Raum und Körperlichkeit – über Hubert Haensel

Der bayerische Schriftsteller Hubert Haensel ist auch der Bearbeiter der Silberbände, die wiederum meiner geliebten französischen Erstauflage zugrundeliegen. Deswegen passt das alles für mich ganz gut zusammen. Wenn ich jetzt im Januar 2015 zwei ältere Texte über ihn straffe und verbinde, so ist es zugleich eine Reise an den Anfang meiner analytischen Untersuchungen zu Perry Rhodan. Ich hatte im Juni 2012 einen Doppelband von ihm gelesen, diskutierte mit einem anderen Germanisten und Perry-Rhodan-Fan, und plötzlich waren wir bei der Frage, ob das Wort „aufwändig“ in einem der Romane in alter Rechtschreibung geschrieben war, wie ich es mir gemerkt hatte, oder nicht. Keiner von uns fand die Belegstelle, und das ließ mir keine Ruhe. Stundenlang lag ich auf dem Sofa und blätterte und suchte. Das Wort habe ich nie wiedergefunden, beim Hin- und Herblättern aber so viele Beobachtungen gemacht, dass ich mit dem Analysieren begann. Womit sich das „aufwändig“ oder „aufwendig“ dann selbstständig machte.

Mein Ausgangspunkt war die zweibändige Lebensgeschichte des Tormanac da Hozarius in „Arkonidische Intrigen“ (PR 2653, 2.6.2012) und „Zeichen der Zeit“ (PR 2654, 9.6.2012). Der ist ein arkonidischer Adeliger, dessen Ark Summia misslingt: sein Extrasinn kann nicht aktiviert werden, was seine regulären Karrieremöglichkeiten versperrt. Zum Glück kann sein einflussreicher Vater ihm eine besondere Ausbildung durch den mysteriösen Kralasenen Cregon zukommen lassen, der sich in der Folge als der berüchtigte Shallowain entpuppt. Er hat Plastikkappen über den in seine Finger eingebauten Klingen. Dann drei ungewöhnliche Nebenfiguren: drei alte Arkonidinnen, welche weißhaarigen und rotäugigen Nornen glichen, also Schicksalsspinnerinnen oder Hexen, wie sie auch in „Macbeth“ vorkommen.

Also, es ging damals darum, dass ich überhaupt auf die Idee kam, Perry-Rhodan-Romane mit literaturwissenschaftlichem Instrumentarium untersuchen zu wollen. Und die drei Arkonidinnen brachten mich auf die Idee, gemeinsam mit Shallowains Fingernägeln. Deshalb waren sie wichtig. Dabei war der Gedankengang bisschen weit hergeholt: damals beschäftigte ich mich aus beruflichen Gründen mit dem Effekt der original pronunciation bei Shakespeare. Die ist physisch: während in der standardisierten received pronunciation, die man vom Hals aufwärts spricht, die hohen Gedanken eines abgehobenen edlen Barden zum Ausdruck kommen, erscheinen mit der ursprünglichen, über den Körper gesprochenen Aussprache – flachere Vokale, hörbares r, Gleichklang von hour und whore – zusätzlich jene Wortspiele, die als Doppelbedeutung mitliefen. Shakespeare beherrschte die Verklammerung beider Ebenen und bediente gebildetes wie einfaches Publikum zugleich. Heute sind unfeine Witze in der Regel von niveauvollen Texten getrennt. Die Problematik hebt ab auf ein verbreitetes Denkmuster unserer Kultur: auf der Basis einer im christlich-platonischen Kontext angenommenen Dichotomie von Geist und Körper teilen wir ein in gute ideenbezogene Literatur und schlechte körperorientierte Unterhaltung. Wir lachen oder wir sind ernst, beides zugleich fällt in unserer Kultur schwer. Umgekehrt haben wir dann unbedingt Sex und Fäkalausdrücke drin als Merkmale künstlerischen Tabubruchs.

