Liebe

Liebe ist der Wunsch, dass er den Geliebten gut geht. Dies ist die einzige Definition, die der Buddhismus hergibt. Aber es gibt haufenweise buddhistische Begriffe für die vielen, vielen Varianten von Liebe, die den Wunsch, dass es den anderen gut geht, überschreiten.

Liebe ist Selbstlosigkeit. Natürlich. Öffne ich mich, so gebe ich ab, verschiebe Prioritäten, gebe auf, lasse zu. Das ist gut, solange diese Selbstlosigkeit nichts Schlechtes nährt: die Geliebten faul macht, ihren Egoismus füttert. Oder sie ihre Freiwilligkeit verliert.

Liebe ist Freigebigkeit – immer. Und der beste Beweis, dass ich mit Geben mehr bekomme als mit Nehmen. Wenn ich annehmen kann.

Liebe ist Anhaftung – meistens. Denn der Moment der Offenheit, in dem ich mich verliebte, ist in der Regel vorbei, wenn ich ihn festzuhalten und wiederholbar zu machen versuche. Wenn ich überzeugt bin, mich mit jemandem zu beschäftigen, und lange nicht merke, dass bei ihm zugleich alles Mögliche andere lief, dann wird der Unterschied sichtbar. Liebe ohne Anhaftung hätte den Zustand des lebendigen Menschen bemerkt statt ein abgelöstes Konstrukt festzuhalten.

Liebe ist Geduld und freudevolle Anstrengung. Ohne Mühe und Sorgfalt hat keine Beziehung Dauer und keine Offenheit bleibt. Es gibt kein unendlich melkbares Bankkonto und keine unendlich belastbare Liebe. Beide brauchen Einlagen, um verfügbar zu sein.

Liebe ist die Veranlassung zu unkontrollierten Handlungen, ein Traum, aus dem man mit schmerzendem Kopf erwacht? Dann kann mein Wunsch, dass es den anderen gut geht, nicht stark gewesen sein. Wenn ich Gutes will, muss ich nein sagen können. Verantwortung muss sein.

Liebe ist der Gegensatz von Hass, aber nicht von Unwissenheit. Sicher. Hass macht blind der Vielfalt gegenüber, während Liebe schon ganz schön dumm machen kann, aber in der einseitig ausgerichteten Wahrnehmung auf die Geliebten das Schöne wahrnimmt, die Begabung, die Möglichkeiten. Diese dann umzusetzen, erfordert die Freiheit vom Festhaltenwollen, weil sich alles verändert, und weil die Energie ins Wahrnehmen und ins Machen läuft statt ins Klammern. Wandelt sich Liebe in Hass, weil die Sache nicht so läuft, wie ich will, habe ich das Objekt der Zuneigung schon vorher nicht richtig erfasst, war also nicht aufmerksam genug. Dann muss ich eine Grenze ziehen und genau hinschauen, statt mich mit Hass zu vergiften. Insofern ist Liebe auch Weisheit und Achtsamkeit.

Liebe ist die Reaktion auf Begehrenswertes? Dann ist sie Begierde. Die kann toll sein, solange sie sich erfüllt. Wenn nicht, so gibt es im Buddhismus einige Methoden für den Härtefall Liebeskummer, die über die Zerlegung des begehrten Ganzen in seine Bestandteile funktionieren. Wenn du in die Nase des Geliebten vernarrt bist, so stelle sie dir von innen vor. Du liebst seinen Körper, aber ein im Zimmer herumlaufendes blutiges Skelett würde dich mit Ensetzen erfüllen? Aber sein Körper enthält solch ein Skelett, umgeben von Organen, Adern, Fettgewebe, Haut und vielen anderen Bestandteilen des wunderbar komplexen menschlichen Organismus, die einzeln betrachtet nicht wirklich erotisieren. Hast du das nicht bemerkt? Würdest du seine Leiche umarmen? Er deine? Und Alter und Krankheit liegen dazwischen. Ob du sie annehmen kannst? Wirklich? Dies kann man durchdenken, und dann beginnen, mit sich und den anderen behutsamer umzugehen. Um das Machbare anzugehen und die Flausen zu vergessen.

Liebe ermöglicht Unvorstellbares: Begehren kann Kräfte freisetzen, die sonst kaum vorstellbar sind. Bin ich verliebt, kann ich zum Beispiel Werte und Begabungen des Begehrten zum Auslöser für die eigene Entwicklung nehmen und unheimlich weit kommen dabei. Das ist klasse. Aber ich muss aussteigen können, sonst bin ich nicht frei, und Unfreies tut nicht gut.

Liebe ist völlige, einsgerichtete Achtsamkeit. Damit kann man wirklich weit kommen. Wenn ein Bodhisattva das Leid der fühlenden Wesen wie ein Haar im Auge erlebt, so kommt für unsereinen nur Liebe an dieses Ausmaß von Empfindsamkeit heran. Die ideale Konzentration wird mit den ungeteilten Aufmerksamkeit eines schönen Mädchens verglichen, das sich im Spiegel betrachtet. Diese freudevolle Unabgelenktheit bietet die Liebe auch. Wenn man sie frei hält.

So ist Liebe das Streben nach dem Wohlergehen anderer und man kann sich auch selbst dabei wohlfühlen. Sie entsteht absichtslos in selbstloser Offenheit und ist mit höchster Sorgfalt zu pflegen wie ein in die zugefrorene Oberfläche eines arktischen Sees geschlagenes Loch, durch das man in der eisigen Wüste an Nahrung kommt. Eine kostbare Möglichkeit, mehr als das Beste zu erkennen und über alle Grenzen hinaus nach dessen Erhalt zu streben, und zwar unablässig und aufmerksam und des ständigen Wandels bewusst. In dieser Weise ist sie ein Weg zur Befreiung.

© Alexandra Trinley

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