Eiskalte Vergeltung

Mit schuldbewussten Gesichtern standen Franz und Johannes vor ihrem Klassenlehrer. Herr Steinbeiß predigte nun schon fast die ganze Pause. Zum Glück hing die Wanduhr genau hinter seinem unaufhörlich redenden Kopf, so dass sie das Fortrücken der Zeiger beobachten konnten, während die Standpauke weiterging. „Ich hoffe, ihr habt das verstanden: Nie wieder!“, betonte der Lehrer und blickte Franz, dann Johannes eindringlich in die Augen. Beide nickten. „Und ihr habt wirklich nur das Handy genommen und nicht das Geld?“ Franz nickte eifrig und Johannes ließ eine Träne kullern. „Wir haben doch alles gezeigt, was wir in den Taschen hatten“, beteuerte Franz. „Und es war doch nur Spaß, weil die Karin immer so mit ihrem neuen Handy angibt“, schniefte Johannes und wischte sich die Nase ab. „Nur weil es ein Smartphone ist! Und das Geld hat sie sicher selber ausgegeben und jetzt…“

Herr Steinbeiß hob beschwichtigend die Hand: „Jetzt ist aber Schluss. Keine Anschuldigunge mehr!“. Aber insgeheim dachte er, dass es immer wieder Probleme mit Karins Lügnerei gab, und dass sie wohl auch diesmal etwas erfunden hatte. Schließlich hatte er die Jungs genau durchsucht. „Also gut, ich glaube euch. Ihr könnt in die Pause gehen“, beendete er das Verhör. „Danke, Herr Steinbeiß“, sagte Franz und gab dem Lehrer die Hand. Johannes zog noch einmal den Rotz hoch und tat das Gleiche. Der Lehrer nickte streng. Sie merkten, dass er mit sich zufrieden war. Dann liefen sie schnell hinaus.

Leise und mit hängenden Köpfen tappten sie den Gang entlang, aber sobald sie ums Eck und somit außer Sichtweite waren, begannen sie zu grinsen. „Hey, der…“, begann Johannes. Franz stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. Sie trabten schweigend weiter, bis sie den großen Blumentopf im Treppenhaus erreichten. Hier hatte Franz sich die Schnürsenkel binden müssen, während Johannes laut losgeheult hatte. Franz tastete die Erde hinterm Innenrand ab und fand schnell, was er suchte: fein säuberlich zusammengefaltet steckte der Geldschein zwischen der Innenseite des Topfes und dem überquellenden Wurzelballen. Schnell fischte Franz ihn heraus und steckte ihn in die Tasche, während Johannes Schmiere stand.

Zehn Euro! Das war genau das Richtige für eine Extraportion Eis. In der fünften Stunde hatten sie eigentlich Wahlpflichtfach. Der Jahrgang war in Kurse aufgeteilt. Ihrer fiel aus, und sie mussten sich auf die anderen Gruppen aufteilen. Da konnte man hervorragend zu spät kommen, weil sie nicht im Klassenverband waren und die Lehrer keinen Überblick hatten. Die anderen Kinder würden denken, dass sie noch mit Herrn Steinbeiß sprachen.
Die Glocke klingelte zum Pausenende, als sie auf den Hof traten. Sie drückten sich an die Wand. Keiner gab auf sie Acht. Schnell huschten sie die Treppenstufen hinunter zum Sportplatz. Hinter den Büschen lauschten sie auf das sich entfernende Stimmengewirr, bis Stille herrschte. Nun gehörte die Welt ihnen. Sie grinsten sich an.

Geduckt schlichen sie die Rückwand der Turnhalle entlang und durch die Büsche dahinter zum geheimen Rauchereck, von dem aus ein Fußweg den Hang runter zur Straße führte. Zwei Straßen weiter stand die Eisdiele. Ganz gelassen, als sei alles normal, stellten sie sich vors Glasfenster. Die Besitzerin tauchte auf. „Habt ihr schon wieder aus?“, fragte sie. „Klar“, log Franz. „Ich hätte gern eine große Waffel mit zwei Kugeln Himbeereis und einer Kugel Schoko und dazu Sahne.“ „Ich mag Erdbeer und Zitrone und Waldmeister mit Sahne“, fügte Johannes hinzu. Das Wechselgeld teilten sie auf.

Sie beeilten sich, zurück aufs Schulgelände zu kommen, damit keiner sie auf der Straße sah. Das Rauchereck stank nach Kippen, die Sonne schien und sie setzten sich auf die Treppenstufen des Aufgangs vom Sportplatz zum Pausenhof. Die Betontreppe konnte man von den Klassenzimmern aus nicht sehen. Sie machten es sich gemütlich und kümmerten sich um ihr Eis. Lecker! Die anderen saßen im Unterricht und sie hatten eine gute Zeit. Dann näherte sich das Verhängnis.

„Uah!“, machte Johannes, und auch Franz erstarrte vor Schreck: Ausgerechnet Herr Steinbeiß nahm die Abkürzung vom Lehrerparkplatz zur Schule quer über das Sportgelände. Er kam direkt auf sie zu. Noch sah er zum Schulgebäude, aber jede Sekunde konnte er sie bemerken. Es gab nur einen Ausweg: Franz setzte sich auf sein Eis, und Johannes tat es ihm gleich. Er hatte Mühe, nicht loszujapsen. Igitt, war das kalt und klebrig! Sie pressten die Oberschenkel zusammen, um die Eismasse zu verbergen, und bemühten sich, ganz normal auszusehen. Und schon stand Herr Steinbeiß vor ihnen: „Was macht ihr denn hier? Habt ihr keinen Unterricht?“, erkundigte er sich. „Wir sind an die frische Luft gegangen“, erzählte Johannes. „Oh, mir ist so schlecht“, jammerte Franz. Johannes nickte gequält. Eiskalte Nässe sickerte durch seine Hose und breitete sich immer mehr aus. War das eklig!

Besorgt musterte Herr Steinbeiß die blassen Gesichter der beiden. Er hatte doch hoffentlich nicht zu viel mit ihnen geschimpft? Kinder waren doch immer wieder sensibler, als man dachte. „Na, dann bleibt mal ein bisschen an der frischen Luft“, meinte er. In der sechsten Stunde haben wir Klassenrat und ich habe überlegt, dass wir heute mal Eis essen gehen. Damit sich alle wieder vertragen. Hoffentlich seid ihr bis dahin wieder fit.“ Freundlich nickte er ihnen zu und verschwand im Schulhaus, während die Übeltäter wie erstarrt auf den Stufen saßen. Die gefrorene Masse begann zu schmelzen, die Sonne schien und sie überlegten fieberhaft, welche Ausrede jetzt noch helfen könnte.

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