Nun ja, durch meine Beobachtungen war ich beim Thema der Körperlichkeit, und ich fand bei Perry Rhodan einiges, was ich interessanter fand als den künstlerisch wertvollen Tabubruch in der sogenannten ernstzunehmenden Literatur: Hubert Haensels wiederholte Ausgestaltung der Deformation von Körperlichkeit als Ausgangspunkt für Entwicklung. So erwachte in mir der Wunsch, die genannten Romane auf die Gestaltung der Körperlichkeit hin zu untersuchen, die mir neben dem hohen Anteil an geographischem Vokabular in der Raumgestaltung besonders auffiel. Ein Problem bei der Analyse von Unterhaltungsliteratur liegt darin, dass „ernste“ Autoren sich zielgerichtet auf die Darstellung ihres jeweiligen bewussten Anliegens konzentrieren, dem das Erzählen an sich untergeordnet wird, während Unterhaltung viele Assoziationen enthält, so dass nicht jede Gleichheit automatisch sinntragend ist. Gerade wenn die Autoren im Team arbeiten. Das Weitererzählen und Fabulieren steht im Vordergrund, und der Ausdruckswillens Einzelner greift im Rahmen der Exposévorgaben auf zufälliges biographisches Material und auf unterbewusste Tendenzen zurück. Diese Analyse dient lediglich dem Erschließen der Romane, sie hat keine andere, mystifizierende oder psychologisierende Funktion.

Um meine Beobachtung zu erläutern, möchte ich beim „Testflug“ (Planetenroman 395, Februar 1996) beginnen. Das fand ich zu genau dieser Zeit im Antiquariat, ich untersuchte es als repräsentativ nach dem Kriterium der zufälligen Auswahl. Hier finden sich die Protagonisten unverschuldet in einer absolut fremden, unversöhnlich feindseligen Umgebung wieder, Retter Gucky ist auf ein automatisch abgespultes Holo reduziert, und zu alledem werden sie befallen von übermächtigen Bakterien, welche die Erkrankten entstellen zu „unförmigen Kreaturen“ (S.149). Diese finden jedoch in dem von außen entsetzlich anzusehenden Prozess neue Lebensmöglichkeiten, weil sie sich jetzt ohne Atmen im Vakuum bewegen können, was sie immer mehr als Entwicklung jenseits aller Erwartungen begreifen. Aufschlussreich, wie die Hauptperson im Vorgang ihrer Befreiung von den Begrenzungen des an eine Biosphäre gebundenen Lebens reflektiert, dass „Gefühle zu zeigen […] lange Zeit verpönt gewesen (war), aber das interessierte ihn jetzt nicht mehr“ (S.155).

Tariga sehen und sterben“ (Planetenroman 403, Oktober 1996) die Geschichte vom Untergang eines Urlaubsplaneten, beginnt mit einer Netzrealität extremen Ausmaßes, die wir uns 2016 allmählich vorstellen können, die 1996 jedoch noch überhaupt nicht realistisch war. Themen sind erschlichene Nähe durch falsche Identität im Netz, verknüpft mit dem Interessengegensatz zwischen Jugend und Alter. Ein ekliger alter Mann führt in einem jugendlichen Avatarkörper eine erotische Beziehung mit einer Jugendlichen, die beim Kennenlernen mehr als entsetzt ist. Dann geht es um Natur, die ohne Rücksicht auf Verluste den Vorstellungen der Menschen angepasst wurde und mit fatalen Folgen zurückschlägt. Erneut finden wir eine absolut feindliche Umgebung, diesmal umgestülpt, deshalb getarnt. Die durch „Morphing“ bewusst zum Paradies geformte Natur bricht auf, als die echte Natur sich durchsetzt, ausgelöst durch Leichen im Keller, verwesende Körper von Wesen, die „wunderschön gewesen sein“ (S.53) müssen. Ihre Fäulnisgase zerstören die Illusion und führen so in der Katastophe. Und zur Entwicklung, zur Reinigung, denn als die Heldin die Wahrheit erkennt, hat sie „ihren Körper verlassen, […] sah ihn durch den Dunst gleiten“ und erlebt „ein Gefühl von Losgelöstheit, (das) sie oft im virtuellen Netz zu finden versucht“ (S.150) hatte. Nach der Zerstörung illusionärer Zweisamkeit wird die wirkliche Gemeinschaft von echter „Trauer“ (S.157) begleitet, überleitend zum bemerkenswerten Schlusssatz „War das Ende nicht zugleich die Chance auf einen neuen Anfang? Wann und wo auch immer?“ (S.158). Rhetorische Fragen binden den Leser in die neue Gemeinschaft der Aufbrechenden ein. Ich muss anmerken, dass ich bei der Lektüre von Haensel-Romanen immer wieder den Wunsch habe, mir einzelne Sätze aufzuschreiben.

