Fitness Hoch 3 – 4u

Für unsere Nordlichter gibt es eine Version ohne viel Bayerisch gleich hinter dem Original.

Die Sporttasche in der Hand, entstieg Hans Zahn der Straßenbahnlinie 13. Die Tasche war neu, so wie sein Traininganzug und seine Schuhe. Sein Dackel schätzte den Abstand zur Bordsteinkante ab, sammelte sich einen Moment, bevor er auf seinen krummen Beinchen den Sprung wagte. Er wedelte einige Male, und Hans schnalzte mit der Zunge. Waldi war der einzig richtige Namen für einen aus München stammenden Glatthaardackel, auch wenn er im Ruhrpott lebte. Was einem Hund sowieso egal war.

Ein kühler Windstoß ließ Hans frösteln. So ging es ihm immer auf diesem betonierten Fußweg zum Fitnesscenter. Der lief um eine aus Gebüsch ragende Felsnase herum und mündete in eine Sportanlage, deren hohe Maschendrahtzäune einen stets verlassenen Hartplatz und eine Skateboardbahn gegen das Betreten von der Straßenseite abschirmten. Der Fußweg führte abwärts zu einem Tunnel unter der Straße, auf dessen anderer Seite man an einigen Glascontainern vorbei das Fitnesstudio „Fitness Hoch 3 – 4u“ erreichen konnte.

Hans zog den Dackel an der Leine, weil Waldi ständig neue Hundehaufen fand und trödelte. Der musste mal in die Hundeschule. Sobald er selbst fit war, würde Hans ihn dort anmelden. „Komm, Waldi, mach schon. Herrchen hat keine Zeit“, sagte er und zog an der Leine. Der Dackel folgte ihm. Braves Tierchen.

Herrgottsakramenthalleluja, wos hat etz der scho wiader für an Affenzahn drauf. Des gibt’s ja wohl net. Und wofür dös oias? Nur damit der mi dann an‘ Pfahl oabindt und i zuaschaun ko, wi der si oif irgendsowelche Gestell legt und Zeugs nauf und nunter schiabt und dabei schwitzt wiar a Bleeder. O mei, die Menschen, wia’s hoit mei selige Frau Muada scho immer g’sagt hat, zum Fuddarn sans guad, aber asunst muas man sie sich einfach so guat herziehn wias geht. I glaab, i hob wos foisch g’macht.
Mensch, etzat ziagt mi der scho wiada weiter. Dabei riacht des etz grad ganz besonders interessant. Grad derwürgen tut mich der. So a Stoffl, so a damischer. A Mensch halt. Mei, dann tu i dem hoit den Gefallen und renn, dann giabt er mia hernach wenigstens was Guads zum Schnabuliern. Der wird doch immer so hungrig mit dera Fitness, dass er hernach in die Wirtschaft gehen muss und richtig an fetten Schweinsbraten einfahrn. Und a Halbe Bier dazu oder zwei. Des lob i mir. Des riacht guad und i bekumm a wos ab. Da steckt halt doch a wengerl was von am Bayern in ihm, auch wenn er im Ausland wohnt. Passt scho.

Dass der Hund aber auch immer so bummeln musste. Nun lief er brav neben Hans her, und schielte trotzdem an jedem Eck und Haufen nach oben, weil er langsamer werden und schnuppern wollte. „Jetzt komm, Waldi“, lockte ihn Hans. „Ich muss doch trainieren gehen.“ Der Dackel wedelte schwach. Aber dann galoppierte los. Hans musste sich direkt anstrengen, um mit dem Krummbein Schritt halten zu können. Ein entgegen kommender Passant blieb stehen. Ein komisches Gesicht hat der, dachte Hans, als er vorbeilief, so ausgezehrt. Er sah sich um. Der Mann blickte ihnen starr nach.

Eine seltsame Stimmung beschlich ihn. Hans begann zu pfeifen, um sie zu vertreiben. Beim Laufen fiel ihm das leichter, und er war froh, dass der Dackel diesmal keine Sperenzchen machte. Als würde das Tierchen verstehen, worum es ihm ging. Die hatten halt doch ihren Instinkt, die Tiere. Er wurde langsamer, hielt die Leine fest, beugte sich herunter und tätschelte ihm den glänzenden, braunen Rücken. Waldi wedelte. „Nachher bekommst du ein feines Stück Braten mit Fett und Soße extra“, versprach Hans. Waldis Schwanzwedeln wurde stärker. Das war schon immer wieder schön, wie die Tierchen einen zu verstehen schienen. Auch wenn sie nur auf den Klang der Stimme hörten. Lieb war es allemal.

