OM MANI PEME HUNG

Wir finden es auf unendlich vielen bemalten Steinen im Himalaya: Om Mani Peme Hung. Das sechssilbige Mantra hat unheimlich viele Bedeutungen. Man kann es als „Juwel im Lotus“ übersetzen. Damit zeigt es zum Beispiel die Vereinigung von Weisheit und Mitgefühl, die gleich den zwei Schwingen eines Vogels zusammengehören müssen. Das Juwel ist das Mitgefühl als reich machende Methode des Erleuchtungswegs. Der Lotus ist die Weisheit, die aus dem Schmutz der widersprüchlichen dualistischen Existenz befreit. Om als Zusammenschreibung der drei Buchstaben A, O und M im indischen und tibetischen Alphabet (der Grundbuchstabe A, darüber das flügelförmige Vokalzeichen O und das M als Punkt oder Kringel) steht für Körper, Rede und Geist – die unerleuchteten des Übenden und die erleuchteten der Buddhas. Hung drückt aus, dass diese Aspekte unteilbar sind.

Lesen wir die farbig gemalten Silbe, so bedeutet das Mantra den Zusammenhang zwischen den störenden Gefühlen und den Arten möglicher Wiedergeburt. Wobei wir, die wir gerade als Menschen leben, die ganze Bandbreite in uns tragen. Im tibetischen Buddhismus geht man davon aus, dass jedes fühlende Wesen seit anfangsloser Zeit, über das Entstehen und Vergehen von Universen hinaus, durch alle Bereiche der Wiedergeburten irrt und schon so ziemlich alles war oder sein wird. Insofern hat man keinen Grund, sich aufs momentane Wohlbefinden viel einzubilden. Alles ändert sich ständig.

OM ist weiß. Die Silbe bewirkt die Verwandlung von Stolz. Dieses Störgefühl zeichnet sich aus durch den Irrglauben, besser zu sein oder wichtiger. Auch die Illusion eines von der Wechselwirkung mit anderen abgelösten Ich ist Stolz. Er entsteht, wenn man durch irgendwas zufällig gut Gemachte in angenehme Zustände kommt und dann denkt, sie stünden einem zu, statt ihre bedingte, durch Ursachen erzeugte Natur zu erkennen. Man ordnet den Stolz einer Wiedergeburt im Bereich der Götter zu, nicht einer als Buddha. Götter erleben viel Glück und sind so langlebig, dass manche sogar denken, sie hätten die Welt erschaffen. Obwohl sie auf Dauer der Vergänglichkeit nicht entgehen, was ihren Tod um so schrecklicher macht. Für uns reicht, dass Stolz viele Entwicklungen abschneidet, weil man sich überhebt, Zusammenhänge nicht sieht und bei Misständen nicht aktiv wird, da man denkt, dass die Probleme einen selbst nicht betreffen.

MA ist grün. Die Silbe verkörpert die Verwandlung von Eifersucht. Statt sich missgünstig mit den Zuständen anderer zu beschäftigen, sie zu beobachten, zu unterstellen und schlechtzureden, benutzt man exakt die gleiche Ausdauer und Beobachtungsgabe, um sie zu schützen und weiterzubringen. Der zugeordnete Daseinsbereich gehört den Halbgöttern – fast so schön und reich und glücklich wie Götter, aber immer ein bisschen hintendran und unaufhörlich am Kämpfen. Eifersucht lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Statt sich mitzufreuen, empfindet man Konkurrenz und macht lieber mal was kaputt, als dass jemand anderes was davon haben könnte.

NI ist gelb. Die Silbe verkörpert die Verwandlung von Anhaftung und Begierde. Diese Störgefühle gehören zur Geburt als Mensch, und wenn noch irgendwelches zufällig erzeugte gute Karma hinzukommt, kann man sogar menschenwürdig leben und was aus sich machen. Das nennt man dann kostbare Menschengeburt. Sie ist selten und vergänglich. Begehren und Festhaltenwollen halten uns ständig auf Trab, und in der Regel kennen unsere Wünsche und Vorsichtsmaßnahmen kein Ende. Was uns die Freude am Errungenen vergällt und die Zeit nimmt, an uns zu arbeiten. Und plötzlich sind wir dann tot, haben keine Ahnung, wie’s ging und müssen unsere Beute dalassen. Mitnehmen geht nicht.

PE ist himmelblau. Die Silbe bewirkt die Verwandlung von Dummheit und Stummheit. Das sind die Leiden der Tiere. Vom Gefressenwerden mal abgesehen. Es gibt unheimlich viele Tiere, so wie überhaupt die Zahl der Wesen in den unteren drei Daseinsbereichen wesentlich höher ist als die in den angenehmeren. Man wird Tier, wenn man nichts wissen will, wegschaut, seine Anlagen nicht nutzt. Gegenmittel sind Hinschauen und Fleiß.

ME ist rot. Die Silbe verkörpert die Verwandlung von Gier und Geiz zu Freigebigkeit. Wobei Gier und Geiz eng mit Anhaftung und Begierde verbunden sind. Es gibt einen Übergangsbereich, in dem Menschen nichts tun können als hungrig zu warten. Kein Grund, sich besser zu fühlen: jeder trägt alles in sich. Bei einer echten Geburt als hungriger Geist hat man nicht mal einen Körper, und entsprechend vergrößert sich das Leiden. Freigebigkeit kann man üben, indem man diszipliniert mit kleinen Handlungen von Teilen und Abgeben anfängt und diese ausbaut. Wie viel Spaß man beim Teilen hat und wie wenig mit Geiz, das kann man ausprobieren. Und empfindet man erst einmal, wie unangenehm Geiz ist, will man ihn eigentlich nur noch loswerden.

HUNG ist schwarz. Die Silbe wandelt Hass um, der alles zerstört und zur Wiedergeburt in den Höllen führt. Das sind geistige Zustände, die aber genauso lebendig und körperlich erlebt werden wie ein lebhafter Traum. Hitziger Hass führt zu Träumen von Feuer, schmelzendem Metall und allen möglichen anderen Schrecklichkeiten. Kalter Hass, also wenn man in eiskalter Ruhe warten kann, bis man sein Opfer bekommt, und lange, kalte Pläne spinnen, bewirkt ebensolche Träume in eisigen Wüsten und Abgründen. Hass kann Gutes in einem Moment vernichten, doch das Gefühl und seine Konsequenzen dauern lange. Entsprechend dehnen sich die körperlosen Zustände, in denen man diese Eindrücke abbaut.

Die Rezitation des Mantras Om Mani Peme Hung hält die Erinnerung wach. Es ist das Mantras des weißen, vierarmigen Budddhas Chenresig, auf Sanskrit Avalokitesvara, was so viel heißt wie „Der mit Augen voll Mitgefühl sieht“. Die Rezitation bewirkt einerseits, dass unsere negativen Tendenzen sich nicht mehr ausbreiten können, und andererseits, dass wir unsere Weisheit einsetzen, indem wir unterscheiden lernen und Konsequenzen bedenken. So wirken Weisheit und Mitgefühl zusammen. Es ist das am häufigsten rezitierte Mantra überhaupt, weil ohne Mitgefühl keine Methode des Großen Fahrzeugs funktioniert.

Quelle: http://www.ommanipadmehum.de/dalaiman.htm

Gebetsfahnen 03.04.2016

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