Lesereise

Raum
Schiffe
Aufbruch in schwarze Offenheit
kalt wie leer
bunt wie Sonnenschleier
Traum
umschifft Klippen im
Alltag
wo Raum
und Traum
wie der Baum
wachsen
sich verästeln
ausdehnen
Leben
geben.

© 2012 by Alexandra Trinley

.

,

Damals schrieb mir jemand Freundliches einen Leserkommentar, für den ich ihm immer  noch herzlich danke:

Hallo Alexandra,

ich habe Dein Gedicht gelesen und fand es gelungen, wie Du mit Assoziationen und Silbenzahl arbeitest. Erst das einsilbige „Raum“, das Einfachheit, Stille, Leere, Abwesenheit von Leben assoziieren lässt, gefolgt vom zweisilbigen „Schiffe“, das im leeren Raum quasi winzige Parzellen von Leben schafft und in der Kombination „Raum“-„Schiffe“ den Bogen zur Science fiction schlägt. Dann die „schwarze Offenheit“ als mehrsilbige Erweiterung des „Raums“, der mit den überkreuzten Gegensätzen „kalt“ – „Sonne(nschleier)“ und „leer“ – „bunt“ (voll Farbe) näher beschrieben wird. Damit fängst Du sowohl die Gefahren wie auch die Wunder des Alls/Kosmos ein.

Ein Konsonant erweitert den „Raum“ zum „Traum“. Die Parallelsetzung kommt nicht von ungefähr, bietet doch auch der „Traum“ Gefahren (etwa sich der Realität allzu weit zu entfernen) und Wunder (die Erforschung anderer, hypothetischer Welten und Möglichkeiten).

In der folgenden Zeile bildet „umschifft“ das Verb-Gegenstück zu „Schiffe“ aus Zeile 2; die „schwarze Offenheit“ wird gespiegelt im „Alltag“, denn da spielt wieder das „All“ mit hinein. „Raum“ und „Traum“ führen als Paar zum „Baum“, mit dem ich sehr viel assoziiere: die Verwurzelung in der Erde, mithin als Konkretum in der Realität; Wachstum als Kennzeichen von Leben – unter der Einarbeitung toten Materials (Borke), somit also die Erweiterung des Lebens und die Vereinigung von Gegensätzen (passt beides im Kontext des Gedichts) – und das Verschieben des Erfahrensbereichs ins Äußere, von Dir mit „sich verästeln / ausdehnen“ genannt.

„Leben / geben“ fasst als zweisilbiges Wörterpaar die Bedeutung des „Baums“, von „Raum / und Traum“ zusammen. Wobei ich allerdings nicht sicher bin, ob ich der Sf-Lektüre einen derart hohen Stellenwert einräumen würde – es gibt sicher Menschen, die auch ohne Sf ein erfülltes Leben führen. Aber die Hoheit in Sachen Bedeutungszumessung liegt natürlich in den Händen der Autorin.

© Juerg Schmidt

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