Nyi gu shu – der neunundzwanzigste Tag

Am 9. Februar 2016 ist der erste Tag des Tibetischen Neujahrs. Heute, zwei Tage vorher, ist Nyi-shu-gu. An diesem Tag macht man das Haus richtig sauber. Abends gibt es Gu-thug, das ist eine Suppe mit handgezupften Nudeln und allem Möglichen drin. Neben essbaren Bestandteilen finden sich im Topf runde Teigbällchen mit beschriftetem Papier drin, die mitgekocht werden. Während sie auf dem Herd steht, knetet man aus Teig ein kleines Männchen, das alles Negative in sich aufnehmen soll. Dann bekommt jeder einen Klumpen des Teigs, macht einen Ball daraus, umkreist dreimal Kopf und Bauch und betastet vor allem die Körperteile, die krank sind. Danach nimmt man ein paar Haare oder Fussel der Kleidung, drückt sie in den Ball und legt sie zu dem Teigmännchen dazu.

Beim Essen der Gu-thug bleiben die Bällchen mit den Zetteln in der Schüssel, bis sie aufgegessen ist. Vom letzten Rest tropft jeder neun Tropfen Suppe vom Löffel auf den Teller mit Männchen und Teigklumpen. Dann öffnet man die Bällchen mit den Zetteln darin. Sie haben bestimmte Aufschriften. Chili zum Beispiel bedeutet eine scharfe Zunge, Sonne und Mond segensvolles Licht, Kohle ein schwarzes Herz, Wolle ein gutes Herz, ein eingerollter Faden Glück und Reichtum, Glas einen, der die Partys mitfeiert, aber bei Arbeit verschwindet, Salz bedeutet Faulheit und so weiter. Es ist ein bisschen wie Bleigießen. Alle Zettel kommen ebenfalls auf den Teller zum Männchen, den Teigballen, und den Suppentropfen.

Danach stellt man eine Kerze dazu und trägt das Ganze nach draußen. Eigentlich soll man es auf eine Kreuzung stellen, aber in westlichen Ländern reicht ein Gebüsch außerhalb des Grundstücks. Amerikanische Tibeter erzählen unterhaltsame Anekdoten von Polizisten, die von befremdeten Anwohnern angerufen wurden und irritiert fragten, warum das Zeug auf der Kreuzung steht. Die Kerze soll brennen, wenn man den Teller abstellt. Beim heutigen heftigen Wind wurde sie sicher schnell ausgepustet – denken wir mal, denn man dreht sich nicht um, wenn man weggeht. Immerhin lässt man das Negative zurück. Danach feiert man und isst und trinkt alles Mögliche.

Was den Zettel betrifft – ich hatte mir Chili gewünscht und bekam es. Es beginnt ein Affe-Feuer-Jahr. Das Feuer mag ich, aber Affen sind mir suspekt. Da wünsche ich mir eine scharfe Zunge.

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