Durch die jugendlichen Protagonisten und die Themen bietet sich der Roman als Schullektüre an. Ich probierte das und es gelang mir sogar, von Klaus N. Frick einen Klassensatz der Neuauflage zu bekommen. Ich wollte die Sequenz auswerten und etwas darüber schreiben. Allerdings fiel die Durchnahme überraschend schwer, weil der jungen Generation ganz arge Defizite mit Fremdwörtern hat. Dadurch musste man die vielen regulären Fremdwörter aufwändig klären und dann noch die zahlreichen genrespezifischen Neologismen. Eigentlich hatte ich zügig auf das Konstruktionsprinzip kommen wollen, also dass Echtweltelemente und Erfundenes zu einer fiktionalen Realität verschmelzen und so eine fiktionale Realität entsteht. Stattdessen kam zur Materialmasse eine extreme Hitzeperiode, während der wir im Klassenzimmer zerschmolzen – in den Stunden, die stattfanden. Es ging also nicht wie geplant. Aber ich denke, dass die gleiche Sequenz bei anderem Wetter und mit stärkerer Vorentlastung des Vokabulars gut funktionieren müsste.

Kehren wir zu den Arkoniden zurück: In der Körperlichkeit des Cregon alias Shallowain erleben wir den Prototyp einer Große-Jungs-Phantasie: dem Tod entsprungen, mit verbergbarem Gesicht und automatisierten Augen, hinter deren technikerfüllter Weiße der aufmerksame Schüler doch den Spiegel der Seele erahnt, und dann noch die implantierten Krallenfingernägel. Cool! Hier konnte ich nicht umhin, über ergänzende Infos zu arkonidischen Sanitäranlagen nachzudenken: Kommt da von unten ein Sprühstoß mit eigenständig aktiven Nanosubstanzen, oder wie machen die das? Denn mit der guten alten Papiermethode wäre das doch ein recht hohes Risiko … doch was tut man nicht alles, um cool zu sein.

Der Schüler-Lehrer-Handlungsstrang ist nun schon wirklich sehr oft verwendet und langweilte mich anfangs ebenso wir Tormanacs Luxuskonflikte. Natürlich ist das Versagen gegenüber der Familientradition tragisch, weil er alles richtig gemacht hat, beglaubigtermaßen richtig gut ist und trotzdem nicht in den engeren Zirkel der Extrasinnträger zugelassen wird. Matürlich kann man sich damit identifizieren, wie er im Kreise der richtig Qualifizierten darum kämpft, trotz eines persönlichen Mankos bestehen zu können, aber sein Schicksal fesselte mich trotzdem nicht, da er sehr passiv ist und sich, von ein wenig Trotzen abgesehen, regelmäßig von Autorität zu Situation schieben lässt. Das Gegenthema selbstgewählter Loyalität, durch Mentor und Partner ins Spiel gebracht, berührte mich dann eher. Tormanac lebt ein von Ehrgeiz und dem ständigen Kampf gegen das Defizit erfülltes Leben, doch was daran die Ankündigung im Cliffhänger des Vorromans von Suzan Schwartz, seine Erinnerungen schmeckten „bitter wie Galle“ (2652, S.63) erfüllen sollte, blieb mir doch verborgen. Für mich war das eher beleidigtes Ego als Tragik. Was natürlich dann doch zur Charakterisierung im Vorroman passt. Aber dann fiel mir bei seiner ersten Begegnung mit Ghusduul auf, wie sehr dessen aufmerksames Runterbeugen (2654, S.14) von den anderen Interaktionen im Roman absticht, und dann, wie die Wahrnehmung von Ghusduuls physischer Präsenz ihn sofort als potentiellen Gegner erscheinen lässt, denn „Tormanac taxierte (ihn) abschätzend“ (2654, S.55). Nach dem gleichen Prinzip wird im ganzen Rest des Romans abgeschätzt, Kampftechnik gemessen, gekratzt und geschlagen, und der Abstand zum Vater, der ihn nicht voll akzeptiert, und zu freundlich lächelnden Gegnern und herausfordernden, konfrontierenden Freunden ausgelotet. Sobald dafür ein Gefühl bekam, konnte ich auch nachvollziehen, dass Tormanac wirklich etwas zu verdrängen hat.

Im Erzählrahmen, dem Versinken im Filamentebecken der Badakk, erlebt Tormanac die unangenehm in seinen Körper eindringende gallertartige Flüssigkeit zuerst als „sengende Hitze“ (2653, S.4) der Erinnerung, dann als „ölige, schleimige Flüssigkeit“, die ihn „ekelt“ (2654, S.52f) und den Erinnerungsschub, in dem es ausschließlich um die seine Persönlichkeit formenden Erlebnisse geht: er erlebt „fürchterliche Kälte“, in der ihn „friert“ (2654, S.53) – erneut aufeinander bezogene Gegensätze.

