacher (vgl. S.9) enthalten, deprimiert mich. So wenig Entwicklung in Jahrtausenden? Dass Arkoniden die Methankriege als Krieg um Rohstoffe führen und über Lebensraum reden, scheint mir eine allzu offensichtliche Anbindung an real existierende Konstellationen sein. Die reine Nennung ist mir zu wenig eingearbeitet. Ich habe solche Anspielungen gern subtiler. Und dann: dass die Galaxis sich nicht um „den lebenden Ballast kümmerte, der sich geschwürähnlich auf auf einzelnen Welten festsetzte, aufblühte und irgendwann wieder verschwand“ (S.7). Hu! Sind wir bei Greenpeace?

Was mich daran stört, ist nicht nur die negative Sichtweise auf bewusstes Leben, die dem grundlegenden Optimismus der Serie entgegenläuft. Sondern auch, dass dies genau der Autor schreibt, der mit diesem überall aufblühenden Leben jeglicher Art seine besten Texte schreibt. Wie in diesem Roman bei der ersten Beschreibung der Taumuu. Die ist traumhaft schön, was man vom lahmen, traumähnlich unstrukturierten Geschehen der Anfangssequenzen eben nicht sagen kann. Und hierdurch wurde mir ein Kritikpunkt bewusst, den ich seit Jahren zu formulieren suchte und nie klar zu fassen bekam: die Relevanz. Ich habe ihm mal gesagt, ich fände seine Texte asozial. Damals meinte ich vielleicht meinen Widerstand gegen sein Wegräumen von Ungebrauchtem, von potenziell allem, was nicht lebendig ist – in der Beziehung habe ich mich eines Besseren belehren lassen und das mal versucht, mit recht durchschlagendem Erfolg – nach Monaten kamen noch Trümmer der Kollateralschäden runter. Ich muss halt immer gleich alles in echt ausprobieren. Jedenfalls, die Relevanz. Wenn er jetzt schon zum Umweltschützer wird, besteht ein bisschen Hoffnung, vielleicht. Seit Jahr und Tag verwirrt Michael Thurner mich mit unvermittelt umschwenkender Personencharakterisierung, komplettem Atmosphärenwechsel mitten im Doppelroman, dem unnötigen Entsorgen gerade geliebter Personen, der früher ausgeprägten, jetzt nur noch als kleines Detail mitgeführten Eingeweideobsession, dem willkürlichen Ignorieren der Naturwissenschaften, dem Unterlaufen meines diskursiven Intellekts, dem Kokettieren mit der Wirkung um ihrer selbst willen. Es will mir nicht in den Kopf, dass jemand, der so viel kann, sich rein im Effekt erschöpft. Womit ich den Mangel an Funktionen ebenso meine wie den Mangel an in den Erzählfluss eingearbeiteter Bedeutung. Warum in meinen Augen fast jeder Roman von ihm beim zweiten Lesen abfällt statt umgekehrt, wie es normalerweise der Fall ist.

In seinem „König in Ketten“ hat er bisschen Gewalt gegen Frauen im Krieg, die er mal direkt als schlecht darstellt, ohne zu spielen, und hier bisschen Umweltschutz, kläglich direkt und weit unter seinem Niveau formuliert. Und genau damit lebt meine Hoffnung auf. Wenn man schreiben kann, gut schreiben kann, müssten derartige Anliegen im Erzählfluss transportierbar sein, ohne dass das Publikum ausbricht. Die gesellschaftspolitische Relevanz, die auch in Unterhaltungsliteratur möglich ist, wenn man sie gut schreibt. Gerade von einem Wiener, aus dessen Stadt jede Menge an unauffällig kleiner, schön erzählter und nichtsdestotrotz deutlich sinnvoller Literatur kam, würde ich das erwarten.