„Fitness Hoch 3 – 4u“ kam in Sicht. Ein flaches Gebäude mit Koniferenhecke. Erwartungsvoll erklomm Hans die Stufen. Auf dem Absatz stand ein großer Oleandertopf. Über der Eingangstür leuchtete orange und weiß das Schild. Auf dem Kokosläufer im Vorraum trat man sich die Schuhe ab. Hans grüßte das Mädchen an der Empfangstheke, die ihn in ihre Liste eintrug und Fitnessdrinks anbot. Hans winkte ab. „Danke, nachher“, meinte er. Das Zeug schmeckte ihm nicht.

Zur Zeit kam er jeden Tag. Mittlerweile war er schon Stammkunde. Er ging noch mal aufs Klo und steuerte dann den den Trainigsraum an. Der Dackel hatte brav gewartet. Die Besitzerin drückte ein Auge zu, wenn er das Tierchen mit reinnahm. „Komm, Waldi“, lockte er ihn zur Säule gleich am Eingang des Kraftraums, um ihn anzubinden. „Jetzt bleibst du schön hier, und später gehen wir fein was essen.“

Jo mei, etz hob i eam da, wo i eam haben wui. Etz darf i nua net sabbern vor Vorfreude.
O mei, wos woa etz des? Als ob i a zwoate Stimm g’hört hett, die wo dasselbe sagt.

Beim Anbinden hatte der Dackel die Ohren gespitzt, als habe er etwas gehört. Er war halt doch ein Jagdhund von den Instinkten her, freute sich Hans. Doch dann legte er sich brav hin, mit dem Kopf zwischen den Vorderpfoten. Sein Herrchen ließ er den Blick über die geräumige Halle mit der gläsernen Fensterfront gleiten. Draußen führte ein Rasen zum Fluss. Drinnen gab es drei Personen, von denen Hans zwei schon kannte. Einer war Christoph. Der saß wie immer auf seinem Trainingsrad und las seinen unvermeidlichen Heftroman. Irgendwas mit Science Fiction. Perry Rhodan, eine Serie mit bunten Titelblättern. Christoph war nett, aber er hatte eine Katze, und da Hans sich weder für Science Fiction noch für Katzen interessierte und auch das Ergometer langweilig fand, kamen sie nie so richtig zusammen.

Ein sehr junger Mann übte am Laufband. Am Latzug trainierte die Oma. Jedenfalls nannte er sie immer so. Graue Haare, faltige Arme. Und doch hatte sie immer und unweigerlich mehr Gewichte aufliegen als er. Entmutigend war das. Auch jetzt beobachtete er fassungslos, wie sie die Gewichte erhöhte. Das war doch wieder weitaus mehr als die 20 Kilo, die man ihm empfohlen hatte. Lieber nur 20 Kilo, weil er nicht so kräftig war. Er verdrängte das, um sich nicht deprimieren zu lassen. Ansonsten war keiner da.

Hm, welche Muskelgruppe war heute als erste dran? Sein Blick fiel auf die Beinpresse. Das war’s. Er nahm im Sitz des Metallgestells Platz, stellte die Füße aufs Fußbrett und entschloss sich für ein Gegengewicht von 100 Kilogramm. Das würde reichen, schließlich war es weit mehr als die Hälfte seines Körpergewichts. Er war doch keine Ameise. Nach wenigen Minuten schon spürte er, wie ihm der Schweiß ausbrach. Ein Seitenblick auf seinen Dackel zeigte, dass Waldi ihn mit ungeteilter Aufmerksamkeit beobachtete. Plötzlich war ihm das peinlich und er überlegte, ob er nicht doch auf 120 Kilo gehen sollte. Albern war das – was wusste der Dackel davon, dass er gerade abloste. Der schaute so schlau manchmal, dass Hans fast glauben wollte, er denke sich was, das kluge Tierchen.