Auch hier wieder eine eindringliche Schlusssequenz: die mit dreimaligem „Er“ und „Es“ gleichgeschalteten Satzanfänge lassen sein subjektives Empfindung des psychischen Missbrauchs durch die Bhadakh, des Ekels und der hilflosen Ablehnung in eine Verdinglichung münden, welche als Tragik nun durchaus nachvollziehbar wird. Dies wird verstärkt durch den inneren Monolog, in dem er von allem, was ihn ausmacht, Abstand nimmt – im Aufbau parallel zum viermaligen „Ich bin“ und zweimaligen „Ich will …nicht“ im Schluss des Vorromans (2652, S.62), aber deshalb nicht weniger eindringlich.

Parallelstellen zu dieser Dichotomie finden sich in Haensels anderen Romanen des aktuellen Zyklus zuhauf: „Unter dem Stahlschirm“ (PR 2604, 29.7.2011) beginnt mit dem Innenleben eines von extremem „Hunger“ (S.4) gehetzten Eisrochens in einer extrem lebensfeindlichen Umwelt, eine irreale Situation mit „wechselnde(n) Schwerkraftfelder(n)“ (S.15), in der ein neuer Horizont einem „in tausend Splitter gesprungenen Spiegel“ gleicht, und „jeder Splitter folgt eigenen Gesetzen“ (S.17). In einem Atemzug mit Trogey, dem „Cyborg“ (S.48), wird Lotho Kerate als „Mann aus Metall (S.17) erwähnt. Im Gegensatz dazu besitzt Jenke, eine Frau, die noch dazu „die Guten“ anführt, emotionale und physische Präsenz, sie beobachtet viele körperliche und räumliche Details, fasst andere an und hat innere Vorstellungen (vgl. 48–51), bis sie erneut mit einer „Holoprojektion“ (S.51) ihres Feindes Mareetu konfrontiert wird, der mit leeren Ideen manipuliert und anderer Leute Lebenswirklichkeit durch Einsperren und Ausnutzen beschränkt. All dies auf dem nebligen Weg zum zeitversetzten Leichnam eines immateriellen Wesens.

Das Titelbild von „Konflikt der Androiden“ (PR 2608, 12.8.2011) illustriert die physisch abgelöste Erzählweise ideal: Wegen Alaska Saedelaeres Maske sieht man Haare, aber kein Gesicht. Sprache fehlt, genial die Weise, in der die Persönlichkeit des Gegenübers entsprechend verzerrt wahrgenommen wird.

In „Der dunkelste aller Tage“ (PR 2617, 14.10.2011) finden wir einerseits Korbinian Bokos inverter Raum (vgl. S.59), der Rettung vor realer Gefahr durch Zimmerbrand – bei körperlicher Verstümmelung der Schwester – und Sonnenfeuer bietet, und der ausgelagerte Bewusstseinsfokus in Shanda Sharmottes Fast-Tod-Erfahrung (vgl. S.9f). Da ist die Betonung auf Adams’ „verkrümmte(r) Körperhaltung“, die ihn „kleiner erscheinen“ und „humpelnd“ (S.5) laufen lässt, im Kontrast zu Ybarris kritischen Überlegungen zu seiner Unsterblichkeit (vgl. S.7), parallel zu der Begegnung zwischen dem unveränderten Bostich und dem gealterten Tarmanac (2654, S.54).

Andererseits sind da seine allseits geschätzten, Lebensfreude verbreitenden Kochkünste – ein „absoluter Glücksgriff“ (S.11) und retardierendes Moment in allumfassenden Stress. Dazu die überaus lebhafte Darstellung des lachenden und sich kratzenden Mehandor und des polygamen Flint Surtland, der „fünf Frauen […], siebzehn Kinder und acht Enkel“ (2617, S.42) besitzt. Im Gespräch seiner Favoritin Aya mit der Robotermami Toja Zanabasar (vgl. S.42) treffen erneut Welten aufeinander, wie sie gegensätzlicher kaum sein können.

