Die Zweidenker – À l’école de l’entéléchie (PR 901+902+911)

Als Band 307 der französischen Neuauflage bei Pocket erschien im Januar 2014 „L’enfant et les Loowers“. Der Übersetzer war José Gérard. Das Taschenbuch enthält nach dem letzten Kapitel des aufgeteilten „Weltraumbaby“ (PR 907), ENFANT STELLAIRE, von Marianne Sydow drei Romane von Ernst Vlcek, und zwar „Die Zweidenker“ (PR 901, 28.11.1978) als À L’ÉCOLE DE L’ENTÉLÉCHIE (Kap. 2-5), „Das Mädchen und die Loower“ (PR 902, 5.12.2015) als LA FILLETTE ET LES LOOWERS (Kap. 6-10) und „Der Helk des Quellmeisters (PR 911, 6.2.1979) als LE HELK DU MAÎTRE DE LA SOURCE (Kap. 11-14). Die Reihenfolge entspricht der Bearbeitung durch Hubert Haensel im zweiten Teil des im Mai 2009 erschienenen Silberbandes 106 „Laire“ (ISBN 3811840924).

Der Text verdient mehr Aufmerksamkeit, als ich ihm aus Zeitgründen widmen konnte, weil Ernst Vlcek viele grundlegende Überlegungen zum Kindsein und zur Rolle des Kinds in der Gesellschaft hineingearbeitet hat. Deshalb kam ich nur zur Analyse des zweiten Kapitels. Alles ist die Kunst des Möglichen. Diese Auswertung hier konnte ich nicht durcharbeiten, sie bleibt Fragment.

Die Entelechie, die jeder Autor ein bisschen anders definierte, ist hier eine Art innerer Kompass, der das Denken immer wieder entlang bestimmter Muster ausrichtet. Inklusive Vorausberechnung der Abweichung beim kleinsten Anzeichen und Schwäche durch Überanpassung. Im Gegensatz zur „a priori“-Philosophie, die auf etwas Neues zugeht. In der Handlung kommt erst die auf alt gebaute, mit Schutt versehene Neunturmanlage auf dem Mars, und dann beginnt Hergo-Zovran schon über sein „conscience ordinaire“ nachzudenken und wie schizophren die Terraner doch sind, dass sie einen Einzelnen aus ihrer Mitte die Pläne der Gesamtheit stören lassen, „que cette volonté collective était entravée par un individu isolé“ (p.43).

Unter den Loowern gibt es Hardliner und Vermittler, und da man als Terraner auf der Seite der Angegriffenen steht – weil es die eigene Gruppe ist – klingt die Friedenstauberei sehr, sehr logisch. Man bedenkt die Rolle der Entelechie im Konfliktfall und überlegt, ob man sich hinunterbegeben muss oder ob man die Terraner zu sich hochziehen sollte, um in Kontakt zu treten. Die Loower sind einerseits mit dem Verbergen ihres Zweidenkertums beschäftigt, andererseits halten sie die Vermittlung für unmöglich. Hier kommt er entelechielose, quasi behindete Lank ins Spiel, der einen Kompromiss zwischen Individualität und Kollektivbewusstsein lebt und in der Folge die Folie zum entelechisch begabten Menschenmädchen Baya Gheröl bildet.

Man will die Terraner studieren. Ihre Gewohnheit, in kleinen „cellules“ (p.49) zu leben, legt es nahe, eine dieser Familien zu entführen. Besonders befremdet die Loower, dass die Terraner ihre Kinder von den eigenen Eltern erziehen lassen, die kleinen Loower wachsen im Kollektiv auf und keiner beeinflusst sie, so dass sie ganz aus eigenem Antrieb den Zugang zur Entelechie finden. Das greift ein bisschen die Nährmütter der Wynger auf und bereitet die große Erziehungsdebatte vor: Schulen, die die Wünsche der Kinder berücksichtigen und ein kleines Kind, das alles sieht, hört und beobachtet, während die Großen glauben, sie sei eine unfähige kleine Puppe, die von selber nichts kann. Die Zeichnung der Baya ist wohl das große Anliegen dieses Dreifachbandes: das aus sich selbst heraus wache und kluge Kind, das versteht und sich ausdrücken kann, ohne dass man es ihm beigebracht hat. Die Loower suchen auch einen kleinen Menschen, dessen offene Begabung noch nicht durch Prägung verschüttet wurde, und sie finden einen. Als Lank-Grohan mit dem Türmer über die Menschen redet (vgl. 148–151), gibt er eine Darstellung zur Erziehung, die ebenfalls derart geschlossen in den Text eingefügt ist, dass ich direkt die Überzeugung des Autors zu lesen glaube. Leider fehlt mir Vergleichsmaterial zur Verifizierung.