Seine Beine schmerzten. Er versuchte in einen Rhythmus zu kommen. Beinbeuger – Beinstrecker – Beinbeuger – Beinstrecker. Aufatmend ließ er locker, als er seine vier Sätze à zwölf Wiederholungen geschafft hatte, und wischte sich das Salzwasser vom Gesicht. Er stand auf und trank einen Schluck aus seiner Trinkflasche.

Unwillkürlich wanderte sein Blick zum Latzug. Die Oma war immer noch aktiv. Unermüdlich und regelmäßig wie ein Uhrwerk zog sie den Bügel herunter und ließ ihn kontrolliert wieder hochgleiten. Auf ihrem T-Shirt zeichneten sich kleine runde Halbmonde unter den Achseln ab. Die machte irgendwas richtig, was er nicht verstand. Aber was? Vielleicht das Getränk? Er linste nach ihrer Flasche, konnte aber nicht sehen, was sie darin hatte.

Christoph war fertig mit seinem Heftroman. Das bunte Titelblatt sah schon gut aus. Irgendein Raumschiff. Er stieg vom Ergometer, trank seine Flasche aus, verstaute das Heft, legte sich ein Handtuch um und grüßte ihn im Vorbeilaufen. Beim Dackel blieb er kurz stehen, um ihn zu streicheln. Ach, vielleicht könnten sie nächstes Mal doch zusammen auf ein Bierchen gehen hinterher. Der junge Mann verabschiedete sich auch. Hans und die Oma waren allein.

Hans dachte nach. Sollte er aufs Ergometer gehen? Ausdauer täte ihm schon gut. Andererseits wollte er dringend was für seine Brustmuskulatur und seine Arme machen, für Triceps und Bizeps Also die Brustpresse. Er setzte sich hinein. Dann überprüfte er die Höhe der Griffe und stellte das Gerät ein, so dass sie sich genau auf Brusthöhe befanden. Dann drückte er die Griffe nach vorn und presste seinen Rücken gegen die Lehne, während er ganz bewusst ausatmete. Komisch, jetzt fühlte er sich beobachtet. Hans wagte kaum, sich umzusehen. Am Dackel lag es nicht, der schenkte ihm jederzeit seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Aber da war noch was. Irgendwas Unfassbares. Die Oma wandte ihm den Rücken zu. Und dann hörte er das leise Zwitschern eines Vogels. Angenehm war das, die Vogelstimme. Da kam man richtig ins Träumen. Schön war das. Er lehnte sich zurück und ließ die Griffe los. Ein wenig Ausruhen konnte nicht schaden. Er schloss die Augen.

Warum zwitschert etzt da a Vogerl? Hat den ebba der Mann mitgebracht, der wo so nach Katz gerochen hat? Des gibt’s doch net. Es is doch scho auf d’Nacht. Aber schee klingt des scho, da hob i glei Lust, in den Woid zu gehen und a wengerl zu jagen. Da kumm i direkt ins Träumen. I mog me gar net rüarn. I ko me net rüarn. Koa kloans bisserl. Jo mei, was macht mei Mensch etzt da? Hockt auf dem Gestell umanand as wiara net da wär geistig, und die Menschin von dem anderen Gerät steht auf und kommt zu eam rüber. Busseln die etwa? Der verzählt mir doch immer, dass er die net moag. Komisch is des. Als a guada Hund müessat i etz bellen zumindest und dazwischengehen, oba des Gezwitscher klingt halt gar so guad. I bin ganz weit weg irgendwie. Und des Madel von der Empfangstheke is kumma und fangt o, mi zu kraulen. Himmlisch is des. Ja mei, solang mei Mensch nix sagt, wird’s eam scho guad gehen dabei. Etzt richtet sich die Frau wieder auf. Was macht etzt die? Als ob’s an Zauberspruch murmeln tat, und streicht eam mit zwei Fingern übern Hals, wischt a noch amal mit am Schneiztüacherl drüber und steckt’s ei. Und jetzt geht’s zu dem Gestell mit dem komischen Ziehbogen z’ruck und setzt sich hi. Und macht weiter, als ob nie was gwesn wahr.