Kommen wir zu „Terras neue Herren“ (PR 2637, 10.2.2012): Das Gesicht des Regenriesen wird deutlicher beschrieben als die menschlichen Gesichter: „Die angedeutete Nase. Der geschlossene, trotzdem prägnant wirkende Mund. Der leichte Schattenwurf der hohen Wangenknochen“ (S.16), noch dazu quadratmetergroße Hautabschürfungen. Übrigens haben wir mir der Cheborparnerin und dem Regenriesen erneut den Gegensatz von heißem Feuer und kaltem, weltraumkalten Wasser, wobei das Feuerwesen den Regen verehrt. Der Mensch mit „Rubinblut“ (S.16) überschreitet den Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Materie.

Dieser Doppelroman mit seinen Erdbebenschilderungen schwelgt ebenso wie „Tariga sehen und sterben“ in geographischen Fachausdrücken und präzisen, anschaulichen Naturbeschreibungen. Erneut finden wir eindrucksvolle Eigennamen für Kunstwerke und Kulturdenkmäler, wie der Spottname „Zoo der toten Gedanken“ (2625, S.38) für fiktives Leben darstellende Plastiken, die Skulptur „Schizophrenie des Augenblicks“ (2625, S.47), der „Marsch der toten Seelen ins Feuer“ als unerwünschte Begleitmusik und die „Versinnbildlichung über die Eroberung der Galaxis“ (2653, S.58). Auffallend auch das Selbstzitat zum Taschenbuchtitel Tariga, „Jupiter sehen und sterben“ (2617, S.46), verknüpft mit dem Problem der schwarzen Schale um die Sonne.

So finden wir also bei genauerem Lesen in den Romanen Haensels innerhalb der Erzählweise Tiefen, die auf tragende antithetische Denkmuster unserer Kultur zurüchgreifen. Die Ausarbeitung ist komplex und langkettig, und manche Aussagen werden eher durch die Struktur transportiert als durch die Story selber. Sie widersprechen ihr aber nicht, sondern bereichern und vertiefen sie.

Hier endet der ursprüngliche Aufsatz, und es geht weiter mit dem „ARCHETIM-Schock“ (PR 2685, 1.2.2013). Der Nachfolgeroman von Marc A. Herrens „Ein Pfand für die Spenta“ (PR 2684) berichtet von Bullys Verhandlungen mit den Spenta, bei denen er in das Herauslösen des Corpus Delicti, des Leichnams ARCHETIMs, aus Sol einwilligt. Die gleichzeitige Aktivierung der von Inspektor Paitacc angeführten, in den Methanozeanen des Neptun verborgenen Invasionsflotte voll Dosanthi wird in 2685 nahtlos weitergeführt. Neben der eigentlichen Handlung, der Entfernung des Leichnams ARCHETIMs und seiner Begleiterscheinungen, die durch eine Menge wunderbarer Naturbeschreibungen einerseits und auf engem Raum beschriebene Einzelschicksale andererseits vermittelt wird, finden wir das zufällige Zueinanderfinden zweier arbeitssüchtiger Einzelgänger mit offenem, aber viel versprechenden Ende.

Das Entfernen der in Sol eingelagerten Leiche der Superintelligenz ARCHETIM löst eine Schockwelle aus. Dieser Vorgang wird immer wieder beschrieben, indem es in allen Handlungssträngen um das Beobachten des Vorgangs und seine Übertragung durch den Snder Augenklar geht. Schauplätze sind verschiedene Stellen des Sonnensystems, deren eindrucksvolle Geologie wir in allen Einzelheiten zu sehen bekommen. Sie sind in personaler Erzählweise eingebettet in Geschichten von Erwachsenen, die ihre Beziehungen bearbeiten, und ihr Umgang mit jungen Leuten beziehungsweise Kindern. So wie die Terraner mit dem Abgeben der Leiche im Zentralgestirn ein Stück weiter von den Superintelligenzen abgenabelt werden, wachsen die Jungen heran. Auf diese drei Beziehungen werde ich in der Folge genauer eingehen. Andererseits beschäftigen wir uns spielerisch mit Konsequenzen und Grenzen der Gentechnik, die Problematik des vom Menschen Machbaren. Die Existenz einer noch höherer Autorität als es sie im Zwiebelschalenmodell gibt wird thematisiert, als der Genmix Irp in der drittletzten Handlungssequenz aus seinen „roten Arkonidenaugen“ (S.58) durch Rya hindurchstarrt. Sie wollte nie, dass er das Wort „Gott“ ausspricht, da seine Intelligenz sowohl illegal als auch ihrem eigenen Empfinden nach widernatürlich ist. Ihre Planung hat nicht geklappt, das Produkt ist offensichtlich intelligent, obwohl sie das nicht angelegt hat – jetzt schließt er aus der Tatsache, dass Gott allwissend sei und sie nicht, dass sie nicht sein Schöpfer sein könne. Dieses Umkehren von Autorität spiegelt das Entfernen von ARCHETIMs Corpus.