Die Panik der Umsiedler aus der Provcon-Faust zeigt gut die Gruppendynamik Entwurzelter, Hilfloser, die um sich schlagen. Dass die Vorfahren der Familie mit dem sehr patriarchalisch.konservativen Vater aus Istanbul stammen, und die Handlung dort spielt, wirft allerdings die Frage nach der Nutzung gesellschaftlich akzeptierter Klischees auf: unterläuft man die Widerstände der Leser, indem man das feindselige, emotionale Verhalten der Eltern den Nachfahren der Gastarbeiter anhängt?

In der Folge wechseln sich die Ich-Persektiven des behinderten Loowers Goran-Vran und des Mädchens Gaya ab. Zwischendrin Gespräche zwischen Tifflor, Adams, Tekener und Thyron, in denen wir eine Panoramadarstellung möglicher Konfliktparteien erhalten und einen gereizten Arzt treffen, der Tekener und Thyron in Hypnose verhört, so vom Zweidenken erfährt und Tiff dringend rät, den Loowern gegenüber einfach und klar zu sprechen, da sie noch weniger Humor haben als er. Dieser Gesprächsabschnitt ist mit Metaphern gespickt.

Dann die freundlich gemeinte Entführung der Familie in der „nuit martienne“ (p.54), der Marsnacht, und das vorgetäuschte Sich-Verlaufen des Loowers, der die Terraner verstehen soll. Dass sein Translator hyperdimensional arbeitet, damit ihn keiner bemerkt, hat mich wohl ähnlich angesprochen wie gewisse Jungs die HÜ-Schirme und Transformgeschütze, das kling unglaublich spannend und cool. Auf der anderen Seite jenes kleine Detail mit der Erinnerung: Als Kerinnya erwacht, kann sie sich ganz deutlich daran erinnern, wie in ihrem Traum die Loower alle abgeschlachtet haben. Gruppendynamik!

Noch einige verstreute Anmerkungen zu 901 und 902: Die Loower hatten die Spuren der Entführung in der Wohnung der Gheröls verwischt. Und zwar fehlerhaft, weil sie die Menschen so gar nicht verstehen: Man „avait commis des grossières erreurs. Par exemple, en posant un vase des fleurs sur la cuvette des toilettes… ou une figurine du fameaux L’Emir dans le micro-ondes“ (p.112) – Blumen in der Toilette und die Guckyfigur in der Mikrowelle verraten die Eindringlinge trotz ihrer Mühe, die Spuren zu verwischen. So was kann auch nur Loowern passieren. Die abgrundtiefe Fremdheit zwischen den Kulturen kommt im Kleinen klarer zum Ausdruck als durch große Konflikte.

Dann gibt es die Hypernischen: Mit deren Nutzung outet Boyt Margor, der Psychodespot, sich als das Gegenteil eines kosmischen Menschen: Er hat einen Gegenstand, der zum Überschreiten der Begrenzungen des gewöhnlichen Lebens geeignet ist, und nutzt ihn lediglich, um seine abhängig gemachten Paratender darin unterzubringen. Er befindet sich in einem übergeordneten Raum und möchte die kleinen Nischen darin zur Herrschaft nutzen. Als sie sich von selbst verbinden, träumt er davon, die ganze Erde in so eine Nische zu stopfen und zu behalten, statt sich zu öffnen. So wird Haman Gheröl seine Parallelfigur und Goran Lank mit seinem fünfdimensionalen Translator sein Gegensatz.