„Huh“ Hans schüttelte verwirrt den Kopf. So was Komisches. Als ob er einen Moment lang weg gewesen wäre. Sekundenschlaf an der Brustpresse! Das sollte er mal jemandem erzählen. Dafür musste er jetzt aber ganz genau sein, um diese blöde Schläfrigkeit wettzumachen. Er achtete auf die Ellenbogen und zog die Griffe noch ein paarmal zusammen, aber dann verging ihm die Lust. Plötzlich fühlte er sich so furchtbar schwach. Nicht dass er sich noch überanstrengte. Es war doch wohl besser, jetzt aufzuhören. Schuldbewusst fiel ihm ein, dass er in den Pausen nicht getrunken hatte. Daran lag es wohl.

Ein Blick zum Latzug ließ ihn den Kopf schütteln. Die Oma trainierte immer noch unermüdlich, und wirkte frischer denn je. Unheimlich war das. Er nahm seine Tasche auf, band den Hund los und ging zur Dusche, warf sein Zweieurostück ein und seifte sich ab. Beim Abtrocknen fiel ihm ein Streifen Blut auf dem Handtuch auf. Ob er sich noch irgendwo geschnitten hatte? Aber er konnte nichts finden.

Das Mädchen an der Theke saß auf ihrem Hocker und lackierte ihre Fingernägel. „Hallo. Ist schon spät, oder? Ihr schließt sicher bald“, sprach er sie an. Sie nickte. „Sobald der letzte weg ist, machen wir zu“, erzählte sie und wedelte mit der linken Hand. „Um die Zeit kommt auch keiner mehr“. Hans freute sich. „Die alte Frau ist doch sicher bald fertig, und wenn du Lust hast, könnten wir zusammen auf ein Bier gehen?“ Das Mädchen sah auf. „Meine Mutter trainiert immer recht lange“, meinte sie.

Hans hatte das dringende Gefühl, in ein besonders großes Fettnäpfchen getreten zu sein. „Oh, ja, deine Mutter, ja“, stammelte er, „ich bewundere das ja immer, wie fit sie ist. Bewundernswert, wirklich. Sag mal, was trinkt sie eigentlich immer beim Trainieren?“ „Oh“, meinte das Mädchen, „das verkaufen wir hier nicht. Das ist eine Spezialmischung mit besonders hohem Anteil an Vitalstoffen und so. Sie holt sie immer ganz frisch beim Erzeuger.“ „Ach so“, meinte Hans neugierig. „Und wo wird das hergestellt?“

Das Mädchen lächelte. „Die Menge ist äußerst limitiert und die Quelle geheim. Ich käme in Teufels Küche, wenn ich das verraten würde. Aber mach dir keine Gedanken, du machst das recht gut mit der gesunden Ernährung. Bier und ein saftiger Braten nach dem Training, das ist das Beste. Auch wenn so viel über Fitnessnahrung in den Zeitschriften steht. Das ist alles Kommerz. Braten, Bier, rote Trauben und so, das tut dir gut. Alles, was das Blut reich und flüssig macht. Und dass du jeden Tag kommst, das ist super.“

Hans‘ Laune stieg sprunghaft. Vielleicht würde sie nächstes Mal mitgehen. Anscheinend mochte sie ihn. „Hörst du, Waldi? Wir machen alles richtig“, sagte er zum Dackel, der zögernd zu wedeln begann.

Braten versteh‘ i, und essen versteh‘ ich a, aber ansonsten find i die ganze Sach da saukomisch. Also, eigentlich gar net komisch. Seltsam. Die riechen schon so muffig hier, so versifft und so. I mog die Leut net. Jetzt tat i scho mal gern so a Mensch sein. Reden können, des wär’s halt. O mei, i armer Hund. So schmeckt mia der Braten a nimmer so recht. Andererseits bekumm i halt grad wegen dem Trainiern so oft einen. Des muas ma scho a bedenken.

Hans klopfte auf die Theke. „Dann wünsch ich dir mal einen schönen Abend. Vielleicht geht’s nächstes Mal?“, verabschiedete er sich. Das Mädchen lächelte. „Trink ein Bier für mich mit“, meinte sie. „Und komm bald wieder. Wir freuen uns auf dich.“

Hans strahlte. Die Fitness wirkte halt schon.