Sehen wir uns das im Textverlauf an: Der Roman ist eingeteilt in vier etwa gleich große Kapitel, innerhalb derer mehrere Male der Schauplatz gewechselt wird, und einen Epilog als Anspann zur privaten Entwicklung der Nebenfiguren. Bei der Montagetechnik bleibt eine klare Einteilung des Zeitverlaufs dem Leser überlassen. Kapitel eins beschäftigt sich mit Rya Pascol, Irp und Octa. Rya erzählt in der ersten Person. Das zweite Kapitel bringt die ARCHETIM-Thematik ein, die dem arbeitsamen und ebenfalls seit langem partnerlosen Kommandanten Callis Varro durch den Kopf geht – die erlebte Rede gibt Gelegenheit zu ausführlichen Rückblicken und zum Miterleben des großen Augenblicks, als die Leiche aus der Sonne gezogen wird, und zwar von Varro wie auch von Rya und Irp aus gesehen, und dann auch von Varros Ortungschefin und seinem Kadetten Huise. Das dritte Kapitel führt ohne Überleitung durch Erinnerungen die Geschichte von Paitacc weiter, wie er und seine Invasionsflotte diesen Moment beobachten, wobei aber sowohl Dosanthi Sintan Trok wie auch Callis Varro sich an ihre Familien erinnern. Dieses Kapitel umfasst acht durch aneinander gesetzte Handlungsabschnitte. Im vierten Kapitel bewältigen Bull, die beiden Ybarris, Delorian und Chourtaid die Situation und besprechen sie, während Rya den aus seinem explodierten Schiff geretteten Varro in Sicherheit bringt. Im Epilog haben die beiden anscheinend zusammengefunden und diskutieren nur noch, „bei wem“ sie gemeinsam den ersten echten neuen Sonnenaufgang erleben werden. Dass Sol „nicht erloschen, sondern abgeschirmt“ (S.18) ist, gilt auch für das Gefühlsleben der beiden Protagonisten. In diesem Roman sehen wir auf keiner der beiden Ebenen etwas aufflammen, aber die Entwicklung ist absehbar.

Wir erleben die Ereignisse vor allem durch die Augen mehrerer neu eingeführter Nebenfiguren. Statt den üblichen Beobachtungen eines Orters, der den Raum beobachtet, beginnt die Handlung bei der Gendesignerin Rya Pascol . In ihrem einsamen Wohnzimmer auf dem Neptunmond Triton lebt sie mit ihren „Produkten“, der fluoreszierenden Tarantel Okta und dem mit arkonidischen Gesicht versehenen Genmixdrachen Irp, dessen Intelligenz illegal ist, so dass sie sie nur widerwillig anerkennt. Trotzdem nennt er sie Mutter. Der künstlich projizierte blaue Himmel samt blutrotem Sonnenuntergang ihres Wohnzimmers fungiert als Einführung eines Leitmotivs, eine aufwändig gestaltete Gestaltung der Farben zieht sich durch den gesamten Roman. Er wird durch die Schilderungen echter Natur abgelöst.

Thematisch verbirgt sich unter der Science-fiction-Gestalt der Gendesignerin eine moderne Version des Dreischritts „Kinder – Küche – Kirche“, da sie vor allem zuhause bleibr, sich um ihre befremdlichen „Kinder“ kümmert, einen blauen Erdhimmel an die Wand projiziert und über Gott und intelligente Genmixe nachdenkt. Sie führt ein bisschen was an Fernbeziehung, das ist alles. Ihre Geschichte mit Varro folgt der Struktur moderner Liebesromane. Ungewohnt bei Haensel, denn die Gestaltung menschlicher Nähe ist weniger sein Thema als die Fernbeziehung. Er hat diese Lösung denn auch nicht weiter ausgearbeitet.