PR0901
Quelle: Perrypedia

Seine andere Kontrastfigur ist der „hyperphysicien Paul Santix“ (p.119), der nur „ondulations“ anmessen und hochrechnen kann und seine Beschränkung kennt: „J’en suis réduit à des hypotheses“ (p.119). Denn während Margor seinen „instinct psionique que J’avais développé durant mes expériences avec l’Œil“ (p.119), den er im Rahmen seiner Experimente mit dem Auge entwickelt hat, einsetzt, um die Vorgänge „intuitivement“ zu verstehen. Er ist begeistert, weil sich er den eigenen Einfluss spürt und glaubt, dass sich alles nach seinen Wünschen formt und er glaubt, eine Verbindung zu den geheimen, machtstrotzenden Depots der Mächte hinter dem Auge zu erhalten: „une connection se soit développée entre ma première cellule et un dépot hyperspatial des concepteurs d’Œil. J’ou trouverais un arsenal d’appareils fantastiques des trésors inattendus et inestimables“ (p.121) Aber er landet nicht im „Jenseits“, sondern im eigenen kleinen Süppchen, seiner zweiten „cellule“. Das hatten auch die Loower erkannt, dass die Menschen in „cellules“ leben, mit den Folgeproblemen, die sie sehen: Abgreifbarkeit, Abhängigkeit, Begrenzung.

Im vorherigen Kapitel gibt es eine schöne, kleine Darstellung des autoritären Charakters, entfaltet anhand der Frage „Wer ist der beste Paratender?“. Hier heißt der „archetype de tels sujets“ (p.122) Valdo Susper, „un type énergique, qui marchait en bombant le torse et en rentrant le ventre. <Toujour droit comme une i> ètait probablement le mot d’ordre qu’on lui avait inculcé dans sa jeunesse.“ In der Folge weist Vlcek via den inneren Monolog der Nebenfigut Carl Defroster, der ihm als Sprachrohr dient, darauf hin, dass diese Haltung einer „frustration sexuelle“ entspringt, durch ihre Erziehung sind die Jungs „castré moralement“ durch „des adultes pareillement castrés“ (p.122) So sind die „dressés“ dressiert und autoritätshörig und geben exzellente Paratender ab.

Drei Seiten später bestätigt Margor dies, als er über Claus Pollaq denkt, wie ideal eine „éducation rigoreuse“ (p.115) ihm diesen Paratender geformt hat. In diesem Zusammenhang erhalten die Blumen in der Toilette und die Beutel mit Exkrementen, die Boyt aus den Hyperraumnischen mitnimmt und dezent im Hyperraum fallen lässt, eine weitere Konnotation im Rahmen der Kindererziehung: Nämlich den Zusammenhang zwischen allzu frühem Toilettentraining bzw. der Entfremdung von den eigenen Impulsen durch den angewöhnten Ekel vor den eigenen Körperprodukten und dem durch diesen Selbstekel erzeugten mangelnden Zugang zum eigenen Ich, das Leute zu Befehlsempfängern macht.

In der damaligen Zeit gab es viel über so was zu lesen, Alice Miller und viele andere. Heutzutage hat sich der Schwerpunkt verschoben. Man braucht das Befehlsempfängertum gar nicht mehr, solange man willige Konsumenten hat, die freiwillig den Vorstellungen anderer folgen, weil das Gefühl für den eigenen Wert fehlt. Damals dachte man an Politik und Sex, heute an den Verlust der Kindheit und Schönheitschirurgie. So ändern sich die Zeiten.

Im Zusammenhang mit der Politik möchte ich darauf hinweisen, dass die Zustände befreiter Paratender (vgl. p.154, nach dem Zugriff der LFT) ein wenig an die Entnazifizierung erinnern, dieses Staunen, wie man das alles hat glauben können und im Anschluss das Schönreden. Zur Fäkaliensache sei auf PR 2751 verwiesen, da sind sehr interessante Gedankengänge drin über Völker, die nur den Anfang des Verdauungsprozesses gemeinsam zelebrieren, dann aber die gesamten Informationen, Gefühle, auch Witze, die der Geruch transportiert, vernachlässigen. Im Kontext der Unterdrückung scheint mir der moderne Zyklus aber weniger konsequent durchgearbeitet als dieser alte, in dem die Autoren sehr stark damals aktuelle Menschenbilder einbringen.

Damals war Vlcek mein Lieblingsautor und ich begann, mich für psychologische Literatur zu interessieren. Beim Wiederlesen habe ich belächelt, wie intensiv diese vereinfachen Darstellungen mich damals beschäftigt haben. Wobei das Bohren von Löchern zwischen Hyperraumnischen mich unangenehm an das auf Schienen laufende Erwachsenenleben erinnert, dass ich heute habe. Um es ein wenig weiter offen zu halten, lese ich Perry Rhodan.

© Alexandra Trinley 2015

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