In der Druckausgabe, erschienen beim TCE

  http://www.terranischer-club-eden.com/

gedition11

 HIER DIE SPRACHBEREINIGTE VARIANTE FÜR NORDLICHTER (als reine Übersetzung und inhaltlich gleich):

Die Sporttasche in der Hand, entstieg Hans Zahn der Straßenbahnlinie 13. Die Tasche war neu, so wie sein Traininganzug und seine Schuhe. Sein Dackel schätzte den Abstand zur Bordsteinkante ab, sammelte sich einen Moment, bevor er auf seinen krummen Beinchen den Sprung wagte. Er wedelte einige Male, und Hans schnalzte mit der Zunge. Waldi war der einzig richtige Namen für einen aus München stammenden Glatthaardackel, auch wenn er im Ruhrpott lebte. Was einem Hund sowieso egal war.

Ein kühler Windstoß ließ Hans frösteln. So ging es ihm immer auf diesem betonierten Fußweg zum Fitnesscenter. Der lief um eine aus Gebüsch ragende Felsnase herum und mündete in eine Sportanlage, deren hohe Maschendrahtzäune einen stets verlassenen Hartplatz und eine Skateboardbahn gegen das Betreten von der Straßenseite abschirmten. Der Fußweg führte abwärts zu einem Tunnel unter der Straße, auf dessen anderer Seite man an einigen Glascontainern vorbei das Fitnesstudio „Fitness Hoch 3 – 4u“ erreichen konnte.

Hans zog den Dackel an der Leine, weil Waldi ständig neue Hundehaufen fand und trödelte. Der musste mal in die Hundeschule. Sobald er selbst fit war, würde Hans ihn dort anmelden. „Komm, Waldi, mach schon. Herrchen hat keine Zeit“, sagte er und zog an der Leine. Der Dackel folgte ihm. Braves Tierchen.

Herrgotthimmelnochmal, was hat jetzt der schon wieder für einen Affenzahn drauf. Das gibt’s ja wohl net. Und wofür das alles? Nur damit der mich dann an einen Pfahl anbindet und ich zuschaun kann, wie der sich auf irgendsoein Gestell legt, Zeugs hoch- und runterschiebt und dabei schwitzt wie ein Blöder. Oh mei, die Menschen, wie es halt meine selige Frau Mutter schon immer gesagt hat, zum Füttern sind’s gut, aber ansonsten muss man sie sich einfach so gut herziehn wie es geht. Ich glaub, ich hab was falsch gemacht.

Mensch, jetzt zieht mich der schon wieder weiter. Dabei riecht es jetzt grad besonders interessant. Grad erwürgen tut mich der. So ein Ignorant, so ein dämlicher. Ein Mensch halt. Mei, dann tu ich dem halt den Gefallen und renn, dann gibt er mir danach wenigstens was Gutes zum Schnabuliern. Der wird doch immer so hungrig mit der Fitness da, dass er danach in die Wirtschaft gehen muss und richtig einen fetten Schweinsbraten einfahren. Und eine Halbe Bier dazu oder zwei. Des lob ich mir. Des riecht gut und ich bekomm was ab. Da steckt halt doch ein wenig was von einem Bayern in ihm, auch wenn er im Ausland wohnt. Passt schon.

Dass der Hund aber auch immer so bummeln musste. Nun lief er brav neben Hans her, und schielte trotzdem an jedem Eck und Haufen nach oben, weil er langsamer werden und schnuppern wollte. „Jetzt komm, Waldi“, lockte ihn Hans. „Ich muss doch trainieren gehen.“ Der Dackel wedelte schwach. Aber dann galoppierte los. Hans musste sich direkt anstrengen, um mit dem Krummbein Schritt halten zu können. Ein entgegen kommender Passant blieb stehen. Ein komisches Gesicht hat der, dachte Hans, als er vorbeilief, so ausgezehrt. Er sah sich um. Der Mann blickte ihnen starr nach.