Umso witziger finde ich das Drachenkind. Irp ist nicht nur hemmungslos gieriges Kind, sondern zugleich eine satirisch Darstellung des Teenagers an sich, er ist eine jener halbgaren Gestalten, wie sie leiben und leben – vom Musikgeschmack über das Gleichziehenwollen bis hin zum Gesicht: das ist ja einer der faszinierendsten Aspekte dieser Leute, dass einem aus dem Gesicht existierender Erwachsener ganz jemand anders anschaut. Beste Pointe die vereitelte Absicht des Auftraggebers, das Ei als Morgengabe zu verschenken. Über das Ergebnis solcher Planungen haben sich wohl schon viele Leute gewundert, die im Vorfeld nicht wussten, was auch bei natürlich-biologischem Genmix entstehen kann. Auch das Feuerspucken verstehe ich als Verbildlichung. Wer Teenager kennt, sollte sich darüber so amüsieren, dass die Frage nach dem fiktionalen Realismus in den Hintergrund tritt. Irp entwickelt sich rasend schnell und entlarvt Denkfehler der Erwachsenen, um sich dann, wie ein Kind, wieder friedlich neben sie zu setzen und zu singen. Der mitschwingende Diskurs über die moralische Bewertung von Genmanipulation mündet, wie gesagt, in die Diskussion um einen auch über den Superintelligenzen stehenden Gott. Die psychodelische Band, die der Teenagerdrache hört, singt: „… die Zeit wird verwehen und der Raum zerbricht. Tot ist die letzte Sonne, alles Leben erloschen. Vergebens die Frage nach dem Warum. Es gab nie eine Antwort. War unser Leben ein Spiel, nur Zufall? Nichts war, nichts bleibt. Vergessen? Nein – ausgelöscht, nie existiert. “ (S.22). Beim Wiederlesen kann ich nicht umhin, hier eine spielerische Vorverarbeitung des kommenden Zyklus von den Jenzeitigen Landen mit ihren dys-chronalen Momenten zu vermuten. Die müssen darüber doch schon gesprochen haben zu diesem Zeitpunkt, oder? Das ist aber natürlich reine Spekulation.

Im zweiten Kapitel finden wir mit Kadett Huise eine Parallelfigur, der „den Dreck“ (S.18) wegputzen soll, als er die Erlaubnis zu noch unbeholfenen Schussübungen auf Asteroiden bekommt – nur weil ein Großteil der älteren Besatzungsmitgliedern aufgrund der überlagerten Nahrung an Durchfall leidet. Sobald wir ihn direkt kennenlernen, entpuppt er sich als äußerst selbstbewusst. Um dann im Schockzustand beim Herauslösen des Korpus geohrfeigt zu werden, damit er zur Rettungskapsel läuft (vgl. S. 42). Die Kommunikation zwischen Henrike Ybarri und ihrer Tochter Anicee wiederum führt direkt zur überraschend schnellen Lösung des Konfliktes, wobei mit „Kotau machen“ (S.54) und dem Durchsetzen der jugendlichen Zweitregierung als das Abschneiden „alter Zöpfe“ (S.55) Bildmaterial aus dem alten China ins Spiel kommt.

Kommen wir zur Farbgestaltung, die den Roman durchzieht. Da wäre zunächst der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß, dann das vielfach variierte Farbenspektrum der abgedunkelten Sonne, das Blau des Himmels über Bergketten und zuletzt rot. Der Weltraum ist schwarz, und dieses Schwarz bildet die Folie zu alles Farbschleiern und Explosionen, die sich in ihr ausdehnen. Mit dem Oxymoron „schwarze Sonne“ (S.26) wird der unnatürliche Zustand des Zentralgestirns auf den Punkt gebracht. Auch ARCHRTIMs Leichnam sieht Bull nur als „eine Art strahlende Schwärze“, als „dunkle Welle im Raum-Zeit-Gefüge“ (S.51). Wir kennen unsere Sonne als gelb, wobei sie golden oder rötlich scheinen kann. Rya sieht sie in abgedunkeltem Zustand voll seltsamer Farben, die sie mit einer Aufzählung chemischer Elemente erklärt, und die sich mit den normalen Regenbogenfarben vermischen. Zunächst kommt „blutig schimmerndes Gold“, dann „Dutzende Abstufungen von Gelb“, gefolgt von „Weiß in vielen Variationen als eigenständige Farbe und nicht als Mischung bekannter Nuancen“. Diese differenzierten Farbwahrnehmungen kennen wir von Menschen wie den Inuit, die Wörter für alle möglichen Arten von Weiß in ihrer Lebenswelt brauchen. Mit den Neologismen „zwittergrün“ und „zeitblau“ als Ausdruck des Unbekannten überschreiten wir den menschlichen Rahmen. Dem folgt zunächst eine Woge von Fachausdrücken, dann die Beschreibung, dass „die Sonnenatmosphäre gegen ihr Gefängnis anbrandet“ (S.20). So haben wir wieder Blau, die Farbe der Entgrenzung.

