Marc A. Herren: Der Impuls (Arkon I)

„Der Impuls“ ist der Auftakt zur Miniserie, zu welcher Marc A.Herren auch das Exposé schreibt. Insofern ist der Roman ein Schweizer Heimspiel im All. Nun hat dieser Auftakt nichts Dramatisches. Er ist ausgesprochen ruhig. Die Personen knallen nicht durch wahnsinnig coole Action, effekthaschende Ausstattung oder dramatische Lebenserinnerungen in die Handlung, sondern erwachen über kleine, behutsame Einzelheiten zum Leben. Das würde auch bei Nicht-Promis funktionieren – dass es Perry Rhodan und Gucky sind, macht die Sache erfreulicher. Man lernt die beiden sozusagen mal privat kennen. Ich vermisse nichts dabei. Im Gegenteil, das Gewöhnliche, auch Banale macht eigentlich genau den Reiz des Unternehmens aus. Allerdings geriet ich nach den ersten beiden einfühlsamen Handlungssequenzen beim Anflug und bei der Einführung der schlafenden Sahira in Abschnitte, in denen ich über weite Strecken nicht sicher war, ob ich lachen oder weinen sollte.

In diesem Roman wird die gute alte Zeit heraufbeschworen, und das heißt eben auch: Serienstereotype gezielt zusammengestellt und dann ins erwachsenengemäß Konforme weiterentwickelt. Manchmal begegnen wir auch erst den differenzierteren Exemplaren und dann den Stereotypen. Bereichert um modernere Einbauten wie die medizinischen Instrumente in den Händen des Ara und den Kryotank, in dem Sahira eintraf, und dann eben ergänzt um diese alltagsnahe Normalebene mit Essen und Trinken und dem Funkspruch an die Lebensgefährtin. Manchmal irritiert dieser Wechsel. Wenn zum Beispiel der als wirklich spannender extraterrestrischer Wikinger eingeführte Polktor im folgenden Absatz unvermittelt als eben nicht typischer Mehandor benannt wird, weil nicht ganz und gar betrügerisch und geldgierig, so springen wir übergangslos zu den sogar explizit so benannten Springern (vgl. S.43) der guten alten Scheer’schen Anfangszeit. So wie die Aras, die Arkoniden, der Zarlt. Der typengemäß intrigante, mitleidlose Ara ist lediglich ein egoistischer Karrierist wie viele echte Mediziner, aber nicht mehr, und die feilschenden Mehandor haben zumindest mal einen Guten in ihrer Mitte und ihre dicken, zeternden Frauen nicht dabei. Die Kralasenen sind in ordentlicher Formation und werden von Gucky ordnungsgemäß überwältigt. So wie es sein muss.

Es ist mir alles eine Spur zu comme il faut: der Text durchläuft alle Kontrollinstanzen meines Über-Ichs ohne Alarm. Das wiederum gibt mir zu denken. Tatsächlich sind viele Elemente der Serie versammelt, die wir aus jungen Jahren kennen, die wir früher geliebt haben und die zugleich stockpeinlich waren. Wegen feindlich gesinnter Eltern und Lehrer oder weil wir schon wussten, wie viele Klisches in unserer Lieblingslektüre stecken. Die coole Arkonbombe zum Beispiel. Manche Problematik haben wir sicher erst später verstanden. Aber in der guten alten Zeit war die mit dabei. Deswegen war ich nach einigen weiteren Seiten nicht mehr so wirklich bereit, mich darauf einzulassen und schwankte zwischen Lachen und Weinen.

Nachem ich das Interview gelesen hatte, in dem das Projekt als Erfüllung eines Bubentraums bezeichnet wurde, entschied ich mich fürs Schmunzeln und kategorisierte, dass in den wunscherfüllenden Bubentraum eben auch bisschen Über-Ich-Heranwachsendentraum eingeflossen war. Ein bisschen zu viel für meinen Geschmack, und zu friedlich. Aber das wird sich im Verlauf des Minizyklus wohl noch ändern. Ich brauche bisschen wildere Leute. Die Geschichte spielt ja auch nicht nur in der guten alten Anfangszeit, sondern verbindet diese einfachere, typenhaftere Gestaltung mit viel später aufgetretenen Protagonisten wie Ronald Tekener und wohl auch Shallowain. Abgesehen vom der Aussicht auf die kurzweilige Beobachtung aufgeregter Postnekro-Fans rechne ich jetzt einfach mal mit unterhaltsameren Geschichten um aufregendere Leute, die dann ruhig auch bisschen einfacher erzählt werden können. Schauen wir mal.