Eine seltsame Stimmung beschlich ihn. Hans begann zu pfeifen, um sie zu vertreiben. Beim Laufen fiel ihm das leichter, und er war froh, dass der Dackel diesmal keine Sperenzchen machte. Als würde das Tierchen verstehen, worum es ihm ging. Die hatten halt doch ihren Instinkt, die Tiere. Er wurde langsamer, hielt die Leine fest, beugte sich herunter und tätschelte ihm den glänzenden, braunen Rücken. Waldi wedelte. „Nachher bekommst du ein feines Stück Braten mit Fett und Soße extra“, versprach Hans. Waldis Schwanzwedeln wurde stärker. Das war schon immer wieder schön, wie die Tierchen einen zu verstehen schienen. Auch wenn sie nur auf den Klang der Stimme hörten. Lieb war es allemal.

„Fitness Hoch 3 – 4u“ kam in Sicht. Ein flaches Gebäude mit Koniferenhecke. Erwartungsvoll erklomm Hans die Stufen. Auf dem Absatz stand ein großer Oleandertopf. Über der Eingangstür leuchtete orange und weiß das Schild. Auf dem Kokosläufer im Vorraum trat man sich die Schuhe ab. Hans grüßte das Mädchen an der Empfangstheke, die ihn in ihre Liste eintrug und Fitnessdrinks anbot. Hans winkte ab. „Danke, nachher“, meinte er. Das Zeug schmeckte ihm nicht.

Zur Zeit kam er jeden Tag. Mittlerweile war er schon Stammkunde. Er ging noch mal aufs Klo und steuerte dann den den Trainigsraum an. Der Dackel hatte brav gewartet. Die Besitzerin drückte ein Auge zu, wenn er das Tierchen mit reinnahm. „Komm, Waldi“, lockte er ihn zur Säule gleich am Eingang des Kraftraums, um ihn anzubinden. „Jetzt bleibst du schön hier, und später gehen wir fein was essen.“

Jo mei, jetz hab ich ihn da, wo ich ihn haben will. Jetzt darf ich nur net sabbern vor Vorfreude.
O mei, was war jetzt des? Als ob ich eine zweite Stimme gehört hätt, die wo dasselbe sagt.

Beim Anbinden hatte der Dackel die Ohren gespitzt, als habe er etwas gehört. Er war halt doch ein Jagdhund von den Instinkten her, freute sich Hans. Doch dann legte er sich brav hin, mit dem Kopf zwischen den Vorderpfoten. Sein Herrchen ließ er den Blick über die geräumige Halle mit der gläsernen Fensterfront gleiten. Draußen führte ein Rasen zum Fluss. Drinnen gab es drei Personen, von denen Hans zwei schon kannte. Einer war Christoph. Der saß wie immer auf seinem Trainingsrad und las seinen unvermeidlichen Heftroman. Irgendwas mit Science Fiction. Perry Rhodan, eine Serie mit bunten Titelblättern. Christoph war nett, aber er hatte eine Katze, und da Hans sich weder für Science Fiction noch für Katzen interessierte und auch das Ergometer langweilig fand, kamen sie nie so richtig zusammen.

Ein sehr junger Mann übte am Laufband. Am Latzug trainierte die Oma. Jedenfalls nannte er sie immer so. Graue Haare, faltige Arme. Und doch hatte sie immer und unweigerlich mehr Gewichte aufliegen als er. Entmutigend war das. Auch jetzt beobachtete er fassungslos, wie sie die Gewichte erhöhte. Das war doch wieder weitaus mehr als die 20 Kilo, die man ihm empfohlen hatte. Lieber nur 20 Kilo, weil er nicht so kräftig war. Er verdrängte das, um sich nicht deprimieren zu lassen. Ansonsten war keiner da.

Hm, welche Muskelgruppe war heute als erste dran? Sein Blick fiel auf die Beinpresse. Das war’s. Er nahm im Sitz des Metallgestells Platz, stellte die Füße aufs Fußbrett und entschloss sich für ein Gegengewicht von 100 Kilogramm. Das würde reichen, schließlich war es weit mehr als die Hälfte seines Körpergewichts. Er war doch keine Ameise. Nach wenigen Minuten schon spürte er, wie ihm der Schweiß ausbrach. Ein Seitenblick auf seinen Dackel zeigte, dass Waldi ihn mit ungeteilter Aufmerksamkeit beobachtete. Plötzlich war ihm das peinlich und er überlegte, ob er nicht doch auf 120 Kilo gehen sollte. Albern war das – was wusste der Dackel davon, dass er gerade abloste. Der schaute so schlau manchmal, dass Hans fast glauben wollte, er denke sich was, das kluge Tierchen.