Es wäre kein Text von Haensel, wenn das Entgrenzungsmotiv nicht vertieft werden würde durch körperliche Deformationen, und zwar an den Schiffen der Spenta, die den Schirm um die Sonne durchdringen: „(N)ur die aus dem Schiffsinnern nach außen tretenden, zum Bug hin verlaufenden Adernstränge glühten in tiefem Goldton. Unterschiedliche Rumpfbereiche schimmerten rotgolden oder gar in grellem Weiß, dort herrschten unglaubliche Temperaturen“(S.27) von mehreren Zehntausend Grad Celsius in Außenhülle und Schiffsinnerem. So tritt Weiß bei großer Hitze auf, ist aber auch die Farbe der Jugendlichen, also Irps Arkonidenhaaren und der Farbe, die in Kadett Huises Vornamen Alaska mitschwingt. Das Fahrzeug, in dem Rya Varro rettet, ist ein „goldfarbene(r) Veteran“(S.51), dient zu Versorgungsfahrten und gibt hier erst mal Gelegenheit zu einer eindrucksvollem Schilderung eines Kraterfeldes vor dem blauen Gasball des Neptuns. Neben der mehrfach genannten blutroten Sonne und Irps Augen finden wir auch echtes Blut in der Erinnerung Varros an das Begräbnis seines Bruders, als dessen Freundin ihn angreift, so dass sich der Regens mit seinem Blut mischt – Gegensatz ebenso wie Parallelsituation zum Angriff der Dosanthi während des Entfernens des SI-Korpus. Das Regenmotiv wird weitergeführt, als Wolken treiben, „als hätte sogar der Himmel geweint“ (S.44). Die Gefühle der Menschen, die Abschied und Trauerzug des Sechsdimensionalen Juwels begleiten, sind im Rückblick beim Aufräumen der Spuren erzählt wie bei Ybarri, beim genussvollen heimlichen Lauschen Paitaccs, begleitet von Phenubenklängen – auch die fiktionale Beschreibung von Kunstwerken, Ekphrasis genannt, finden wir als Beschreibung fiktionaler Kunstwerke in der PR-Serie fast nur bei Haensel. Varro erlebt das Ereignis über alle Sinneskanäle: Er massiert sich die Augenwinkel, glaubt zu sehen, hört Sphärenklänge, riecht würzige Sommerluft und Heimat – auch dies ein mehrfach wiederkehrendes Motiv – und spürt, wie die Sonne vom Himmel herabbrennt. (vgl. S.27).

Der Roman beschreibt viele unfassbare Geschehnisse, und er enthält auffallend viele Fragesätze, in erlebter wie in direkter Rede. Um diesem offenen Charakter gerecht zu werden, möchte ich zum Abschluss ein paar Sätze zitieren:

  • über schroffen Felsstrukturen schimmerte vage das Blau des Mutterplaneten“ (S.47)

  • das düstere Streulicht „mildert die ewige Nacht der schwarzem Sonne mit fahlem Hauch“ (S.47)

  • Nur der Nachhall tiefer Trauer lauerte wie ein Raubtier. Sie musste aufpassen, dass sie nicht erneut ins Jammertal beginnender Depressionen versank“ (S.45)

Oberflächlich gesehen wirkt der Roman wie eine Kreuzung aus Wim Vandemaan mit seinen farbigen, an der Oberfläche schwimmenden Bildern und Arndt Ellmer mit seinen engen mitmenschlichen Bindungen, doch bei näherem Hinsehen erscheint der txpisch Haenselsche Aufbau anhand von Gegensatzpaaren, seine Distanz auch in engsten Beziehungen und auch die Entgrenzung, die mit der Deformation von Körpern einhergeht, welche eins seiner Lieblingsthemen zu sein scheint.

Symptomatisch für die beobachteten Tendenzen das Titelbild des zuletzt erschienenen Romans von Hubert Haensel, „In der Synchronie gestrandet“ (PR 2830, 13.12.2015).

pr28301

Die Beschreibung der Fahrt im Aufzug hinein in die Tiefen des Technogeflechts und die vielen körperlichen Eigenheiten der Cüünen bieten eine hervorragende Möglichkeit, die Thesen dieses Aufsatzes durch persönliche Beobachtung zu verifizieren. Was ich nur empfehlen kann.

https://blaetterfluggedankenschnuppendotcom.wordpress.com/2016/06/20/hubert-haensel-in-seinem-arbeitszimmer/

 

Advertisements

One Comment

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s