Kommen wir zum Benörgeln und Loben einzelner Passagen. Gut, dass so viele Begegnungen mit überschaubarem Personal stattfinden. Bedauerlich fand ich hingegen, dass die angreifenden Zaliter gleich stolpern und hinfallen (vgl. Z.11). Ich hätte lieber eine Begegnung auf Augenhöhe gelesen. Rhodan müsste sich doch einer Eisenstange erwehren können, ohne dass der Gegner von vornherein auf die Nase fliegt. Und dass die sich bei der Mitgenommenen manifestierende Wirrheit sich z.B. durch verzögerte Reaktionen im Kampf ankündigt statt durch Schaum vor dem Mund. Guckys überragende Fähigkeiten können gerade auf engem Raum zum echten Spannungskiller werden, doch beim schnellen Statuswechsel vom souveränen Besucher zum Eingesperrten (vgl. S.12) wurden sie optimal genutzt, indem der Ilt sekundenschnell konstatiert, dass laut Gedankenmitlesen ein Paratronschirm den Weg zurück versperrt. Es ist aber wirklich ein Balanceakt, die Handlung nicht durch dieses Übermaß an Überlegenheit abzuwürgen.

Der Übergang zur Vorgeschichte zu Beginn des zweiten Kapitels fiel mir ebenfalls ausgesprochen positiv auf, weil die Schlüsselinformationen zu Ort und Zeit nicht nur in der Kapitelüberschrift kamen, sondern mit „Tahun“ und „fünf Tage vorher“ (S.12) noch mal im Text selber. Kurz, aber immerhin. Es ist in der Serie Usus, dass zwei Handlungsstränge – mindestens – ineinander verschränkt werden, womit man handlungsärmere Zeitabschnitte ausblenden kann und durch Abwechslung Spannung erzeugt, wie wir es auch vom Fernsehen kennen. Szenenwechsel statt Gestaltung ist der Preis, der für diese Technik gezahlt wird, und ich frage mich halt seit Jahr und Tag, ob es wirklich so langweilig wäre, einen Handlungsstrang konsequent durchzuerzählen statt immer wieder stereotyp über Schnitttechnik zu arbeiten. Bei den Folgekapiteln ist diese Dopplung der Informationsvergabe nicht gegeben. Ich hätte gern mehr davon.

Die einfach gestrickte Bedrohung – ein dunkler Impuls, der alles durcheinanderbringt – als einzige Konfliktursache? Warum nicht. Das hatten wir früher auch. Aber Aspartamin, der Herr von Süßstoff – ich weiß nicht. In der französischen EA lese ich gerade die Romane mit dem Akonen Pearl Simudden, und der allzu englische Vorname wurde zu Pe’Arl verfremdet. Einfach und effizient. Verglichen mit Aspartamin ist Pearl harmlos. Aspa’r Ta Min würde mich weniger irritieren. Ungeschickt finde ich auch die Informationsvergabe rund um die Elternschaft. Augen wie tiefschwarze Brunnenschächte vergisst wohl auch ein Unsterblicher kaum. Der Leser versteht den Wink, bekommt dann aber gleich explizit gesagt, dass Alaska Saedelaere der Vater ist. Was den mit den betreffenden Personen vertrauten Leser schmerzlich unterfordert und dem Neueinsteiger nichts bringt, weil er die Relevanz nicht erkennt. Insofern fand ich das nicht so gut gelöst. Der Vorsatz, nostalgisch berührt zu schmunzeln, ging bei Salmon da Akonda aber dann doch über Bord. Salmon! Rotrosa Arkonidenaugen und Salmon! Du meine Güte.

Nichtsdestotrotz bin ich nach dem Auftaktband voll motiviert, die Miniserie weiterzuverfolgen, und harre des Kommenden. Die Idee, eine Tochter Saedelaeres aufzubauen, ist viel versprechend. Wenn die Geschichte sich darauf beschränkt, dass sie eine Weile unter Beeinflussten herumläuft und sich am Ende verliebt oder stirbt, so wäre es schade.

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