Ich bin bei der überflüssigen Textpassage geblieben. Über Seite 16 bin ich beim Lesen immer noch nicht hinaus. Unser Roman endet mit Gucky: zum Dank für die Rettung in höchster Not krault ihm Rhodan das Fell und bespricht weiße Haare darin. Was dazwischen geschieht, werde ich dann hoffentlich morgen lesen können, wenn das ganze Zeugs, was mir beim Lesen im Kopf herumgeht, hiermit gebannt ist – falls das so funktioniert.

Nachtrag … durch einen vierstündigen Spaziergang war ich am Abend passiv genug, die Bilderfolgen einfach ablaufen zu lassen. Teilweise mit Vergnügen, teilweise gelangweilt. Ab S. 48 gefiel der Roman mir richtig gut. Mit der Erinnerung an Thora kam Rhodan auf eine Ebene, auf der er gezielt handelte, und die Interaktionen der Arkoniden konnte ich gut verstehen. Natürlich, böse und so, bisschen Denethor drin, doch sind dies die Grundzutaten sozialer Abläufe vom Kaninchenzüchterverein bis zur Behörde. Von der Art her kenne ich die und sie machen mich wach. So dass ich mich in diesem letzten Abschnitt dann auch als denkender Mensch dem Textfluss überlassen konnte.

Nachtrag 2 … ich habe nichts gegen Traumbilder, Spinnerein, Bilder, beiläufige Begegnungen. Aber  ich für meinen Teil könnte ihnen genussvoller begegnen, wenn ich ihnen in einem stabileren Rahmen begegnen könnte. Und hier wäre dann auch Platz für alle möglichen Anliegen, die gerade so anfallen. Auch mal gesellschaftliche Trends, die sich spiegeln, oder kohärente Fremdgesellschaften. Oder einfach mal freies Spiel.

Ich habe in den letzten Tagen weiter nachgedacht. Was ich als Oberflächlichkeit kritisiere, ist eine Erzählweise, die dem Zappen zwischen Kanälen oder dem ziellosen Herumgelaufe in einer Stadt zum Beispiel entspricht, wenn ich zum Beispiel bei uns durch die Mall laufe und überall Leute, Schaufenster, kleine Szenerien sehe, ohne Kontext, ohne Zusammenhang, ohne auch nur geringsten Ansatz, irgendwas geistig zusammenzusetzen. Ab und zu ist das entspannend. Es liegt mir auch grundlegend fern, diese Erzählweise an sich schlecht zu finden. Aber als tragendes Gerüst für einen Roman ist sie mir zu instabil, zu kontrastarm.

Was dann aber meinen Widerstand weckt: sie kommt einer Wahrnehmungsweise entgegen, die symptomatisch ist für eine Lebensart ohne Agierenden. Ohne einen, der das Erleben auf sich bezieht und handelt oder  sich noch irgendwas darüber denkt, egal was. Hohlformen gucken rum und laufen rum und dann haben sie Stress und gehen erst mal Wein trinken. Wie Perry Rhodan in diesem Roman. Das geht mir ganz arg gegen den Strich, weil eine Gewohnheit bedient wird, gegen die ich was habe, und zwar mit Grund.

Gerade in der Unterhaltungsliteratur spielt meines Erachtens das Antizipierbare eine große Rolle. Und was Perry Rhodan betrifft, so hat er einige wenige Eigenschaften, die ihm schon bleiben müssten. Ich fnde es klasse, dass Michael Thurner versucht, ihn von innen zu schildern. Das ist mutig. Aber diese Art von Wahrnehmungsweise und Persönlichkeit kann ich mit seinem serienbiographischen Hintergrund nicht vereinbaren, ohne Depressionen zu kriegen, weil mein Held ein Waschlappen ist. Insofern stelle ich mir das anders vor. Und das Mitdenken durch das Spiel mit antizipierbaren Inhalten gibt es in jedem Krimi. Es ist ein weit verbreitetes Transportsystem. Ich brauche ein Transportsystem.
 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s