Seine Beine schmerzten. Er versuchte in einen Rhythmus zu kommen. Beinbeuger – Beinstrecker – Beinbeuger – Beinstrecker. Aufatmend ließ er locker, als er seine vier Sätze à zwölf Wiederholungen geschafft hatte, und wischte sich das Salzwasser vom Gesicht. Er stand auf und trank einen Schluck aus seiner Trinkflasche.

Unwillkürlich wanderte sein Blick zum Latzug. Die Oma war immer noch aktiv. Unermüdlich und regelmäßig wie ein Uhrwerk zog sie den Bügel herunter und ließ ihn kontrolliert wieder hochgleiten. Auf ihrem T-Shirt zeichneten sich kleine runde Halbmonde unter den Achseln ab. Die machte irgendwas richtig, was er nicht verstand. Aber was? Vielleicht das Getränk? Er linste nach ihrer Flasche, konnte aber nicht sehen, was sie darin hatte.

Christoph war fertig mit seinem Heftroman. Das bunte Titelblatt sah schon gut aus. Irgendein Raumschiff. Er stieg vom Ergometer, trank seine Flasche aus, verstaute das Heft, legte sich ein Handtuch um und grüßte ihn im Vorbeilaufen. Beim Dackel blieb er kurz stehen, um ihn zu streicheln. Ach, vielleicht könnten sie nächstes Mal doch zusammen auf ein Bierchen gehen hinterher. Der junge Mann verabschiedete sich auch. Hans und die Oma waren allein.

Hans dachte nach. Sollte er aufs Ergometer gehen? Ausdauer täte ihm schon gut. Andererseits wollte er dringend was für seine Brustmuskulatur und seine Arme machen, für Triceps und Bizeps Also die Brustpresse. Er setzte sich hinein. Dann überprüfte er die Höhe der Griffe und stellte das Gerät ein, so dass sie sich genau auf Brusthöhe befanden. Dann drückte er die Griffe nach vorn und presste seinen Rücken gegen die Lehne, während er ganz bewusst ausatmete. Komisch, jetzt fühlte er sich beobachtet. Hans wagte kaum, sich umzusehen. Am Dackel lag es nicht, der schenkte ihm jederzeit seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Aber da war noch was. Irgendwas Unfassbares. Die Oma wandte ihm den Rücken zu. Und dann hörte er das leise Zwitschern eines Vogels. Angenehm war das, die Vogelstimme. Da kam man richtig ins Träumen. Schön war das. Er lehnte sich zurück und ließ die Griffe los. Ein wenig Ausruhen konnte nicht schaden. Er schloss die Augen.

Warum zwitschert jetzt da ein Vögelchen? Hat den etwa der Mann mitgebracht, der wo so nach Katze gerochen hat? Des gibt’s doch net. Es is doch schon abends. Aber schön klingt des schon, da hab ich gleich Lust, in den Wald zu gehen und ein wenig zu jagen. Da komm ich direkt ins Träumen. Ich mag mich gar net rühren. Ich kann mich gar net rühren. Jo mei, was macht mein Mensch jetzt da? Hockt auf dem Gestell herum als ob er net da wär geistig, und die Menschin von dem anderen Gerät steht auf und kommt zu ihm rüber. Busseln die etwa? Der erzählt mir doch immer, dass er die net mag. Komisch ist des. Als ein guter Hund müsst ich jetzt bellen zumindest und dazwischengehen, aber des Gezwitscher klingt halt gar so gut. Und des Mädchen von der Empfangstheke is rübergekommen und fängt an, mich zu kraulen. Himmlisch ist des. Ja mei, solange mein Mensch nix sagt, wird’s ihm schon gut gehen dabei.


Jetzt richtet sich die Frau wieder auf. Was macht jetzt die? Als ob’s einen Zauberspruch murmeln tät, und streicht ihm mit zwei Fingern übern Hals, wischt auch noch einmal mit am Schneuztücherl drüber und steckt’s ein. Und jetzt geht’s zu dem Gestell mit dem komischen Ziehbogen zurück und setzt sich hin. Und macht weiter, als ob nie was gewesen wär.

„Huh“ Hans schüttelte verwirrt den Kopf. So was Komisches. Als ob er einen Moment lang weg gewesen wäre. Sekundenschlaf an der Brustpresse! Das sollte er mal jemandem erzählen. Dafür musste er jetzt aber ganz genau sein, um diese blöde Schläfrigkeit wettzumachen. Er achtete auf die Ellenbogen und zog die Griffe noch ein paarmal zusammen, aber dann verging ihm die Lust. Plötzlich fühlte er sich so furchtbar schwach. Nicht dass er sich noch überanstrengte. Es war doch wohl besser, jetzt aufzuhören. Schuldbewusst fiel ihm ein, dass er in den Pausen nicht getrunken hatte. Daran lag es wohl.

Ein Blick zum Latzug ließ ihn den Kopf schütteln. Die Oma trainierte immer noch unermüdlich, und wirkte frischer denn je. Unheimlich war das. Er nahm seine Tasche auf, band den Hund los und ging zur Dusche, warf sein Zweieurostück ein und seifte sich ab. Beim Abtrocknen fiel ihm ein Streifen Blut auf dem Handtuch auf. Ob er sich noch irgendwo geschnitten hatte? Aber er konnte nichts finden. Das Mädchen an der Theke saß auf ihrem Hocker und lackierte ihre Fingernägel. „Hallo. Ist schon spät, oder? Ihr schließt sicher bald“, sprach er sie an. Sie nickte. „Sobald der letzte weg ist, machen wir zu“, erzählte sie und wedelte mit der linken Hand. „Um die Zeit kommt auch keiner mehr“. Hans freute sich. „Die alte Frau ist doch sicher bald fertig, und wenn du Lust hast, könnten wir zusammen auf ein Bier gehen?“ Das Mädchen sah auf. „Meine Mutter trainiert immer recht lange“, meinte sie.

Hans hatte das dringende Gefühl, in ein besonders großes Fettnäpfchen getreten zu sein. „Oh, ja, deine Mutter, ja“, stammelte er, „ich bewundere das ja immer, wie fit sie ist. Bewundernswert, wirklich. Sag mal, was trinkt sie eigentlich immer beim Trainieren?“ „Oh“, meinte das Mädchen, „das verkaufen wir hier nicht. Das ist eine Spezialmischung mit besonders hohem Anteil an Vitalstoffen und so. Sie holt sie immer ganz frisch beim Erzeuger.“ „Ach so“, meinte Hans neugierig. „Und wo wird das hergestellt?“

Das Mädchen lächelte. „Die Menge ist äußerst limitiert und die Quelle geheim. Ich käme in Teufels Küche, wenn ich das verraten würde. Aber mach dir keine Gedanken, du machst das recht gut mit der gesunden Ernährung. Bier und ein saftiger Braten nach dem Training, das ist das Beste. Auch wenn so viel über Fitnessnahrung in den Zeitschriften steht. Das ist alles Kommerz. Braten, Bier, rote Trauben und so, das tut dir gut. Alles, was das Blut reich und flüssig macht. Und dass du jeden Tag kommst, das ist super.“

Hans‘ Laune stieg sprunghaft. Vielleicht würde sie nächstes Mal mitgehen. Anscheinend mochte sie ihn. „Hörst du, Waldi? Wir machen alles richtig“, sagte er zum Dackel, der zögernd zu wedeln begann.

Braten versteh‘ ich, und essen versteh‘ ich auch, aber ansonsten find ich die ganze Sache da saukomisch. Also, eigentlich gar net komisch. Seltsam. Die riechen schon so muffig hier, so nach altem Dreck und so. I mag die Leut‘ net. Jetzt tät ich schon mal gern so ein Mensch sein. Reden können, des wär’s halt. O mei, ich armer Hund. So schmeckt mir der Braten auch nicht mehr.

Hans klopfte auf die Theke. „Dann wünsch ich dir mal einen schönen Abend. Vielleicht geht’s nächstes Mal?“, verabschiedete er sich. Das Mädchen lächelte. „Trink ein Bier für mich mit“, meinte sie. „Und komm bald wieder. Wir freuen uns auf dich.“ Hans strahlte. Die Fitness wirkte halt schon.

© Alexandra Trinley 2015

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